Rückwärts immer

Als Uwe Knüpfer im August 2010 zum neuen Chefredakteur des „vorwärts“ bestellt wurde, da hatte ich Bedenken, weil ich mir unsicher war, ob er genug Ahnung vom Internet hat, um Print-Vorwärts und Online-Vorwärts verzahnen zu können. Ich wurde weitgehend angenehm überrascht, der „vorwärts“ wurde unter dem neuen Blattmacher Knüpfer lesbarer, offener und diskursiver; das war ein klarer Fortschritt. Beim SPD-Netzkongress in Berlin im Dezember 2010 erlebte ich Knüpfer als aufgeräumten, sympathischen Menschen mit Haltung, dessen Meinung ich nicht immer teilte, der aber fundiert argumentierte. Seine Editorials und seine kleinen Nachrichten aus Berlin im „vorwärts“ trafen fast immer den Punkt, er machte auf mich den Eindruck eines soliden, mittigen Sozialdemokraten mit einem wachen Geist. Kurzum: ich hatte ein gutes Bild von Uwe Knüpfer.

Seit heute muss ich mir wohl eingestehen, dass ich mich in Uwe Knüpfer enorm getäuscht haben muss. Was ist passiert? Im aktuellen „vorwärts“ ist ein Comic erschienen, der in ganz und gar unzulässiger Art und Weise die schwierige Debatte zu Rechts- und Linksextremismus verkürzt und sich inhaltlich auf die sog. Extremismustheorie zu stützen scheint, die v.a. von Bundesministerin Kristina Schröder offensiv vertreten wird. Auf Grundlage dieser Extremismustheorie wurde von Kristina Schröder die sog. „Extremismusklausel“ erfunden, die von SPD, Grünen und Linkspartei bekämpft wird, weil damit Demokraten kriminalisiert werden. Der Comic wurde von Julian Zado im Juso-Blog scharf kritisiert, mit validen und durchdachten Argumenten. Juso-Bundesvorsitzender Sascha Vogt äußerte sich auf Twitter nebst vielen anderen zustimmend zu Zados Blog-Eintrag.

Warum schreibe ich, dass sich der Comic auf die Extremismustheorie zu stützen „scheint“? Der Zeichner David Füleki äußert sich im Interview zur Kritik zu diesem Comic u.a. wie folgt:

Also vorerst: Provozieren kann man nur die, die sich angesprochen fühlen, also die, die sich mit den Figuren identifizieren. Und die Figuren des seitwärts-Comics sind so dermaßen überzeichnet, dass ich bis vor zehn Minuten noch gedacht hätte, dass allen klar ist, dass es sich dabei um eine satirische Übertreibung handelt. Im Kontext weiterer Kapitel erkennt man das auch sicher besser. Generell bin ich davon ausgegangen, dass satirische Überzeichnung hierzulande Tradition hat und klar geht, solange man den Koran außen vor lässt. Aber okay. Dann sind einige Vertreter der linken Ecke wohl nicht ganz der Meinung. […]
Ansonsten bleibt zu sagen, dass gegen die linke Gesinnung definitiv nichts zu sagen ist, aber sehr wohl gegen den – egal ob links oder rechts motivierten – ausartenden Extremismus, den ich als Tiefost-Kind nur zu gut kenne – aus beiden Seiten gleichermaßen. Und eben das ist ja die Botschaft des Comics. Denn bei bloßer Anarchie und Zerstörungsgeilheit verschwimmen eh die politischen Motive.

Hier kann man wunderbar herauslesen, dass Füleki ein talentierter Zeichner sein mag (auch wenn mir persönlich sein Stil nicht gefällt), aber er ein durch und durch unpolitischer Mensch ist. Er will nicht die Extremismustheorie vertreten, sondern er hat einfach keine Ahnung – und vergleicht, bewusst oder unbewusst, die Kritik via Blog-Eintrag an diesem Comic mit den gewalttätigen Protesten gegen die Mohammed-Karikaturen. Vermutlich gilt auch hier: er hat nicht nachgedacht. Ob man als Parteizeitung der SPD jemanden regelmäßig beschäftigen muss, der generös zugesteht, dass „gegen die linke Gesinnung definitiv nichts zu sagen ist“, das steht auf einem anderen Blatt …

Soviel zur Vorgeschichte. Wir fassen noch einmal zusammen: der „vorwärts“ (Auflage: 600.000 Exemplare) veröffentlicht einen dummen Comic, dieser wird von vielen Jusos und Falken kritisiert, weil sie sich persönlich beleidigt fühlen. Weil sie nicht das Gefühl haben, von der Parteizeitung der SPD ernstgenommen zu werden, weil sie sich schlicht und ergreifend in ihrer Ehre gekränkt fühlen. Ob das vom „vorwärts“ so intendiert war oder nicht, tut erst einmal gar nichts zur Sache – die persönliche Kränkung ist nicht aus der Welt zu reden. Ich gehe sogar noch immer davon aus, dass nicht geplant war, weite Teile der Partei zu verärgern, sondern dass der Comic einfach nur auf Unwissen zurückzuführen ist.

Es wäre also ein Leichtes gewesen, zu erklären: „Okay, wir haben verstanden – das war ein dummer Comic, kommt nicht wieder vor, wir wollten unsere aktiven Jusos und Falken nicht verletzen; bitte entschuldigt diesen Lapsus.“

Chefredakteur Uwe Knüpfer hat sich für das Gegenteil entschieden: er hat sich dafür entschieden, den Comic brachial zu verzeidigen, er hat sich dafür entschieden, die Argumente, die von Julian Zado et al. vorgebracht wurden, zu ignorieren, er hat sich dafür entschieden, die Antworten in böswilliger Art und Weise zu verdrehen, den Kritikern das Wort im Munde rumzudrehen, sie lächerlich zu machen, mit Unterstellungen zu arbeiten. In überaus gekonnter Art und Weise, aber das lernt man eben, wenn man viele Jahrzehnte Zeitungen macht.

Knüpfer lässt es, mit einem Wort, an jeglichem Einfühlungsvermögen fehlen. Das ist für die Partei schädlich und menschlich enttäuschend. Solidarität sieht anders aus.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

16 Gedanken zu „Rückwärts immer“

    1. So ist das eben; es geht aber nicht mehr nur um den Comic, sondern um die völlig unmögliche Antwort Uwe Knüpfers.

  1. Der stellt sich vor seinen Zeichner – absehbar. Sicher hätten die sich mal für den „sozialistischen Jugendtreff“ entschuldigen können. Kann das aber irgendwie anhand der Reaktionen verstehen, dass sie es nicht tun.

  2. Ehrlich gesagt frage ich mich warum sich die Jusos und Falken bei „sozialistisch“ angesprochen fühlen ? ;-)

    Eine echte sozialistische Jugendgruppe ist die Jugendoffensive gegen Stuttgart 21, die in Stuttgart gegen Kapital und Kommerz kämpft.
    Wo sind den die Jusos und Falken gewesen, als die Jugendoffensive am 30. September 2010 gegen Stuttgart 21 gestreikt hat, und auf harmlose Kinder eingeknüppelt wurden ?
    Laut Ursel Beck, eine betroffenen Mutter sind die Kinder dann sogar noch kriminalisiert worden.

    Echte sozialistische Aktionsformen finden sich auch nicht bei Jusos und Falken, oder haben sie z.B. schon an Blockaden und Politischen Generalstreiks teilgenommen, wie es Ursel Beck von der sozialistischen Alternative schon am 25. August 2010 gefordert hat um Stuttgart 21 zu verhindern ?

      1. Sorry, bei dieser Demo sind auch Bürgerliche Gruppen mit marschiert. Das sich die Jusos daran beteiligen zeigt einmal mehr das sie anders als die Sozialisten dem Revisionismus angehören.

        Radikale Kampfformen wie politische Generalstreiks oder direkte Aktionen finden von Seiten der Jusos nicht statt, oder ?

        Wo sind die Jusos gewesen, als aufrechte Sozialisten als Protest gegen die imperialistischen Bundeswehreinsatz in Afghanistan Lieferwagen der DHL angezündet haben ?

        Wo sind die Jusos, wenn es darum geht einen Castortransport durch schottern zu stoppen ?

        Wo sind die Jusos, wenn aufrechte Sozialisten sich auf das Frauendeck sperren lassen, um ihre Solidarität mit dem Palästinensischen Volk Ausdruck zu verleihen ?

        Wo sind die Jusos, wenn aufrechte Sozialisten ihre Solidarität mit dem Lybischen Volk und seinem einem Revolutionsführer Moammar al-Gaddafi erklären ?

          1. warum getrollt ?

            Alles sauber recherchiert. Der Aufruf zur Solidarität mit dem Libyschen Volk und seinem Revolutionsführer findet man beispielsweise auf diversen Webseiten die dem sozialistischen Spektrum zu zu rechnen sind.
            Die Neue Rheinische Zeitung oder der deutsche Freidenkerverband, die Arbeiterfotografie und ähnliche Seiten sind doch wohl sozialistisch genug, oder ?

            Bis auf eine SPD Stadträtin sind aber Sozialdemokraten als Erstunterzeichner auf der Solidaritätsliste nicht vertreten. Nicht das euch das stören sollte ;-)

            Ich kann mir auch nicht erklären, warum manche Jusos so scharf darauf sind sich als Sozialisten zu definieren und beleidigt sind wenn man Sozialisten unterstellt auch radikale Protestformen zu verwenden die sich von denen der nationalen Sozialisten nicht unterscheiden.

            Öfter mal die sozialistische Revolutionslyrik auf Indymedia lesen könnte hilfreich sein den Comic zu verstehen.

  3. Sorry, aber dein Kommentar offenbart, warum Parteizeitungen unleserlich langweilig sind.

    Eine interessante Zeitung soll anregen können, provozieren dürfen.
    Man darf, man soll sich darüber aufregen.
    Man sollte kontroverse Meinungen zulassen können.
    Man sollte nicht langweilen.

    Der Vorwärts ist – langweilig. Mit dem Lesen des Inhaltsverzeichnisses kann ich zu 90% den Inhalt vorhersagen – wo bleibt die Anregung, wo die Unterhaltung, wo die Provokation?

    Dieser Comic versuchte sich m.E. in einer Aussage, die ich nicht einmal sonderlich aufregend finde: Militante Extremisten von Links und rechts einen sich – in ihrer Militanz. Und gerade was brennende Autos angeht, haben sich Linksmilitante einigen „Ruhm“ erarbeitet.
    Bei der Visualisierung dieser Aussage hat der Zeichner einige saublöde Ansätze gewählt, von denen sich Falken getroffen fühlen können. So weit, so ärgerlich. Der Protest der Falken ist völlig berechtigt.
    Aber warum in dieser Radikalität? Warum gleich Entlassung des Zeichners? Warum wird der Chefredakteur für das, was JEDER gute Chefredakteur zu tun hat, nämlich seine Redaktion verteidigen, so unversöhnlich angegriffen?
    Wie sollte nach solchen Erfahrungen je ein Vorwärts-Chefredakteur etwas wagen, was dem Vorwärts etwas anderes als langweilige Vorhersagbarkeit ermöglicht?
    Kritik – Ja.
    Unversöhnliche Kritik – Nein.
    Beim Lesen des Comics dachte ich – Fein, endlich mal Pfeffer.
    Beim Lesen des offenen Briefes und deines Kommentars dachte ich – OK, der Vorwärts MUSS wohl unlesbar bleiben, a la ND für Sozis. Viele Photos vom großen Vorsitzenden und sonst bloß nicht anecken.
    Schade.

    1. Ich weiß nicht, was Du mir sagen willst. Du scheinst einen völlig anderen Beitrag zu beantworten und nicht meinen; in meinem Beitrag ist keine „unversöhnliche Kritik“ enthalten. Lies einfach noch einmal.

      1. Vielleicht solltest du dich erstmal abregen und dann deinen Beitrag noch mal lesen. Denn ich kann dem Beitrag von Alex nur zustimmen und finde, dass er wunderbar auf deinen Beitrag passt, der in ziemlich hysterischer Art und Weise aus einer Mücke einen Elefanten macht.

        So verstehe ich auch den – anders als von dir beschrieben – recht besonnenen Beitrag von Herrn Knüpfer, in dem er sich zurecht über die zum Teil absurden, hysterischen Reaktionen wundert.

        Zusammenfassung: Ein Zeichner veröffentlicht einen überzeichneten Comic. Ein paar besonders empfindliche Zeitgenossen entgeht das Stilmittel der Überzeichnung und sie regen sich furchtbar auf. Der Chef des Zeichners wundert sich über die hysterischen Reaktionen statt ihnen nachzugeben. Daraufhin regt sich ein besonders empfindlicher Blogautor furchtbar.

        Immerhin ist das alles sehr unterhaltsam. [Sexistischen Witz gelöscht.]

  4. Zeichner wie Klaus Stuttmann, Greser & Lenz oder Manfred Deix sind hundertmal provokanter und witziger als dieses Playstation-Bübchen mit staatlicher Kristina-Schröder-Zulassung.

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