Wie weiter mit dem Urheberrecht?

Claude Monet http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Claude_Monet_039.jpg (gemeinfrei)

Der Begriff „Geistiges Eigentum“ ist nicht unproblematisch, das ist bekannt und deshalb sind Diskussionen dazu auch gut und richtig. Wir müssen uns aber vor Augen führen, wozu es führte, Menschen zu verwehren, von ihren Talenten zu leben, also das komplette Konzept „Urheberrecht“ abzuschaffen: es führte dazu, dass Journalisten, Malerinnen, Musikerinnen, Künstler, mit einem Wort: Urheber, auf einmal wieder rein vom Wohlwollen, von der Gnade der Auftraggeber abhängig wären. Und nicht etwa auf einer Ebene mit ihnen verhandelt könnten. Unbestritten ist mit Sicherheit, dass neue Zeiten neue Antworten erfordern, dass das Urheberrecht also an die Herausforderungen angepasst werden muss, die sich aus dem Dasein des Internets ganz zwangsläufig ergeben. Die öffentliche Debatte dreht sich hier meist nur um „Musik“ und „Filme“, obgleich diese beiden Industriezweige im Gegensatz zu anderen durchaus noch satte Gewinne einfahren – neue Produkte wie „iTunes“, die „Napster“-Flatrate und „Spotify“ haben viel Dampf aus dem Kessel genommen. Diverse Kampagnen mit dem Duktus „Raubkopierer sind Verbrecher“ helfen hingegen niemandem, im Gegenteil fühlen sich Verbraucherinnen, die ehrlich ihren Kinoeintritt bezahlt und DVDs gekauft haben, schlicht und ergreifend wie Deppen – denn sie haben ja schließlich gezahlt und müssen sich dennoch belästigen lassen, müssen sich den impliziten Vorwurf gefallen lassen, nicht besser zu sein als die durchschnittliche Bankräuberin.

Dennoch bleibt noch einiges zu tun, wir können uns nicht allein darauf verlassen, dass die Antworten nur via Markt gefunden werden. Der Markt kann vieles, aber eben nicht alles leisten. Was in der öffentlichen Debatte leider verloren geht, und hieran sind die großen Verlage nicht unschuldig, sind die, die bezahlt werden für das Berichten, für die Kommentare zu diesen öffentlichen Debatten: Journalisten werden ausgepresst von verschiedenster Seite. Die Verlage sind daran beteiligt: es gibt einige wenige „Edelfedern“ mit herausragenden Honoraren, es gibt Redakteure mit Festanstellung bei FAZ, ZEIT, SZ etc. – die meisten Journalistinnen sind indessen als freie Journalisten tätig, also ohne Festanstellung – mit einem Wort: freiberuflich. Warum ist dieses wichtig? Ihre Arbeit wird nur in sehr unzureichender Art und Weise gewertschätzt. Verlage halten sich nicht an die Gehaltstabellen, die vom Deutschen Journalistenverband empfohlen werden (die natürlich auch nicht gerade hoch ist), sie knechten ihre Mitarbeiterinnen mit Total-Buy-Out-Verträgen, die zwar vermutlich in den meisten Fällen, wenn nicht gar immer, sittenwidrig sind – aber das bringt dem normalen freiberuflichen Journalisten nichts. Ihre Verhandlungsposition ist schlecht. Die Devise lautet: Vogel, friss oder stirb. Also: wir diktieren die Preise, Du akzeptierst, oder das war der letzte Auftrag. Hier muss der Staat handeln und glasklare Regeln für Journalisten schaffen, also um ihren Nachteil im Kampf um den gerechten Anteil am Kuchen auszugleichen. Die SPD hat gemeinsam mit der FDP die Mitbestimmung in den Betrieben ausgebaut, etwas ähnliches brauchen wir auch für Verlage und Journalisten.

Warum wollen Menschen, die ich im Prinzip schätze, unsere Gesellschaft fundamental ändern, also den Urhebern ihr Urheberrecht nehmen? Und warum nutzen sie dazu Argumente, die meist darauf hinauslaufen, dass die Vewerterinnen zu viel Ertrag (stimmt!) aus der Leistung der Urheber ziehen? Das ist doch schließlich kein Argument gegen das Urheberrecht, sondern ein Argument gegen das heutige Urheberrecht, also für ein besseres Urheberrecht, für ein Urheberrecht, das einen besseren Ausgleich in unserer Zeit zwischen Urheber und Nutzerin ermöglicht – und ja: die Verwerterinnen müssen mit im Boot sitzen. Warum denn sollten wir das Prinzip der arbeitsteiligen Gesellschaft hier aufbrechen, ein Konzept, das sich fabelhaft bewährt hat? Es kann eben nicht jeder Mensch gut malen, gut vermarkten, gut wirtschaften, gut schreiben, gut verhandeln, gut vor Publikum auftreten. Ausnahmen gibt es immer, aber die Regel sind die nicht.

Mit welchem Ziel ist das Urheberrecht entstanden? Es ist eben im Grunde genommen einfach: um Urheberinnen in die Lage zu versetzen, mit Verwertern zu verhandeln. Das ist gut, das ist richtig – auch heute noch. Es ist, um ein Bild von Richard Stallman zu bemühen, ein „Hack“ der Wirklichkeit. Während das Konzept „Eigentum“ auch ohne Rechtsstaat funktioniert (in Somalia „kümmern“ sich eben „private Dienstleister“ …), gilt das für das Konzept „Geistiges Eigentum“ nicht. Denn nur der Rechtsstaat, unabhängige Gerichte und Abkommen garantieren, dass ein Urheber sein Urheberrecht einklagen kann. Das ist in meinen Augen der entscheidende Unterschied. Ein Nichtding, das nicht angefasst werden kann, wird durch Vereinbarung der Gesellschaft in ein Ding modifiziert, das vertrieben, verkauft, verliehen werden kann.

Das alles heißt eben nicht, dass das Urheberrecht bleiben soll, wie es ist, das heißt nicht, dass massenhafte Abmahnwellen durch gewisse Anwaltskanzleien zu begrüßen sind; es müssen neue Regeln her, um zwischen kommerzieller und privater Nutzung zu unterscheiden, wir brauchen eine Regelung, die der amerikanischen „Fair Use“-Klausel ähnlich ist, die Verwertungsfristen sollten ab Werksveröffentlichung gelten – etc. pp. Es gibt viele Ideen, viele Optionen (die Kulturflatrate gehört nicht dazu, am Rande bemerkt – mehr Bürokratie und Umverteilung von unten nach oben ist ganz sicher nicht das, was wir wollen) – packen wir’s also an.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

6 Gedanken zu „Wie weiter mit dem Urheberrecht?“

  1. Schöner Text, der das ganze Problem der Vergütung treffend umfasst.

    Nur geht es den meisten der Urheberrechtskritikern darum das die Künstler zu wenig verdienen, oder geht es mehr darum das man nicht mehr abgemahnt werden kann, wenn man sich Filme oder Musik aus dem Netz zieht ohne dafür zu zahlen ?
    i-Tunes und Napster kosten Geld, genauso wie eine Onlinevideothek die dann nicht mal die aktuellsten Kinofilme oder Pay-TV Serien hat.

  2. Hallo Christian,

    ich habe vor ein paar Tagen zu diesem Thema geschrieben. Einige der Gedanken möchte ich hier weitergeben:

    Urheber sind nicht nur Künstler und Journalisten sondern auch Wissenschaftler und Ingenieure und auch hierbei werden die „Kleinen“ vor den „Großen“ geschützt.

    Das Urheberrecht schützt nicht nur die Kleinen, sondern, wie du es erwähnt hast, versetzt die erst in die Lage auf dem Markt zu agieren. Urheberrecht völlig abzuschaffen oder es zu schwächen ist das gleiche wie wenn man den Schutz von Arbeitnehmern schwächen oder abschaffen würde.

    Man schaue sich mal die Geschichte des „Geistigen Eigentums“ (und Urheberrecht als Teil davon) mal genauer an. Das so wie wir es kennen gibt es erst seit so 400-450 Jahre und ab diesem Zeitpunkt fängt auch der Aufstieg von Europa an.

    Das „Geistige Eigentum“ hat hierbei seinen wichtigen Anteil: Ein Wissenschaftler, ein Ingenieur, ein Tüftler, ein Autor etc. konnte Jahrelang arbeiten, testen und forschen ohne Angst zu haben das er betrogen wird und mit dem Gedanken, dass das Gesetz ihn schützt.

    Aber auch Open Source basiert und wird durch das Urheberrecht geschützt. Also ohne Urheberrechte auch kein Open Source und wollen wir wirklich darauf verzichten in Anbetracht von Linux, Mozilla (inkl. Firefox und Thunderbrid) und WordPress?

    Grüße

    1. Sehr wichtige Hinweise, vielen Dank; ich habe mittlerweile eine gewisse Bürokratieallergie entwickelt, aber die verlinkten Argumente sind natürlich viel besser als mein vages Unwohlsein. ;-)

  3. Sehr gut – doch – wie weiter mit dem Urheberrecht? Die Antwort liegt ganz klar in der globalen kommerziellen Effektivität der Abschöpfung von Lizenzen. ‚Copyright‘ bedeutet in vielen Teilen Chinas (als Beispiel für manche Länder mit jetzt schon differenzierter – offener – Anschaungsweise zum Urheberrecht) noch ‚Das Recht zu Kopieren‘. Setzen sie einheitliche internationale Erträge für Urheber durch – und alles wird gut!

    Private dagegen sollten immer alles was digital ist kostenlos konsumieren können. Wie in der Evolution der Welt-DNA (WorldDataNewsAuthenticity) eben :: Digitale Offene Quellen V.012

    Means from Ruhr with love

    Thomas Haagen

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