Lesetipp: „Das digitale Urheberrecht steht am Abgrund”

„Die Buchverlage haben einen Sturm der Empörung entfacht. Sie wollten die Beteiligung der Urheber unverändert lassen, sie also nur eventuell im Erfolgsfall beteiligen. Wenn sie selbst kein Geschäft machten, sollte der Autor auch nichts dafür bekommen können. Die Verleger waren wie immer gut organisiert, und die Urheber waren wie immer mäßig organisiert.”

In der aktuellen „brandt eins“ ist ein wichtiges Interview mit einem Rechtswissenschaftler zum Thema Urheberrecht erschienen:

Der Rechtswissenschaftler Karl-Nikolaus Peifer über die Überforderung des Rechts, das Unwesen von Abmahnungen und die kleine Münze.

brand eins: Herr Peifer, das Urheberrecht will Kreative und ihr geistiges Eigentum schützen. Tut es das in sinnvoller Weise?

Karl-Nikolaus Peifer: Es macht es schlechter, als es dies könnte. Und um die derzeitige Situation des Urheberrechts wirklich zu durchdringen, müssen wir weiter ausholen. Es reicht nicht, nur über Tauschbörsen und das Internet zu reden, obwohl das momentan die Diskussion beherrscht.

Bitte sehr.

Das Urheberrecht sieht sich Problemen gegenüber, deren Ursachen zeitlich weit zurückreichen. Durch die leichte Kopierbarkeit von digitalen Inhalten kommt nur ein weiteres Problem hinzu. Vergessen wird oft, dass es das Kopienproblem gibt, seit Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts den maschinellen Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand. Es war für den Kopisten nur oft folgenlos, bis im 18. Jahrhundert in England und viel später hierzulande das Urheberrecht entstanden ist. Vor dem Internet war das Urheberrecht ein Rechtsgebiet, von dem der Normalmensch in der Regel kaum berührt wurde. Es war ein Recht, das nur zwischen Kreativen und ihren Verlegern Wirkungen entfaltete. Das ist jetzt anders. Das Netz hat das Urheberrecht in die Wohnzimmer und vor allem sehr oft in die Kinderzimmer der Nutzer von geistigen Inhalten hineingetragen.

Eine wichtige Information steckt in dieser Passage: „Die Buchverlage haben einen Sturm der Empörung entfacht. Sie wollten die Beteiligung der Urheber unverändert lassen, sie also nur eventuell im Erfolgsfall beteiligen. Wenn sie selbst kein Geschäft machten, sollte der Autor auch nichts dafür bekommen können. Die Verleger waren wie immer gut organisiert, und die Urheber waren wie immer mäßig organisiert.“ Es gilt auch hier: Organisation ist alles. Man kann das schönste und edelste Anliegen der Welt vertreten – wenn die Truppen der anderen Seite besser organisiert sind, dann wird man scheitern.

Eine wichtige Lehre für NetzpolitikerInnen, die sich mit den traditionellen Parteistrukturen, dem Prinzip der Macht und Gremien schwer tun. Es geht irgendwann um Mehrheiten. Ganz einfach – und doch so schwer.

(via)

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

17 Gedanken zu „Lesetipp: „Das digitale Urheberrecht steht am Abgrund”“

  1. „Der Gesetzgeber, die Urheberrechtswissenschaftler und auch die Richter hierzulande haben sich lange Zeit nicht darum gekümmert, dass wir ein besonderes Urhebervertragsrecht brauchen, das dem Kreativen eine angemessene Vergütung sichert.“

    Und wie soll das konkret aussehen? Kontrahierungszwang fuer Verleger? Umverteilung von erfolgreichen Autoren zu erfolglosen?

    Der Grund, warum Kuenstler und Verlage in Abwesenheit konkreteren Vertragsrechts solche Vertraege abschliessen, ist doch nicht irgendeine Verleger-Marktmacht (ein Top-Autor kann sich seinen Verlag aussuchen und trotzdem gute Bedingungen aushandeln), sondern die Tatsache, dass die Erfolgsbeteiligung fuer beide Parteien sinnvoll ist:

    Der Verlag verliert mit ziemlicher Sicherheit kein Geld und der Kuenstler kann sein Werk veroeffentlichen, auch wenn er nicht mindestens 100.000 Exemplare verkauft.

    1. Ja, den Vorschlag gab es wohl, laut dem obigen Interview:
      –Zitat–
      Um dieses Thema haben sich die Juristen in Deutschland ernsthaft erst Mitte der neunziger Jahre Gedanken gemacht. Damals ging vom Münchner Max-Planck-Institut für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht eine Bewegung innerhalb der Urheberrechtswissenschaft aus, die sagte: Wir müssen uns mehr um die Kreativen kümmern. Sie müssen in Zukunft von den Verlagen stets angemessen bezahlt werden, egal, ob sich das Werk vermarkten lässt oder nicht.
      –Zitat Ende—

      Auch die Idee von der Kulturflatrate findet sich dort wieder:
      Jeder der einen Internetanschluß hat, zahlt 10 oder 20 €uro zusätzlich im Monat, und darf sich dann soviel runterladen wie er will, ohne das er abgemahnt werden kann.
      Das Geld wird dann fair über Regeln die eine Kommission erarbeitet hat verteilt, und damit werden dann US-Amerikanische Pornoproduktionen und millionenschwere Blockbuster wie Avatar oder die Herr der Ringe Filme finanziert…

      Bei der Beliebtheit der GEZ unter den Hardcoredownloadern- bei der jeder zahlen darf, ob er nun öffentlich rechtliches TV glotzt oder nicht – hab ich so meine Zweifel ob das so gut ankommt.

      Allerdings ist das Interview nicht ganz Gehaltlos.
      Das Problem mit teuren kostenpflichtigen Abmahnungen wie die von Marions Kochbuch ist gut angesprochen.
      Das ist eine ganz andere Qualität als z.B. bei Fall Kino.to bei dem über Werbung massiv Geld mit der Arbeit anderer Menschen verdient worden ist, ohne sie dafür zu bezahlen.

      Primär sollte sich IMHO das Urheberrecht im Netz darauf konzentrieren Fälle wie die von Kino.to zu bekämpfen, also da wo es kommerziell wird.

      1. „Auch die Idee von der Kulturflatrate findet sich dort wieder:
        Jeder der einen Internetanschluß hat, zahlt 10 oder 20 €uro zusätzlich im Monat, und darf sich dann soviel runterladen wie er will, ohne das er abgemahnt werden kann.
        Das Geld wird dann fair über Regeln die eine Kommission erarbeitet hat verteilt, und damit werden dann US-Amerikanische Pornoproduktionen und millionenschwere Blockbuster wie Avatar oder die Herr der Ringe Filme finanziert…“

        Ah ich verstehe, man will die GEMA neu erfinden.

        1. so kann man es sehen, nur das eben nicht die Rechteverwerter (wie bei der GEMA) sondern die Nutzer (wie bei der GEZ) zahlen müssen.

          Wobei die GEMA ähnlich beliebt ist wie die GEZ. Immerhin ist die GEMA daran Schuld das es kaum noch lustige Katzenvideos und Counterstrike Skillmovies gibt.
          Denn kaum stellt man ein Video mit einem populären Popsong als Musik ein, muß man damit rechnen das Youtube dieses Video sperrt weil sich die Firma mit der GEMA nicht über die Vergütung einigen konnte.

          Lustiges Katzenvideo + Lady Gaga = dieses Video ist in deinem Land nicht verfügbar :-(

          Momentan sind diese Künstler dazu gezwungen auf langweilige GEMA freie Musik auszuweichen, oder sogar selber kreativ zu werden ;-)

  2. Zukünftig kann doch jeder Autor sein eBook direkt bei amazon veröffentlichen. Natürlich auch nur erfolgsbeteiligt. Die Erfolgsbeteiligung der Urheber wird künftig eher einfacher, auch ich finde das gerecht.

    Was Musik und Fotos angeht, muss ich dem Professor Peifer etwas widersprechen: Etwas entscheidend Neues haben Internet und die Softwareentwicklung gebracht: Die Kopie ohne Aufwand und ohne Qualitätsverlust und ohne Ressourcenverbrauch. Außerdem ist die Kunstform des Mixens digital vorliegender Werke entstanden.

    Damit einher geht, dass es immer mehr Kopien gibt, „weil es möglich ist“, nicht weil ein echter Bedarf bestand. Eine sogenannte Raubkopie erzeugt keinen Schaden, wenn derjenige vorher nicht ernsthaft einen Kauf erwogen hatte (Das meint Peifer wohl mit seiner Anspielung auf die Kinderzimmer). Das hatte der New Yorker Rechtsprofessor Lawrence Lessig schon vor zehn Jahren erkannt und formuliert.

    Meiner Meinung nach muss sich Netzpolitik deshalb vorrangig um Verbraucherschutzrechte kümmern. Und zuletzt um die Verlage.

    1. Das ist uebrigens ein anderer Punkt, speziell bezogen auf digitale Medien:

      Das WWW ermoeglicht es Kuenstlern, viele Dinge, fuer die frueher ein Verlag als Schnittstelle noetig war, einfach selbst zu machen (z.B. Zugang zu professionellem Vertrieb, Marketing usw.).

      Die Verlage wissen das, haben aber (noch) keine alternative Business-Strategie, also versucht man halt in der zwischenzeit mit den altbekannten Methoden (Abmahnungen, Inhalte sperren lassen usw.) das Schiff moeglichst lange ueber Wasser zu halten.

      1. oops das war etwas krypisch, ich meinte:

        Verlage werden ueberfluessig, haben kein alternatives Geschaeftsmodell, halten also deshalb an einem fest das nicht mehr funktioniert.

        1. Im übrigen sind Verlage auch in Zeiten Kindle, Amazon & Co immer noch nicht überflüssig.
          Klar kann der Urheber selber sein E-book in eine leserliche Form bringen, Korrekturlesen und redaktionell bearbeiten, und anschließend dafür Werbung machen.
          Besser können das aber meist dafür ausgebildete Fachleute wie Redakteure und Werbefachleute – die man in Verlagen findet und die auch bezahlt werden wollen.

          1. Haengt wohl vom Medium ab, ich hab keine Ahnung was es braucht um ein Buch vom Hirn des Autors in ein Marktregal zu bringen.

            Kenne mich aber mit Musik aus, und in dem Bereich sind Verlage voellig ueberfluessig, ausser sie bieten Kuenstlervertraege an, die den Musikern einen Produktionsvorschuss zahlen; das wird aber i.d.R. nur Musikern angeboten, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben und damit normalerweise nicht drauf angewiesen sind.

            Die restliche Arbeit eines Musikverlags (juristischer Quatsch, Networking) kann problemlos von einem auf 400 Euro-basis taetigen Schimpansen erledigt werden; oder eben vom Kuenstler selbst.

  3. Das glaub ich wohl. Das müssten dann aber die Leser, also der Markt, selbst herausfinden und anerkennen.

    Die Kunden müssen hier nicht „beschützt“ werden. (So wie sie nach FDP-Lesart als Unkundige vor Internetapotheken beschützt werden müssen, was nur ein vorgeschobenes Argument für Marktabschottung ist.)

    1. Hoppla ?
      Sind Internetapotheken nicht neoliberales Teufelszeug welches Arbeitsplätze in Deutschland und die Versorgung der Bevölkerung gefährden ? ;-)
      Ich zweifle nicht daran, das sich auch die SPD für den Schutz der Arbeitsplätze und für die gute Versorgung der Bevölkerung einsetzt, oder ?

      In der schönen Stadt in der ich wohne (60 000 Einwohner) gibt es nicht weniger als 3 Apotheken am Marktplatz, 10 weitere gibt es über das Stadtgebiet verteilt.
      Macht 13 Apotheken in der Stadt, und in jedem Teilort gibt es auch mindestens 2.
      Man könnte ja meinen das bei so vielen Apotheken zumindest jeden Tag eine Notdienst macht…
      Tja, laut der Webseite des Notdienstes müsste ich heute 20 – 30 km fahren, um eine Apotheke zu finden die Notdienst hat – von den 13 im Stadtgebiet ist keine dabei.
      Wenn ich fahrunfähig bin, dann hab ich ein Problem.

      Wer mitten in der Nacht oder spät abends ein Schmerzmittel braucht geht am Besten zum 24 Stunden Tante Esso Laden und kauft sich eine Flasche Vodka…

      1. Nee, es war Cornelia Pieper, die sagte, der Patient dürfe nicht überfordert und müsse geschützt werden.
        Als die Apothekenumsätze nach den Zuzahlungserhöhungen einbrachen, bekamen sie übrigens aus dem Gesundheitsbudget -das damit eigentlich entlastet werden sollte- „Kompensationszahlungen“.

  4. „In der schönen Stadt in der ich wohne (60 000 Einwohner) gibt es nicht weniger als 3 Apotheken am Marktplatz, 10 weitere gibt es über das Stadtgebiet verteilt.
    Macht 13 Apotheken in der Stadt, und in jedem Teilort gibt es auch mindestens 2.“

    …etwas off-topic aber: An diesen Gesetzen stoert sich halt niemand, weil die meisten Leute nicht mal wissen, was ihr Medikament, das sie seit 10 Jahren nehmen, eigentlich kostet, geschweige denn irgendwann mal Bargeld dafuer auf den Tisch legen mussten; dass die Staatsapotheken da halt mal 30% auf den Preis draufschlagen ist also voellig irrelevant, weil nicht bekannt und nicht interessiert (im Staatsbetrieb zahlt ja jeder fuer alle, also man selbst nichts).

    1. …etwas off-topic

      Dann mache ich das hier auch mal. Warum sollen immer nur unter meinen Blogposts die OT-Diskussionen entbrennen? ;-)

      An diesen Gesetzen stoert sich halt niemand, weil die meisten Leute nicht mal wissen, was ihr Medikament, das sie seit 10 Jahren nehmen, eigentlich kostet

      Ist ein Grund, aber es gibt ja auch sehr beliebte rezeptfreie Medikamente, die trotzdem „apothekenpflichtig“ sind. Da müsste doch der Sparfuchs, der seine Datenseele an Payback verscherbelt hat, erbarmungslos zuschlagen.

  5. Was ich mich bei der ganzen Debatte frage, ist: Was sagen eigentlich die Künstler (Schriftsteller und andere) dazu? Offensichtlich sind es nämlich nicht nur die Verlage und sonstige Rechteinhaber und -verwerter, die noch immer im analogen Zeitalter leben, sondern auch die absolute Mehrzahl der Künstler selbst. Da sitzt man in seinen alles digitale Rauschen absorbierenden Ohrensesseln und pflegt einen Künstler- und Werkbegriff, der aus dem 19. Jahrhundetr stammt. Warum versuchen die Autoren nicht, ihre Position offensiv(er) zu verteidigen? Warum arbeiten so wenige mit offenen Lizenzen, z.B. Creative Commons? Leute wie Cory Doctorow (siehe etwa http://craphound.com/littlebrother/about/#freedownload) oder – in Deutschland – die Quandary Novelists (http://www.the-quandary-novelists.com/copyleft) haben doch vorgemacht, dass sich neue und anspruchsvolle Literatur und ein modernes Urheberrecht sehr wohl miteinander vertragen. Und in der Musikszene sind freie Downloads, offene Werke und – damit verbunden – Remixes schon lange gang und gäbe. Es hat, so glaube ich, sogar dem Live-Spielen eine neue Dimension und Qualität verschafft. Kurzum: über das digitale Urheberrecht sollten nicht oder zumindest nicht nur Juristen und Politiker bestimmen, sondern auch und gerade die Künstler selbst – am besten dadurch, dass sie neue Wege ausprobieren.

    1. Weil Künstler und Schriftsteller für die aktuelle Diskussion irrelevant sind ?
      Ein Großteil der aktuellen legalen Probleme im Urheberrecht dreht sich nicht darum das sich irgendjemand neue und anspruchsvolle Literatur über das Netz besorgt.

      Es geht um das Recht des Nutzers aktuelle Hollywoodfilme und Computerspiele die mit einem Millionenbudget erzeugt wurden und aktuelle populäre Musik kostenlos herunter zu laden.

    2. Unterm Strich wird ein Künstler nach wie vor nur von seinem Werk leben können. Aber im Marketing eröffnen sich digital neue Möglichkeiten:

      Was Du beschreibst: Freie Downloads, Recht auf Mixe, sind vor allem für neue Künstler eine einfache Möglichkeit, Feedback zu bekommen, ihr Publikum zu testen und umgekehrt. Hierzu musste man früher auf einen Plattenvertrag warten oder selbst in Auftritte investieren und mit kleiner Gage zufrieden zu sein.
      Wenn ihre Downloadzahlen steigen, entsteht die Möglichkeit, Geld dafür zu verlangen.

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