Investiert in Medienkompetenz — nicht in Corporate Designs

Alle drei Jahre bekommt die SPD eine neue Farbe. Jetzt ist es Purpur — mindes­tens haltbar bis zur Bundestagswahl 2013. Die SPD sollte lieber in Medienkompetenz der Mitglieder und Funktionäre als in regel­mä­ßige neue Anstriche investieren.

Ocker, blau, purpur, Würfel, links unten, platt, zwei dimen­sional — im PR-Sprech heißt die regel­mä­ßige Vitualisierung des SPD-Äußerens Redesigns oder neues Corporate Design. Alle zwei Jahre erstrahlt ein Parteitag im neuen Glanz, die Parteivorsitzenden, GeneralsekretärInnen und BundesgeschäftsführerInnen erzählen dann über die mytho­lo­gi­sche Symbolik der neuen Farbe und die Zeitungen versu­chen rätsel­ra­tend sich an einer Interpretation dessen, was wahr­schein­lich in einer launigen Runde beim Agenturstammtisch ersonnen wurde.

Vor drei Jahren war ich zum ersten Mal bei so einer Runde dabei. Kajo Wasserhövel erzählte 9 Monate vor der Bundestagswahl in einem Pressehintergrundgespräch, warum spd.de ein neues Design erhält, was es mit den drei­di­men­sio­nalen Kisten auf sich hatte und warum das alles dafür sorgen würde, dass die Wahlen eigent­lich gar nicht mehr zu verlieren waren. Wir kennen das Ende der Geschichte.

Die Mitarbeiter und Inhaber der Agenturen stehen dann meist glück­lich lächelnd im Hintergrund und freuen sich ihrer stetigen Einkünfte, die so ein Redesign mit sich bringt — denn alle mögli­chen Materialien, Poster, Publikationen und Stellwände müssen natür­lich im neuen Look erstrahlen.

Die SPD-Untergliederungen vor Ort haben dann 2–3 Jahre Zeit, ihre Webseiten und Stände mit dem neuesten Schrei aus dem Willy-Brandt-Haus zu garnieren. Gerade, wenn knapp mehr als die Hälfte der SPD Ortsvereine das drei­di­men­sio­nale Logo bei sich umge­setzt haben, geht der Spass von vorne los: juchhu, purpur — holt die Farbpinsel raus.

Die SPD verschleißt ihre Corporate Designs fast schneller als ihre Vorsitzenden. Ich vermute mal, dass das erste SPD-Logo so knappe 50 Jahre gehalten hat. Noch heute lässt es einen Tränen in die Augen schießen, wenn ein Ortsverein beim Parteijubiläum seine Fahne aufstellt, die irgend­wann im 19. Jahrhundert ange­fer­tigt worden ist, die zwei Weltkriege, Verfolgung und Drangsalierung von Sozialdemokraten über­lebt hat, weil sie von den Mitgliedern immer wieder unter widrigsten Umständen bewahrt und weiter­geben wurde. Diese alten Traditionsfahnen kommen komi­scher­weise ohne Purpur, Ocker oder Blau aus. Rot ist eine domi­nie­rende Farbe. Und das Logo erkennt jeder. Genial.

Natürlich, aus Traditionen lässt sich kein Agenturetat bestü­cken. Aber es gibt in den wenigsten Agenturen, die auf die eine oder andere Art und Weise die SPD in ihrer Off– und Online-Kommunikation beraten, Menschen, die schon mal an einem Ortsvereinsstand in der Fußgängerzone standen oder bei Nacht und Nebel die Plakate der aktu­ellen Kanzlerkandidaten an die Laterne knebelten. Heraus kommen dann so glanz­volle aber poli­tik­leere Kampagnen wie „Berlin verstehen”, die dann auch noch poli­ti­ka­wards und andere Preise der Berliner Wegwerfgesellschaft einheimsen, nur weil die Wähler mitt­ler­weile sich an diese mediale Inszenierung schon so stark gewöhnt haben, dass man damit auch noch Wahlen gewinnen kann.

Das Ende der Fahnenstange sieht man dann beim ameri­ka­ni­schen Wahlkampf. Die deut­schen Kommunikationsagenturen können in Bezug auf Inszenierung noch viel lernen. Bei den Wahlkampfauftritten der Präsidentschaftskandidaten geht es irgend­wann nur noch um den Newscycle der Fernsehsender, den kurzen Themenhypes und thea­ter­haften Parteitagen. Beeindruckend, sicher­lich. Aber poli­ti­sche Utopie für eine sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Partei?

Ich würde mir wünschen, dass die SPD genau­so­viel Geld in die Schulung ihrer Mitglieder und Funktionäre im Umgang mit Dialogmedien wie dem Internet stecken würde, wie sie es in die Rundumerneuerung der Außenkommunikation macht.

Es ist wichtig, dass die SPD mit einer visu­ellen Botschaft nach außen geht. Aber viel wich­tiger wäre es doch, gemeinsam mit den Websozis mal ne Kampagne zu machen, dass die Ortsvereine in die Lage versetzt werden, ihre Webseiten und die sozialen Netzwerke entspre­chend zu nutzen, oder? Bisher sind es immer 2–3 Nerds, die sich daran machen, ihren Ortsvereins ins Netz zu bringen — während die meisten Abgeordneten und Funktionäre sich doch dann lieber dem analogen Teil der Parteiarbeit widmen.

Medienkompetenz bedeutet auch, in der Partei sich kritisch mit digi­talen Techniken ausein­an­der­zu­setzen. Der Parteivorstand hat wohl mehr­heit­lich sich entschieden, Wahlcomputer beim Bundesparteitag einzu­setzen, die nicht mal den tech­ni­schen Anforderungen des Bundesverfassungsgerichts an elek­tro­ni­sche Wahlen genügen — aber sicher­lich gab es da jede Menge Leute im Parteivorstand, die glauben, dass man durch ein paar Wahlcomputer die Piratenpartei in Sachen digi­taler Coolness schnell einholen würde.

Medienkompetenz bedeutet auch, dass man den Kommunalpolitikern die Angst nimmt vor Seiten wie Abgeordnetenwatch.de, dass man den Bürgermeistern landauf und landab erklärt, was OpenData ist und wie das funk­tio­niert mit der gläsernen Verwaltung im Netz. Medienkompetenz bedeutet, dass nicht bei jedem durch die Digitalisierung in Frage gestellten Geschäftsmodell sofort reflex­artig der Ruf nach Internetsperren und Vorratsdatenspeicherung ertönt — oder dass immer Computerspiele verboten werden sollen, wenn irgend­etwas in unserer Gesellschaft nicht stimmt.

Warum gibt es eigent­lich keine Agentur, die dafür beauf­tragt wird, mit der Partei gemeinsam in den nächsten zwei Jahren zu lernen, wie Kommunikationsstrukturen durch das Netz sich verän­dern. Aber eben gemeinsam lernen — die Agentur lernt von dem, was es auch in der Partei schon an guten Beispielen gibt, und bringt das kompri­miert auch den Mitgliedern der Parteispitze bei.

Wenn eine Agentur das leisten kann, dann darf sie die Webseite der SPD auch Purpur anmalen. Aber das Purpur ist dann das Ende des Lernprozesses — und nicht der Anfang der Kampagnenführung.

Dies ist ein privater Meinungsbeitrag eines Menschen, der sich auch für Farben begeis­tert, aber mehr noch für farbige Politik.

 

 

Über Karsten Wenzlaff

Hat noch Hoffnung für die Sozialdemokratie.

6 Kommentare zu “Investiert in Medienkompetenz — nicht in Corporate Designs

  1. schon mal richtig gedacht!
    die spd soll sich in den medien behaupten und sich nicht von ihnen beherr­schen lassen.
    zu schröder: von den medien gemacht (medi­en­kanzler)
    zu stein­brück:
    http://nachrichten.t-online.de/richtungsstreit-vor-spd-parteitag/id_52037182/index
    und:
    http://nachrichten.t-online.de/spd-sucht-mass-und-mitte-in-der-steuerpolitik/id_52037022/index

    was soll das? die spd soll sich von diesen beiden männern distan­zieren! das sind keine demo­kraten! der eine hat sich mit hilfe der medien an die macht geputscht (der nächste kanzler muss ein nieder­sachse sein), der zweite ist erst von den medien zum kanz­ler­kan­di­daten gemacht worden und will sich eben­falls ohne partei­de­mo­kra­ti­sche legi­ti­ma­tion an die spitze putschen.
    hey! spd! aufwa­chen!!!!!!!!
    lest euch bitte mal die beiden o.g. links durch und beant­wortet mir die frage:
    warum hat die spd mit oskar ( nicht mit schröder) 1998 die wahl gewonnen?
    lest doch bitte nur mal die kommen­tare durch! das waren mal eure wähler!
    auf jeden fall: mit mir kein stein­brück! NIEMALS!!!

  2. Pingback: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

  3. Karsten Wenzlaff spricht bestimmt vielen aus der Seele, mir jeden­falls schon.
    Zu ergänzen wäre noch die neue Frisur von Andrea Nahles. Das war die Topstory vor Parteitagsbeginn auf SPD.de

    Leute, die sich vorrangig um Corporate Design kümmern (weil sie von Beratern gehört haben, dass das wichtig ist), reden auch gerne von der SPD als Partei der Inhalte.

  4. Ich kann nicht verstehen, warum die SPD ihr rot kampflos aufgeben sollte. Halte ich für abso­luten Bullshit.
    Purpur war Farbe der Kaiser, nicht Farbe des Volkes.

    Dreimal wehe, wenn ihr diese Homepage umben­nent in „Purpur steht uns gut”!!!

  5. Wie sieht’s denn aus mit:

    Investiert in ein „Programm”.

    Meine These: Die SPD repra­esen­tiert die gesell­schaft­liche Mitte, und weiss deshalb nicht, was man denn bitte als Programm anbringen sollte, das kann nur die CSU. (Jede Veraenderung kostet Stimmen).

    „Gut, machen wir zur Abwechslung mal wieder den Kohl-Spitzensteuersatz, nachdem Schroeder ihn gesenkt hat.” LOL, peinlich.

  6. Lieber Karsten,

    es wird Dich nicht wirk­lich wundern, dass ich aber sowas von konform mit Dir darin gehe, was Du da (be-)schreibst. Die Agentur, die könnte die SPD schon lange im eigenen Haus haben — nicht kostenlos, weil das dann nicht ginge, aber durchaus zu einem unschlagbar güns­tigen „Knallerpreis”. Diese „Agentur” hast Du erwähnt, ich bin da sehr sehr stolz drauf, dass Du daran gedacht hast in diesem aktu­ellen Zusammenhang :-).

    Übri­gens: Es war UMBRA, was ich so vehe­ment verteu­felt habe damals (wie heute dieses Pink, ich weigere mich purpur dazu zu sagen — aus Prinzip), nicht Ocker *g*.