Unmöglichkeit der unabhängigen Zentralbanken

5. November 2011
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In der neoklassischen bzw. auch in großen Teilen der neoliberalen Theorie wird alles und jedem die Neutralität abgesprochen: Dem Modell des Homo Oeconomicus zufolge sind wir alle Egoist*innen, mal mehr mal weniger, je nachdem ob altruistische Wünsche in den eigenen Bedürfnissen eine Rolle spielen oder eben nicht. Somit hat jeder Mensch bei Entscheidungen seinen eigenen Nutzen im Sinn, ein neutraler Standpunkt ist demnach nicht mehr möglich.

Unternehmen maximieren in dieser Theorie seit jeher selbstverständlich nur den eigenen Profit, sie haben nie etwas anderes getan. Alle Individuen tun das im einzelnen ebenso (nur spricht mensch in diesem Fall von Nutzen). Seit geraumer Zeit sprechen die Wirtschaftswissenschaftler*innen nun auch dem Staat das altruistische Handeln ab. Da dieser ebenfalls nur aus einzelnen Individuen besteht, die alle nur ihren eigenen Nutzen maximieren und nicht das Gemeinwohl.

Nach dieser Annahmen schraubt jeder Mensch im öffentlichen Dienst nur an seiner/ihrer eigenen Karriere und schert sich nur um das Allgemeinwohl, wenn dies zufällig mit den eigenen Bedürfnissen übereinstimmt, oder es ausnahmsweise lukrativ ist. Viele offensichtlich unsinnige Entscheidungen in Politik & Co lassen sich in der Tat mit dieser Theorie erklären.

Die selben neoliberalen Wissenschaftler*innen fordern allerdings eine „unabhängige Zentralbank“ für die jeweiligen Währungsräume. Es geht darum, dass „neutrale Expert*innen“, unabhängig vom aktuell vorherrschenden Klima in der Politik, mit den Mitteln einer Zentralbank, Inflationsraten stabil und die Wirtschaft am Laufen halten. Nach meiner Ansicht kann es allerdings nur eine neutrale, unabhängige Zentralbank geben, wenn sie von Außerirdischen auf dem Mars betrieben wird, ohne jeden Kontakt zur Erde und das aus mehreren Gründen.

Zum einen sind die Zentralbanken schon allein deshalb nicht neutral, weil irgendjemand die Expert*innen zu solchen ernennen und in ihre Jobs bei der Zentralbank berufen muss. Ganz gleich wer dies tut, die Zentralbänker*innen sind von deren Zuspruch und Vertrauen abhängig und schon allein deshalb nicht neutral und unbeeinflusst.

Zudem sind diese Fachmenschen auch nur Individuen in diesem System. Sie werden genauso von ihrer Umwelt beeinflusst und maximieren (nach der neoklassischen Theorie) ebenfalls nur ihren eigenen Nutzen. Im besten Fall tun sie dies, indem sie das kapitalistische System stabil halten. Im schlimmsten Fall beinhaltet ihr Nutzen einige Gefallen für potentielle zukünftige Arbeitgeber*innen in der Privatwirtschaft. Wir sollten dabei von Murphys Gesetz ausgehen und letzteres annehmen.

Zuletzt ist es die Definition der Expert*innen: Als Fachmenschen gilt, wer sich mit dem aktuellen System gut auskennt und die neoklassische bzw. neoliberale Theorie verinnerlicht hat. Anhänger*innen einer anderen ökonomischen Anschauungen haben somit keinerlei Möglichkeit auf eine Anstellung in entsprechender Stelle in der Zentralbank. Das hat nichts mit Neutralität zu tun!

Die Folgen bekommen wir in jüngster Zeit verstärkt und immer häufiger zu spüren: Die Zentralbanken reagieren mit den immer gleichen Antworten auf die ökonomischen Probleme unserer Zeit. Infolge dessen werden immer nur die Symptome bekämpft, jedoch nicht die eigentlichen Ursachen. Denn um dem Übel an die Wurzel zu gehen, müssten die Expert*innen über das derzeit vorherrschende System hinaus denken. Dazu sind sie jedoch aus ideologischen Gründen kaum in der Lage.

Wenn wir die Macht der Banken und die ausartenden, destruktiven Elemente der Finanzmärkte wirklich überwinden wollen, sollten wir uns vielleicht neue Theorien aneignen und unser bisheriges System gründlich überdenken!


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6 Responses to Unmöglichkeit der unabhängigen Zentralbanken

  1. Rayson on 5. November 2011 at 19:54

    Es gibt keine „neoliberale” Theorie. Schon am Anfang also das Zeichen, dass man den Rest nicht ernst nehmen muss. Schade.

  2. Kalle on 6. November 2011 at 10:13

    Es gibt zwar nicht „die” neoliberale Theorie, sondern einen neoliberalen Theoriepluralismus, aber trotzdem ist der Artikel lesenswert.

    Die Neoklassik mit ihren unrealistischen Modellen und ihrem Zentralbank-Fetischismus ist eine Denk-Sackgasse.

  3. jürgen on 6. November 2011 at 10:38

    lieber herr soeder,
    liebe spd,

    hören sie doch einfach einmal zu, was die linke zu diesem thema schon jahre gesagt hat und immer noch sagt! hören und lesen sie doch BITTE einmal lafontaine, gysi und wagenknecht!
    spd und grüne hätten im verbund mit den linken schon milliarden euro retten können.
    wie ich ihnen vorausgesagt habe, dass die merkel vor der wahl den mindestlohn einführen wird, so sage ich ihnen jetzt voraus, dass diese eurobonds (oder wie immer man sie dann nennt) kommen werden. und zwar auf vorschlag von den schwarzen! in den geschichtsbüchern wird stehen, dass die regierung merkel in deutschland den mindestlohn eingeführt hat und für europa eurobonds.
    warum ich das weiß? nun, ich bin bayer.
    verdammmtnochmal.… fragen sie doch einfach mal renate schmidt und franz maget!
    seit jahrzehnten funktioniert das in bayern nach dem selben prinzip: die spd macht vorschläge, wird von den schwarzen ausgelacht und nach ein paar monaten übernimmt die csu diese ideen und verkauft sie als die eigenen.

    so, ich geh jetzt zum frühschoppen! prost

  4. F.Alfonzo on 7. November 2011 at 15:46

    Mit der Kritik an Zentralbanken hast du m.E. nicht unrecht, allerdings sehe ich da keinen Zusammenhang mit Neoklassischer Theorie, die Geldpolitik i.d.R. eben als Politik (d.h. als externe Parameter) behandelt.

    Zum „Finden von neuen Theorien” allgemein: Ist ja nicht so, dass da nichts passieren wuerde.

    Das Problem ist eher (und von dieser Seite kommt auch meist die Kritik), dass viele Politiker unter „Oekonomischer Theorie” so etwas wie eine Bedienungsanleitung fuers Volk verstehen… und auf sowas koennen sie lange warten; die wuerde in dem Moment nicht mehr funktionieren, in dem sie Common Knowledge wird (jedenfalls solange Menschen noch zwischen alternativen Handlungsmoeglichkeiten waehlen koennen, d.h. nicht in einer Diktatur leben).

    …und dass man mit Homo Oeconomicus + ein bisschen Finanzmathematik und Entscheidungstheorie nur ein einfaches Werkzeug fuer dazu passende Probleme zur Verfuegung hat und kein Patentrezept fuer eine Superregierung, ist jedem klar, der einigermassen professionell damit hantiert. Ebenso, dass empirische Analysen nicht unbeding Aufschluss darueber geben, an welchen Stellschrauben fuer die Zukunftsplanung gedreht werden muss.

    Anders formuliert: Wenn man mit einem Schraubenschluessel eine Hirnoperation durchfuehrt und Patient stirbt, dann ist das nicht die Schuld des Schraubenschluessels.

  5. Alreech on 7. November 2011 at 23:35

    Was ist den die Alternative zu einer unabhängigen Zentralbank ?
    Eine Zentralbank die den politischen Vorgaben der Regierung oder des Parlaments folgt, und tagesaktuell (je nach Schlagzeile in FAZ, taz und BILD oder den Hochrechnungen für die nächste Wahl) geändert wird ?

    Im übrigen ist das System doch fair:
    Wenn nach der nächsten Wahl eine Grün-Rot-Rote Bundesregierung an der Macht ist können Grüne/SPD/Linke frei werdende Stellen mit anderen Experten benennen.
    Z.B. mit Lafontaine, Gysi und Wagenknecht, um dann deren Theorien umzusetzen.
    Falls man in Europa keinen Experten findet der von neoliberalen und neoklassischen Ideen unbefleckt ist, muß man eben im Ausland suchen. Venezuela oder Kuba bieten sich da doch an, oder ?

    Ach ja, in den Banken und Unternehmen in denen Politiker im Aufsichtsrat sitzen scheint nicht alles glatt gelaufen zu sein:
    Die West LB ist Pleite und wurde an Landesbank BaWü verkauft, die Bayrische Landesbank hat sich verspekuliert, die Berliner Landesbank ist Pleite und Schuld daran das es Berlin noch dreckiger geht als zuvor, und bei der HSH Nordbank wurden einem Manager möglicherweise auf Anweisung eines Vorstands Kinderpornos unter geschoben um ihn los zu werden.
    Die Tricksereien bei der Telekom, das Chaos bei der Bahn und das rumgehure bei VW sollte man auch nicht vergessen.

    Vielleicht sollten sich Politiker darauf beschränken Gesetze zu erlassen und als Minister die Amtsgeschäfte des Staates zu überwachen statt Banken und Wirtschaftsunternehmen zu beaufsichtigen oder zu führen… oder ist die klassische Gewaltenteilung inzwischen auch eine veraltete Theorie ?
    Möglicherweise hätte es diese Skandale dann auch gegeben, aber zumindest wäre die Aufklärung ohne Schaden für die Glaubwürdigkeit der Politik abgelaufen.

    Und wenn unabhängige Zentralbanken so schlimm sind, was ist mit anderen unabhängigen Institutionen ?
    Für was brauchen wir eigentlich eine unabhängige Justiz ?
    Sollte der Fiskus vielleicht unabhängiger sein, oder ist es o.k. wenn Minister ein großes Mitspracherecht haben wer wie oft kontrolliert wird ?
    Und diese selbst verwalteten Organe wie die Bundesanstalt für Arbeit, die Rentenkassen, gesetzlichen Sozialversicherungen,… sind die nicht auch viel zu unabhängig ?
    Und sind die alle Aufgrund der neoliberal Ideologie unabhängig ?

    • Kalle on 9. November 2011 at 11:58

      Was ist den die Alternative zu einer unabhängigen Zentralbank ?”

      Es gibt mindestens zwei Alternativen: Eine abhängige Zentralbank, oder garkeine Zentralbank.

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