Unmöglichkeit der unabhängigen Zentralbanken

In der neoklas­si­schen bzw. auch in großen Teilen der neoli­be­ra­len Theorie wird alles und jedem die Neutralität abge­spro­chen: Dem Modell des Homo Oeconomicus zufolge sind wir alle Egoist*innen, mal mehr mal weniger, je nachdem ob altru­is­ti­sche Wünsche in den eigenen Bedürfnissen eine Rolle spielen oder eben nicht. Somit hat jeder Mensch bei Entscheidungen seinen eigenen Nutzen im Sinn, ein neutra­ler Standpunkt ist demnach nicht mehr möglich.

Unternehmen maxi­mie­ren in dieser Theorie seit jeher selbst­ver­ständ­lich nur den eigenen Profit, sie haben nie etwas anderes getan. Alle Individuen tun das im einzel­nen ebenso (nur spricht mensch in diesem Fall von Nutzen). Seit gerau­mer Zeit spre­chen die Wirtschaftswissenschaftler*innen nun auch dem Staat das altru­is­ti­sche Handeln ab. Da dieser eben­falls nur aus einzel­nen Individuen besteht, die alle nur ihren eigenen Nutzen maxi­mie­ren und nicht das Gemeinwohl.

Nach dieser Annahmen schraubt jeder Mensch im öffent­li­chen Dienst nur an seiner/ihrer eigenen Karriere und schert sich nur um das Allgemeinwohl, wenn dies zufäl­lig mit den eigenen Bedürfnissen über­ein­stimmt, oder es ausnahms­weise lukra­tiv ist. Viele offen­sicht­lich unsin­nige Entscheidungen in Politik & Co lassen sich in der Tat mit dieser Theorie erklä­ren.

Die selben neoli­be­ra­len Wissenschaftler*innen fordern aller­dings eine „unab­hän­gige Zentralbank“ für die jewei­li­gen Währungsräume. Es geht darum, dass „neutrale Expert*innen“, unab­hän­gig vom aktuell vorherr­schen­den Klima in der Politik, mit den Mitteln einer Zentralbank, Inflationsraten stabil und die Wirtschaft am Laufen halten. Nach meiner Ansicht kann es aller­dings nur eine neutrale, unab­hän­gige Zentralbank geben, wenn sie von Außerirdischen auf dem Mars betrie­ben wird, ohne jeden Kontakt zur Erde und das aus mehre­ren Gründen.

Zum einen sind die Zentralbanken schon allein deshalb nicht neutral, weil irgend­je­mand die Expert*innen zu solchen ernen­nen und in ihre Jobs bei der Zentralbank berufen muss. Ganz gleich wer dies tut, die Zentralbänker*innen sind von deren Zuspruch und Vertrauen abhän­gig und schon allein deshalb nicht neutral und unbe­ein­flusst.

Zudem sind diese Fachmenschen auch nur Individuen in diesem System. Sie werden genauso von ihrer Umwelt beein­flusst und maxi­mie­ren (nach der neoklas­si­schen Theorie) eben­falls nur ihren eigenen Nutzen. Im besten Fall tun sie dies, indem sie das kapi­ta­lis­ti­sche System stabil halten. Im schlimms­ten Fall beinhal­tet ihr Nutzen einige Gefallen für poten­ti­elle zukünf­tige Arbeitgeber*innen in der Privatwirtschaft. Wir sollten dabei von Murphys Gesetz ausge­hen und letz­te­res anneh­men.

Zuletzt ist es die Definition der Expert*innen: Als Fachmenschen gilt, wer sich mit dem aktu­el­len System gut auskennt und die neoklas­si­sche bzw. neoli­be­rale Theorie verin­ner­licht hat. Anhänger*innen einer anderen ökono­mi­schen Anschauungen haben somit keiner­lei Möglichkeit auf eine Anstellung in entspre­chen­der Stelle in der Zentralbank. Das hat nichts mit Neutralität zu tun!

Die Folgen bekom­men wir in jüngs­ter Zeit verstärkt und immer häufi­ger zu spüren: Die Zentralbanken reagie­ren mit den immer glei­chen Antworten auf die ökono­mi­schen Probleme unserer Zeit. Infolge dessen werden immer nur die Symptome bekämpft, jedoch nicht die eigent­li­chen Ursachen. Denn um dem Übel an die Wurzel zu gehen, müssten die Expert*innen über das derzeit vorherr­schende System hinaus denken. Dazu sind sie jedoch aus ideo­lo­gi­schen Gründen kaum in der Lage.

Wenn wir die Macht der Banken und die ausar­ten­den, destruk­ti­ven Elemente der Finanzmärkte wirk­lich über­win­den wollen, sollten wir uns viel­leicht neue Theorien aneig­nen und unser bishe­ri­ges System gründ­lich über­den­ken!

Autor: Roter Claus

Provokant, überspitzt, abgrundtief ehrlich und in jedem Fall polarisierend: Alltägliche Gedanken zu Politik und Weltgeschehen. Immer mit einer Priese Sozialismus und voller Halbwahrheiten!

6 Gedanken zu „Unmöglichkeit der unabhängigen Zentralbanken“

  1. Es gibt zwar nicht „die” neoli­be­rale Theorie, sondern einen neoli­be­ra­len Theoriepluralismus, aber trotz­dem ist der Artikel lesens­wert.

    Die Neoklassik mit ihren unrea­lis­ti­schen Modellen und ihrem Zentralbank-Fetischismus ist eine Denk-Sackgasse.

  2. lieber herr soeder,
    liebe spd,

    hören sie doch einfach einmal zu, was die linke zu diesem thema schon jahre gesagt hat und immer noch sagt! hören und lesen sie doch BITTE einmal lafon­taine, gysi und wagen­knecht!
    spd und grüne hätten im verbund mit den linken schon milli­ar­den euro retten können.
    wie ich ihnen voraus­ge­sagt habe, dass die merkel vor der wahl den mindest­lohn einfüh­ren wird, so sage ich ihnen jetzt voraus, dass diese euro­bonds (oder wie immer man sie dann nennt) kommen werden. und zwar auf vorschlag von den schwar­zen! in den geschichts­bü­chern wird stehen, dass die regie­rung merkel in deutsch­land den mindest­lohn einge­führt hat und für europa euro­bonds.
    warum ich das weiß? nun, ich bin bayer.
    verdammmt­noch­mal.… fragen sie doch einfach mal renate schmidt und franz maget!
    seit jahr­zehn­ten funk­tio­niert das in bayern nach dem selben prinzip: die spd macht vorschläge, wird von den schwar­zen ausge­lacht und nach ein paar monaten über­nimmt die csu diese ideen und verkauft sie als die eigenen.

    so, ich geh jetzt zum früh­schop­pen! prost

  3. Mit der Kritik an Zentralbanken hast du m.E. nicht unrecht, aller­dings sehe ich da keinen Zusammenhang mit Neoklassischer Theorie, die Geldpolitik i.d.R. eben als Politik (d.h. als externe Parameter) behan­delt.

    Zum „Finden von neuen Theorien” allge­mein: Ist ja nicht so, dass da nichts passie­ren wuerde.

    Das Problem ist eher (und von dieser Seite kommt auch meist die Kritik), dass viele Politiker unter „Oekonomischer Theorie” so etwas wie eine Bedienungsanleitung fuers Volk verste­hen… und auf sowas koennen sie lange warten; die wuerde in dem Moment nicht mehr funk­tio­nie­ren, in dem sie Common Knowledge wird (jeden­falls solange Menschen noch zwischen alter­na­ti­ven Handlungsmoeglichkeiten waehlen koennen, d.h. nicht in einer Diktatur leben).

    …und dass man mit Homo Oeconomicus + ein biss­chen Finanzmathematik und Entscheidungstheorie nur ein einfa­ches Werkzeug fuer dazu passende Probleme zur Verfuegung hat und kein Patentrezept fuer eine Superregierung, ist jedem klar, der eini­ger­mas­sen profes­sio­nell damit hantiert. Ebenso, dass empi­ri­sche Analysen nicht unbe­ding Aufschluss darue­ber geben, an welchen Stellschrauben fuer die Zukunftsplanung gedreht werden muss.

    Anders formu­liert: Wenn man mit einem Schraubenschluessel eine Hirnoperation durch­fuehrt und Patient stirbt, dann ist das nicht die Schuld des Schraubenschluessels.

  4. Was ist den die Alternative zu einer unab­hän­gi­gen Zentralbank ?
    Eine Zentralbank die den poli­ti­schen Vorgaben der Regierung oder des Parlaments folgt, und tages­ak­tu­ell (je nach Schlagzeile in FAZ, taz und BILD oder den Hochrechnungen für die nächste Wahl) geän­dert wird ?

    Im übrigen ist das System doch fair:
    Wenn nach der nächs­ten Wahl eine Grün-Rot-Rote Bundesregierung an der Macht ist können Grüne/SPD/Linke frei werdende Stellen mit anderen Experten benen­nen.
    Z.B. mit Lafontaine, Gysi und Wagenknecht, um dann deren Theorien umzu­set­zen.
    Falls man in Europa keinen Experten findet der von neoli­be­ra­len und neoklas­si­schen Ideen unbe­fleckt ist, muß man eben im Ausland suchen. Venezuela oder Kuba bieten sich da doch an, oder ?

    Ach ja, in den Banken und Unternehmen in denen Politiker im Aufsichtsrat sitzen scheint nicht alles glatt gelau­fen zu sein:
    Die West LB ist Pleite und wurde an Landesbank BaWü verkauft, die Bayrische Landesbank hat sich verspe­ku­liert, die Berliner Landesbank ist Pleite und Schuld daran das es Berlin noch drecki­ger geht als zuvor, und bei der HSH Nordbank wurden einem Manager mögli­cher­weise auf Anweisung eines Vorstands Kinderpornos unter gescho­ben um ihn los zu werden.
    Die Tricksereien bei der Telekom, das Chaos bei der Bahn und das rumge­hure bei VW sollte man auch nicht verges­sen.

    Vielleicht sollten sich Politiker darauf beschrän­ken Gesetze zu erlas­sen und als Minister die Amtsgeschäfte des Staates zu über­wa­chen statt Banken und Wirtschaftsunternehmen zu beauf­sich­ti­gen oder zu führen… oder ist die klas­si­sche Gewaltenteilung inzwi­schen auch eine veral­tete Theorie ?
    Möglicherweise hätte es diese Skandale dann auch gegeben, aber zumin­dest wäre die Aufklärung ohne Schaden für die Glaubwürdigkeit der Politik abge­lau­fen.

    Und wenn unab­hän­gige Zentralbanken so schlimm sind, was ist mit anderen unab­hän­gi­gen Institutionen ?
    Für was brau­chen wir eigent­lich eine unab­hän­gige Justiz ?
    Sollte der Fiskus viel­leicht unab­hän­gi­ger sein, oder ist es o.k. wenn Minister ein großes Mitspracherecht haben wer wie oft kontrol­liert wird ?
    Und diese selbst verwal­te­ten Organe wie die Bundesanstalt für Arbeit, die Rentenkassen, gesetz­li­chen Sozialversicherungen,… sind die nicht auch viel zu unab­hän­gig ?
    Und sind die alle Aufgrund der neoli­be­ral Ideologie unab­hän­gig ?

    1. „Was ist den die Alternative zu einer unab­hän­gi­gen Zentralbank ?”

      Es gibt mindes­tens zwei Alternativen: Eine abhän­gige Zentralbank, oder gark­eine Zentralbank.

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