Wir Hetencismänner und der Feminimus

Was ich in den letzten Tagen gelernt habe: als Gegenmodell zu Transgender gibt es auch Cisgender, also Menschen, deren biolo­gi­sches Geschlecht (sex) mit ihrem sozia­len Geschlecht (gender) über­ein­stimmt bzw. die sich so wohl­füh­len. Wir sog. „Cisgender” sind aller­dings auch keine einheit­li­che Masse, sondern noch­mals zu unter­tei­len in „Homocisgender” (Lesben, Schwule) und „Heterocisgender”. (Gibt es auch „Bicisgender”? Ich weiß es nicht.) Die „Heterocisgender” sind logi­scher­weise zu unter­tei­len in „Heterocismänner” und „Hetercisfrauen”.

Ich für meinen Teil gehöre also zu den „Heterocismännern”, in der „Szene” genannt „Hetencismann”. Ich bin also biolo­gisch ein Mann, fühle mich auch als Mann und finde Frauen attrak­tiv (nicht alle). Das nun aber macht mich angeb­lich auto­ma­tisch (!) privi­le­giert. Außerdem bin ich auch noch „weiß”, jeden­falls das, was man so als „weiß” versteht in dieser Gesellschaft. Damit bin ich nun also angeb­lich auto­ma­tisch doppelt privi­le­giert, da ja, wie jeder weiß, unsere Gesellschaft von weißen Hetero-Männern domi­niert wird. Dass ich persön­lich nichts davon habe, dass Ackermann Ackermann ist nicht Ackerfrau, ist irrele­vant — ich bin weiß, männ­lich, hetero, Punkt.

„Trotzdem” habe ich mich bisher ganz selbst­ver­ständ­lich als Feminist bezeich­net und mich auch so gefühlt; ohne umfas­sende theo­re­ti­sche Fundierung, das ist sicher­lich richtig, aber ich habe im Kleinen meinen Teil dazu beige­tra­gen, dass Gleichstellung und Gleichberechtigung keine hohlen Phrasen sind. Ich bin also bei Versammlungen immer für die quotierte Redeliste einge­tre­ten, habe mich bei Kongressen beschwert, wenn nur Männer auf dem Podium sitzen, etc. Weil ich der Meinung war, dass Feminismus eben nicht nur Frauen etwas angeht, sondern auch uns Männer. Weil ich es einfach richtig finde, dass Frauen nicht nur ein kleines Stückchen des Kuchens zusteht, sondern eben die Hälfte des Kuchens. Gut, das waren keine welt­be­we­gen­den Dinge, aber nach wie vor halte ich sehr viel von dem Grundsatz „think global, act local”. Aber auch, wenn es keine welt­be­we­gen­den Dinge waren — ich hätte es mir auch einfa­cher machen können. Ich hätte mir nicht den Missmut auf Versammlungen zuzie­hen müssen, ich hätte nicht als Einziger auf das Fehlen von Frauen hinwei­sen müssen — ich habe es getan und mir so manches Mal „das Maul verbrannt”, wie man so schön sagt. Gut, damit kann ich leben. Wenn man es sich zu einfach macht, dann ist das auch nichts.

Dem Feminismus, der von Nadine Lantzsch propa­giert wird und der auf Twitter von vielen Frauen, die ich sehr schätze, anschei­nend begrüßt wird, kann ich jedoch nichts abge­win­nen. Mir scheint, Lantzsch hat sich in den letzten Monaten und Jahren zuneh­mend radi­ka­li­siert. Wenn ein Artikel in den Schlusssatz gipfelt:

Ich weiß nicht, ob Feminismus die Hetencismänner braucht, um erfolg­reich zu sein. Denn an wessen Maßstäben wird schon Erfolg gemes­sen? Außerdem beinhal­ten die Punkte 3 und 4 einfach andere span­nende Perspektiven, die es sich lohnt, mal anzu­schauen, auszu­hal­ten, auszu­pro­bie­ren. Das Schlimmste, was uns passie­ren kann, ist, dass wir anfan­gen, unseren Horizont zu erwei­tern.

Dann stehe ich hier ziem­lich ratlos davor. Was für ein Feminismus soll das denn sein, der glaubt, ohne unge­fähr 40–45 Prozent der Bevölkerung auszu­kom­men? Und wie kommt man auf die Idee, dass dieser Feminismus auch nur für die Mehrheit der Frauen attrak­tiv ist?

Lantzsch erweist dem Feminismus mit ihren Tiraden einen Bärendienst — es ist gut, dass „wir”, die wir hier auf Twitter und in den Blogs aktiv sind, nach wie vor in einer Blase leben und die Allgemeinheit von unseren Diskursen nichts mitbe­kommt; der Feminismus hat tragi­scher­weise eh schon einen schlech­ten Ruf, Artikel wie der von Lantzsch tragen nicht zur Besserung bei.

Oder sollte man als Hetencismann Lantzsch folgen und das ganze Feminismus-Ding ad acta legen, weil man ja eh nicht erwünscht ist? Nein, das wäre albern. Es wäre eine ziem­lich einfa­che Reaktion auf eine sehr einfa­che Sichtweise der Welt, die viel komple­xer ist, als sie von Lantzsch darge­stellt wird.

Vgl. seeliger.cc: Ich sag euch mal was, Netzfeministinnen! (24.10.2011)
Vgl. metalust.wordpress.com: Seufz … (28.10.2011)
Vgl. maedchenmannschaft.net: Noah Sow erlebt „Festival du Racisme” (29.10.2011)
Vgl. juliaschramm.de: Wahrheit und Normen (30.10.2011)
Vgl. medienelite.de: Der Gaze Effekt und Feminismus. (31.10.2011)
Vgl. rebellmarkt.blogger.de: Manchen geht ein Licht auf (31.10.2011)

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

12 Gedanken zu „Wir Hetencismänner und der Feminimus“

  1. Oh, Du mein Lieblingsfeminist! (ernst­haft) Und ich hoffe, Du bleibst dabei. Ich denke der Feminismus heute, verfolgt eben nicht nur die Gleichstellung der Frau, sondern Geschlechtergerechtigkeit, die im Prinzip untrenn­bar verbun­den ist mit einer weit gefass­ten sozia­len Gerechtigkeit. Feminismus kann aus meiner Sicht wesent­lich besser dazu beitra­gen, Gesellschaft gerech­ter zu gestal­ten, wenn seine Ziele breite Unterstützung erfah­ren. Und eine femi­nis­ti­sche Bewegung — auf die ich immer noch hoffe — wird lange nicht die Mehrheit der Frauen ins Boot holen können.
    Feminismus als eine Haltung in Anspruch zu nehmen, ist keine Frage von Geschlecht, Herkunft, Alter oder Bildung. Feminismus ist ein Gespür für das, was gut und gerecht ist. Wer ein bißchen klug ist, ist Feminist_in.

  2. ich finde es eigen­ar­tig, dass du dich als femi­nist labelst, aber solche sachen schreibst wie du seist „angeb­lich privi­li­giert”. da klingt jetzt nicht sooo femi­nis­tisch in meinen ohren, deshalb wundere ich mich,dass du hier als lieb­lings­fe­mi­nist beschrie­ben wirst. aber viel­le­ciht kennt die tessa nicht so viele femi­nis­ten, wer weiß. (oder: dein femi­nis­mus­ver­ständ­nis ist anders, was ok ist. gibt ja viele femnis­men, aber dazu später noch mehr)

    menschen, die männ­lich sind und eine weiße haut­farbe haben und auch in hete­ro­se­xu­el­len bezie­hun­gen leben, sind nun mal gesell­schaft­lich gut dran, was mit einer menge an privi­le­gien einher­geht. die sind nicht immer gleich so offen­sicht­lich, aber es ist nun mal so, dass du dir um viele dinge keine platte machen musst. feminist(in) zu sein, heisst auch, über sich selbst nach­zu­den­ken und die eigenen privi­le­gien zu hinter­fra­gen, das sehe ich irgend­wie nicht in deinem beitrag. femi­nis­mus ist ja nicht nur frau­en­fo­er­de­rung oder so. du weißt doch schon, dass soziale posi­tio­nen mit unter­schied­li­chen diskri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen einher­ge­hen. es gibt aber nicht nur diskri­mi­nie­rungn sondern auch die andere seite, das privi­li­giert sein. drüber lohnt es sich mal nach­zu­denkn.

    ich frage mich auch schon die ganze zeit, seitdem ich deinen beitrag vor ner stunde gelesen habe, warum du von *dem femi­nis­mus* sprichst und warum es jetzt so schlimm ist, wenn ein paar frauen (oder andere menschen) sagen, dass sie hetereo männer nicht unbe­dingt für ihren femi­nis­mus brau­chen. du kannst ja deinen femi­nis­mus trotz­dem weiter­le­ben. gibt es denn nur einen femi­nis­mus??? ich wundere mich, ob das nicht eher der reflex st, dass du viel­leicht mal nicht mitma­chen darfst irgendwo udn du das zum ersten mal erlebst, dass viel­leicht ein paar frauen sagen, dass sie auch ohne hetreo­män­ner politik machen wollen. ist doch ok, lass sie doch machen? was stört denn so?

    1. Nein, es gibt nicht nur einen Feminismus. Und ich durfte schon ganz oft irgendwo nicht mitma­chen, inso­fern schei­det der vulgär­psy­cho­lo­gi­sche Ansatz hier auch aus. ;-)

      Wie unten geschrie­ben: ich glaube nicht, dass der Lantzsch-Feminismus (ich nenne ihn mal so) erfolg­ver­spre­chend ist. Im Gegenteil, ich bin mir recht sicher, dass er eher schäd­lich ist. (So ähnlich wie die Linkspartei in Deutschland effek­tiv für CDU-Kanzler sorgt.)

      Und sicher­lich könnte der Beitrag umfang­rei­cher sein und noch mehr Aspekte aufgrei­fen, aber irgendwo muss man eben auch einen Schnitt machen.

      1. So ähnlich wie die Linkspartei in Deutschland effek­tiv für CDU-Kanzler sorgt

        was aber nicht ganz so schlimm wäre, wie es auf den ersten Blicjk aussieht, weil SPD-Kanzler nicht besser wären, solange die Seeheimer, Steinmeier, Steinbrück, Nahles, Gabriel, von Dohnany, Sarrazin den Kurs der SPD bestim­men.

  3. Weiß, hetero, männ­lich sind norma­tiv, und als univer­sal gesetzt. Abweichungen werden benannt und dann allen­falls so schei$-liberal deren „Gleichberechtigung” gefor­dert.

    Weisen aber die Subalternen mal auf diesen Zustand selbst hin, statt sich nur passiv pater­na­li­sie­ren zu lassen, benen­nen also auch das vermeint­lich Universale als Partikulares, geht den weißen/heten/männer die Hutkrempe hoch — und fühlen sich gemüs­sigt, die Subalternen darauf hinzu­wei­sen, wie ihnen die Kritik genehm ist. Also wie hier, wo der Christian der Feministin erklärt, wie Feminismus auszu­se­hen hat, voral­lem ja auch, daß Feminismus sich mit den Befindlichkeiten der Männer zu befas­sen habe, statt etwa — hahaha! — mit Frauen.

    In den letzten paar Tagen haben sich echt Abgründe aufge­tan. Es scheint euch ja nicht zu passen, wenn Diskriminierte mal für sich selbst spre­chen, versu­chen eine eigene Sprache, die nicht in diskri­mi­nie­ren­der Absicht vorge­formt wurde, auszu­prä­gen usw.
    Kurzum, wenns mal ausnahms­weise nicht um die armen Männlein geht, is der Feminismus falsch. Das ist halt Androzentrismus.

  4. Die Frage ist doch: Wie erfolg­reich kann und will eine Bewegung sein, die zum Verständnis ihrer Inhalte mindes­tens ein Soziologiestudium voraus­setzt? Jedesmal, wenn ich bei Lantzsch Texte lese, frage ich mich, welche sozio­lo­gi­schen Theorien ich verpasst habe, um ihre Gedankenwelt auch nur nach­voll­zie­hen zu können. Und ich habe immer­hin ein Teilgebiet der Soziologie studiert.

    Deswegen wird diese abstruse Form des Fremdwortgenerators, verklei­det als Theoriebildung, auch immer eine verschwin­dend kleine Nische bleiben. Es sei denn, mensch kann Text_innen lesen, die mensch vorher durch sozioligisch_innen Quark unles­bar und unsie­klär­bar macht.

    Das ist exakt das gleiche Probleme wie bei den Jusos. Die errei­chen auch nur noch Politikstudenten im ersten Semester, aber garan­tiert keine Lehrlinge der Handwerksberufe. Und so wird das nichts mit der großen Bewegung.

  5. Die Frage ist ja, wie das Ansinnen, die Mehrheitsgesellschaft verän­dern zu wollen, mit dem hoch gehal­te­nen Anspruch zu verein­ba­ren ist, sich durch Sprache und Regeln von dieser maximal zu entfer­nen.

  6. Der Privilegienbegriff hat den Nachteil, dass eine Haftung für die Gruppe errich­tet wird hinter der der Einzelne zurück­tritt. Zudem verkennt er gerade im Geschlechterbereich, dass auch bei den Frauen erheb­li­cher Handlungsbedarf bzw. je nach Sicht einfach eine andere Lebensplanung besteht.
    Wenn man Karriere machen will ist es eben besser nicht Gender Studies, Lehramt, Sozialphädagogik etc zu studie­ren, sondern dann eben tech­ni­sche Berufe etc.
    Es ist zudem sehr unfle­xi­bel aufgrund des Gruppengedankens und der Absolutheit. Männer können in bestimm­ten Bereichen im Schnitt Privilegien haben, in anderen aber nicht. Bestimmte Männer können Privilegien haben, andere aber nicht. Der Müllmann oder der Obdachlose hat sicher­lich weniger Privilegien als die Frau des Vorstandsmitglieds in einer glück­li­chen Ehe. Nachteile beim Sorgerecht, bei der Kindererziehung („Du kannst das nicht du bist ein Mann”), bei Empathie oder die Abwertung der männ­li­chen Sexualität werden auch nicht erfasst.
    Privilegientheorien werden zudem gerade in Verbindung mit dem epis­te­mi­schen Privileg einfach dazu benutzt Leute auszu­gren­zen und abzu­wer­ten („du kannst hier nicht mitre­den, du bist ein Mann” obwohl diese konkrete Frau viel­leicht die entspre­chende Erfahrung selbst noch nicht gemacht hat)
    Ich habe hier auch noch mal eine Kritik dazu darge­stellt

  7. … menschen, die männ­lich sind und eine weiße haut­farbe haben und auch in hete­ro­se­xu­el­len bezie­hun­gen leben, sind nun mal gesell­schaft­lich gut dran, was mit einer menge an privi­le­gien einher­geht. die sind nicht immer gleich so offen­sicht­lich …

    Soweit der weisse männ­li­che Harz IV — Empfänger und der männ­li­che weisse Obdachlose in der genann­ten Kategorie einge­schlos­sen ist, und das ist er ja offen­sicht­lich, ist diese Aussage zynisch, rassis­tisch und sexis­tisch.

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