Das hanseatische Duo

1. November 2011
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Das Krisenmanagement der Bundesregierung ist desaströs, Angela Merkel trudelt von einem Krisentreffen zum nächsten. Westerwelle scheint abgetaucht, Rösler gibt zaghaft Steuersenkungen zu den Bundestagswahlen 2013 bekannt. Schäuble verkündet Schuldenschnitte, Hebel und vielerlei Durchbrüche, die sich wenige Tage danach als wirkungslos entpuppen. Lange rechnet niemand mehr mit einer Fortführung der schwarz-gelben Koalition nach 2013, vielmehr ist jeder Monat, den sich diese zerstrittene Koalition hält, ein Wunder.

Derweil erreichen die Umfragewerte der SPD Spitzenwerte. Die Grünen pendeln sich wieder auf ein (hohes Normalniveau) ein, die Piraten segeln auf einem kurzfristigen Hype nach ihrem glamourösen Sieg bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Alles spricht dafür, dass der nächste Regierungschef nach Angela Merkel ein Sozialdemokrat sein wird. Zum engeren Kreise der potentiellen Alpha-Sozis zählen gemeinhin Steinmeier, Steinbrück, Gabriel, Wowereit oder auch Scholz. Gelassen wird man im Willy-Brandt-Haus nicht müde zu betonen, man wolle sich erst 2012/ 2013 über einen Kanzlerkandidaten der SPD äußern. Das erscheint vernünftig, wenn man nicht den Anschein erwecken will, die Wahl 2013 schon 2011 für gewonnen zu halten.

Ganz anders verhalten sich zwei Urgesteine der sozialdemokratischen und deutschen Politik: Altkanzler Helmut Schmidt, allseits beliebter und geachteter Politstar, und Peer Steinbrück, ehemaliger Ministerpräsident, Bundesfinanzminister und Krisenmanager der großen Koalition während der ersten Finanz– und Wirtschaftskrise 2008/2009. Beide sind keine Parteilinken, ganz im Gegenteil: Oftmals betonen Genossen, Schmidt und Steinbrück gehören zum wirtschaftsliberalen „Agenda-2010-Flügel” der Partei, welcher die inneren Spannungen und Konflikte der Ära Schröder maßgeblich mit ausgelöst hatte. Steinbrück und Schmidt stehen sich inhaltlich also nahe, doch die beiden verbindet viel mehr als bloße politische Übereinstimmungen.

Allgemein bekannt dürfte sein, dass Helmut Schmidt, eine originale „Hamburger-Schnauze”, in Hamburg geboren ist. 29 Jahre nach Schmidt erblickte dort auch Peer Steinbrück das Licht der Welt, den Hamburger-Slang, das ausgeprägte Norddeutsch beherrschen also beide seit jeher. Auch in ihrem Werdegang und ihren persönlichen Überzeugungen stehen sich beide nahe: Helmut Schmidt war Oberleutnant, bevor er (natürlich in Hamburg) ein Studium der Volkswirtschaftslehre begann und dieses 1949 als Diplom-Volkswirt abschloss. Auch Steinbrück verpflichtete sich bei der Armee und schied als Leutnant der Reserve aus der Bundeswehr aus, wonach er in Kiel ebenfalls Volkswirtschaftslehre sowie Soziologie studierte. Zwei so ähnliche Werdegänge zweier Hamburger Persönlichkeiten führten bald zusammen: 1974 begann Steinbrück seine Karriere in verschiedenen SPD-geführten Bundesministerien und von 7881 als Referent im Bundeskanzleramt unter Helmut Schmidt. Gleich und gleich gesellt sich gerne. Steinbrück, seit 1969 SPD-Mitglied, hatte eine Partei-/Bilderbuch Karriere. In Schmidts Buch „Außer Dienst” betonte dieser zwar, er habe nie Wert auf Parteimitgliedschaften gelegt und bei Einstellungen nicht darauf geachtet, doch Steinbrück hat seine Zugehörigkeit bestimmt sehr genutzt. Nicht zuletzt machten sich beide als ausgeprägte Krisenmanager, Schmidt während der Hamburger Sturmflut 1962 und Steinbrück während der ersten Finanzkrise 2009, einen Namen.

Zuletzt veröffentlichten sie ihr gemeinsames Buch „Zug um Zug”, welches mehr wegen des symbolischen Fehlers des Titelbildes als wegen der Inhalte im Fokus der Öffentlichkeit stand. Im Zuge dieser gemeinsamen Veröffentlichung outete sich Helmut Schmidt nun auch offiziell als Freund, Förderer und Befürworter Peer Steinbrücks:

Er kann es, Peer Steinbrück hat in seiner Zeit als Finanzminister bewiesen, dass er regieren und verwalten kann”

Dass Peer Steinbrück zweifellos die Befähigung besäße, das Amt des Bundeskanzlers und Regierungschefs auszufüllen und kompetent auszuüben, steht sicherlich auch innerhalb der SPD nicht zur Debatte. Hingegen ist es eher unfein, sich über Monate als inoffizieller Kanzlerkandidat seiner Partei zu profilieren, und nun auch noch mit prominenter Unterstützung im Gepäck die lange Wanderung zum Zenit seiner Macht anzugehen. Schmidt tut Steinbrück keinen Gefallen. Eine so frühzeitige Positionierung schadet einerseits dem Kandidaten, anderseits aber auch der Partei. Würde Steinbrück letztendlich tatsächlich durch alle Parteigremien zum Kandidaten erhoben, der Pluralismus in der deutschen SPD stünde in zweifelhaftem Licht. Während in Frankreich langwierige Vorwahlen den richtigen Kandidaten nominieren, kommt in Deutschland ein egomaner Spitzenpolitiker durch monatelange Selbstinszenierung zum Ziel? Dies zu vermitteln wird ein schwieriger Schritt zu einem geeinten Wahlsieg. SPD-Linke wie der Juso Chef Sascha Vogt erklärten bereits, Steinbrück hätte keine breite Unterstützung der gesamten Partei.

Viel sympathischer erscheinen zur Zeit Steinmeier und Gabriel im Licht der Öffentlichkeit. Zurückhaltend, sachliche Kritik an der Bundesregierung übend und — verglichen zu Steinbrück — wesentlich bescheidener. Wowereit zeigt durch die Arbeit an einer großen Koalition in Berlin auch Ambitionen in Richtung Bundespolitik. Will Steinbrück Kanzler werden, so sollte er sich nun die kommende Zeit bis zum offiziellen Entscheidungsprozess zurückhalten. Es steht außer Frage, dass er das Zeug zum Kanzler hat, und auch ich würde ihn gerne als Kandidaten sehen. Seine Inszenierung zum Messias der Bundespolitik geht jedoch, umgangssprachlich auf den Punkt gebracht, gar nicht.

Das Buch „Zug um Zug” werde ich mir, trotz aller Kritik und dem falsch gedrehten Schachbrett, trotzdem kaufen. Zum einen weil ich Helmut Schmidt (immer noch) sehr gerne lese, zum anderen weil ich wissbegierig bin, was Steinbrück als Kanzler (immer noch) gerne ändern würde.


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