Das hanseatische Duo

Das Krisenmanagement der Bundesregierung ist desas­trös, Angela Merkel trudelt von einem Krisentreffen zum nächs­ten. Westerwelle scheint abge­taucht, Rösler gibt zaghaft Steuersenkungen zu den Bundestagswahlen 2013 bekannt. Schäuble verkün­det Schuldenschnitte, Hebel und vieler­lei Durchbrüche, die sich wenige Tage danach als wirkungs­los entpup­pen. Lange rechnet niemand mehr mit einer Fortführung der schwarz-gelben Koalition nach 2013, viel­mehr ist jeder Monat, den sich diese zerstrit­tene Koalition hält, ein Wunder.

Derweil errei­chen die Umfragewerte der SPD Spitzenwerte. Die Grünen pendeln sich wieder auf ein hohes Normalniveau ein, die Piraten segeln auf einem kurz­fris­ti­gen Hype nach ihrem glamou­rö­sen Sieg bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Alles spricht dafür, dass der nächste Regierungschef nach Angela Merkel ein Sozialdemokrat sein wird. Zum engeren Kreise der poten­ti­el­len Alpha-Sozis zählen gemein­hin Steinmeier, Steinbrück, Gabriel, Wowereit oder auch Scholz. Gelassen wird man im Willy-Brandt-Haus nicht müde zu betonen, man wolle sich erst 2012/ 2013 über einen Kanzlerkandidaten der SPD äußern. Das erscheint vernünf­tig, wenn man nicht den Anschein erwe­cken will, die Wahl 2013 schon 2011 für gewon­nen zu halten.

Ganz anders verhal­ten sich zwei Urgesteine der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und deut­schen Politik: Altkanzler Helmut Schmidt, allseits belieb­ter und geach­te­ter Politstar, und Peer Steinbrück, ehema­li­ger Ministerpräsident, Bundesfinanzminister und Krisenmanager der großen Koalition während der ersten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Beide sind keine Parteilinken, ganz im Gegenteil: Oftmals betonen Genossen, Schmidt und Steinbrück gehören zum wirt­schafts­li­be­ra­len „Agenda-2010-Flügel” der Partei, welcher die inneren Spannungen und Konflikte der Ära Schröder maßgeb­lich mit ausge­löst hatte. Steinbrück und Schmidt stehen sich inhalt­lich also nahe, doch die beiden verbin­det viel mehr als bloße poli­ti­sche Übereinstimmungen.

Allgemein bekannt dürfte sein, dass Helmut Schmidt, eine origi­nale „Hamburger-Schnauze”, in Hamburg geboren ist. 29 Jahre nach Schmidt erblickte dort auch Peer Steinbrück das Licht der Welt, den Hamburger-Slang, das ausge­prägte Norddeutsch beherr­schen also beide seit jeher. Auch in ihrem Werdegang und ihren persön­li­chen Überzeugungen stehen sich beide nahe: Helmut Schmidt war Oberleutnant, bevor er (natür­lich in Hamburg) ein Studium der Volkswirtschaftslehre begann und dieses 1949 als Diplom-Volkswirt abschloss. Auch Steinbrück verpflich­tete sich beim Militär und schied als Leutnant der Reserve aus der Bundeswehr aus, wonach er in Kiel eben­falls Volkswirtschaftslehre sowie Soziologie studierte. Zwei so ähnli­che Werdegänge zweier Hamburger Persönlichkeiten führten bald zusam­men: 1974 begann Steinbrück seine Karriere in verschie­de­nen SPD-geführ­ten Bundesministerien und von 78–81 als Referent im Bundeskanzleramt unter Helmut Schmidt. Gleich und gleich gesellt sich gerne. Steinbrück, seit 1969 SPD-Mitglied, hatte eine Partei-/Bilderbuch-Karriere. In Schmidts Buch „Außer Dienst” betonte dieser zwar, er habe nie Wert auf Parteimitgliedschaften gelegt und bei Einstellungen nicht darauf geach­tet, doch Steinbrück hat seine Zugehörigkeit bestimmt sehr genutzt. Nicht zuletzt machten sich beide als ausge­prägte Krisenmanager, Schmidt während der Hamburger Sturmflut 1962 und Steinbrück während der ersten Finanzkrise 2009, einen Namen.

Zuletzt veröf­fent­lich­ten sie ihr gemein­sa­mes Buch „Zug um Zug”, welches mehr wegen des symbo­li­schen Fehlers des Titelbildes als wegen der Inhalte im Fokus der Öffentlichkeit stand. Im Zuge dieser gemein­sa­men Veröffentlichung outete sich Helmut Schmidt nun auch offi­zi­ell als Freund, Förderer und Befürworter Peer Steinbrücks:

„Er kann es, Peer Steinbrück hat in seiner Zeit als Finanzminister bewie­sen, dass er regie­ren und verwal­ten kann”

Dass Peer Steinbrück zwei­fel­los die Befähigung besäße, das Amt des Bundeskanzlers und Regierungschefs auszu­fül­len und kompe­tent auszu­üben, steht sicher­lich auch inner­halb der SPD nicht zur Debatte. Hingegen ist es eher unfein, sich über Monate als inof­fi­zi­el­ler Kanzlerkandidat seiner Partei zu profi­lie­ren, und nun auch noch mit promi­nen­ter Unterstützung im Gepäck die lange Wanderung zum Zenit seiner Macht anzu­ge­hen. Schmidt tut Steinbrück keinen Gefallen. Eine so früh­zei­tige Positionierung schadet einer­seits dem Kandidaten, ander­seits aber auch der Partei. Würde Steinbrück letzt­end­lich tatsäch­lich durch alle Parteigremien zum Kandidaten erhoben, der Pluralismus in der deut­schen SPD stünde in zwei­fel­haf­tem Licht. Während in Frankreich lang­wie­rige Vorwahlen den rich­ti­gen Kandidaten nomi­nie­ren, kommt in Deutschland ein egomaner Spitzenpolitiker durch mona­te­lange Selbstinszenierung zum Ziel? Dies zu vermit­teln wird ein schwie­ri­ger Schritt zu einem geein­ten Wahlsieg. SPD-Linke wie Juso-Chef Sascha Vogt erklär­ten bereits, Steinbrück hätte keine breite Unterstützung der gesam­ten Partei.

Viel sympa­thi­scher erschei­nen zur Zeit Steinmeier und Gabriel im Licht der Öffentlichkeit. Zurückhaltend, sach­li­che Kritik an der Bundesregierung übend und — vergli­chen zu Steinbrück — wesent­lich beschei­de­ner. Wowereit zeigt durch die Arbeit an einer großen Koalition in Berlin auch Ambitionen in Richtung Bundespolitik. Will Steinbrück Kanzler werden, so sollte er sich nun die kommende Zeit bis zum offi­zi­el­len Entscheidungsprozess zurück­hal­ten. Es steht außer Frage, dass er das Zeug zum Kanzler hat, und auch ich würde ihn gerne als Kandidaten sehen. Seine Inszenierung zum Messias der Bundespolitik geht jedoch, umgangs­sprach­lich auf den Punkt gebracht, gar nicht.

Das Buch „Zug um Zug” werde ich mir, trotz aller Kritik und dem falsch gedreh­ten Schachbrett, trotz­dem kaufen. Zum einen weil ich Helmut Schmidt (immer noch) sehr gerne lese, zum anderen weil ich wiss­be­gie­rig bin, was Steinbrück als Kanzler (immer noch) gerne ändern würde.