Der langjährige Chefredakteur des „cicero”, Wolfram Weimer, hat heute im Handelsblatt eine sehr gute Kolumne zur K-Frage der SPD veröffentlicht. Darin schreibt Weimer, die SPD habe grundsätzlich sechs verfügbare Kanzlerkandidaten, also doppelt so viele, wie meist medial aufgeführt werden. Neben dem dauerrotierenden Peer Steinbrück seien dies auch Fraktionschef Steinmeier, Parteichef Gabriel, NRW-Ministerpräsident Hannelore Kraft, sowie Olaf Scholz und Klaus Wowereit. Mit letztgenanntem habe ich mich bereits kürzlich hier beschäftigt („Was will Wowereit?”). Ähnlich wie nun Weimer das tut, habe ich dabei Wowereit unterstellt, er forciere die Rot-Schwarze Koalition, um sich von seinem Champagner-Image zu lösen und auch für bürgerliche („Mitte”) Wähler akzeptabel zu werden. In der kurzen Kolumne werden die Chancen aller sechs potentiellen Kandidaten in Prozentpunkten verglichen. Neben dem medialen Champion Steinbrück (25% Wahrscheinlichkeit) ist Wowereit (ebenfalls 25%) der einzige Kandidat, dem ernsthafte Chancen zugetraut werden.
Interessant ist an diesem Artikel aber auch die Kritik an Peer Steinbrück, dem Kandidaten jenes „Rotary-Club der rotweintrinkenden Sozialdemokraten, die glauben, sie hätten immer die dicksten Zigarren”. Weimer kritisiert neben der verfrühten und zu stürmischen Selbstnominierung Steinbrücks vor allem seine unberechenbare und aufbrausende Natur, die jeden Wahlkampf zum Ritt auf der Klinge machen würden. Sehr interessant. Momentan beschäftigten sich die Medien ja eher mit den Schachkünsten Steinbrücks sowie seiner Freundschaft zu einem bekannten ZEIT-Herausgeber. Umso besser gefiel mir die klare Kritik Weimers an den schreibenden Unterstützern Steinbrücks, die sich laut Kolumne vor allem in „HamburgerRedaktionsstuben” fänden.
Fazit: Ein überaus lesenswerter Artikel, der viele wichtige Punkte sehr gut trifft und dabei sicherlich nicht im Verdacht steht, einen SPD-Flügel einseitig zu bevorzugen.

Ja, mh. Weimer ist so eine Sache. Dass Berlin nicht Rot-Grün regiert wird, kann man wohl mittlerweile eindeutig an den Grünen und speziell an Ratzmann festmachen. Die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus steht ja quasi kurz vor der Spaltung:
Vgl. http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/regioline_nt/berlinbrandenburg_nt/article13680632/Vorstandswahl-in-Gruenen-Fraktion-bestaetigt-Pop-und-Ratzmann.html
Vgl. http://www.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article1807154/Machtkampf-in-der-Gruenen-Fraktion-Linke-verweigern-Mitarbeit-im-Vorstand.html
Kurz und gut: ich glaube nicht, dass Wowereit Kanzler werden will. Bundesminister, ja – aber Kanzler? Sehe ich nicht.
Ich finde den Artikel eigentlich vor allem wegen den Charakterisierungen spannend. Die Prozente sind natürlich relativ unsinnig.
Aber die Charakterisierung Steinbrücks aus bürgerlicher Sicht ist doch sehr aufschlussreich. Überheblich, unkontrollierbar & nicht kompromissfähig. Das ist schon ziemlich hart.
Umgekehrt gefällt mir die Einschätzung, dass Wowereit nun eben bewusst mit der CDU ein relatives bürgerliches Bündnis eingeht, um sich bis zur Bundestagswahl zu profilieren.
Ob er sich wirklich das Kanzleramt zutraut, ist ja momentan noch unwichtig. Klar ist aus meiner Sicht, dass er den Anspruch erheben muss, wenn er möglichst viel bekommen möchte. So oder so. Den Rest wird er selbst noch nicht wissen…
„Aber die Charakterisierung Steinbrücks aus bürgerlicher Sicht ist doch sehr aufschlussreich.”
Weimer ist aber kein „Bürgerlicher”. Es wäre es gern, aber er ist halt doch ein Bruder Leichtfuß.
Vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wolfram-weimer-gibt-als-focus-chefredakteur-auf-fuehrungskrise-bei-burda-11112316.html
Ich kenne Weimer, danke. Und er ist, allein wegen seinen Verhältnissen und seinem Habitus, ein Bürgerlicher. Ich rede ja nicht von Vordenker oder Intellektueller…
Ich streite nicht ab, dass er gerne ein „Bürgerlicher” wäre. Aber er ist es nun einmal nicht.
Es ist auch einerlei. Ich bin ja nicht für oder gegen Steinbrück, weil ein „Bürgerlicher” für oder gegen ihn ist.
Aus reinem Interesse: Was zeichnet aus deiner Sicht denn einen „Bürgerlichen” aus?
Es muss Substanz da sein.
R.A. bspw. ist ein klassischer Bürgerlicher im besten Sinne. Du vermutlich auch, Dich habe ich aber noch nicht getroffen.
Und bei Linken ist keine Substanz? ;-) Also ehrlich: Was macht den „Bürgerlichen” aus?
Ich lege übrigens keinen Wert auf diese Einstufung. Passt vermutlich auch ganz und gar nicht aufgrund konkreter Lebensumstände. Denkweisen z.T.