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Papst und AIDS und Kirche allgemein

14. Oktober 2011
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Der folgende Kommentar wurde von mir zu einem Artikel bei Jusos.de geschrieben, wo zur Demonstration gegen den Papstbesuch aufgerufen wurde, welcher folgenden Inhalt hatte:

Ich finde den Papstauftritt vor dem Deutschen Bundestag sowieso eine Zumutung: Als Religonsführer hat er meines Erachtens vor dem Plenum nichts zu suchen. Und als Staatsoberhaupt des Vatikans ist er (vermutlich) das erste Staatsoberhaupt eines absolutistisch-autoritären Staates und Vorsitzender einer undemokratischen Organisation.

Noch kritischer wird es, wenn man sich die inhaltlichen Positionen der katholischen Kirche und vor allem dieses Papstes in zentralen geselleschaftspolitischen Fragen anschaut, sei es die Diskriminierung von Frauen oder die menschenfeindliche Geschlechter– und Sexualpolitik, die Homosexuelle unterdrückt oder eine wirksame HIV-Prävention verhindert. Diese Politik darf nicht unwidersprochen bleiben.”

Dazu meine Antwort, die ich auf Christians Bitte hin hier veröffentliche. Ich bin nicht der Meinung, dass die Sexualmoral der katholischen Kirche zu Ausbreitung von HIV und AIDS beiträgt. Leider ist das in den letzten Jahren so häufig (ohne Beleg) behauptet worden, dass es von vielen Leuten unhinterfragt geglaubt wird. Der Kommentar beinhaltet die wichtigsten Argumente in Kurzform. Nebenbei ging ich noch auf den Rest des Artikels ein.

Achtung: Dies war nur ein Kommentar, keine wissenschaftliche Abhandlung. Hier unverändert und unzensiert:

1. Soso, rigide Sexualmoral begünstigt also HIV-Ausbreitung. Wieso ist in islamischen Ländern HIV praktisch inexistent? Müsste es da nicht eigentlich grassieren?
2. Müsste nicht in katholischen Ländern Afrikas HIV besonders weit verbreitet sein? Oder die HIV-Länder einen hohen katholischen Bevölkerungsanteil haben? Ein Blick auf die Afrika-Karte zeigt, dass außer dem Winzstaat Lesotho in keinem Land, wo HIV besonders weit verbreitet ist, ein nennenswerter katholischer Bevölkerungsanteil existiert.

3. Die Hauptursache für die HIV-Verbreitung in Afrika liegt darin, dass viele Männer überhaupt nichts dabei finden, sich, um es deutlich auszudrücken, durch die Welt zu vögeln. Prostitution und wahllose Promiskuität sind in Afrika viel weiter verbreitet als im Westen. Dies ist eine archaische Denkweise, der die katholische Kirche entschieden entgegentritt. Welcher Afrikaner vögelt sich durch (ein klarer Verstoß gegen alles, wofür die Kirche steht), ist dabei aber so papsttreu, dass er wegen des Kondomverbotes keines verwendet? Könnt ihr euch so einen Menschen vorstellen? Ich nicht.

Ob es politisch klug ist, Frauen den Zugang zu geistlichen Ämtern zu verwehren, Homosexuelle nicht anzuerkennen oder eine Sexualmoral zu propagieren, die selbst von der großen Mehrzahl ihrer treuen Anhänger nicht anerkannt wird, steht auf einem anderen Blatt. Diese ganzen Positionen sind jedoch theologisch begründet. Daher finde ich nicht, dass Nicht-Katholiken sich in die Frage mit Argumenten wie “Diskriminierung” oder “Unterdrückung” einmischen können. Dies ist eine innerkatholische Angelegenheit und keiner ist gezwungen, an der katholischen Glaubensgemeinschaft teilzunehmen. Im Übrigen sind ja wohl 95%+X der Demonstranten keine Katholiken (oder zumindest keine aktiven).
Im Übrigen: Der Papst wird gewählt. Er wird von der Kirchenelite gewählt, genau wie der Vorsitzende einer Partei von der Parteielite gewählt wird. Natürlich entspricht das nicht demokratischen Maßstäben einer weltlichen Machtausübung aber abgesehen von den 0,44 Quadratkilometern in der Mitte Roms übt der Papst auch keine weltliche Gewalt aus. Für religiöse Fragen gilt aber nicht das gleiche Legitimationsbedürfnis wie für weltliche Macht. Im Endeffekt gibt der Papst auch keine verbindlichen Regeln vor, die mit staatlicher Zwangswirkung durchgesetzt werden können. Also stellt sich ja wohl auch nicht die Frage nach der Legitimation.

Man kann ja die Verlegung von Parlamentssitzungen kritisieren. Aber benehmt euch mal bitte wie normale Menschen, die nicht der gleichen Meinung wie der Papst sein müssen, die diesen auch kritisieren dürfen aber bitte dabei die Grundregeln einer zivilisierten Auseinandersetzung nicht verletzen.


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7 Responses to Papst und AIDS und Kirche allgemein

  1. Kai on 14. Oktober 2011 at 14:20

    Diese ganzen Positionen sind jedoch theologisch begründet. Daher finde ich nicht, dass Nicht-Katholiken sich in die Frage mit Argumenten wie “Diskriminierung” oder “Unterdrückung” einmischen können. Dies ist eine innerkatholische Angelegenheit und keiner ist gezwungen, an der katholischen Glaubensgemeinschaft teilzunehmen.“

    Nein, es ist eben keine „innerkatholische Angelegenheit“ solange es zum Beispiel Politiker gibt, die ihre Politik ganz offenkundig an diesen kruden Moralvorstellungen orientieren. Damit treffen sie allgemeinverbindliche Entscheidungen auch für Leute, die mit diesem Religionsirrsinn nichts zu tun haben wollen. Ich erinnere hier nur an das Verhältnis des Staates Bayern zum Kreuz in öffentlichen Raum oder das Verhalten der katholischen Kirche zur Einführung der Sexualkunde im Unterricht.

    Regelten katholische Gläubige dies nur untereinander für sich als freiwillge Lebensform, wäre das nicht zu beanstanden. Ich darf hier aber mal unter anderem an den Missionseifer der Christen in den vergangenen Jahrhunderten erinnern als man den Völkern dieser Erde gerne auch mit Gewalt die eigene Moral beigebracht hat.

    Es muss letztlich eine vollständige Trennung der Religion vom politischen Handeln und Leben geben. Es kann nicht sein, dass Anhänger von Märchenwesen politische Entscheidungen auf Grundlage von Märchenbüchern für mich treffen. Das ist auch der Grund, warum der oberste Märchenerzähler nichts im Bundestag verloren hat.

    Der Bundestag ist ein Ort der Demokratie und des rationalen Denkens und Handelns. Märchen über Fabelwesen können die Abgeordneten sich gerne in Kirchen privat anhören.

  2. Jan on 16. Oktober 2011 at 19:11

    Solange Kirchen vom Staat in verschiedener Hinsicht bevorzugt behandelt werden und zum Beispiel Steuergeld zu ihrer Finanzierung fließt, Staat und Kirche an verschiedenen Stellen verzahnt sind, es regelmäßig einen Zwergenaufstand gibt, wenn jemand was gegen Religionsunterricht an staatlichen(!) Schulen sagt, solange gibt es überhaupt keine „innerkatholischen” Angelegenheiten, sondern hat jeder Steuerzahler in allem, was die Kirche tut oder nicht tut ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Wer das nicht möchte, sollte dafür kämpfen, dass auch die Kirchen endlich zu ganz normalen Vereinen weiterentwickelt werden.

  3. Rayson on 16. Oktober 2011 at 19:40

    @Kai, Jan

    Bitte die Kritik an den richtigen Adressaten richten: Welche „Privilegien” der der Kirche gewährt oder wo er deren Vorstellungen entgegenkommt, ist etwas, das der Staat selbst entscheiden kann und muss.

    Die Kirche hat selbstverständlich wie jede andere Organisation auch das Recht, für ihre Überzeugungen einzutreten.

    @Kai

    Nein, du verwechselst da etwas: Demokratie ist nicht, wenn Einzelne vorschreiben, von welchen Motiven sich andere, also z.B. Abgeordnete, leiten zu lassen hätten. Und die Rede, die der Papst im Bundestag gehalten hat, solltest du dir vielleicht lieber vorher durchlesen, bevor du irgendwelchen Unsinn dazu zum besten gibst.

    @Jan

    Was sind unterscheidet „normale” von „unnormalen” Vereinen?

    • Jan on 24. Oktober 2011 at 06:57

      Für mich ist der Adressat auch vor allem die Politik. Allerdings wehrt sich die Kirche natürlich auch nicht gegen die Vermischung von Kirche und Staat.

      Was sind unterscheidet „normale” von „unnormalen” Vereinen?”

      Die Rechtsform und besondere Regelen eben. Ein Sportverein ist gewiss nicht weniger „gemeinnützig” („mein” Sportverein betreibt zum Beispiel ebenfalls einen Kindergarten) als Kirchen es sind und trotzdem dürfen sie keine Steuern erheben.

      • Rayson on 24. Oktober 2011 at 11:07

        Allerdings wehrt sich die Kirche natürlich auch nicht gegen die Vermischung von Kirche und Staat.

        Wer ohne Subventionen ist, der werfe den ersten Stein…

        Der Papst weiß schon, warum er diese Aufforderung an die deutschen Bischöfe richtete. Subventionen korrumpieren, und so ist es vielleicht kein Zufall, dass die deutschen Bischöfe mit ihrer im internationalen katholischen Vergleich eher zeitgeistbetonten Ausrichtung eine Sonderstellung einnehmen.

        Ein Sportverein ist gewiss nicht weniger „gemeinnützig” („mein” Sportverein betreibt zum Beispiel ebenfalls einen Kindergarten) als Kirchen es sind und trotzdem dürfen sie keine Steuern erheben.

        Nun ja, die historische Rolle der Kirchen beschränkt sich auch nicht gerade auf ihre Gemeinnützigkeit. Insofern sind sie tatsächlich kein „normaler Verein”. Aber das sind Gewerkschaften z.B. auch nicht. Also wenn, dann bitte umfassend herangehen an diese „Vereinsreform”, sonst schmecken einige der Argumente etwas schal.

        Und was die Steuern angeht: Wie der Vereinsbeitrag kassiert wird, ist doch nun wirklich sekundär. Es sind im Grunde auch keine echten Steuern, da man sich ihnen durch Austritt jederzeit entziehen kann. Richtig ist, dass mit abnehmender Zahl der Kirchenmitglieder und geringerer gesellschaftlicher Bedeutung der Kirchen ein an die Einkommensteuer anknüpfendes Verfahren fragwürdig wird. Allerdings eher aus Effizienzgründen.

        Ansonsten bliebe die Frage, wer durch den Kirchensteuereinzug denn eigentlich geschädigt wird, dass einige deswegen so ein Fass aufmachen. Die Nichtmitglieder jedenfalls nicht, denn der Staat lässt sich den Service gut bezahlen. Die eigentlich „Geschädigten” sind diejenigen, die bei einer Selbsteinschätzung schummeln würden.

  4. Kai on 16. Oktober 2011 at 22:24

    Und die Rede, die der Papst im Bundestag gehalten hat, solltest du dir vielleicht lieber vorher durchlesen, bevor du irgendwelchen Unsinn dazu zum besten gibst.”

    Äh, nein. Wer sein Weltbild auf die Existenz eines Fabelwesens begründet und dessen imaginären Regeln folgt, scheidet für mich als ernstzunhemende Instanz aus. Das wird auch deutlich, wenn man sich die Rede von Ratzinger durchliest und auf solche Stellen stößt:

    Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, daß Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte.”

    Ernsthaft? Zitate aus einem Märchenbuch als Überlegung für die Grundlage des Rechts? Und so einen Blödsinn soll ich ernst nehmen?

    Ich habe hier sonst noch einen Stapel Comic Hefte. Vielleicht können die ja auch zu einer Diskussion über die Grundlage des Rechts dienen. Inhaltlich kommt es auf das Gleiche hinaus.

    Wobei — solche Sätze sind natürlich der Oberbrüller: „Und dabei können wir uns doch nicht verbergen, daß wir in dieser selbstgemachten Welt im stillen doch aus den Vorräten Gottes schöpfen, die wir zu unseren Produkten umgestalten.”

    Aus den Vorräten Gottes — Muhahahaa.

    • Rayson on 16. Oktober 2011 at 23:32

      Ich bin mir sicher, dass auch viele Atheisten die Rede mit Gewinn verfolgt haben werden. Sie setzt natürlich einige Dinge voraus.

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