Grün ist das neue Schwarz

5. Oktober 2011
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Der Weg aller Bananen

Wie es schon Marc Uwe Kling so schön in seinem Lied „Der Zug der Opportunisten” besang: „Heute grün und morgen gelb und übermorgen schwarz!“. Der vergangene Wahlkampf in Berlin und das Verhalten der grünen Durchschnittswähler*innen zeigen diese Entwicklung in aller Deutlichkeit: Aus den revolutionären, systemkritischen Steinewerfer*innen der 68er Bewegung sind Ököplätzchen backende, häkelnde Konservative geworden!

Das richtige Leben im falschen

Grün wählen und leben ist eine Art Ablasshandel geworden, für jene Menschen, die vor dem kapitalistischen System kapituliert haben, aber dennoch ein reines Gewissen möchten. Eine gut verdienende, gut gebildete Elite, die sich in ihrer eignen Welt Biedermeier-artig abgrenzt, um die Grausamkeiten des Systems nicht länger mit ansehen zu müssen:

Grüne Häuser und Wohnungen in ehemaligen Linken-Szenevierteln, deren Preise nach der Ökorenovierung (Solarmodule, Dachbegrünung, neue Wärmedämmung zum Energiesparen, usw.) sich kaum noch ein Mensch leisten kann. Vor allem nicht diejenige, mittellose, einkommensschwache linke Szeneschicht, die einst in diesen Vierteln wohnten und sie geprägt hat. Findige Immobilienhaie kaufen alte Häuser auf, renovieren sie, treiben die alten Mieter*innen raus und verhökern die Wohnungen teuer an die grüne Avantgarde. Früher hätten die grünen Revolutionär*innen diese skrupellosen Diener des Kapitalismus gesteinigt, heute machen sie Geschäfte mit ihnen. Gentrifizierung ist grün!

Die Althippies kaufen sich dann vor Ort Lebensmittel und Kleidung für das gute Gewissen in teuren Bioläden und Fair-Trade-Shops und rümpfen hinterrücks die Nase über Menschen, die aufgrund von Niedriglohn oder Hartz IV gezwungen sind in den üblichen Discountern einzukaufen. Jetzt wo der Atomausstieg selbst von der schwarz-gelben Regierung beschlossene Sache ist und sie ihre Kinder endlich mit dem Hybrid-Wagen zu Waldkindergarten und Waldorfschule fahren können, wo die Kleinen schon Jahre vor ihrer Geburt angemeldet waren und deshalb sicher nicht mit den Zöglingen des Prekariats in Berührung kommen werden, wähnen sie sich nahezu im Paradies, wäre da nicht dieser Bahnhof in Stuttgart.

Mit dem System arrangiert und eingegliedert

Es stimmt mich traurig zu sehen, dass Menschen die einst von Revolution, Sozialismus, Kommunismus und Anarchie träumten, sich heute mit dem System arrangiert haben und an die Kraft der aufgeklärten Konsument*innen glauben: Wenn mensch nur weiter grün wählt, Bio kauft und Hybrid-Wagen fährt, dann erwartet uns alle eine bessere Welt. Dass diese Welt dann immer noch vom Raubtier-Kapitalismus gefangen ist, wird lächelnd abgetan, die grüne Elite hat sich mit der „sozialen Marktwirtschaft“ abgefunden und will nichts mehr verändern, im Gegenteil, sie will bewahren.

Kurs: Schwarz-Grün

Früher hieß es „Grün wählen um Kohl zu verhindern!“. Spätestens nachdem Wikileaks die Diplomatendepeschen veröffentlicht hat, in denen Renate Künast vorgibt Schwarz-Grün auf Bundesebene anzustreben, nach einer kuriosen Jamaika-Koalition im Saarland, wo die Grünen Schwarz-Gelb in den Sattel geholfen haben und nach dem gescheiterten Schwarz-Grünen-Projekt in Hamburg, wo eben jene grün-wählende, bürgerliche Elite die Gemeinschaftsschule, ein ursprünglich auch grünes Projekt, aus Angst vor dem schlechten Einfluss der Prekariatskinder auf ihre grünen Setzlinge, scheitern lies. Spätestens jetzt sollte allen klar sein, dass das neue Grün tiefschwarz und konservativ ist. All die grünen Akademiker sind zu einer besitzenden und daher sich Besitz-schützenden und den eigenen Wohlstand bewahrenden Elite verkommen.

Der krönende Abschluss dieser Komödie war die Aussage von Frau Künast im Berliner-Wahlkampf: Sie sehe es als Aufgabe der Grünen an, die Piraten zu resozialisieren. Eine Partei die sich berufen fühlt die Netz-Freiheit, quasi das letzte Fünkchen Freiraum, das uns der Überwachungsstaat noch nicht genommen hat, zu verteidigen, soll von zahnlosen, handzahmen Ex-Revoluzzer*innen resozialisiert werden? Nichts als ein schwacher Versuch diese Bewegung für sich zu vereinnahmen, um sich irgendwie wieder die Freiheit und den Fortschritt auf die Fahnen schreiben zu können.

Ihr seht Grün? Ich sehe Schwarz!

Insofern macht es keinen Unterschied, mit wem Wowereit in Berlin regiert!


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One Response to Grün ist das neue Schwarz

  1. Rayson on 5. Oktober 2011 at 21:57

    Insofern macht es keinen Unterschied, mit wem Wowereit in Berlin regiert!

    Oh doch — den macht es: Die CDU wird sich aus lauter Dankbarkeit wesentlich serviler zeigen. Sie hat ja auch keine Grundsätze mehr, an die sie sich halten müsste.

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