Marshall Auerback hat jahrelange Erfahrung als Hedgefonds-Manager, ist Fellow bei „Economists for Peace and Security“, Senior Fellow im „Roosevelt Institute“ und wissenschaftlicher Mitarbeiter im „Levy Economics Institute“. Stephan Ewald betreibt u.a. das Blog „Garbage In ↣ Garbage Out“. (Dieser Beitrag erscheint ebenfalls bei wiesaussieht.de.)
Die Europäische Währungsunion ist als monetäres System gescheitert und scheitert auch daran Europa zu vereinen. Wie die religiöse Vereinigung Europas unter Karl dem Großen funktioniert die „Vereinigung“ Europas über eine gemeinsame Währung nur unter politischen Zwangsmaßnahmen. An diesen wird das Euro-Projekt langfristig scheitern, außer, es werden radikale Änderungen am Design der Währungsunion unternommen. Was genau sind die zentralen Probleme des Euro-Projekts?
Zunächst ist es wichtig den Unterschied zwischen souveränen und nicht-souveränen Währungen zu kennen. Im Fall einer Regierung mit einer nicht-souveränen Währung, die ihre Schulden entweder in einer Fremdwährung oder in Landeswährung gekoppelt an eine Fremdwährung (oder ein Edelmetall wie Gold) emittiert, besteht für den Gläubiger ein Ausfallrisiko. Im Gegensatz dazu gibt es kein Ausfallrisiko für Anleihen einer Regierung mit souveräner Währung. Deren Schuldtitel werden ausschließlich in eigener FIAT-Landeswährung, die weder konvertibel (Gold) noch gekoppelt (Fremdwährung) ist, emittiert. In dem Fall beschränkt sich für den Gläubiger das Ausfallrisiko auf ein politisches Risiko. Was die Debatte in den USA über die Erhöhung der Schuldengrenze eindrucksvoll vorgeführt hat. Aus genau diesem Grund kann Japan ohne Problem viel höhere Schulden im Verhältnis zum BIP als die „hochverschuldeten“ PIIGS haben und dafür extrem niedrige Zinsen zahlen. Eine Nation mit einer souveränen Währung kann ihre Schulden plus Zinsen per Definitionem immer bedienen.
Das Euro-Dilemma ist ähnlich den früheren Problemen Lateinamerikas, wenn Länder wie Argentinien ihre Währung an den US-Dollar gekoppelt haben. Angesichts der institutionellen Zwänge müssen Defizite effektiv über „Fremdwährungskredite“ finanziert werden. Die Kreditaufnahme in einer „fremden Währung“ erfolgt notwendigerweise nach dem Diktat der privaten Märkte und die Nationalstaaten sind in ihrer Fiskalpolitik exogen eingeschränkt. Deshalb herrscht in Irland Chaos und es hat ein Solvenzproblem. Diese Fremdwährungs-Problematik haben die USA oder Japan nicht, weshalb Japan in der Lage war und ist, sich in den letzten zwei Jahrzehnten Geld für rund 1% zu leihen, obwohl es kein AAA-Rating hat und trotz einer öffentlichen Verschuldung im Verhältnis zum BIP von in etwa dem Doppelten der USA.
Dieses „Design“ der EWU war in vielerlei Hinsicht von den politischen Entscheidungsträgern gewünscht, vor allem vom teutonischen Block. Der mochte und wollte keinen „krassen Keynesianismus“ (in den Worten von Axel Weber, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank). Aber das Fehlen einer „Vereinigten Staaten von Europa“-Entität, die Fiskalpolitik auf supranationaler Ebene durchführen kann, bedeutet, dass regionale Disparitäten (die es seit der Einführung des Euro gibt) in Kraft blieben und von der jüngsten Kreditkrise verschärft wurden. Darum hat sich auch der Zinsabstand für Anleihen der so genannten PIIGS vis-a-vis Deutscher Bundesanleihen dramatisch verschärft.
Diese Disparitäten sind NICHT die Folge der „mediterranen Verschwendungssucht“. Viele Menschen, vor allem in Deutschland, sind der Ansicht, dass die italienische, griechische oder portugiesische Regierung (und damit verbunden ihre Bürger) für diese Krise verantwortlich sind — leben auf Pump mit billigen Kredite von nordeuropäischen Banken, zahlen nicht genug Steuern, arbeiten nicht hart genug — alles Argumente, die besonders gerne von Deutschen vorgetragen werden.
Eines geht klar aus den dauernden Äußerungen der deutschen politischen Entscheidungsträger hervor. Sie verstehen grundlegende Buchhaltungs-Identitäten nicht. Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen ihrem eigenen Export-Modell und ihren Handelspartnern. Es ist schon ironisch (und mehr als einen Hauch heuchlerisch), dass Deutschland seine Nachbarn, wie Griechenland oder seine Handelspartnern wie die USA, für ihre „Verschwendung“ geißelt, dann aber durch den Umstand, dass diese Länder „über ihre Verhältnisse leben“ die deutschen Handelsüberschüsse produziert, die der eigene Regierung kleinere Haushaltsdefizite ermöglichen.
Es ist sogar noch extremer innerhalb der Eurozone. Die Europäische Währungsunion als Ganzes hat eine ziemlich ausgeglichene Leistungsbilanz mit dem Rest der Welt. Das bedeutet für Euroland ein Nullsummenspiel: der Leistungsbilanzüberschuss einer Nation wird über das Defizit von einem Nachbarn ausgeglichen. Mit der dreifachen Beschränkung — der Unmöglichkeit die „eigene“ Währung abzuwerten, einem globalen wirtschaftlichen Abschwung und einem dominanten Handelpartner innerhalb des Blocks, Deutschland, fest entschlossen eigene Handelsüberschüsse zu produzieren — ist es recht unwahrscheinlich, dass arme, leidende Staaten wie Griechenland oder Irland eigene Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften.
Was ist nun aber mit den Argumenten der Faulheit, Korruption, mieser Steuermoral, alles Anklagepunkte die gegen die sogenannten „PIIGS“-Ländern vorgebracht werden? Hier müsste man einfach fragen, auch wenn die „Club Med“-Länder faul sind und keine Steuern zahlen, warum gibt es diese Krise jetzt? Waren diese Länder nicht „faul“ vor dem Beitritt zur EWU? Warum zum Beispiel hatte die italienische Regierung keine Solvenzprobleme vor dem Eintritt in die EWU? Vielleicht wäre es sinnvoll wenn die italienische Regierung höhere Einkommen stärker besteuert und/oder die Produktivität steigert, aber keine dieser Maßnahmen ist wesentlich zur Beilegung der Krise. Das Problem ist der Euro, und es ist ein gemeinsames Problem in der gesamten Euro-Zone. Das dämmert auch den Märkten und Ansteckung breitet sich von der Peripherie in den Kern aus.
Zum Beispiel das Chart der Ökonomin Rebecca Bräu von Standish Management, einer in Boston ansässige Rentenfond-Management-Gruppe:

Chart der Ökonomin Rebecca Bräu von Standish Management, einer in Boston ansässigen Rentenfond-Management-Gruppe
Die rote Linie bezieht sich auf Deutschlands wichtigste Wirtschafts-Indikatoren — Bestelleingänge, Exporte, etc. — und prognostiziert ein deutlich langsameres Wachstum in den kommenden Monaten. Deutschland ist eben auch ein Passagier auf der Titanic, wie der italienische Finanzminister Giulio Tremonti vor kurzem vermerkte. Es sitzt vielleicht in der Erste-Klasse-Kabine, anstatt auf dem Zwischendeck, aber wenn das Schiff den Eisberg trifft, dann sind alle Passagiere betroffen.
Bis jetzt haben die Eurokraten auf die zunehmenden Stresssignale im Euro-System entweder mit Verleugnung (Ignoranz?) reagiert oder schwächere Länder zu noch größeren Sparmaßnahmen auf Kosten der Bevölkerung gezwungen, die die Probleme einfach nur weiter verschärft haben. Verschlimmert wird das Problem durch einen völligen Mangel an Konsistenz und Prinzipien. Wenn größere Länder wie Deutschland und Frankreich routinemäßig Ausgabegrenzen verletzten, wurde dies geflissentlich ignoriert (oder darüber tapeziert), ganz im Gegensatz zu der schmähenden Kritik mit der nun Griechenland beworfen wird. Die EU folgt ihrer „Strategie“ der Ad-hoc-Improvisationen der Vertragsbestimmungen der EWU, anstatt den harten Job der Reform der fehlerhaften Vereinbarungen anzugehen. Die bestehenden fehlerhaften Vereinbarungen sind das Resultat einer dumme Ideologie, die weder in der politischen Realität geerdet ist, noch einer ökonomischen Logik folgt. Das Ergebnis kann ein politischer Feuersturm sein, der vollständig die Glaubwürdigkeit des Euro untergräbt.
Viele Politiker kritisieren die Europäische Zentralbank für ihre Wiederaufnahme der Anleihenkäufe. In gewissem Sinne sind die Kritikpunkte legitim: Die EZB übernimmt in der Tat eine „Fiskalfunktion“, für die sie nicht wirklich geeignet und auch nicht vorgesehen ist. Sie kauft Zeit durch den Kauf der Anleihen. Damit attackiert sie die Symptome, aber nicht die zugrunde liegenden Probleme. Die Europäer müssen erst die richtigen institutionellen Arrangements schaffen und die EZB, als alleiniger Herausgeber von Euros, ist das einzige Instrument, das zum gegebenen Zeitpunkt diese „Fiskalfunktion“ übernehmen kann, wenn auch unvollkommen.
Die EWU ist nicht vergleichbar mit einer Währungsunion, die es in einer normalen Föderation (wie Australien oder den USA) gibt. Eine wichtige Eigenschaft, die bewusst von der herrschenden Elite nicht als Feature der EWU vorgesehen ist, damit man gemäß der neoliberalen Agenda die Herrschaft der Zentralbank und eine passive Fiskalpolitik bekommt, ist: die EWU hat keine „nationale Regierung“, die die Verantwortung für die Finanzpolitik trägt und die Zentralbank kontrollieren kann — mit der Folge, dass der demokratische Prozess nicht die Wirtschaftspolitik regelt, wie das in einer echten Föderation der Fall ist.
Das Ergebnis war, dass angesichts des ersten großen Nachfrageschocks in der Region die Nationalstaaten schnell herausfanden, dass sie keine Fiskalpolitik in verantwortlicher Art und Weise machen können, um die Wirtschaft vor steigender Arbeitslosigkeit und kollabierenden Einkommen zu schützen. In einer normalen Föderation kann die nationale Regierung immer die Zahlungsfähigkeit der föderalen Bestandteile über Finanztransfers sichern. In der rechtlichen Ausgestaltung der EWU gibt es keine solche Institution und die Versuche der Mitgliedstaaten, den Nachfragekollaps abzufedern, erregten schnell den Zorn der Euro-Eliten. Allen voran die EZB mit ihrem Austerität-Regime für sündige Regierungen.
Das einzige, was zwischen der Insolvenz der „PIIGS“ und ihrem derzeitigen desolaten Zustand steht sind die „quasi-fiskalischen“ Interventionen der EZB. Durch Übernahme dieser Rolle — im Wege der Ad-hoc-Rettungsaktionen und Anleihekäufen auf dem sekundäre Markt — wird die EZB zu einer Art „Fiskalpolitik-Zar“.
Aber in der Ausübung dieser Macht hat die EZB ihre Rolle missbraucht und den Regierungen harte Sparprogramme diktiert, mit dramatischen Konsequenzen für die Menschen, die in diesen Ländern leben (z. B. Griechenland und Irland). Tatsächlich jagt sie nur den eigenen Schwanz, denn die Sparmaßnahmen der „PIIGS“ als Bedingung für den Kauf ihrer Anleihen — Bedingungen, die nebenbei bemerkt strenger als die im sogenannten „Stabilitäts– und Wachstumspakt“ verankerten sind. — führen dazu, dass deren Wirtschaft weiter kontrahiert, wodurch die Defizite größer werden. In einer normalen Föderation würde die griechische oder irische Regierungen durchaus in der Lage sein, den Schaden des Nachfrageeinbruchs zu begrenzen. Aber in der EWU sind ihre Möglichkeiten begrenzt und sie werden nun gezwungen eine prozyklische Finanzpolitik zu verhängen, genau das Letzte was ihre Wirtschaft braucht und gegen jeden makroökonomisch gesunden Menschenverstand.
Die aktuelle Krise ist erst der Anfang der Tragödie und kann mit dem Tod nicht nur einer Währung, sondern auch einer Vision für ein vereintes Europa enden. Das wesentliche Problem ist, dass die EU als gemeinsames politisches Unternehmen gegründet wurde, sich aber schnell zu einem (vielversprechenden) ökonomischen Unternehmen weiter entwickelte. Die Ironie ist, dass das Fehlen einer echten politischen Union — die eine gemeinsame Fiskalpolitik erlauben würde — am Ende das ganze europäische Projekt ruinieren kann.
Es ist daher an der Zeit darüber nachzudenken, wie ein großer Umbau des europäischen Projekts gestartet werden kann. Grundsätzlich gibt es zwei mögliche Wege. Erstens, wie würde eine Post-Euro-Welt aussehen? Die Auflösung der Eurozone müsste koordiniert erfolgen, da jede Nation mit einem Bank Run und schwerer Inflation konfrontiert wäre. Das Ergebnis wäre ein ineffizientes geteiltes System von der Art, das die Einführung des Euro eigentlich inspiriert hat.
Oder zweitens: Europa strebt eine „perfektere Union“ an und besinnt sich auf den ursprünglichen Ausgangspunkt des europäischen Projekts: die politische Union des Kontinents. Dessen Schlusspunkt wären dann die „Vereinigten Staaten von Europa“.
Your choice: no Euro or the Euro real thing?
Übersetzung: Stephan Ewald

Könnte man nicht fürs Erste versuchen, aus dem Euro eine richtige Währung zu machen oder versuchen, ihn durch eine solche möglichst unfallfrei zu ersetzen?
Denn wie konkret eine „perfekte” Union aussieht, halte ich für 1. nicht ganz einfach zu definieren und 2. eine Frage, auf die es sicherlich mehr als eine Antwort geben kann. Ein Europäischer Zentralstaat nach amerikanischem Vorbild ginge mir zum Beispiel schon deutlich zu weit, anderen vermutlich nicht ansatzweise weit genug. Ein solches Projekt aber ohne wirklich breiten dazu stehenden gesellschaftlichen Konsens durchzuziehen, kann eigentlich nur furchtbar in die Hose gehen.
Ich verstehe nicht so richtig, wie die Zentralisten denken, es sei eine gute Idee, für den EU-Zentralstaat damit zu werben, dass das, was zunächst keiner wollte, jetzt unbedingt erforderlich sei, weil das, was man zunächst unter genau den Versprechen, es werde eben nicht so kommen, eingeführt hat, offensichtlich in die Hose gegangen ist. Ein gemeinsames Europa, dass nur unter größtem Willen eingeführt wurde, weil als Alternative ein Horrorszenario im Raum stand, dürfte die europäische Idee für immer erledigen.
Abgesehen davon scheint der Beitrag hier unter einigen unbewiesenen Behauptungen, Widersprüchen und fehlenden Infos zu leiden. Ich empfehle zur Vertiefung daher:
http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2011/09/der-deutsche-leistungsbilanzueberschuss-und-strukturelle-reformen/
„Unwillen” natürlich, und ein „s” verschenke ich auch…
[…] Dieser Beitrag erschien auch als Crosspost bei Rotstehtunsgeht. […]
Eine interessante Anhäufung von Fehlern und Mißverständnissen.
> Im Gegensatz dazu gibt es kein Ausfallrisiko für
> Anleihen einer Regierung mit souveräner Währung.
Das ist falsch. Dieses Ausfallrisiko nennt sich Inflation. Das deutsche Reich hatte in den 20er Jahren eine „souveräne Währung” — und die Anleihen wurden völlig wertlos. Auch bei den vielen Staatsbankrotten der letzten 100 Jahre gab es genug Staaten mit „souveränen” Währungen.
> Angesichts der institutionellen Zwänge müssen
> Defizite effektiv über „Fremdwährungskredite“
> finanziert werden.
Das sind keine „institutionellen Zwänge”, das ist mangelnde Kreditwürdigkeit diverser „souveräner Währungen” bzw. diverser Regierungen.
> Die Kreditaufnahme in einer „fremden Währung“ erfolgt
> notwendigerweise nach dem Diktat der privaten Märkte
Die Kreditaufnahme in der eigenen Währung erfolgt auch auf privaten Märkten — ansonsten wäre es indirekte Enteignung.
> Diese Disparitäten sind NICHT die Folge der
> „mediterranen Verschwendungssucht“.
Über die Bezeichnung kann man sich streiten, über die Fakten eigentlich nicht. Ob man kann das staatliche griechische Finanzgebaren „Verschwendungssucht” nennt, ein subjektive Bewertung. Aber es war schlicht eine Politik, die nicht dauerhaft funktionieren konnte.
> Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen ihrem eigenen
> Export-Modell und ihren Handelspartnern.
Den gibt es auch nicht.
Ob ein Staat seriös wirtschaftet, ob er auf Pump lebt oder mit seinen Einnahmen auskommt — das hat mit Importen und Exporten nur sehr wenig zu tun.
> durch den Umstand, dass diese Länder „über ihre
> Verhältnisse leben“ die deutschen Handelsüberschüsse
> produziert …
Schlichter Unsinn. Auch ein Land mit soliden Staatsfinanzen kann ein Handelsdefizit gegenüber Deutschland haben und umgekehrt braucht auch ein überschuldeter Staat keine Importe aus Deutschland zu haben.
> Die Europäische Währungsunion als Ganzes hat eine
> ziemlich ausgeglichene Leistungsbilanz mit dem Rest der Welt.
Schön.
Nur daß Leistungsbilanz und Handelsbilanz eben deutlich unterschiedliche Sachen sind, die der Beitrag dauernd vermischt.
> Hier müsste man einfach fragen, auch wenn die
> „Club Med“-Länder faul sind und keine Steuern
> zahlen, warum gibt es diese Krise jetzt?
Irgendwann ist halt mal Schluß.
Ein Griechenland mit 40% Verschuldung konnte sich jährliche Defizite leisten. Ein Griechenland mit 140% Schulden kann das nicht mehr.
Die Keynesianer haben auf ein Schneeballsystem gesetzt, mit jährlich wachsender Verschuldung. Das fährt eben irgendwann vor die Wand — mit dem Euro hat das fast nichts zu tun.
> Wenn größere Länder wie Deutschland und Frankreich
> routinemäßig Ausgabegrenzen verletzten, wurde dies
> geflissentlich ignoriert …
Durchaus ein berechtigter Kritikpunkt, aber eben kein Grund, die viel schwereren Verletzungen durch andere Staaten ok zu finden.
> Die EU folgt ihrer „Strategie“ der Ad-hoc-Improvisationen
> der Vertragsbestimmungen der EWU
Von „Improvisation” kann keine Rede sein — die Verträge wurden direkte gebrochen.
Und genau das verursacht jetzt Probleme.
> die EWU hat keine „nationale Regierung“, die die
> Verantwortung für die Finanzpolitik trägt und die
> Zentralbank kontrollieren kann
Und diese Unabhängigkeit der Zentralbank war das Erfolgsmodell der alten Bundesrepublik.
> Das Ergebnis war, dass angesichts des ersten großen
> Nachfrageschocks in der Region die Nationalstaaten
> schnell herausfanden, dass sie keine Fiskalpolitik
> in verantwortlicher Art und Weise machen können …
Eine verantwortliche Fiskalpolitik hätten sie sehr wohl machen können. Also endlich mal die Neuverschuldung zurückfahren.
Aber eine verantwortungslose Währungsabwertungspolitik konnten sie nach dem Euro-Vertrag zu Recht nicht machen.
> Aber in der Ausübung dieser Macht hat die EZB ihre Rolle
> missbraucht und den Regierungen harte Sparprogramme diktiert
Nix diktiert.
Das waren sinnvolle und legitime Bedingungen. Die die betroffenen Länder frei waren anzunehmen oder abzulehnen. Bei einer Ablehnung hätten sie sich halt Milliardenzuschüsse anderswo organisieren müssen. Oder eben nur so viel ausgeben dürfen, wie sie an Einnahmen haben.
@RA
Vielen Dank für den Kommentar. Wie ich lese sind sie über unseren Beitrag unglücklich. Im folgenden ein paar Antworten.
(1) Wenn wir über Ausfallrisiko sprechen dann sollten wir in der Terminologie des Bond Markts bleiben. Sie können natürlich sehr gerne ihre Privatdefinition verwenden aber bei den Rating-Agenturen werden sie in den Regularien „Was ist ein Default?” das Wort Inflation nicht finden.
(2) Die Hyperinflation in Deutschland. Zugegeben ein beliebtes Beispiel. Gleich nach Zimbabwe. Erstens hatte DE nach 1918 nur Fremdwährungsschulden (Reparationen in Gold). Und es wäre auch sehr interessant von den vielen Beispielen mehr zu erfahren.
(3) Wir bestreiten nicht dass Länder (auch Deutschland) eine bessere Wirtschaftspolitik verdient hätten. Aber ob jetzt Italien oder Griechenland mehr Steuern eintreiben oder nicht ändert am €-Dilemma leider nichts. Mir ist kein Solvenz-Problem vor dem € bekannt.
(4) Mit ihrer Meinung zu der Import/Export Problematik sind sie in DE in bester Gesellschaft. Auch sie verstehen einfache Buchhaltungs-Identitäten offenbar nicht. Mehr dazu würde den Rahmen eines Kommentars sprengen. Nur so viel: die ganze Welt kann keinen Leistungsbilanzüberschuss erzielen.
(5) Wir sprechen über Handelsüberschüsse und die Leistungsbilanz. Sie werden mir sicher zustimmen, dass die Handelsbilanz Bestandteil der Leistungsbilanz ist.
Es gebe noch viel mehr zu anzumerken (Keynes ;-) aber in dieser Kommentar-Box ist das ziemlich mühsam. Wir haben recht viele Kommentare (auf dem anderen Blog) zu dem Beitrag bekommen aber über ihren habe ich mich am meisten gefreut. Sie bringen die deutschen ordo-liberalen Argumente sehr gut auf den Punkt. Und diese dominieren ja die DE €-Debatte. Ich bin völlig anderer Ansicht aber es ist sehr gut das mal miteinander zu diskutieren.
Mit besten Grüssen,
Stephan Ewald
Ich bezweifle, dass solch formale Argumente weiterhelfen. Entscheidend sollte doch wohl der wirtschaftliche Inhalt sein. Der wesentliche Unterschied zwischen Inflation und Default dürfte hier sein, dass letzterer tendenziell dynamischer auftritt und die Anlage zu einem höheren Prozentsatz in kurzer Zeit gefährdet. In den Auswirkungen aber sind die beiden Risiken ähnlich: Es werden höhere Zinssätze verlangt.
Solche Sätze tragen nicht gerade dazu bei, die Argumente desjenigen ernst zu nehmen, der sie äußert…
Die ganze Welt kann auch kein Kapital exportieren. Und welche bahnbrechenden Erkenntnisse liefert uns diese Binse jetzt?
Hurra — Schublade gefunden! Soll ich auch eine aufmachen? MMT?