Meine wie immer äußerst laienhafte Wahlkreisprognose für heute findet ihr hier. Meine Quellen sind hauptsächlich wahlrecht.de und election.de.
Meine Prämissen:
Schnitt der letzten drei Umfragen (Forsa ausgenommen):
Union 33,33 %
SPD 30 %
Grüne 19,33 %
Linke 7 %
FDP < 5%
Alle Wahlkreise in einem Gebiet (West/Ost) verhalten sich uniform. Besondere Wahlkreisfaktoren versuche ich, zu berücksichtigen, wenn sie mir bekannt sind. Ich weiß, jeder Wahlkreis wählt anders. Mir geht es weniger um die Ergebnisse in konkreten Wahlkreisen als vielmehr um das allgemeine Bild. Und was das allgemeine Bild angeht, ist uniformes Verhalten zum Beispiel in Großbritannien ein guter Indikator.
Meine Berechnungsformel für den Westen Deutschlands:
- Was die Union an Zweitstimmen gewinnt/verliert, gewinnt/verliert sie auch an Erststimmen.
- Bei der SPD gilt genau das gleiche.
- Die Hälfte dessen, was die FDP an Zweitstimmen verliert, verliert die Union an Erststimmen.
- Zweitstimmenbewegungen der Grünen werden nicht mit einberechnet. Gerade die neuen Grünwähler wählen auch mit der Erststimme grün. Dies könnte sich ändern, sollte eine gezielte Splittingkampagne gestartet werden oder die Grünen in der Wählergunst zurückfallen.
- Welche Wahlkreise die Grünen gewinnen, entscheide ich mehr oder weniger nach Gefühl. Jetzt, da die Grünen von ihren Höchstständen wieder ein bisschen runtergekommen sind, gewinnen sie wohl auch nicht viele Wahlkreise. Die Möglichkeit, dass ich die Grünen dabei unterschätze, ist vorhanden (schaut euch an, was die Grünen in BW alles gewonnen haben …).
- Zweistimmenbewegungen der Linken spielen keine Rolle.
Im Osten ist es etwas komplizierter, weil die meisten Wahlkreise ein Dreikampf sind:
- Bei SPD und Union überträgt sich die Zweitstimmenbewegung 1:1 auf die Erststimmen.
- Die Linke verliert im Osten das eineinhalbfache wie im Bundesschnitt. Die Linke verliert laut Umfragen im Osten deutlich stärker als im Westen. Ich glaube, meine Annahme ist noch zu optimistisch für die Linke (Infratest dimap vom 9.9.: West 4% (-4,3), Ost 17 % (-11,5).
- Ein Drittel der Zweitstimmenverluste der FDP drückt auf die Erststimmen der CDU (weniger Splitting im Osten).
Das Ergebnis seht ihr: 142 Wahlkreise für die Union, 146 für die SPD, 7 für die Grünen und 4 für die Linke. Ein Ergebnis, dass nicht unvernünftig erscheint, wenn man bedenkt, dass die SPD Splitting-Unterstützung von „alten“ Grünwählern bekommt (auch wenn das in den großen Städten, wo die Grünen selbst immer stärker werden, schwächer sein mag; ich kann es nicht richtig einschätzen), während die FDP … Na ja, reden wir nicht drüber.
Die Grünen holen Freiburg, Stuttgart I und II, Berlin-Mitte, –Tempelhof-Schöneberg und — Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg, sowie München-West. Wie gesagt, alles geraten; gerade Freiburg hängt von der Person des SPD-Kandidaten ab. Aber Gernot Erler ist nicht mehr jung. Hamburg-Eimsbüttel, beide Frankfurter Wahlkreise, Köln II, Berlin-Steglitz-Zehlendorf oder –Pankow, Karlsruhe und andere Münchener Wahlkreise sind weitere mögliche Ziele.
Die Linke gewinnt die drei Ostberliner Hochburgen und Märkisch-Oderland-Barnim II, verliert aber all ihre anderen Wahlkreise.
Überhang-Alarm
Ein ganz neuer Service: Wo drohen Überhangmandate?
Die Regierung sucht krampfhaft nach einem Weg, Überhangmandate zu erhalten, deswegen berechne ich hier mal, wie viele anfallen könnten.
Sitzverteilung nach Zweitstimmen: Union 222, SPD 200, Grüne 129, Linke 47.
Baden-Württemberg: Ganz werden sich Überhangmandate nicht vermeiden lassen. Jedoch verliert die CDU Stuttgart I und II an die Grünen, Mannheim, Heidelberg, Lörrach-Müllheim und Karlsruhe-Stadt an die SPD und gewinnt ein Listenmandat dazu. Dazu würde bedeuten, die Zahl der Überhangmandate würde sich von 10 auf 3 verringern.
Karlsruhe ist wohl knapp, der Wahlkreis könnte genauso an die Grünen oder die CDU gehen, Stuttgart II rechnerisch auch an die SPD; aber um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass die SPD so schnell in Stuttgart wieder Fuß fasst …
Bayern: Die CSU gewinnt wohl etwa ein Listenmandat dazu, verliert alle Wahlkreise in München an SPD oder Grüne sowie die beiden Nürnberger an die SPD. Die drei Überhangmandate von 2009 verschwinden.
Berlin: Wenn die SPD doch in Mitte und Tempelhof-Schöneberg gewinnen sollte, könnte sie ein Überhangmandat holen. Sonst aber nicht.
Brandenburg: Der zuverlässigste Lieferant von Überhangmandaten (1994, 1998, 2005). Die SPD holt wohl 9 Wahlkreise bei nur geschätzten 7 Listenmandaten. Wenn sie es noch schafft, der Linken Märkisch-Oderland abzuknöpfen, erhöht sich die Zahl der Überhangmandate auf 3.
Bremen: Unter zwei Listenmandate würde die SPD nicht fallen. Also keine Überhangmandate.
Hamburg: 6 Wahlkreise bei nur 5 Listenmandaten schenken der SPD ein Überhangmandat.
Hessen: Hier gab es noch nie Überhangmandate: Wenn die SPD die Hessener Wahlkreise abräumt, könnte sie in die Nähe eines solchen kommen. Einstweilen sehe ich aber keines. Übrigens: Hessen gewinnt einen Wahlkreis. Wie sich das auf die Einteilung auswirkt, weiß ich nicht und konnte es nicht mit einbeziehen. Wahrscheinlich wird der neue Wahlkreis aber CDU-freundlich sein, nach allem, was ich gehört habe.
Mecklenburg-Vorpommern: Im Moment ist die Union noch bei 5 Wahlkreisen, einen mehr, als sie Listensitze haben. Nur Schwerin ginge der CDU flöten. Das Land verliert aber einen Wahlkreis. Das wird Überhangmandate unwahrscheinlicher machen. Einstweilen holt die CDU aber eines.
Niedersachsen: Ausgeprägte Hochburgen beider Parteien verhindern Überhangmandate.
Nordrhein-Westfalen: Wie Niedersachsen, nur ausgeprägter.
Rheinland-Pfalz: Die SPD erobert Ludwigshafen, Neuwied, Mainz und Pirmasens. Das reicht deutlich, um CDU-Überhangmandate zu verhindern.
Saarland: Da die SPD alle vier Wahlkreise erobert, holt sie ein Überhangmandat (2009 gab es eines für die CDU).
Sachsen: Die SPD kann der CDU nicht viel abnehmen, nur Leipzig II wird rot; da die CDU wohl bei 12 Listensitzen bleibt, aber 15 Wahlkreise holt, ergeben sich 3 Überhangmandate.
Sachsen-Anhalt: Dieses Land ist am unvorhersehbarsten, wie immer; es gibt wohl zwei Extrasitze für die CDU, weil sie der Linken Wahlkreise abnehmen können wird (Altmark, Halle, Mansfeld), während die SPD keinen Wahlkreis von der CDU gewinnt, nur zwei von der Linken (Anhalt, Magdeburg).
Schleswig-Holstein: Wenn die SPD tatsächlich so abräumt, wie die Prognose sagt, gewinnt sie 10 Wahlkreise bei nur 8 geschätzten Listenmandaten, also zwei Überhangmandate.
Thüringen: SPD und CDU teilen die Wahlkreise, also keine Überhangmandate.
Gesamt: 6 für die SPD, 9 für die CDU.
Kritik an meiner Methode ist wie immer willkommen.

„Forsa ausgenommen”
:-D
Wie immer ein cooler Beitrag.
Huch, bin ich hier im falschen Jahr?
Nichts für ungut, normalerweise bin ich auch ein Fan von solchen Überlegungen, aber was soll das derzeit bringen?
Die nächsten bundesweiten Wahlen sind so weit weg, dass ich mir vo heutigen Prognosen nichts versprechen. Etwa 2 Jahre.
Vor etwa 2 Jahren war die SPD gerade so tief abgestürzt, dass einem Angst und bange wurde, während die FDP den größten Triumpf ihrer Existenz feierte. Und heute liegt die FDP mit Lähmung und Koma irgendwo zwischen Intensivstation und Leichenschauhaus, während scheinbar nichts an Rot-Grün vorbeiführen könnte.
Mal sehen, wo wir in zwei Jahren stehen. Vielleicht hat Steinmeier die SPD dann in ein solches Hoch geputscht, dass wir über 40%+ reden und darüber , ob die CDU jenseits von BaWü, Eichsfeld und Münsterland überhaupt noch 5 Direktmandate aufsammeln kann, vielleicht hat sich die SPD bis dahin aber wieder zerlegt und die Führungsrolle auch bundesweit an die Grünen abgegeben.
Spannender fände ich eine Analyse möglicher Direktmandate bei der Berliner Wahl in ein paar Tagen. Immerhin haben da gleich vier größere Parteien reale Chancen.
Es könnte auch dieses Jahr Neuwahlen geben, insofern …
Glaube ich nicht.
Dazu müssten uns Staatsmänner regieren, die das Wohl des Landes dem eigenen vorziehen und die andere heranlassen, wenn sie die eigene Begrenzung erkennen.
Ich weiß selbst, dass Neuwahlen im Moment unwahrscheinlich und der SPD wohl auch gar nicht so recht sind. Meine Formeln lassen sich aber auch in zwei Jahren noch anwenden. Wenn die Wahlkreise geändert werden, ändere ich sie in meiner Berechnung. Wenn die Grünen wieder fallen, füge ich vielleicht einen Splittingfaktor ein…
Die FDP müsste um ihre Existenz fürchten, wir haben kein verfassungskonformes Wahlrecht. Zwei Gründe, warum die Wahl jetzt nicht stattfinden wird.