Dialektik-Schmialektik

12. August 2011
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Eine rasche Kommentierung eines „taz”-Kommentars:

Eigentlich hätte man damit rechnen müssen, dass die Besitzer von amerikanischen Staatsanleihen in Panik geraten. Schließlich bekamen sie amtlich bestätigt, dass sie ihr Geld eventuell nicht wiedersehen.”

» S&P ist keine Behörde und auch kein Amt, sondern eine private Firma.

Um es vorwegzunehmen: Die Investoren irren nicht. Sie folgen zwar gern dem Herdentrieb, aber rechnen können sie trotzdem.”

» Die Behauptung „die Investoren irren sich nicht” ist erstaunlich. Das sind schließlich auch nur Menschen. Woher wollen wir wissen, dass die sich nicht irren? Davon abgesehen gibt es „die Investoren” nicht, so wenig wie es „die Mieter” oder „die Jogger” gibt.

Doch neuerdings sind alle Renditen im Minus, so dass sich das Kapital nicht mehr akkumuliert — sondern selbst vernichtet.”

» Es sind nicht alle Renditen im Minus. Einige fallen, andere steigen.

Sogar Konservative glauben inzwischen nicht mehr, dass dies nur eine unglückliche Phase sei, die wie jede Konjunkturdelle in einem Aufschwung mündet.”

» Die Aussage verstehe ich nicht. Entweder es ist so oder es nicht so. Eine Frage des Glaubens ist es nicht. (Warum ausgerechnet die Einschätzung von Konservativen so wichtig sein soll ist auch unklar. Sind das Wirtschaftsexperten per se?)

Vor einem Jahr kostete die Unze etwa 1.200 Dollar, jetzt sind es rund 1.800 Dollar. Dieser Anstieg wird gern als „Wertsteigerung” tituliert. Doch tatsächlich handelt es sich um eine versteckte Inflation.”

» Natürlich ist hier eine Wertsteigerung eingetreten. Ich weiß gar nicht, wie man so etwas schreiben kann. Wenn ich Gegenstand X zu 1000 Dollar gekauft habe und für 1800 Dollar wieder verkaufe, dann habe ich 800 Dollar Gewinn gemacht. (Es sei denn, der Dollar wäre auf einmal nichts mehr wert. Das ist aber nicht der Fall.)

Man stelle sich aber die gleiche Entwicklung bei Nahrungsmitteln vor: Wenn ein Brot erst 1,20 Euro pro Kilo kostet und ein Jahr später schon 1,80 Euro verlangt werden, dann würde niemand von Wertsteigerung sprechen — sondern eine Hyperinflation von 50 Prozent erkennen.”

» Brot ist ein Nahrungsmittel und wird gegessen, ist also nach Gebrauch weg. Gold ist nach Gebrauch noch da. (Der richtige Vergleich wären Optionsscheine auf Nahrungsmittel.)

Übrigens ist der Run aufs Gold ein weiteres Indiz, dass der Kapitalismus in der Krise steckt. Denn bekanntlich ist Gold kein Produktionsmittel und wirft daher auch keine Zinsen oder Dividenden ab.”

» 1000 Dollar für Gegenstand X, die zu 1800 Dollar werden, entsprechen einem Gewinn von 180%.

Diese heimliche Inflation lässt sich auch messen. Im Jahr 1992 hatten die Deutschen ein Vermögen von 7,26 Billionen Euro, wie sich beim Statistischen Bundesamt nachlesen lässt. 2008 waren es schon 15,07 Billionen: Macht ein stattliches Plus von nominal 107,6 Prozent.”

» http://ec.europa.eu/econom​y_finance/focuson/inflatio​n/how_de.htm

Doch der Trend ist klar: Es wird noch viel Kapital vernichtet werden müssen, bevor es sich wieder rentiert, Kapital zu besitzen.”

» Keine Ahnung, was man dazu schreiben soll. Dass „die Konzerngewinne” und privaten Vermögen der oberen 10% steigen ist doch bekannt?


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3 Responses to Dialektik-Schmialektik

  1. Rayson on 12. August 2011 at 17:53

    Zu dem taz-Kommentar kann man nur sagen: Au weia. Aber auch zu deinen Anmerkungen hätte ich was zu mosern… ;-)

    Schließlich bekamen sie amtlich bestätigt, dass sie ihr Geld eventuell nicht wiedersehen.”

    » S&P ist keine Behörde und auch kein Amt, sondern eine private Firma.

    Nicht nur das. Auch ein Downgrade von AAA auf AA+ ist immer noch sowas von Investment-Grade, dass es kein Wunder ist, wenn kräftig weiter gekauft wird.

    Davon abgesehen gibt es „die Investoren” nicht, so wenig wie es „die Mieter” oder „die Jogger” gibt.

    Es gibt allerdings ein ziemlich deutliches Ergebnis des Handelns der verschiedenen Investoren.

    Doch neuerdings sind alle Renditen im Minus, so dass sich das Kapital nicht mehr akkumuliert — sondern selbst vernichtet.”

    » Es sind nicht alle Renditen im Minus. Einige fallen, andere steigen.

    Alle Renditen im Minus wäre ein starkes Stück. Macht kein Unternehmen mehr Gewinn? Und was ist eigentlich mit den Käufern der Papiere, die jetzt abgestoßen wurden? Die kaufen niedrig ein — schon mal ein guter Anfang für eine Superrendite.

    Mal ganz abgesehen davon, dass Staatsanleihen meist bis zur Fälligkeit gehalten werden — dann kann, wenn sie zurückgezahlt werden, wovon man auch bei AA+ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgehen kann, auch der stärkste Kursverlust nie und nimmer eine „negative Rendite” erzeugen.

    Ansonsten scheint mir die Autorin nicht richtig begriffen zu haben, was „Vermögen” ist: Vermögen ist Hoffnung auf zukünftiges Einkommen.

    Das Vermögen wuchs also doppelt so schnell wie die Produktion. Das kann nicht funktionieren, sondern bedeutet langfristig: Die Renditen müssen sinken — oder das Vermögen.

    Natürlich kann das funktionieren. Nämlich wenn die Hoffnung auf die künftige Produktion steigt. Sicher kann man das bisher schwächere Wachstum als Indikator heranziehen, dass dem nicht so ein wird, nur: Zwangsläufig ist das nicht.

    Es ist in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht auch interessant, dass die Autorin das Problem „Geld” völlig zu ignorieren scheint. Wenn man aber über Blasen redet, muss man immer auch über Geld reden. Und wenn man nur ein wenig „österreichisch” denkt, dann ist einem klar: Ja sischer dat — wir hatten und haben noch eine Vermögensillusion aufgrund zu billigen Geldes. Da muss tatsächlich noch viel Luft raus.

    Und es betrifft nicht nur die Asset-Märkte, sondern auch den „kleinen Mann auf der Straße” (selbst wenn es eine große Frau in einer Wohnung sein sollte): Der Sozialstaat selbst ist zu erheblichen Teilen eine Vermögensillusion. Er verspricht mehr, als er zu halten im Stande ist.

    Kurzum: Wir alle sind viel ärmer, als wir denken.

    • Christian Soeder on 12. August 2011 at 17:57

      PS: „ULRIKE HERRMANN ist wirtschaftspolitische Korrespondentin der taz.”

      • Rayson on 12. August 2011 at 18:01

        Habe ich auch gelesen.

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