Der totale Geißler

Heiner Geißler am Ende des Interview mit dem „Deutschlandfunk”:

Armbrüster: Herr Geißler, seit Tagen wird auch über eine ganz andere Äuße­rung von Ihnen gespro­chen, am Schluss der Gespräche am vergan­genen Freitag haben Sie Joseph Goebbels zitiert und die Konfliktparteien gefragt: „Wollt ihr den totalen Krieg?” Was war da Ihre Absicht?

Geißler: Mal klar­zu­ma­chen, was los ist. Man kann doch nicht dauernd in Entweder-Oder-Kategorien denken, sondern es gibt auch das Denken Sowohl-Als-Auch. Es ist der Kompromiss, der …

Armbrüster: Aber verharm­losen Sie damit, Herr Geißler, verharm­losen Sie damit nicht …

Geißler: … hallo, hallo, hallo …

Armbrüster: … ja, ich höre?

Geißler: Ich kann Ihre Frage ja nicht verstehen, wenn Sie mir reinreden.

Armbrüster: Ich muss Sie das …

Geißler: … ich wollte doch gerade was erläutern …

Armbrüster: … ich muss Sie das gerade fragen: Verharmlosen Sie damit die Sprechweise der Nazis?

Geißler: Ach was, das ist keine Sprechweise der Nazis. Der totale Krieg, den gibt es auch anderswo, den haben wir zurzeit in Syrien.

Armbrüster: Aber die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg” stammt von Joseph Goebbels.

Geißler: So? Da wissen Sie mehr als ich.

Armbrüster: Noch mal die Frage, war das Ihre Absicht?

Geißler: Was war meine Absicht?

Armbrüster: Die Sprechweise der Nazis zu verharmlosen?

Geißler: Ja, ich glaube, Sie sind wohl auf dem Mond zu Hause, mir zu unter­stellen, ich wollte hier die Nazis verharmlosen!

Armbrüster: Was war dann Ihre Absicht?

Geißler: Also, so eine Unterstellung! Bitte?

Armbrüster: Herr Geißler, was war dann Ihre Absicht, dieses Zitat zu benutzen?

Geißler: Ja, ich habe das benutzt, um die Situation klar­zu­ma­chen. Waren Sie schon mal in Stuttgart und haben Sie es erlebt, was da los ist? Sie haben ja gerade Auszüge aus dieser Demonstration gebracht. Das ist ein verbaler Krieg, den wir dort haben.

Armbrüster: Und droht dort …

Geißler: … eine heftige Auseinandersetzung, die die Stadt spaltet und die Leute gegen­ein­ander aufbringt. Meine Absicht war, deut­lich zu machen, dass wir den Frieden brau­chen. Vielleicht sollten Sie mal darüber reden, anstatt über ein Zitat, das ja nur dazu dient, den Leuten klar­zu­ma­chen, dass es jetzt höchste Zeit ist, eine fried­liche Lösung finden zu wollen.

Armbrüster: Na ja, das Zitat haben Sie ja in die Welt gesetzt.

Geißler: Ja und, was ist dann? Und, was ist da, in dem Zitat?

Armbrüster: Ja, ich würde gerne von Ihnen wissen, ist Ihnen das klar, dass viele Leute darin eine Verharmlosung der Nazi-Sprechweise sehen und dass sie darüber empört sind?

Geißler: Ja, das kann schon sein. Wenn Leute sich wegen etwas Unsinnigem empören, kann ich sie nicht daran hindern.

Armbrüster: Ist das denn totaler Krieg, der da in Stuttgart droht?

Geißler: Der droht schon seit geraumer Zeit, er ist schon seit geraumer Zeit vorhanden, es hat über 100 Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung.

Armbrüster: Und das reicht …

Geißler: Ich verharm­lose über­haupt nicht, ich glaube, Sie verharmlosen.

Armbrüster: Ich glaube, viele Leute fragen sich, ob man mit einer solchen Sprechweise die Situation nicht nur noch verschlimmert.

Geißler: Wer sind viele Leute, wer ist das?

Armbrüster: Zum Beispiel Hörer des Deutschlandfunks.

Geißler: Ach so. Das sind aber nicht viele Leute.

Armbrüster: Immerhin einige, glaube ich.

Geißler: Also, hören Sie mal, was ist das, machen Sie ein Interview mit mir oder was soll das?

Armbrüster: So war das verab­redet, ja.

Geißler: Und läuft das jetzt live über den Sender?

Armbrüster: Ja, natürlich!

Geißler: Ja, das finde ich wunderbar! Ich glaube, Sie reden hier gar nicht über die Sache, sondern Sie reden über ein Zitat!

Armbrüster: Das Sie gebracht haben am vergan­genen Freitag und über das sich viele Leute empören.

Geißler: Jetzt sagen Sie wieder, viele Leute!

Armbrüster: Herr Geißler, es steht heute Morgen auch in mehreren Zeitungen!

Geißler: Gut, okay. Also, ich kann das nicht alles lesen. Was glauben Sie, was jetzt einzelne Journalisten schreiben! Wenn ich das lesen würde, dann wäre ich auch nicht gescheiter!

Armbrüster: Herr Geißler, besten Dank für dieses Interview!

Geißler: Ja, bitte schön!

Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, kommen­tiert lako­nisch: „Altersstarrsinnig oder schlicht über­for­dert?” Eine gute Frage.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

4 Kommentare zu “Der totale Geißler

  1. Pingback: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

  2. Keine Ahnung, ob der Interviewer Armbrüster alters­starr­sinnig ist. Über­for­dert war er auf jeden Fall.
    Über­for­dert mit dem Versuch, aus einer schrägen Bemerkung einen großen Skandal zu inszenieren.

    Da hilft auch die Einstiegslüge nichts: „seit Tagen wird auch über eine ganz andere Äuße­rung von Ihnen gespro­chen”. De facto hat aber über Tage niemand von dieser Äuße­rung gespro­chen, die inhalt­liche Diskussion über S21 stand im Vordergrund. Erst drei Tage später kam der erste Journalist auf die Idee, aus der Geißler-Formulierung ein Sommerloch-Thema zu machen:
    http://verwickeltes.wordpress.com/2011/08/02/frau-lehrerin-der-heiner-hat-autobahn-gesagt/

    Der Skandalisierungsversuch ist aber wohl mißlungen, es kommen Reaktionen nur von den übli­chen Verdächtigungen und das breite Publikum gähnt.

  3. Viel Wind um nichts. Oder hat der kollek­tive Gedächtnisverlust einge­setzt und niemand kann sich mehr an Geißler als CDU-Generalsekretär erin­nern? Solch Ausrutscher sind nicht neu (Zirkelschlag von der Anti-Pershing-Bewegung zum Pazifismus der 30er Jahre, der Auschwitz erst möglich gemacht habe), übri­gens nicht nur bei Geißler, bezeich­nete doch Brandt wiederum Geißler als den schlimmsten Hetzer bei Geobbels, oder meinte Kohl über Gorbatschow (vor Beginn einer großen Männerfreundschaft), der sei ja ein toller PR-Spezialist, wie Goebbels damals auch.

    Schlimm an solchen Stürmen im Wasserglas ist, dass sie vom eigent­li­chen Thema ablenken. Man kann mit Fug und Recht der Meinung sein, dass die Bemerkung von Geißler depla­ziert und unan­ge­messen war. Man hätte von Geißler mehr Geschick erwarten können, insbe­son­dere, dass er hätte erkennen können, dass genau eine solche Metadiskussion die Folge einer solchen Bemerkung ist.

    Es wäre aber dämlich zu glauben, dass Geißler die Verbrechen der Nazizeit verharm­losen möchte. Was sollte also diese dämliche Frage vom Armbrüster „War das Ihre Absicht, die Sprechweise der Nazis zu verharm­losen”? Hat eine Koalition aus Bildzeitung, selbst­ver­liebtem Feuilleton und Helden poli­ti­scher Sandkastenspiele keine inhalt­li­chen poli­ti­schen Probleme zu diskutieren?