Zeig deine Bruchstellen, SPD!

Ein aktu­eller Beitrag in der ZEIT fragt, warum die SPD nicht ihre Bruchstellen disku­tiert, zur Schau trägt, also ehrlich ist. Stattdessen versucht die Parteiführung dauer­haft Ruhe in die Partei zu bekommen. Bloß keinen Streit! Das war sicher für die erste Zeit nach der Wahl im Jahr 2009 richtig. Doch spätes­tens mit dem Parteitag in Dresden und der Rede von Sigmar Gabriel (Sinngemäß: „Geht dahin, wo es dreckig ist, wo es stinkt…”) sollte das eigent­lich ein Ende haben. Das Thema Sarrazin hat gezeigt, wie gespalten die Partei sein kann. Umfragen unter Parteimitglieder haben gezeigt, dass 62% wollen Sarrazin in der partei behalten, 31% ihn ausschließen. Den Weg der Parteiführung kann man nur als mißglückt deuten. Möglichst schnell Osterfrieden einkehren lassen, hat der SPD mehr geschadet als genutzt. Die Vorstellung einiger Vorstände, Sarrazin werde in Zukunft den Mund halten, hat er ja schon kurz darauf zerplatzen lassen. Das hätte man sich aber auch wirk­lich denken können.

Die SPD Führung „ballert” dagegen zur Zeit jede Woche ein neues Papier in die Öffent­lich­keit, kann damit aber nicht punkten.  Auch die Debatte um den Kanzlerkandidaten, die so uner­freu­lich über die SPD kam, zeigt dies wieder. Aus einem Halbsatz in einem HR-Interview entsteht die große Pressewelle und Nahles legt noch schön nach.

Es wäre Zeit ein paar Dinge in Angriff zu nehmen. Mit den Mitgliedern müssten wich­tige Felder ohne Angst disku­tiert werden. Ein zukünf­tiger Spitzenkandidat müsste es auf sich nehmen genau die so entstan­denen Positionen zu vertreten. Die Vorstellung der Kandidat diktiert das Programm voll­ends, halte ich für einen Trugschluß. Die Idee, dass der Kandidat nur glaub­würdig wirkt, wenn alles von ihm kommt, ist falsch (und das war doch noch nie so.) Dann könnte sich auch ein Kandidat als Vertreter der Entscheidungen der Partei gerieren.

Folgende Punkte wären zu überdenken:

1. Wir sind keine Partei im Wartestand um wieder die Regierung zu übernehmen. Wir sind in der Opposition. Verhalten wir uns auch so!

2. Wir sind nicht die Grünen. Wir haben andere Traditionen, andere Strömungen, andere Mitglieder und zum Teil auch andere Politikfelder. Einem Zeitgeist hinterher zu rennen, der den Wünschen der Mitglieder nicht entspricht, sollte man unter­lassen. (Wenn wir rufen: „Wir haben es aber zuerst erfunden” — was niemand glaubt — und „wir sind noch grüner”, nimmt man uns das nicht ab. Wir haben das auch nicht nötig.)

3. Wir wissen in vielen Punkten noch nicht wohin. Geben es also zu und rufen zu großen Diskussionen auf. Streiten wir doch mal zur Abwechslung heftig über ein Thema. Wenn wir mit Ruhe nicht punkten können, viel­leicht gewinnen wir so wieder Glaubwürdigkeit?!

4.  Brüche und Gegensätze müssen nicht schlimm sein, wenn Personen dafür einstehen. Auch wenn man an der einen Stelle mal unter­liegt (eigent­lich eine Selbstverständlichkeit in einer Partei). Woher kommt die Angst, auch mal eine Niederlage einzustecken?

5. Die SPD hat noch ein Jahr um sich der Probleme anzu­nehmen. Das ist wenig Zeit. Konzentrieren wir uns daher auf vier oder fünf Schwerpunkte. Suchen wir die größten Problemfelder. Diskutieren wir nicht über die Vergangenheit (Agenda2010), sondern wie Grundsicherung, Rente etc. in Zukunft gestaltet werden sollte. Diskutieren wir über Einwanderung und Integration. Diskutieren wir über Innere Sicherheit. Diskutieren wir über Bildung.

Das sind nur ein paar Gedanken, die ich mir nach der Lektüre des ZEIT-Beitrages gemacht habe. Am Ende bleibt die Frage: Ja, warum eigent­lich nicht? Was haben wir denn zu verlieren?

6 Kommentare zu “Zeig deine Bruchstellen, SPD!

  1. Pingback: Zeig deine Bruchstellen, SPD! | Robin Haseler

  2. Man kann sich nur fragen, ob der ZEIT-Autor wirk­lich so naiv/unpolitisch ist — oder ob er die SPD in die Pfanne hauen möchte.

    Denn in der poli­ti­schen Praxis Deutschlands gibt es kaum etwas Schlimmeres für eine Partei als öffent­lich als „zerstritten” dazu­stehen. Interne Meinungsverschiedenheiten müssen halt manchmal ausdis­ku­tiert werden — aber das schadet immer, Medien und Wähler werden das immer negativ werten.

    Auch die vom Autor behaup­teten Beispiele sind falsch. Die SPD hat 1998 mit dem Duo Schröder/Lafontaine taktisch geschickt verschie­dene Wählerpotentiale adres­siert — aber das gelang nur, weil die Beiden ihre inhalt­li­chen Gegensätze nicht öffent­lich ausge­breitet haben.

    Und den Grünen haben ihre dama­ligen internen Machtkämpfe auch geschadet. Nach der zitierten Krieg-Friedens-Diskussion 1999 haben sie bei allen folgenden Wahlen verloren.
    Der jetzige Höhenflug der Grünen beruht wesent­lich auch darauf, daß sie seit der Wahlniederlage konse­quent jede inhalt­liche Debatte vermieden haben.

    Es kann für die SPD nur so gehen, wie von Christian beschrieben: Einige zentrale Bereiche müssen geklärt werden, so daß sich beide Parteiflügel halb­wegs damit abfinden und damit in den Wahlkampf ziehen können. Ansonsten sind inner­par­tei­liche Auseinandersetzungen (insbe­son­dere um Alt-Themen) nur kontraproduktiv.

    • ich kann R.A. nur zustimmen!
      noch dazu kommt bei solchen inner­par­tei­li­chen diskus­sionen bei allen demo­kra­ti­schen parteien — speziell des linken lagers — erfah­rungs­gemäß nur ein wust grauer theo­rien raus.

      grad hab ich diesen artikel gelesen:
      http://www.wolfgangmichal.de/?p=453

      es geht zwar mehr um grie­chen­land, aber das grund­sätz­liche versagen der euro­päi­schen linken betrifft ganz sicher auch die spd!
      was fehlt, ist einfach glaub­haf­tig­keit!
      wer nimmt der spd ab, dass sie fürs soziale zuständig ist??

  3. „Diskutieren wir nicht über die Vergangenheit (Agenda2010)”

    Wieso eigent­lich, würden Steinmeier oder Gabriel endlich mal einen Fehler einge­stehen, könnte man auch wirk­lich daran glauben das Grundsicherung, Rente etc. endlich sozial gestaltet werden und nicht nur privatisiert.

    Die SPD kam viel­leicht auch durch das Thema Maschmeier nicht richtig aus der Versenkung?

  4. Bruchstelle Rassismus:

    taz zu Nahles’ Berlin: http://taz.de/1/berlin/artikel/1/wattebaeuschchen-zwischen-pest-und-cholera/

    Nahles sagt:
    „Wir haben in unserer Begründung für den Ausschlussantrag nach­ge­wiesen, wie nahe er an den Rassegesetzen der Nazis ist.„
    Doch poli­ti­sche Begründungen allein hätten eben nicht gereicht, ergänzt Nahles: Ein Mitglied müsse der Partei zudem „schweren Schaden zuge­fügt” haben, damit es zum Ausschluss komme.”

    Man darf sich in der SPD verbal also nah an den Rassegesetzen der Nazis bewegen und das best­sel­ler­mäßig verkaufen ohne dass man der Partei schadet. Interessant.

    Dazu passt: „Die Hälfte meiner eigenen Erfahrungen mit Rassismus habe ich in der Partei gemacht!” (Ahmet Iyidirli)

  5. Ein schöner Beitrag! Also hat er auch eine sorg­fäl­ti­gere Antwort verdient.

    > Es wäre Zeit ein paar Dinge in Angriff zu nehmen. Mit den
    > Mitgliedern müssten wich­tige Felder ohne Angst disku­tiert
    > werden.
    Ja, die SPD sollte wieder diskus­si­ons­freu­diger werden. Derzeit domi­niert Unsicherheit.

    > Ein zukünf­tiger Spitzenkandidat müsste es auf sich nehmen genau
    > die so entstan­denen Positionen zu vertreten.
    Im Grundsatz: Ja. Im Detail sollte er aber die zu seiner Person gehö­renden Freiheiten haben.

    > Die Vorstellung der Kandidat diktiert das Programm voll­ends,
    > halte ich für einen Trugschluß. Die Idee, dass der Kandidat nur
    > glaub­würdig wirkt, wenn alles von ihm kommt, ist falsch (und das
    > war doch noch nie so.) Dann könnte sich auch ein Kandidat als
    > Vertreter der Entscheidungen der Partei gerieren.
    Hä? Das Fazit im letzten Satz wider­spricht doch den vorher­ge­henden Sätzen?

    > Folgende Punkte wären zu überdenken:

    > 1. Wir sind keine Partei im Wartestand um wieder die Regierung
    > zu übernehmen. Wir sind in der Opposition. Verhalten wir uns
    > auch so!
    Ja. Allerdings als verant­wor­tungs­volle Opposition, nicht als „Was kost die Welt?”-Pöbelladen.

    > 2. Wir sind nicht die Grünen. Wir haben andere Traditionen,
    > andere Strömungen, andere Mitglieder und zum Teil auch andere
    > Politikfelder. Einem Zeitgeist hinterher zu rennen, der den
    > Wünschen der Mitglieder nicht entspricht, sollte man
    > unter­lassen.
    Weitgehend korrekt. Allerdings sehe ich immer noch eine große Nähe vieler Mitglieder zu den Grünen (ich hätte auch bei den Grünen landen können) und würde deshalb nicht ablehnen, was auch wir für vernünftig halten. Aber wir sollten die Schwerpunkte und Prioritäten anders setzen. Getrennt marschieren, gemeinsam siegen.

    > (Wenn wir rufen: „Wir haben es aber zuerst erfunden” — was
    > niemand glaubt — und „wir sind noch grüner”, nimmt man uns das
    > nicht ab. Wir haben das auch nicht nötig.)
    Zustimmung. Das müssen einige bei uns noch lernen.

    > 3. Wir wissen in vielen Punkten noch nicht wohin. Geben es also
    > zu und rufen zu großen Diskussionen auf. Streiten wir doch mal
    > zur Abwechslung heftig über ein Thema. Wenn wir mit Ruhe nicht
    > punkten können, viel­leicht gewinnen wir so wieder
    > Glaubwürdigkeit?!
    Zustimmung. Wobei zu solchen Diskussionen eine Streitkultur gehört, die andere Meinungen akzep­tieren kann und nicht sofort die Ausgrenzungs– / Ausschluss– oder Unvereinbarkeitskeule zieht.
    Das ist in den letzten Jahren viel zu sehr einge­zogen, auch in der Auseinandersetzung zwischen den Strömungen. So lange unsere Diskussionen regel­mäßig zu solchen Eskalationen führen, sind sie für Mitglieder wie Außenstehende abschre­ckend und werden abge­würgt.
    Darum sollten wir mindes­tens so sehr an unserer Streit– und Diskussionskultur arbeiten wie wir mehr disku­tieren sollten.
    Ach ja, wie wäre es mal mit einer Vorstellung der zahl­rei­chen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Debatten– und Diskussionsmagazine in diesem Blog? Vom Kontra (BaWü) bis Berliner Republik und spw, von Horizonte (MV) bis Perspektive 21 (BB)? Die Partei hat schon so einige Nischen zum Diskutieren und Debattieren, aber sie sind selbst intern zu unbekannt.

    > 4. Brüche und Gegensätze müssen nicht schlimm sein, wenn
    > Personen dafür einstehen. Auch wenn man an der einen Stelle mal
    > unter­liegt (eigent­lich eine Selbstverständlichkeit in einer
    > Partei). Woher kommt die Angst, auch mal eine Niederlage
    > einzu­ste­cken?
    Weil es zu schnell Ausgrenzungen, Ausschlussanträge etc. hagelt.
    Als Mitglied des Lassalle-Kreises (www.lassalle-kreis.de), der sich auch dazu bekennt, spüre ich die Vorurteile und die jegliche Hinterfragung ableh­nende Diskussionsverweigerung bei der uns betref­fenden Thematik oft genug.
    Wir machen als Lassalle-Kreis jedem SPD-Gremium das Angebot, zu dem uns betref­fenden Thema mit uns zu reden — wir besu­chen jeden inter­es­sierten Ortsverein. Ich will hier nicht offen­legen, wie oft ÜBER, aber bloß nicht MIT den gemeinten disku­tiert wird, aber es ist wirk­lich uner­freu­lich.
    Mehr Infos gerne auf Nachfrage.

    > 5. Die SPD hat noch ein Jahr um sich der Probleme anzu­nehmen.
    > Das ist wenig Zeit. Konzentrieren wir uns daher auf vier oder
    > fünf Schwerpunkte. Suchen wir die größten Problemfelder.
    > Diskutieren wir nicht über die Vergangenheit (Agenda2010),
    > sondern wie Grundsicherung, Rente etc. in Zukunft gestaltet
    > werden sollte. Diskutieren wir über Einwanderung und
    > Integration. Diskutieren wir über Innere Sicherheit. Diskutieren
    > wir über Bildung.
    Bürgerversicherung nicht zu vergessen.
    Ach ja, innere Sicherheit und Einwanderung sind Themen, bei denen Rechte und Rechtspopulisten stärker gewinnen als wir. Deshalb würde ich mich da zwar nicht verste­cken, aber sie auch nicht mutwillig in den Fokus rücken. Wohl aber, gerade bei Integration, im Stillen unsere Hausaufgaben machen. Der Sarrazzin-Aufruhr hing mit uner­le­digten Hausaufgaben zusammen.

    > Das sind nur ein paar Gedanken, die ich mir nach der Lektüre des
    > ZEIT-Beitrages gemacht habe. Am Ende bleibt die Frage: Ja, warum
    > eigent­lich nicht? Was haben wir denn zu verlieren?
    Tja, was?
    Im besten Fall unsere Vorurteile.
    Im schlimmsten Fall können wir unsere Diskussionsunfähigkeit demons­trieren, indem wir uns weiter zerreissen. Aber dann stellt sich irgend­wann die Frage, ob Friedhofsruhe wirk­lich die bessere Alternative wäre.