Wo wollen wir eigentlich hin?

Ein Plädoyer für die theo­re­ti­sche Fundierung unserer prak­ti­schen Politik.

Beitrag erst­mals erschienen in: „Kontra” Nr. 1, März 2011, S. 34.

Die Krise linken Denkens ist eine Krise der Verknüpfung sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Grundwerte mit real­po­li­ti­schen Konsequenzen. In unserer Partei wird die Frage der Selbstbildung nicht mehr hoch genug geschätzt. Seminare und Schulungen auf einem für poli­ti­sche Entscheidungsprozesse notwen­digen Niveau sind zwar teil­weise noch vorhanden, so z.B. auf dem Links 2011 Kongress des Juso-Bundesverbandes vom 01.-03.April 2011 (www.links2011.de) oder über die Angebote der Friedrich-Ebert-Stiftung. Über­wie­gend domi­nieren jedoch Methodik– und Vernetzungsseminare, die rein auf Verwaltung und Organisation des Parteiapparates ausge­richtet sind. Neue Mitglieder werden anschei­nend entweder als schon fertig poli­ti­sierte® Genoss(e)_in begriffen, oder als für seine poli­ti­sche Weiterentwicklung eigen­ver­ant­wort­li­ches Individuum. Beides führt aber nicht zum ange­strebten Ergebnis eines diskus­si­ons­freu­digen, gebil­deten und aktiv agie­renden Mitglieds.

Blickt man in die Geschichte der Sozialdemokratie, so war Politik immer und vor allem Selbstbildung. Theoretische Auseinandersetzungen wurden auf hohem Niveau ausge­fochten und führten zu einer leben­digen Debatte. Inhaltlich hoch­po­li­ti­siertes und gut ausge­bil­detes Personal wurde aus den eigenen Reihen rekru­tiert und über Jahrzehnte aufge­baut. Heute wird diese erfolg­reiche und zu einem Wertekonsens führende Praxis immer unbe­deu­tender. Darum muss sich auch in der SPD von externen Beratungsfirmen und „Expert_innen“ Wissen einge­kauft werden. Eigenes Potenzial, sei es im Marketing oder der Regierungsverantwortung, aber auch bei der Formulierung konkreter gesell­schaft­li­cher Zielstellungen liegt brach.

Für diesen Zustand gibt es einen Grund. Nicht nur die Führung der Partei erliegt der fixen Idee, dass durch die Demokratisierung der Bildungspolitik, also durch die eigenen real­po­li­ti­schen Erfolge, eine Theorie außer­halb des tradi­tio­nellen Wissenschafts– und Wirtschaftsbetriebes nicht mehr notwendig wäre. Es wird ange­nommen, dass alles was in der (Berufs)-Schule oder Universität gelehrt wird, objektiv wahr wäre. Einflüsse und Interessenlagen bestimmter Schichten, Milieus oder wirt­schaft­liche und poli­ti­sche Interessen werden negiert. Deswegen wäre eine eigene, d.h. originär sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Auseinandersetzung mit den gesell­schaft­li­chen Gegebenheiten über­holt und sogar falsch.

Die Aufgabe eigener theo­re­ti­scher Grundlagen hat schwer­wie­gende und nega­tive Konsequenzen. Wir laufen Gefahr, dass aufgrund von Unwissenheit und Unreflektiertheit Elemente neoklas­si­scher Theorien in die eigenen makro­öko­no­mi­schen Über­le­gungen Einzug nehmen, mit den bekannten real­exis­tie­renden Folgen von Finanz-, Wirtschafts– und Hungerkrisen.

Dieser Dominanz kapi­ta­lis­ti­scher Ideologie und Praxis in Wissenschaft und Politik steht eine eigent­lich sehr aktive, linke Theoriegemeinschaft gegen­über. Sie hat sich alter zentra­lis­ti­scher Denkverbote und vermeint­lich marxis­ti­scher Dogmen entle­digt und schafft es so sehr eindrück­lich Perspektiven zu den aktu­ellen ökono­mi­schen Entwicklungen herzu­stellen. Ansätze von John Holloway oder Antonio Negri gehören in diesen Kreisen zum Debattenmainstream, unab­hängig von der Bewertung ihrer Standpunkte. In der SPD, den Jusos oder in den nach wie vor sozi­al­de­mo­kra­tisch domi­nierten Gewerkschaften ist eine solch offene Auseinandersetzung über postope­rais­ti­sche Ansätze derzeit utopisch. Hier streiten wir uns über die Höhe des Mindestlohns, mit einer Linkspartei im Nacken, deren theo­re­ti­sches Vermögen sich übri­gens eben­falls bei jedem Thema im „Ein-Euro-Mehr-als-die-SPD“-Stakkato erschöpft.

Doch der abschät­zige Blick auf die Sozialdemokratie seitens der neomar­xis­ti­schen Theoretiker_innen rächt sich eben­falls. Ihre intel­lek­tu­ellen Zirkel bleiben über­wie­gend von real­po­li­ti­scher Macht und Einflussmöglichkeit in den führenden Industrienationen isoliert. Die theo­re­ti­sche Schwäche und inter­na­tio­nale Visions– und Kraftlosigkeit der Sozialdemokratie ist auch und insbe­son­dere der Fehler einer intel­lek­tu­ellen Avantgarde, die den eigenen Anspruch der Massenansprache nicht umsetzt.

Nur eine Wiedervereinigung theo­re­ti­scher Konzeption und prak­ti­scher Politik kann aus dieser Krise den Weg weisen. Dieser Artikel soll deswegen Aufruf und Auftakt zugleich sein, für eine theo­re­ti­sche Debatte mit prak­ti­schen Konsequenzen im Juso-Landesverband und seinem Magazin „Kontra“.

Mia Koch, Delegierte Juso-Landesausschuss Baden-Württemberg, Juso-Kreisverband Heidelberg
Julia Lück, Mitglied Juso-Kreisverband Mannheim
Matthias Genchi, Vorsitzender Juso-Kreisverband Göppingen
Mark Fischer, Mitglied Präsidium Juso-Landesausschuss Baden-Württemberg, Mitglied Juso-Kreisverband Mannheim

4 Kommentare zu “Wo wollen wir eigentlich hin?

  1. Wir laufen Gefahr, dass aufgrund von Unwissenheit und Unreflektiertheit Elemente neoklas­si­scher Theorien in die eigenen makro­öko­no­mi­schen Über­le­gungen Einzug nehmen, mit den bekannten real­exis­tie­renden Folgen von Finanz-, Wirtschafts– und Hungerkrisen.

    Mehr braucht man nicht zu lesen…

  2. ja, „rayson”, sie haben wirk­lich recht: mehr braucht man wirk­lich nicht zu lesen!
    und nachher sagen die „inte­lek­tu­ellen” deppen noch, dass der wähler nicht begriffen hat.….

    @ mia koch, julia lück,matthias genchi und mark fischer:
    „wovon ist die konver­sa­tion? wassis?
    natür­lich können sie jetzt auf mich herun­ter­schauen weil ich diesen fremd­wort­strot­zenden schmarrn nicht verstehe!
    hey.….. aber ich soll sie wählen!!!!!!!!!
    man… sowas von einge­bildet und abgehoben!!!!!!!!!!

    und wenn wir schon dabei sind.…
    @ chr. soeder, betr.: „so hätte es laufen können„
    da kann man ja wester­welle noch als ange­nehmen zeit­ge­nossen schätzen!
    „ES IST DEUTSCHLAND HIER!„
    und wo er räuber­haupt­mann recht hat, da hat er recht!
    an wen ist diese seite gerichtet? an das common­wealth of nations?

    • „Eigentlich” stehen „wir” nirgends zur Wahl, sondern „wir” wollen hier nur disku­tieren. Außerdem schaut niemand auf Sie herunter, weil/wenn Sie einen Text nicht verstehen.

  3. Beides führt aber nicht zum ange­strebten Ergebnis eines diskus­si­ons­freu­digen, gebil­deten und aktiv agie­renden Mitglieds.

    Es stellt sich die Frage, ob dieses Ergebnis nicht sogar gewollt ist. Das gilt für jede Partei. 180° Dauerwendungen der Parteiführung sind einem diskus­si­ons­freu­digen, gebil­deten und aktiv agie­renden Mitglied viel schwerer bis gar nicht vermit­telbar.
    Erst werden höhere Einkommen entlastet, wenn man dann wieder Opposition ist, möchte man sie wieder belasten. Erst stellt man Veräusserungsgewinne von Kapitalgesellschaften steu­er­frei, wenn man dann wieder Opposition ist, möchte man sie wieder besteuern. Erst senkt man die Steuern auf Kapitalerlöse, …

    Diskussionen darüber, dass ein abhängig Beschäftigter mit einem Jahresbrutto von 15’500 EUR den glei­chen Grenzsteuersatz hat wie ein Kapitaleigner, der seine geerbten 5 Millionen in Bundesanleihen ange­legt hat und dafür pro Jahr 155’000 EUR Zinsen bekommt, entgeht man am besten dadurch, dass man es gar nicht erst thematisiert.

    Dass von der „grünen Energiewende” vor allem dieje­nigen profi­tieren, die sich ihr Hausdach (und ein paar gemie­tete dazu) mit Solarpanels voll­knallen können und dass die 7%-Rendite dieser Menschen haupt­säch­lich von denen finan­ziert werden muss, die aufgrund ihres Einkommens und Vermögens nur als Stromkonsumenten zur Verfügung stehen können, ist für eine „Arbeiter„partei vermut­lich nur dann ohne grös­sere Tumulte aushaltbar, wenn die Zusammenhänge nicht allge­mein bekannt sind.

    Ein diskus­si­ons­freu­diges, gebil­detes und aktiv agie­rendes Mitglied könnte auf die Idee kommen seine Partei an den Taten zu messen, die sie in der Regierung zu verant­worten hatte und nicht an wohl­klin­genden Parteitagsbeschlüssen und Wahlprogrammen.

    So, und damit man sich nicht mit dem eben geschrie­benen ausein­an­der­setzen muss, hier noch ein Stöckchen:

    poli­ti­sierte® Genoss(e)_in

    Wenn ich so etwas lese, bekomme ich Augenkrebs. Wenn man denn auf Teufel komm raus irgendwie beide Geschlechter nennen will, warum steigt man dann nicht auf irgendwas komplett neutrales um? Mensch, Person, SPD-Mitglied zum Beispiel?