Unterschicht und Demokratie

Wie lösen wir den Grundwiderspruch auf, dass die, deren Leben durch Politik am meisten beein­flusst wird, nämlich die auf Sozialtransfers (Hartz IV) ange­wiesen sind, sich am wenigsten für Politik inter­es­sieren? Dass die Unterschicht, die am meisten zu gewinnen hätte, würde sie sich einbringen und ihre Rechte einfor­dern, sich am wenigsten einbringt? Was bedeutet das für neue Verfahren wie die Direkte Demokratie, die ich persön­lich gut finde? Bei denen ich aber befürchte, dass hier vor allem die Mittelschicht zu den großen Gewinnern gehören wird und die Unterschicht unter­liegt? Die Hamburger Schulreform hat gezeigt: das Bürgertum weiß für seine Interessen zu kämpfen, die Unterschicht nicht. „Mediaspree versenken” in Berlin zeigt das auch: die urbanen Berliner, die sich kultu­rell frei entfalten wollen, wollen ein „Spreeufer für alle”. Was der Verkäuferin bei Aldi nach einem 8-Stunden-Tag herz­lich wenig bringt. In Baden-Württemberg ist der Protest gegen „Stuttgart 21″ natür­lich auch kein Volksprotest. Beamte, Hipster, ergraute 68er, Wertkonservative, Grüne — eifrig vereint im Bahnhofskampf. Wo bleiben die Abgehängten? Wann melden sie sich zu Wort? Wie erreicht man Partizipation?

Kann das die SPD leisten? Hat sie die Kraft noch dazu? Brauchen wir ein „Forum Unterschicht”, das die unteren 10 Prozent anspricht, die sich das Bier auf der Ortsvereinssitzung nicht leisten können?

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

Ein Kommentar zu “Unterschicht und Demokratie

  1. > Wie lösen wir den Grundwiderspruch auf, dass die, deren Leben
    > durch Politik am meisten beein­flusst wird, nämlich die auf
    > Sozialtransfers (Hartz IV) ange­wiesen sind, sich am wenigsten für
    > Politik inter­es­sieren?
    Indem wir schon diesen angeb­li­chen Grundwiderspruch in Frage stellen.
    Ich bezweifle ganz intensiv, dass sich Hartz-IV-Bezieher nicht für Politik inter­es­sieren! Dieser Satz enthält die Vermessenheit, mit der von 100 Jahren das Standeswahlrecht oder gar nur das Wahlrecht ab einer bestimmten Steuerlast begründet wurde, weil die armen Arbeiter und Bauern sich nicht für Politik inter­es­sieren und darin auskennen würden! Da wider­sträubt sich mir alles!

    Ich würde es anders sehen: Die Lebenslage ist eine ganz andere, so dass die Prioritäten, die Wahrnehmung, aber auch das eigene Selbstbewusstsein anders gela­gert sind.
    1. Angefangen mit dem peku­niären: Das Geld ist knapp, wirk­lich knapp. Die zentrale Wahrnehmung liegt oftmals irgendwo zwischen „Ich muss einen Job finden” und „Ach, ist eh egal, ich bin eh über­flüssig, mich braucht in dieser Gesellschaft anschei­nend eh keine Sau, was macht es für einen Unterschied, ob ich lebe, saufe oder gar Selbstmord begehe. Hauptsache, ich störe nicht weiter.„
    2. Fortgesetzt mit dem Selbstbewusstsein: Einer Harz-IV-Karriere gehen im Allgemeinen Erfahrungen des Scheiterns voraus. Sei es die fehlende/abgebrochene Ausbildung, Entlassung, wieder­holte Absagen bei Bewerbungen … Oftmals Selbstzweifel, Verzweiflung wegen realer oder gefühlter Perspektivlosigkeit. Das frisst Kraft, das treibt in Depressionen und in Apathie.
    Es verleiht in den meisten Fällen nicht die Kraft und das Selbstbewusstsein, sich hinzu­stellen und mit dem breiten Kreuz der Über­zeu­gung für eine poli­ti­sche Über­zeu­gung zu kämpfen. Und dann von anderen die Kritik oder gar Herablassung in Blicken oder Worten soverän hinzu­nehmen und unge­stört rational reflek­tieren zu können. Kurz, die Kraft für eine poli­ti­sche Auseinandersetzung schwindet rapide. Ebenso wie das Vertrauen, dass „die da oben” einem aus dieser Situation heraus­helfen könnten.
    Das hat noch lange nichts mit einem Desinteresse an Politik zu tun, ledig­lich mit einem wach­senden Zweifel an der Wirksamkeit und dem Nutzen („Bringt doch eh nichts”).

    Wie erreicht die SPD die Abgehängten?
    Ich vermute, in der Phase des abge­hängt seins ist das m.E. schwer.
    Aber ich hätte einen anderen Vorschlag: Zum Glück gibt es viele, die diese Phase wieder über­winden. Die einer­seits mit einer neuen Tätigkeit neue Kraft und Selbstbewusstsein tanken, sich aber zum anderen der eigenen Zeit des Unsicherheit, Verzweiflung, Perspektivlosigkeit noch gut erin­nern. Und sicher­lich hatte der Eine und die Andere in dieser Zeit oder im Rückblck auf diese Zeit auch eigene Vorstellungen, ob und was einem damals beson­ders wichtig war, wie man da helfen könnte. Vielleicht haben diese bessere Vorschläge als solche, die nie selber in der Lage waren, aber jetzt im Namen jener viele gutge­meinte, aber oftmals eher untaug­liche Vorschläge machen.

    Also, warum nicht mal unter sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Genossen explizit jene suchen, einladen und ihnen zuhören, die in einer solchen Lage sind oder waren und die jetzt die Kraft haben, sich dieser Zeit und dieser Thematik zu stellen. Oder aber jene sammeln, damit sie gemeinsam Vorschläge entwi­ckeln können.
    Ob es etwas bringt? Weiß ich nicht. Aber schon Luther wusste, dass man „dem Volk aufs Maul schauen” muss, dass man ihm zuhören muss, um es ansatz­weise zu verstehen. Das gilt auch und beson­ders für jene, die sich verziehen, weil ihnen gerade das Selbstbewusstsein und die mentale Kraft fehlt, von sich aus eine laute Stimme zu entwi­ckeln. Wer leise ist, ist deshalb nicht gleich desinteressiert.