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#tazlab: #2: Mutige BloggerInnen in der Welt und das verwöhnte Deutschland

11. April 2011
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Am Wochenende war ich auf dem #tazlab, veranstaltet von der „taz“ und dem „Freitag“. Eine kleine Serie. Teil 2: Mutige BloggerInnen in der Welt und das verwöhnte Deutschland.

Das wirklich genialste und stärkste Podium gab es gleich zu Beginn: am Freitagabend hieß es „Hier spricht die Revolution“. Und zur Abwechslung war hier der Name wirklich einmal Programm. Es waren vor Ort: Dana Asaad (Journalist, Irak), Ines Pohl („taz“-Chefredakteurin), Johannes Staemmler („Causa Guttenberg“), Lina ben Mhenni (Twitterin/Bloggerin, Tunesien), Mona Seif (Twitterin/Bloggerin, Ägypten), Viktar Malishevsky (Anti-Journalist, Weißrussland). Nicht dabei sein durfte Yoani Sanchez (Bloggerin, Kuba), deren Ausreise das kubanische Regime verhinderte.

Um ehrlich zu sein: mir fehlen fast die Worte, um meine Gefühle zu beschreiben. Das Podium war dermaßen überwältigend besetzt, dass nur ein Mensch mit einem Herzen aus Stein nicht bewegt sein konnte. Beeindruckt haben mich Dana Asaad und Viktar Malishevsky, die beide auf ihre Weise versuchen, mit der jeweiligen Situation vor Ort umzugehen. Dana Asaad, indem er sich in Ironie flüchtet („Arbeitslose im Irak wurden zu Journalisten“), Viktar Malishevsky, der im Kampf um Demokratie und Freiheit für Weissrussland nicht aufgibt.

Aber ich muss gestehen: beide verblassten vor den Heldinnen der Revolution aus Ägypten und Tunesien, so ungerecht diese Wertung von mir auch sein mag. Denn wie mutig, wie inspirierend, wie fantastisch ist das Leben dieser Heldinnen der Revolution! Lina ben Mhenni aus Tunesien und Mona Seif aus Ägypten, zwei Frauen, die vor den Volksaufständen niemand kannte und die keine Ambitionen hatten, dieses zu ändern; die im Laufe der Revolution die Verantwortung fühlten, für diese zu kämpfen, für die Freiheit einzustehen; Mona, die 18 Tage quasi ununterbrochen auf dem Tahir-Platz ausharrte und für Freiheit und Demokratie ihre Stimme erhob. Lina, die von der tunesischen Regierung bzw. von Geheimdiensten bedroht und eingeschüchtert wurde, deren Laptop und Kamera gestohlen wurde; die trotzdem weitermachte, trotzdem sich nicht einschüchtern ließ, trotzdem weiter das Unrecht anklagte. Was für eine Geschichte: hat man erwartet, so etwas noch zu erleben, in einer Zeit, in der Zyniker den Platz der Idealisten eingenommen zu haben scheinen? Beide Frauen waren sich einig: die Revolution brachte Frauen und Männer näher zusammen, beide erklärten übereinstimmend, dass sie sich niemals freier von sexuellen Zwängen gefühlt hätten als in den Tagen der Revolution.

Und wie gerührt war ich, als Lina uns aufforderte, ihr Land zu besuchen, ihr freies Tunesien, ihr schönes Tunesien. Wie man ihr den Stolz anmerkte, es geschafft zu haben, frei zu sein. Und wie beschämt war ich, als Mona sagte, wir sollten und müssten unsere Regierung auffordern, Diktaturen nicht zu unterstützen. Habe nicht auch ich schon für „Geopolitik“ und „Realpolitik“ plädiert? Werde ich nicht bei der nächsten Gelegenheit wieder schwach werden, im Glauben, dass sich doch nichts ändert? Wie schnell werden wir die Revolutionen in Arabien vergessen, wie schnell werden wir uns wieder anderen Themen zuwenden? Der irre Gaddafi hätte es fast geschafft, die Revolte niederzumähen. Wir werden wir uns künftig verhalten?

Tunesien wird frei sein, Ägypten wird frei sein. Es ist dies das Werk von Frauen und Männern wie Mona und Lina. Deren Kraft und Mut kann uns allen Beispiel sein, uns, in unserer satten und reichen Gesellschaft.

Das kubanische Volk wird unterdrückt, schon seit Jahrzehnten – seit Jahrhunderten gar. Spielball der Mächtigen, wurde es einst durch ein US-freundliches Regime unterjocht, um dann nach der legitimen (!) Revolution durch Castro der Sowjetmacht in die Hände zu fallen. Wie wirkt Kuba doch aus der Zeit gefallen! Wie traurig ist es, dass Castro und seine „Genossen“ sich noch immer an die Macht klammern, im Glauben, es besser zu wissen als ihr Volk. Auch in Kuba regt sich Widerstand. Auch in Kuba wird dieser Widerstand unterdrückt. Wie gerne wäre Yoani Sanchez, Bloggerin in und über Kuba, bei uns gewesen – wie gerne hätte ich auch sie gesehen und bei ihr Mut und Kraft getankt. Das kubanische Regime hat ihr die Ausreise aus Kuba verwehrt. Sie ist gefangen im schönen unfreien Kuba, aber sie war bei uns – per Videobotschaft:

Hören Sie sich das Video an, und lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser, bitte die Übersetzung, falls Sie wie ich zu eurozentriert sind und nur Deutsch, Englisch und ein bisschen Französisch können:

Ich möchte den Teilnehmern des Kongresses der tageszeitung einen Gruß von hier aus Havanna in Kuba schicken. Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich nicht dabei sein kann. Leider ist das nichts, was ich selbst so entschieden hätte, sondern es ist einfach so, dass ich hier bin und ihr dort seid, weil wir Kubaner leider immer noch unter strikten Ausreiseregelungen leben. Es ist aber auch andererseits nicht so schlimm, weil diese kleine Webcam, mit der ich mich gerade Filme, meine Worte zu Euch tragen kann.

Sie, die Eingesperrte, entschuldigt sich bei uns, den Freien, dass sie nicht bei uns sein kann. Es ist eine ungerechte Welt, in der wir leben. Wir können sie nur Schritt für Schritt verbessern. Und müssen Ungerechtigkeiten wie diese ertragen, aber dürfen uns nicht damit abfinden, wenn wir nicht verzweifeln wollen. (Dass die lächerlichen „Cuba si!“-Spinner in der Linkspartei im Boden versinken müssten vor Scham, würden sie sich dieses Video anschauen, würde jeder normale Mensch annehmen, ich aber bin da nicht guter Hoffnung. Im Gegenteil. Die würden einen absurden „Nebenwiderspruch“ „erkennen“ und diese mutige Frau wohl als Konterrevolutionärin „enttarnen“.)

Abschließend ausdrückend ein Lob für Johannes Staemmler von der „Causa Guttenberg“, der dankenswerterweise uns allen zeigte, wie reich, satt und frei unsere Gesellschaft ist, und der im Vergleich zu den Heldinnen aus Ägypten, Tunesien und Kuba wie ein alberner Besserwisser wirkte (so wie jeder von uns gewirkt hätte, besonders dieser Autor), das auch sicherlich wusste und dennoch sich aufs Podium gewagt hat. In Deutschland kostet es den beliebtesten Politiker des Landes das Verteidigungsministerium, weil er sich seinen Doktortitel erschlichen hat, und wir arroganten Europäer haben das Gefühl, das Ende der Demokratie ist nahe, weil Guttenberg nicht schneller zurückgetreten ist. Wie dumpf und hohl muss sich das angefühlt haben für die anderen Podiumsteilnehmer, was für einen Eindruck haben sie wohl von uns gewonnen. Immerhin wissen sie jetzt bereits, was mit Demokratie und Freiheit einher geht: ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, der seinesgleichen sucht. Sicherlich werden sie sich davon nicht abschrecken lassen. Mir ist nicht bang um die jungen Demokratien in Ägypten und Tunesien, wenn so tolle junge Frauen das Sprachrohr der Revolution sind.


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