Jherings sozialdemokratische Visionen

Ein Gastbeitrag von Burkhard Grafenstein, Student der Rechtswissenschaften, Jahrgang 1979, Mitglied der Jungen Liberalen:

Im 19. Jahrhundert kam es biswei­len zu einem Umdenken unter Liberalen, die Sozialisten wurden oder sich sozia­lis­ti­schen Gedanken öffne­ten. Dies kann der Fall des berühm­ten Rechtswissenschaftlers Rudolph von Jhering (1818−1892) illus­trie­ren. Jhering stammte aus einer bis ins 16. Jahrhundert zurück­rei­chen­den ostfrie­si­schen Beamten- und Juristenfamilie. Er habi­li­tierte sich 1843 in Berlin, folgte Berufungen nach Basel, Rostock, Kiel und Gießen. Mit dem gewon­ne­nen Ansehen ging er 1868 nach Wien, wo er in den Adelsstand erhoben wurde. Seit 1872 wirkte er bis zu seinem Lebensende in Göttingen. Jhering ist nicht nur als Rechtsdenker bedeu­tungs­voll, er hat als Jurist auch allge­mein geläu­fige und praxis­taug­li­che Institute wie die „Culpa in contra­hendo“ hinter­las­sen.

Jhering hat sich mögli­cher­weise als junger Mann bei der 1848er Revolution hervor­ge­tan. Aus dem protes­tie­ren­den jungen Mann wurde ein Preußen- und Bismarckbewunderer und Monarchist. Zu Lebzeiten galt er als liberal bzw. natio­nal­li­be­ral, weil er sich für die Herstellung der natio­na­len Einheit Deutschlands begeis­terte. Jhering, den man auch als eigen­wil­li­gen Liberalen bezeich­nen könnte, sympa­thi­sierte dabei im Alter mit dem Sozialismus. Jhering hatte zuvor schon erkannt, dass Rechtsnormen dem gesell­schaft­li­chen Wandel unter­wor­fen sind. Bereits dieser Gedanke kam Jherings sozia­lis­ti­schen Zeitgenossen grund­sätz­lich entge­gen und wurde von ihnen aufge­grif­fen.

Sein Sohn Hermann von Jhering berich­tete von folgen­dem Gespräch im Jahr 1887:

„Im ganzen stehst Du der sozia­lis­ti­schen Propaganda wohl­ge­sinnt gegen­über“, warf ich ein. Dies bestä­tigte mein Vater und führte weiter­hin aus: „Ich sehe in den sozia­lis­ti­schen Bestrebungen unserer Zeit nichts, was unver­ein­bar wäre mit dem Familienleben, wie es uns lieb gewor­den, mit unserer Kultur, mit Religion und Monarchie. Es gibt nur ein abso­lu­tes Ziel im Gesellschaftsleben, nämlich die Zweckmäßigkeit. … Ich glaube …, daß die Wandlung weniger in der Beseitigung des Kapitalismus liegen kann, als in der Hebung der sozia­len Bedingungen der arbei­ten­den Klassen.“ „Wie steht es dann aber mit dem Eigentum“, bemerkte ich, „nament­lich in Bezug auf die recht­li­che Seite? Hier ist doch wohl eine Schranke für die Betätigung sozia­lis­ti­scher Lehren?“ „Mit nichten“, erwi­derte mein Vater, „Eigentum, Besitz, Kauf, Erbfolge, alles das sind Begriffe, welche durch die Gesetzgebung fixiert sind, aber es liegt ihnen nichts Ewiges, nichts Unabänderliches zugrunde. Bei allen Völkern, zu allen Zeiten sind die Auffassungen über die Rechtsverhältnisse verschie­den­ar­tige gewesen. Ich erin­nere dich nur an die Sklaverei, welche nicht einmal die Unabhängigkeit der Person respek­tierte … Unsere Zivilisation will nicht die Freiheit, sondern die Beschränkung des Individuums, die Beschützung des Schwachen gegen den Starken, glei­ches Recht, gleiche Fürsorge für alle … Manches Unrecht wird durch gerech­tere Verteilung der Steuern und durch eine progres­sive Erbschaftssteuer zu mildern sein. … Es gibt nur ein Desideratum in dieser Entwicklung: das ist die Erhaltung und Erweiterung unserer Zivilisation unter möglichst gerech­ter Verteilung von Gütern und Pflichten.“ (Wolfgang Fikentscher, Methoden des Rechts. Bd. III, Tübingen 1976, S. 160 f.)

Da Jhering nicht die Abschaffung des Kapitalismus fordert, könnte man die späten Ansichten Jherings zur Politik wie die Forderung nach gerech­ter Verteilung von Gütern und Pflichten und progres­si­ver Besteuerung wohl als sozi­al­de­mo­kra­tisch einord­nen. Dabei ist zu beach­ten, dass Jhering gegen­über verschie­de­nen poli­ti­schen Richtungen offen war und stark an den neues­ten Trends des jewei­li­gen Zeitgeists orien­tiert.

2 Gedanken zu „Jherings sozialdemokratische Visionen“

  1. An dieser Stelle sollte man viel­leicht erwäh­nen, dass die Arbeiterbildungsvereine, die m.W. bei der Gründung der SDAP eine wesent­li­che Rolle spiel­ten, oftmals von Bürgerlich-Liberalen Aufklärern ins Leben gerufen wurden.
    Das libe­rale Ideal von Freiheit, Bildung und Aufklärung hat hier vorteil­haft gewirkt und hat sich auch in der Sozialdemokratie dauer­haft veran­kert. (Klassenüberwindung durch gleich­be­rech­tigte Bildungschancen)
    Ich denke auch, dieser libe­rale Kerneinfluss ist es, der auf Dauer den Unterschied zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten ausmachte:
    Sozialdemokraten wissen, dass Gerechtigkeit und Solidarität nicht ohne Freiheit möglich sind. Kommunisten unter­schätz­ten zu oft den Wert der Freiheit.

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