Die graue Masse

Bei „netzpolitik.org“ ist ein Artikel erschienen, der die „Wir wollen Guttenberg zurück“-Gruppe bei Facebook zum Thema hat. Auch dort laufen die seltsamsten Kommentare auf. Unser Gastautor @haekelschwein hat indessen einen wirklich bemerkenswerten Kommentar verfasst, der hier nochmals publiziert werden soll:

Es bringt nichts, sich über unpolitische Menschen mit einfacherer Bildung lustig zu machen.

Was sollen die daraufhin tun, plötzlich klug werden? Wie soll das gehen?

Stattdessen muss man sie da abholen und annehmen, wo sie sich emotional und intellektuell befinden. Das ist nicht die abstrakte Welt dröger Politik mit ihren ellenlangen Diskussionen und meterhohen Papierstapeln, sondern es ist die Welt des Events, der Tat, der bewegenden Bilder.

Wer nur Boulevardmedien konsumiert, aber kaum seriöse Zeitungen oder Bücher liest, für den ist alles unterhalb von Superstars, Sensationen und Riesenwirbeln jenseits der Wahrnehmungsschwelle, für den gibt es nur total toll oder total scheiße.

Guttenberg war seit langem der erste Politiker, der es über die Wahrnehmungsschwelle dieser Bevölkerungsgruppe geschafft hat, alle übrigen verschwimmen in ihren Augen in derselben grauen Masse.

Dass er Politiker war, erschien aber nur als Anlass, über ihn zu berichten, nicht jedoch als Inhalt der Boulevardberichte. Deren Konsumenten interessieren sich auch nicht für Politik, sondern für schillernde Prominente.

Guttenbergs Beliebtheit bei dieser Schicht leidet deshalb auch nicht unter seinen Fehlern als Politiker, weil seine Fans gar nicht genau sagen könnten, worin dessen Politik eigentlich besteht, sondern sie sind sich lediglich sicher, dass ein Mensch, der ihnen derart sympathisch ist, auch auf diesem obskuren Feld namens Politik etwas Großes leistet.

Alle Gegenargumente, die Guttenbergs politische Versäumnisse aufzählen, verfangen deshalb nicht. Genauso wenig wie man einer verliebten Teenagerin den nichtsnutzigen Freund ausreden könnte, denn sie liebt ihn ja nicht wegen seines beruflichen Erfolgs. Im Gegenteil verstärkt man in beiden Fällen nur die Anziehung, weil man Trotz erzeugt und ein Bedürfnis, das Objekt seiner Liebe zu verteidigen.

Ein Großteil der Guttenberger scheint mir aus den Gruppen der Nichtwähler und der politisch Uninteressierten zu kommen und sich jetzt erstmals in eine politische Diskussion einzuschalten. Das erklärt auch, warum in vielen Foren so viele Neumitglieder ohne vorherige Beiträge sich für Guttenberg einsetzen. Das ist wohl kein Astroturfing, sondern die haben sich vorher eben nie für Politik interessiert, und jetzt interessieren sie sich zumindest für einen Politiker, allerdings auch nicht wegen dessen Politik, sondern wegen seiner Starqualitäten.

Dadurch unterscheiden sich diese Guttenberger auch von CSUlern. Die CSUler unterstützen Guttenberg, um ihre Politik nicht zu beschädigen. Die Guttenberger unterstützen Guttenbergs (unbekannte) Politik, um Guttenberg nicht zu beschädigen.

Statt Häme über die Guttenberger auszuschütten, sollten sich Bildungsbürger und etablierte Parteien überlegen, wie sie die Alltagspolitik verständlicher, aber auch mal spannender und begeisternder verkaufen könnten, damit nicht nur Buchstabenfresser sich dafür interessieren, sondern auch Menschen mit weniger Abstraktionsvermögen. Warum kann eine Regierungserklärung nicht so mitreißend sein wie eine Apple-Keynote? Man kann doch politische Themen auch mal mit Schwung und Begeisterung verkaufen. Die Boulevardmedien wiederum sollten sich fragen lassen, ob Personalisierung und ständiges emotionales Dauerfeuer der einzige Weg sein muss, die Zielgruppe anzusprechen, oder ob man nicht mal ein paar Gänge zurückschalten kann; wer ständig Überwürztes isst, verliert das Gespür für die feineren Geschmacksnuancen.

Nehmen wir also die Trauer der Guttenberger ernst, sie haben wirklich etwas verloren. Und das Verlorene sollte man ihnen auch zurückgeben, aber nicht in der Person Guttenbergs, sondern indem man ein wenig vom Auftreten und vom Verkäufertalent Guttenbergs in die für viele allzu graue Politikwelt übernimmt. Man kann von Guttenberg durchaus lernen, wie man Begeisterung erzeugt, wie man Tatkraft ausstrahlt, wie man Menschen für sich gewinnt. Das sind Dinge, die auch ehrliche Politiker durchaus plagiieren dürfen, und dabei muss die politische Substanz keineswegs auf der Strecke bleiben.

11 Gedanken zu „Die graue Masse“

  1. Das hab ich gerade auf netzpolitik gepostet, finde es passt zu deinem Grundton:

    In Österreich sind wir – wie meistens – weiter ;): http://www.youtube.com/watch?v=pNFrDNQ4uEk

    Berlusconi, Grasser, Gutenberg teilen als polarisierende öffentliche Personen viele Aspekte.
    Als “Lichtgestalten”, reich und schön, sind sie für ihre Fans halt personifizierte Hoffnung, dass die Welt nicht so schlecht ist wie die eigene Existenz vermuten lässt. Die kleineren und größeren Dreistigkeiten, tragen für sie nur noch zum Esprit des Erfolges bei.
    Die Gegner sind über die Personifizierung der ungleichen Chancen, der unlauteren Mittel wutentbrannt.

    Das Publikum teilt sich also in jene, die für sich keine Chancen mehr sehen, und wenigsten am Übertragenen Ersatz-Erfolg partizipieren wollen, und die Anderen, die noch etwas erreichen wollen, und eben vehement gegen unlautere Konkurrenz auftreten.

    Deutschland erstaunt diesbezüglich immer wieder mit seiner moralischen Rigidität und Lauterkeit. Irgendwann aber, ist zu fürchten, werden auch die Harz4-Bezieher ihren Spass haben wollen. Einziges Gegenmittel wären Chancen für Alle. Häme und Verachtung für die gesellschaftlichen Verlierer machen zugegeben Spass, helfen aber nicht weiter.

    Also bitte, jeden Spott für Gutenberg, aber die Facebook-Gruppe sollte ernsthaft als Phänomen politischer Partizipation im Netz analysiert werden.

  2. Danke für die Analyse.

    Das Problem ist doch: die Guttenbergs haben so viel Geld, dass sie sich die Meinung der BLÖD-Zeitung-Leser kaufen können. Das haben sie scheinbar getan – sonst würden dem Plagiator nicht so viele Menschen hinterher rennen.

  3. Es drängt sich ein Gedanke auf: Guttenberg veröffentlicht eine CD oder übernimmt die Moderation einer Fernsehsendung.
    Diejenigen die jetzt unter seinem selbstverschuldeten und freiwilligen Abgang leiden, hätten ihn als öffentliche Person zurück.
    Alle Anderen, die verstehen um welche eklatanten Verstöße es hier geht, wären fassungslos. Dennoch erleichtert, dass der politische Verzicht erfolgt ist.

    Es bleiben jedoch loose ends:
    Die Politik hat wieder Glaubwürdigkeit eingebüßt (sowohl für Befürworter als auch für Gegner).
    Die Welt der Wissenschaft hat einen deutlichen Schaden abbekommen. Auch in internationaler Perspektive.
    Die Gruppe derer, die sich als Guttenbergfans formieren, sind immer noch politikverdrossen, bildungsresistent und haben jetzt sogar noch weniger Werte (unterstelle ich jetzt mal, da die Guttenberggeschichte keine Moral hat).

    Wer jetzt fordert von Guttenberg zu lernen und mehr Entertainment in die Politik zu holen befähigt doch die Spirale in ihrer Abwärtstendenz.

  4. So einfach kann man es sich mit Guttis Beliebtheit nicht machen. Viel davon geht, denke ich, auch auf die Wahrnehmung zurück, dass er die Abschaffung der Wehrpflicht durchgedrückt hat. Das betrifft die meisten irgendwie, und zwar recht unmittelbar, viel direkter als alles, was sonst so in Berlin an Politik gemacht wird.

    1. Er hat die Wehrpflicht nicht mal abgeschafft, sondern nur „ausgesetzt“. Um die Wehrpflicht abzuschaffen, müsste das Grundgesetz geändert werden. Laut Grundgesetz ist eine Wehrpflicht also möglich, der Staat macht von seinem Recht aber im Moment keinen Gebrauch. Allerdings kann sich das ganz schnell wieder ändern. Etwa wenn es zu wenig Freiwillige gibt.

  5. Verzeiht, dass ich diese Kommentarfunktion mißbrauche, habe kein Impressum o.ä. gesehen.
    Ich habe diese Seite vor ein paar Tagen entdecktz und finde sie interessant, allerdings ist die Schrift auf meinem Siemens-Standard-Monitor mit 1280×1024 schlecht zu lesen. Kann man da was einstellen?
    Nochmal sorry,
    danke für die gute Seite,
    D.

  6. Die eigentliche Frage stellt sich aber, was man Schlussfolgert, wenn die Wahlbeteiligung und Berichterstattung über Politik nebeneinanderstellt.

    Man kann den Eindruck bekommen, dass eine Politikverdrossenheit billigend in Kauf genommen wird.

    Was für viele „konservative“ Medien natürlich auch Vorteile bringt. Weil sich so die Bevölkerung von der Politik entfernt und unbemerkt Gesetze verabschiedet, worüber es dann keine Beschwerden gibt.

    Der Stammwähler bleibt und der Wechselwähler flieht…

  7. Nun, hier werden sehr schön jene Mechanismen beschrieben, die auch beim Phänomen Obama griffen. Den verteidigen ja auch heute noch seine Fans – sehr viele hat er davon ja auch in Deutschland noch immer – obwohl er inhaltlich Bush III ist. Krieg, Patriot Act, ‚Extra-judicial killings‘, Bailouts für Bankster und Konzerne, Verschuldungsorgie sind da nur wenige Stichworte. Und selbst Punkte, die staats- und gewaltverliebte „Linke“ sicherlich zu seiner Entlastung vorbringen würden wie etwa der eingeführte Zwang zum Abschluss einer Krankenversicherung („Gesundheitsreform“) ist ja nun wahrlich nicht der Hammer. Mal davon abgesehen, dass durch Obamas „Gesundheitsreform“ die feuchten Patentschutzträume Pharmalobby erfüllt und die Gier der Versicherungskonzerne befriedigt wurden (Pharma und Versicherer haben die „Reform“ im Vorfeld ja auch massiv unterstützt), ich kenne persönlich jemanden, der sein Haus verkaufen muss, weil es die „premiums“ der zwangsweise abgeschlossenen Versicherung nicht zahlen kann. Soziale Gerechtigkeit sieht anders aus.

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