Sektion 8 der SPÖ

Heute mische ich mich mal rasch in die inneren Belange der SPÖ ein, mit einem Verweis auf ein lesens­wertes Interview mit Nikolaus Kowall, Vorsitzender der Sektion 8 in Wien-Alsergrund, im „stan­dard”:

derStandard.at: Die Sektion 8 wurde 2007 gegründet, als Protest gegen das Kabinett Gusenbauer. Wie beur­teilen Sie die Performance Werner Faymanns im Vergleich zu ihm?

Kowall: Wir können in den üblichen medialen Diskurs einsteigen und anhand von Personen die aktu­elle SPÖ-Linie analy­sieren. Aber das ist nicht sehr sinn­voll. Gusenbauer ist genauso wie Faymann ein Produkt einer spezi­fi­schen Kultur, die sich heraus­ge­bildet hat. Sie schaffen es irgend­wann an die Spitze und sind Getriebene aber auch Treiber des Apparates. Sie haben viel­leicht gar nicht so viel Handlungsmacht, wie man sich das vorstellt. Bei aller Wut, die man das eine oder andere Mal auf den Parteivorsitzenden hat, muss man sich einge­stehen: Wesentlich ist, dass sich Strukturen verän­dern und es andere Mechanismen sind, durch die man in der SPÖ Erfolg hat.

Ein span­nendes Interview mit guten Denkanstößen.

Noch kurz eine Erläuterung, was die „Sektion 8″ ist:

Rund um die Regierungsbildung im Jänner 2007 gab es eine kurz­le­bige Protestwelle inner­halb der Sozialdemokratie, die jedoch nach wenigen Wochen verebbt ist. Dem Widerstand inner­halb der Sozialdemokratie folgte die Resignation vor der Macht des Faktischen. Eine Gruppe junger Menschen (Jahrgänge ca. 1975 – 1985) hat sich in diesen turbu­lenten Wochen entschlossen, inner­halb der Sozialdemokratie eine Bewegung aufzu­bauen, die nach­haltig auf den Diskurs und die Politik der SPÖ Einfluss nehmen möchte. Inspiriert durch die Protestsektion Linz wurde eine statu­ta­ri­sche Verankerung in der SPÖ gesucht und gefunden: Die Sektion 8 der SPÖ Alsergund. Die Wahl fiel auf eine tradi­tio­nelle SPÖ-Struktur, weil die Bewegung um eine Interaktion mit dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Apparat bemüht ist und mehr sein möchte als ein Label.

Etliche Mitglieder dieser Gruppe waren viele Jahren in sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Organisationen poli­tisch aktiv, unter ihnen finden sich beispiels­weise eine Reihe von ehema­ligen Verantwortungsträger/innen des Verbands sozia­lis­ti­scher Student/innen (VSStÖ) und der Aktion kriti­scher Schüler/innen (AKS). Es handelt sich sowohl um Menschen die in den Jännertagen 2007 aus der SPÖ ausge­treten sind, als auch um solche, die sich damals entschieden haben, umso entschlos­sener für eine kultu­relle, poli­ti­sche und perso­nelle Erneuerung in der Sozialdemokratie zu kämpfen. Unsere poli­ti­sche Herangehensweise ist keines­wegs doktrinär, trotzdem bekennen wir uns zu einer klaren poli­ti­schen Stoßrichtung die darauf abzielt, die intel­lek­tu­elle Hegemonie des Neoliberalismus an sämt­li­chen Fronten zu brechen, und reali­sier­bare Gegenmodelle zu erar­beiten. Das Wohl der Gesellschaft mittels Wettbewerb ist für uns ebenso tot wie die Verteilungsfrage lebendig.

Unsere moderne Organisationskultur und unsere gleich­zei­tige Verankerung im tradi­tio­nellen Parteiapparat sehen wir nicht als Widerspruch, sondern als Notwendigkeit für einen unor­tho­doxen Politikzugang. Die Sozialdemokratie ist ein alt gewor­dener Tanker dessen Innenleben schon vita­lere Zeiten gesehen hat, gleich­zeitig sind poli­tisch span­nende Initiativen in NGO’s oft völlig abge­kop­pelt von der Masse der lohn­ab­hän­gigen Menschen. Wir glauben dass eine Symbiose dieser beiden Philosophien die einzige Chance auf eine Wiederbelebung der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei sowie der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Idee ist.

Das heißt quasi: eine Gruppe von linken Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten hat einen Ortsverein „übernommen” und wirkt somit aus den offi­zi­ellen Strukturen der SPÖ in die SPÖ hinein, wobei nicht alle Mitglieder des Ortsvereins vor Ort leben. Eine span­nende Idee. Klappt aller­dings vermut­lich nur so lange, wie die Mehrheit in der Sektion 8 so tickt wie angedacht.

In der SPD wäre das vermut­lich nicht möglich, da hier prin­zi­piell das Wohnort-Prinzip gilt, also: da, wo man seinen Erstwohnsitz hat, ist man auch im zustän­digen Ortsverein Mitglied. Ausnahmen hiervon müssen explizit vom Kreisvorstand bzw. Unterbezirksvorstand geneh­migt werden.

In der SPÖ ist man anschei­nend nicht so strikt — zum Ausgleich ist es in Öster­reich dafür einfa­cher, aus einer Partei raus­ge­worfen zu werden, da die staat­li­chen Regeln für Parteien in Öster­reich den Parteien mehr Freiräume geben, wen sie als Mitglied haben möchten und wen nicht.

Da Mitglieder der SPD auch Mitglied der anderen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Parteien Europas bzw. der Sozialistischen Internationalen werden dürfen, spricht übrigens meines Erachtens nichts dagegen, die Sektion 8 mit einem Beitritt zu stärken — wenn man das will.

Jetzt noch ein rascher Verweis auf das Blog der Sektion 8, schon können wir uns wieder anderen Themen zuwenden.

Über Christian Soeder

Christian Soeder schreibt zu netzpolitischen Themen, über die SPD und die Gesellschaft generell. Feminist.

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