Guttenberg will seinen Doktortitel zurückgeben, dies hat er in einem Brief an die Universität Bayreuth erklärt. „BILD” hat den Brief online zur Verfügung gestellt (lokale Kopie). Anscheinend will Guttenberg vermeintlich maximale Transparenz walten lassen. Dabei hat er aber meines Erachtens einen kapitalen Bock geschossen. Denn Bundeskanzlerin Merkel hat eine scharfe Trennung zwischen der Privatperson Guttenberg und dem Minister Guttenberg vorgenommen. Tenor: die Privatperson Guttenberg hat sich nicht an die akademischen Regeln gehalten, das sei aber egal, da der Minister Guttenberg gute Arbeit leiste und ihr Vertrauen habe. Nun hat aber Guttenberg den Brief an die Universität Bayreuth mit dem Briefpapier des Bundesministeriums der Verteidigung, also ausdrücklich in seiner Eigenschaft als Minister, angefertigt. Damit wird dieses Thema zur Sache des Ministers, somit zur öffentlichen Sache — und Merkels genialer Schachzug somit von Guttenberg persönlich ausgehebelt. Ob das im Bundestag zur Sprache kommt?
Noch ein Aspekt. Die „Süddeutsche Zeitung” berichtet, dass Guttenberg den Doktortitel bereits im Februar 2007 führen durfte:
Zuletzt hat die Berliner Zeitung von einem Ex-Offizier berichtet, der eine Anzeige gegen Guttenberg wegen Titelmissbrauchs angekündigt hatte: Der Minister habe seinen Titel zu früh geführt, so der Vorwurf. Dem widersprach inzwischen die Universität Bayreuth. Guttenberg habe nach der bestandenen mündlichen Prüfung im Februar 2007 einen Antrag auf vorzeitiges Führen des Titels gestellt, dem stattgegeben worden sei, erklärte der Bayreuther Jura-Professor Diethelm Klippel.
Laut „archive.org” hat Guttenberg den Doktortitel auf seiner Website aber bereits seit Dezember 2006 geführt — also anscheinend mindestens zwei Monate, bevor er ihn hätte führen dürfen. (Nachtrag, 14.22 Uhr: in einem Kommentar wird erläutert, dass archive.org nicht unbedingt vertrauenswürdig ist. Das ist zu beachten.)
Wie passt das zusammen?

Vorsicht bitte.… Das Webarchive zieht hier u.U. einfach ein aktuelleres Bildchen, das nicht zum angezeigten Datum passt. Ich würde diese Art von „Beweisen” sehr vorsichtig betrachten. Wenn man sich die dankenswerterweise ebenfalls im Webarchive vorhandenen Pressemitteilungen ansieht, dann sieht man, dass Gutti etwa ab 10. Mai 2007 seinen Doktor strg. c. verwendet. Da dürfte die Genehmigung der Uni wohl eingetrudelt sein. Also bitte, keine Falschmeldungen verbreiten, das schadet eher (weil sich die Gutti-Befürworter drauf stürzen werden) als dass es hilft.
Danke für den Hinweis!
Ich habe ja mit „laut archive.org” kenntlich gemacht, dass das nicht einwandfrei belegt ist.
Eine Falschmeldung ist es also mitnichten.
Eins ist allerdings in diesem Zusammenhang bemerkenswert, und zwar die Eile, die Guttenberg bei der Verwendung des Titels an den Tag legte. In starkem Gegensatz zu der Zeit übrigens, die er sich mit der Dissertation ließ. ..
Das gibt doch einen sehr guten Blick auf seine Motivlage.
„Der Bayreuther Jura-Professor Diethelm Klippel wies derweil eine Darstellung eines ehemaligen Bundeswehroffiziers zurück, Guttenberg habe den Doktortitel zu früh geführt. Guttenberg habe am 27. Februar 2007 seine mündliche Prüfung abgelegt und danach — was üblich sei — den Antrag auf vorzeitiges Führen des Titels gestellt, sagte Klippel. Nachdem er einen Vertrag mit dem Verlag, der die Arbeit später veröffentlichen wollte, vorlegen konnte, sei diesem Antrag stattgegeben worden. Ab dem 7. Mai 2007 habe sich Guttenberg Doktor nennen dürfen. Nachdem er dann am 28. Januar 2009 die Pflichtexemplare der Arbeit vorgelegt habe, habe er den Titel dauerhaft führen dürfen.”
http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5gMemcMiSqzHBJIiJniJ7t-GLN_sA?docId=CNG.e6d27569a0c505b24f861d7de626189d.2b1
Also erst seit Mai 2007 hätte sich Guttenberg „Dr.” nennen dürfen.
Die Sache mit dem Briefpapier finde ich persönlich — so einigermaßen — unproblematisch, jedenfalls erklärlich aus der Hektik der letzten Tage. Dass Guttenberg in den letzten Tagen seine Zeit im Ministerium verbringt, dürfte nachvollziehbar sein. Und auch, dass er in diesem Moment vielleicht kein privates Briefpapier zur Hand hatte, sondern Wert darauf legte, den Brief nach Bayreuth so schnell wie möglich zu versenden.
Hässlich am Vorgang ist imho allerdings, dass er (so muss man es vermuten), sofort die BILD-Zeitung in Kenntnis setzte und ihr sogleich eine Kopie des Originals aushändigte.
Comical Gutti. Unwürdig.
„Und auch, dass er in diesem Moment vielleicht kein privates Briefpapier zur Hand hatte”
Ernst gemeint? Ein weißes Blatt Papier wäre völlig ausreichend.
Nunja — ich halte Comical Gutti eher für leichtsinnig und oberflächlich. An ein weißes Blatt Papier denkt der nicht — er legt einfach los.
Ach, das sind doch relative Lapalien.
Auf denen würde ich nicht herumreiten, das steigert die Solidarisierung mit ihm eher.
Relevanter finde ich, dass er bei der Diss eindeutig unehrenhaft betrogen hat.
Guttenberg hat sich damit in die Trickser-Ebene von FJS und Berlusconi eingereiht. Damit kann man in der Politik reüssieren. Aber man sollte nicht mehr mit Moral und Rechtschaffenheit kommen, wie es Guttenberg in der Vergangenheit tat. Denn in dem Moment schlägt die Keule zurück.
„Ach, das sind doch relative Lapalien.”
Eigentlich ist das ein Straftatbestand. :o
http://de.wikipedia.org/wiki/Doktor#Doktorgrad
Den Doktorgrad hatte er bis heute Abend noch — erst danach beginnt die Geschichte mit dem Straftatsbestand…
Du missverstehst.
Lies nochmal den obigen Text.
Laut „archive.org” hat Guttenberg auf seiner Website bereits 2006 den „Dr.” geführt. Allerdings ist das wohl nicht mehr zweifelsfrei nachweisbar.
Jain, äh, nun: ja.
;-)
Wollte damit aber darauf hinweisen, dass sich der Doktorgrad von Comical Gutti sicherlich noch heute und in den folgenden Tagen findet — an den verschiedensten Stellen…
(so dermaßen weltklasse ist die CDU beim Thema Webwartung nicht — aber gut, das ist sicher kein böser Wille, sondern tendenziell Unvermögen)
Die Geschichte mit dem Betrug mit dem Doktorgrad ist gewiss nachweisbar (möglich wäre imho z.B. die gerichtliche Erzwingung der Herausgabe von Dateisicherungen) — und wenn ich richtig informiert bin, genügt in diesem Fall die Anzeige eines jeden gewöhnlichen Bürgers. Die Frage ist natürlich, ob die jeweils angesprochene Staatsanwaltschaft Interesse an der Verfolgung zeigt.
(ich wüsste allerdings auf Anhieb eine Staatsanwaltschaft, die sich hier ins Zeug legen würde)
Irgendwie tut mir der eitle Geck jetzt leid, so lügenhaft ich seine Aussagen auch empfinde. Ich brächte es nicht übers Herz, ihn anzuzeigen.
Ob Briefpapier oder Zeitpunkt der Titelführung — das sind doch wirklich Lappalien.
Auf so etwas herumzureiten wird in der Öffentlichkeit leicht so verstanden, daß die übrigen Vorwürfe gegen Guttenberg auch an den Haaren herbeigezogen wären.
Schon spannender finde ich wie John Dean, daß er diesen Brief gleich an die BILD weitergegeben hat. Das ist wirklich schlechter Stil.
Aber in Fragen Stil ist die Union derzeit wohl völlig schmerzbefreit.
[…] 02/24/2011 Hm. Also sind auch Charaktereigenschaften erblich, ja, Herr Sarrazin? more… Anmerkungen zu Guttenberg | Rot steht uns gut – delicious.com 02/24/2011 Hat diese Sache mit dienstlichem Briefpapier für private Zwecke […]