In vielen Ländern Europas regieren die Rechtspopulisten inzwischen mit. Das Wahlergebnis der NPD in Hamburg hat Mut gemacht, dass Deutschland relativ immun gegen die rechtspopulistische Bewegungen im benachbarten Ausland ist. Verfassungsrechtler Max Steinbeis sieht eine andere Gefahr in Deutschland: Wo in Europa nicht die die Rechtspopulisten mit am Drücker sind, regieren oft Anti-Elitäre Populisten wie Sarkozy oder Berlusconi. Guttenberg könnte das „Sarah-Palin Ticket” lösen.
In seinem Artikel stellt Max Steinbeis fest: Die Leute, die Guttenbergs Verhalten nicht fragwürdig finden, tun das mit tiefster Überzeugung. Das kann man auch nicht argumentativ lösen, indem man erklärt, wie wichtig eine Doktorarbeit in der wissenschaftlichen Welt ist, welch ein ungeheurer Verstoß das gegen die Regeln ist. Und schon gar nicht wird verstanden, warum Fehler in der Doktorarbeit ein Problem für ihn als Verteidigungsminister ist. Dann sind alle anderen Schuld: Der Doktorvater, der doch dafür bezahlt wurde, dass er selbst das Plagiat hätte erkennen müssen. Und überhaupt: Wer hat denn das jetzt überhaupt rausgefunden? Wer hat da was von? Die wollen ihn doch nur demontieren.
Und während jetzt halbwegs intelligente Zeitung Guttenberg inzwischen für untragbar hält, greift die BILD die Welle der Unterstützer zum Beispiel bei Facebook auf. über 200.000 Leute, haben sich dort mit Guttenberg solidarisch erklärt. Und wenn man die Kommentare dort liest, versteht man das Problem:
„Sarah Palin in den USA macht es vor, welche unglaublichen Erfolge man mit diesem anti-elitären Ticket einfahren kann: Jeder Professor, der ihr Irrtümer und Fehlschlüsse nachweist, jeder Journalist, der sie als ahnungslos und bescheuert und totalen Blindgänger entlarvt, macht sie nur stärker. Je massiver und anspruchsvoller die Kritik, desto klarer liegt für ihre Anhänger auf der Hand: Die da oben wollen sie nur fertig machen. Also halten wir da unten um so mehr zu ihr.” — Max Steinbeis
Es ist aber nicht nur das. Es ist auch im Kern das, was Konservativismus ausmacht. Wer gedacht hätte, dass das etwas mit Werten und Ehre zu tun hat, kann diesen Effekt nicht erklären. Es hat, wie der Linguist George Lakoff feststellt, mit dem Familien-Modell des „Strengen Vaters” zu tun, das auf die Gesellschaft übertragen wird:
„The Strict Father Model. A traditional nuclear family with the father having primary responsibility for the well-being of the household. The mother has day-to-day responsibility for the care of the house and details of raising the children. But the father has primary responsibility for setting overall family policy, and the mother’s job is to be supportive of the father and to help carry out the father’s views on what should be done. Ideally, she respects his views and supports them.
Life is seen as fundamentally difficult and the world as fundamentally dangerous. Evil is conceptualized as a force in the world, and it is the father’s job to support his family and protect it from evils — both external and internal. External evils incLude enemies, hardships, and temptations. Internal evils come in the form of uncontrolled desires and are as threatening as external ones. The father embodies the values needed to make one’s way in the world and to support a family: he is morally strong, self-disciplined, frugal, temperate, and restrained. He sets an example by holding himself to high standards. He insists on his moral authority, commands obedience, and when he doesn’t get it, metes out retribution as fairly and justly as he knows how. It is his job to protect and support his family, and he believes that safety comes out of strength.
In addition to support and protection, the father’s primary duty is tell his children what is right and wrong, punish them when they do wrong, and to bring them up to be self-disciplined and self-reliant. Through self-denial, the children can build strength against internal evils. In this way, he teaches his children to be self-disciplined, industrious, polite, trustworthy, and respectful of authority.
The strict father provides nurturance and expresses his devotion to his family by supporting and protecting them, but just as importantly by setting and enforcing strict moral bounds and by inculcating self-discipline and self-reliance through hard work and self-denial. This builds character. For the strict father, strictness is a form of nurturance and love — tough love.
The strict father is restrained in showing affection and emotion overtly, and prefers the appearance of strength and calm. He gives to charity as an expression of compassion for those less fortunate than he and as an expression of gratitude for his own good fortune.
Once his children are grown — once they have become self-disciplined and self-reliant — they are on their own and must succeed or fail by themselves; he does not meddle in their lives, just as he doesn’t want any external authority meddling in his life.” — Metaphor, Morality, and Politics
Wer die moralische Integrität des strengen Vaters (Guttenberg) anzweifelt, verhält sich selbst unmoralischen, denn nur der strenge Vater kann sagen was richtig und was falsch war. Erkennbar im Detail ist das zum Beispiel in Guttenbergs aktueller Rhetorik: „Es war richtig, …” sagt er über seine Entscheidung, den Doktortitel „ruhen” zu lassen. Sogar ein Fehlverhalten wird richtig, wenn Vater sagt, dass er damit richtig umgegangen ist.


Unter wertkonservativ verstehe ich Tugenden wie Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Benehmen, aber auch Gerechtigkeit in dem Sinne, dass nur der Tüchtige die Früchte seiner Arbeit ernten darf — wenn er sich also anstrengt und etwas leistet. Das ist das Gegenteil dessen, was zu Guttenberg offenbar getan hat. Alles deutet darauf hin, dass er seinen Doktortitel erkauft hat. Damit verhöht er diejenige, die mit „fleißiger und ehrlicher Arbeit” ihren Status in der Union erarbeitet haben.
Davon ausgehend würde ich annehmen, dass die wertkonservative Strömung in der Union eher gegen einen Hochstapler und Blender wie zu Guttenberg rebellieren müsste. Nein?
Das sollte man denken. Das wird aber aber so nicht laufen, weil die sich dem „Vater” unterordnen, weil sie eben diesen Werteverstoß gar nicht wahrnehmen und die Illoyalität der Kritiker viel schlimmer empfunden wird.
Die Wertkonservativen haben nicht rebelliert, als Helmut Kohl sein „Ehrenwort” über die Gesetze stellte.
Die Wertkonservativen haben nicht rebelliert, als Roland Koch schwarze Spendengelder zu „jüdischen Vermächtnissen” umlog.
Jede Wette: Sie werden auch jetzt nicht rebellieren.
Gerade diejenigen die es für untragbar halten, wenn Arbeitslose ihr Recht auf Absicherung wahrnehmen sind Solidarisch mit unserem Verteidigungsminister. Er hat geschummelt und muss dafür die Verantwortung tragen. Im Prinzip sollte es darüber keinerlei Diskussion geben. Wenn es nicht die Lichtgestalt der deutschen Politik getroffen hätte, dann wäre der Fall für die Medien klarer (man siehe die Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt).
Guttenberg hat betrogen. Und vielleicht sogar Staatsgelder veruntreut (der Wissenschaftliche Dienst ist nur für MdB-Arbeit). Eigentlich ist die Sachlage klar. Merkel müsste ihn entlassen.
Aber Guttenberg ist eben Guttenberg. Es ist deprimierend.
In Deutschland werden Leute wegen des vermeintlichen Diebstahls von 2-Euro-Pfandbons entlassen und wegen Käsebrötchen, und ein Minister darf einfach so betrügen. In aller Öffentlichkeit.
Du hast natürlich recht, Christian — für 2 EUR werden Leute als Kassierer entlassen und wir finden das schlimm. Für Konservative aber sind diese Leute die Kinder, die den Vater (Chef) bestohlen haben. Die müssen bestraft werden.
Der Vergleich hinkt (mal abgesehen davon, dass der Betrugsvorwurf de jure wohl erst bei einem Ghostwriter zutrifft). Politiker sind nicht mit privaten Angestellten zu vergleichen, was schon bei der Frage, wer denn ihr Arbeitgeber sein soll, deutlich wird. Die Antwort ist vielleicht „der Staat” oder „wir alle”, aber damit ist nichts gewonnen, denn wie sich dieser Arbeitgeber konkret verhält, hängt eben vom politischen Geschehen ab.
Deswegen können Politiker abtreten müssen, auch wenn ihnen selbst nichts vorzuwerfen ist („politische Verantwortung”), und sie können im Amt bleiben, wenn sie Mist bauen (was sie reichlich tun).
Was am Vergleich dann aber doch stimmt: Sowohl in den zitierten Fällen aus der Privatwirtschaft als auch in der Politik muss der Grund, warum jemand gehen muss, vom Anlass unterschieden werden…
„Der Vergleich hinkt”
Verzeihung! :-)
[…] Analyse ist prinzipiell korrekt. Allerdings gilt dies nur für bestimmte Konservative. Ich muss jetzt die […]
Interessanter Artikel.
Nur wundere ich mich gerade, dass man gerade dazu übergeht (an verschiedenen Plätzen der Blogosphäre), praktisch alle erdenklichen Namen von politischen Persönlichkeiten in einen Topf zu werfen. Habt ihr über Nacht das Differenzieren verlernt?
Ich meine eigentlich nur die Überschrift (in diesem Blog).
Die Überschrift spitzt zu.
Der Text differenziert.
Guttenberg eignet sich nicht zum Rechtskonservativen — jetzt noch weniger als zuvor. Wobei der ausschlaggebende Gesichtspunkt imho der ist, dass Comical Gutti stets eine Neigung zum Liberalismus hatte — und seine Liebe zum Neokonservatismus und GW Bush ist inzwischen gründlich erkaltet vor dem Hintergrund der Folgen dieser Politik. Im Grunde genommen ist Guttenberg ein Pragmatiker, wenn man einmal von seiner Eitelkeit absieht, seinem nicht zu befriedigenden Geltungsdrang und seine Sucht und Fähigkeit, sich zu inszenieren. So mag er, wenn es gut läuft (und er weiterhin brav ministerielle und persönliche Faxe zur Durchschrift an die BILD-Redaktion faxt) sich wohl als eine Art Popstar der deutschen Politik darstellen lassen. Böswillig könnte man da einen Vergleich mit S. Palin ziehen, mit der er allerdings nichts teilt, und auch nicht ihre Blödheit und damit verbunden ihre rhetorische Unfähigkeit.
Sollte sich Comical Gutti rehabilitieren können, z.B. durch eine gelungene und Steuer sparende Bundeswehrreform sowie einem gelungenen Abzug aus Afghanistan, eignet er sich — eventuell — als potentieller Kanzlerkandidat. Aber eigentlich, pardon, fehlt es ihm dafür an Reife, an politischer Breitenbildung und nicht zuletzt an den Unterstützern in der eigenen Partei. Als Fach– und Außenpolitiker wird er aber seine Nische finden können, für einige Jahrzehnte, die noch kommen.
Aber mehr? Ich denke nicht. Und eine politische Inszenierung der radikal rechten Art bzw. ein „Sarah-Palin-Ticket”? Da ist eine gemeinsamer Rap-Pophit mit Sarah Knappik allemal wahrscheinlicher…
Palin als (imho dummheitsbedingtes) „Anti-elitäres Ticket” und äußerst wohlbehütet aufgewachsene Guttenberg lassen sich meines Erachtens allenfalls in Sachen Narzissmus vergleichen — ein anti-elitärer Guttenberg wäre ein Selbstwiderspruch.
Die Beliebtheit von Comical Gutti ist jedenfalls im Sinken begriffen, deutlich sogar — und ganz anders, als es viele Experten (mit leichten Entsetzen) voraus gesehen haben. Binnen einer Woche fiel sein Punktewert (beliebteste Politiker im ZDF-Politikbarometer) von 2.0 auf 1.4. Nebenbei bemerkt, fast genauso dramatisch ist der Aufholprozess von G. Westerwelle, der inzwischen –1 erreicht hat, und damit ein — so muss man es sagen — Umfragehoch.
Gelitten hat vor allem Guttenbergs Kernkapital, und zwar auf Dauer: Seine Glaubwürdigkeit. Schlecht finde ich das nicht, denn es zwingt den Schnellschießer Guttenberg zu deutlich erhöhter Bedächtigkeit und Behutsamkeit bei seinen politischen Entscheidungen.
Und das ist gut so.