Eigentlich witzig

Jahrelang, ach was, jahr­zehn­te­lang (!) wurde über die Wehrpflicht und den Zivildienst gestrit­ten. Die Jusos waren quasi schon immer dagegen, die JuLis im Prinzip auch, die Grüne Jugend sowieso — die Grünen natür­lich auch. Die FDP war dann irgend­wann auch dagegen, die SPD konnte sich dann doch zu einer frei­wil­li­gen Wehrpflicht durch­rin­gen (Hamburger Programm). Aber sie ausset­zen? Das sind SPD und Grüne in 7 Jahren Regierung nicht einmal ansatz­weise ange­gan­gen. Zu groß war wohl die Furcht vor einer Kampagne der Union. Die Union stand wie ein Block, wie ein Wehrpflicht-Bollwerk — so dachten alle.

Und nu? En passant wurde die Wehrpflicht abge­räumt — von einem CSU-Verteidigungsminister! Quasi jeder Schüler hat einmal oder mehr­mals einen Aufsatz zur Wehrpflicht schrei­ben müssen, warum man sie braucht bzw. warum man sie nicht braucht. Was war das berühmte „Verweigern” und der „Eier-Griff” doch für ein Mysterium des Erwachsen-Werdens! Was wurden Tipps ausge­tauscht: „Am Tag vorher kiffen und saufen, dann wirste ausge­mus­tert!” — „Einfach dumm stellen beim Test!” — „Nicht hinge­hen, da passiert nix!” (Sehr dummer Tipp.)

Und nu? Alles rum. Einfach so. Ohne, dass es eine große Debatte gab. Ohne wirk­li­che Gegenwehr. Keine Demos der Jungen Union, keine Verteidigungsreden in „Welt” und „FAZ”. Es ist einfach vorbei. Als wäre sie nur ein lästi­ges Überbleibsel des Kalten Krieges gewesen und nicht auch oft sinn­stif­ten­des Element für Millionen von jungen Männern.

Die Wehrpflicht ist tot. Sie ruhe in Frieden. Ich werde sie nicht vermis­sen.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

15 Replies to “Eigentlich witzig”

  1. die Wehrpflicht ist ausge­setzt, nicht abge­schafft. Es gibt für alles eine Zeit.

        • Achso, so meinst Du das? Nö, das sehe ich anders. Die ist tot.

          • es ist nicht tot, was ewig liegt…
            Wenn die Russen, die Hunne oder die Zombie-Apokalypse kommt wird die Aussetzung der Wehrpflicht wohl sehr schnell ausge­setzt ;-)

            Aber ernst­haft:
            Mit Aussetzen der Wehrpflicht wird sich das Problem der Rekrutierung von Zeit- und Berufssoldaten verschär­fen.

            All dieje­ni­gen welche bislang während ihrer Wehrpflicht rekru­tiert wurden bzw. die sich nach posi­ti­ven Erfahrungen in der Bundeswehr für die Karriere als Zeit und Berufssoldaten entschie­den haben, fallen als Rekruten weg.

            Theoretisch müsste deswe­gen die Bundeswehr verstärkt an Schulen und Hochschulen rekru­tie­ren, prak­tisch ist es heute schon so das die Bundeswehr bei solchen Auftritten heftige Gegenwehr von Linken Gruppen erwar­tet.

            Ich sehe aber weder bei den Jugendgruppen der Linken und der Grünen eine höhere Bereitschaft solche Werbeveranstalltungen an Hochschulen und Gymnasien zu tole­rie­ren…
            Im Endeffekt kann das dazu führen das nur noch bestimmte soziale Gruppen zur Bundeswehr gehen…
            …und dazu zählen bestimmt nicht die Wähler von SPD, Linken und Grünen (mögli­cher­weise nicht einmal die Wähler von CDU/CSU und FDP).

          • „Theoretisch müsste deswe­gen die Bundeswehr verstärkt an Schulen und Hochschulen rekru­tie­ren, prak­tisch ist es heute schon so das die Bundeswehr bei solchen Auftritten heftige Gegenwehr von Linken Gruppen erwar­tet.”

            Richtig. Das muss sie auch tun. Ich bin dafür.

  2. Auf die Gefahr hin eine dumme Frage zu stellen:

    Wie sieht das eigent­lich juris­tisch aus? Die Wehrpflicht ist ja im GG fixiert. Wieso kann man die über­haupt einfach (mit 50%-Mehrheit) außer Kraft setzen, ohne sie (mit 2/3‑Mehrheit) abschaf­fen zu müssen? Geht sowas etwa auch mit anderen Teilen des GG?

  3. Tja, ist doch lobens­wert, wenn die CDU vernünf­tige dinge tut. Kommt ja selten genug vor.

  4. Du hast im ersten Abschnitt gut beschrie­ben, wie die Wehrpflicht Schritt für Schritt an Rückhalt verlor. Als jetzt selbst die Union hier nachgab — wer hätte noch dagegen sein sollen? Die Schlachten waren geschla­gen, das wussten auch alle Anhänger einer Wehrpflicht.
    Ein gutes Lehrbuchbeispiel, wie sich auf manchen Gebieten langsam und unschein­bar die Meinungsgewichte mit der Zeit so nach­hal­tig verschie­ben, dass die endgül­tige Änderung/Abschaffung plötz­lich wie von alleine statt­fin­det.

  5. CDU und FDP haben nach Ende des kalten Krieges eine andere Sicht auf die Bundeswehr entwi­ckelt:

    Warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schla­gen, in dem man das arbeits­lose „Prekariat” zur Verteidigung der wirt­schaft­li­chen Interessen der Oberschicht in den Krieg am Hindukusch schickt? Dann ist es von der Straße und erfüllt einen nütz­li­chen Zweck.

    • Die Anforderungskriterien an Bundeswehrsoldaten, beson­ders an Offiziere, sind durch­aus anspruchs­voll. Das ist wirk­lich zu simpel gedacht.

      • Simple gedacht ist auch die Erklärung das der ISAF Einsatz am Hindukusch zur Verteidigung der wirt­schaft­li­chen Interessen der Oberschicht dient.

        Das würde bedeu­ten das es unsere Oberschicht geschaft hätte die UNO und die Afghanen im ab 2001 statt­fin­den­den Petersberg-Prozeß so zu mani­pu­lie­ren das die BRD und NATO dort Truppen stellt.
        Mal ehrlich, sowas traut man norma­ler­weise nur den Weisen von Zion oder den Freimaurern zu, aber nicht unserer Oberschicht. ;-)

        Ach ja, für gewöhn­lich stellen arme Entwicklungsländer wie Pakistan und Indien UN Truppen um „die wirt­schaft­li­chen Interessen unserer Oberschicht” zu vertre­ten, z.B. 1993 in Somalia.
        Warum Indien und Pakistan in Afghanistan diesmal keine Truppen stellen, lässt sich bestimmt auch mit den „wirt­schaft­li­chen Interessen unserer Oberschicht” erklä­ren…

  6. „sinn­stif­ten­des Element für Millionen von jungen Männern”

    Dies konnte immer freitag nach­mit­tags in diver­sen Regionalzügen bewun­dert werden.
    Sinn wurde v.a. für Brauereikonzerne und Schnapsbrennereien gestif­tet.