Keine Sorge, das war nur eine Westerwelle!

Heute hat der FDP-Parteivorsitzende Guido Westerwelle beim tradi­tio­nellen Dreikönigstreffen der FDP eine typi­sche Westerwelle gehalten. Kein Jota Selbstzweifel, Tenor: die FDP hat Recht, alle anderen sind Idioten. Die Diskussionen der letzten Woche: fanden keinen Niederschlag. Die Parteibasis: ist zufrieden. Die Öffent­lich­keit: ist verwun­dert. Also: alles wie immer.

Ein Punkt war unver­schämt und eklig:

Auch wir Liberalen können stolz sein auf unseren Beitrag zur deut­schen Erfolgsgeschichte. Wir haben so manches Kapitel davon geschrieben. Die soziale Marktwirtschaft ist zu Beginn der Bundesrepublik gegen große Widerstände einge­führt worden. Wer für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie und die neue Ostpolitik war, der wurde Anfang der sieb­ziger Jahre als Verzichtspolitiker diffa­miert. Ich erin­nere mich, wie Millionen Menschen Anfang der acht­ziger Jahre gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen sind. Aber Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher haben gegen Demonstrationen, gegen Kommentatoren und gegen Umfragen das als richtig Erkannte durch­ge­setzt. Spätestens bei der deut­schen Wiedervereinigung wurde klar, wie weit­sichtig und richtig diese Entscheidungen waren.

Gerade bei der Ostpolitik Willy Brandt und Egon Bahr uner­wähnt zu lassen, das ist dermaßen verlogen und dreist, da weiß man nicht, was man sagen soll. Und bei der sozialen Marktwirtschaft wäre es durchaus adäquat gewesen, Ludwig Erhard zu erwähnen. Als habe die FDP das alles im Alleingang durch­ge­setzt. Der übliche Größenwahn des Guido Westerwelle. Nun ja. Wie immer eben. Man regt sich auf, jedes Mal neu. Auch eine Art von ewiger Wiederholung.

Aus der Perspektive von Guido Westerwelle war es natür­lich die rich­tige Rede. Nachdem er den Liberalismus völlig entkernt hat, setzt er nun alles auf eine Karte, er gibt die plumpe Parole „Weiter so!” aus. Was soll er auch sonst machen? Es geht um sein Vermächtnis, um den Lohn von über 11 Jahre harter Arbeit. Im August 2010 wäre noch Zeit gewesen, den Parteivorsitz abzu­geben und den Ministersessel zu halten — aber jetzt, direkt vor den Landtagswahlen? Unmöglich. Das bedeutet: die Landtagswahlen werden zur Abstimmung über Guido Westerwelle. Fliegen die Freidemokraten aus den Landtagen von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, dann ist er nicht mehr zu halten. Bleiben sie drin oder können sogar die Regierung in Baden-Württemberg vertei­digen, sitzt er wieder fest im Sattel. Die Zukunft des Guido Westerwelle ist insbe­son­dere mit der Landtagswahl in Baden-Württemberg fest verban­delt. Fällt diese Bastion, fällt die „libe­rale Herzkammer”, dann fällt auch Westerwelle. Er spielt „Alles oder nichts”. Und er spielt es mit Hingabe. Mit einer Leidenschaft, die wirk­lich erstaun­lich ist. Die meisten Menschen hätten bei dem Gegenwind, den Westerwelle aushalten muss, zu Recht und zu Unrecht, von Parteigegnern und „Parteifreunden”, längst das Weite gesucht. Er jedoch scheint in einer Art Hassliebe mit der Öffent­lich­keit verbunden zu sein, will geliebt werden und ist dann doch am stärksten, wenn er gehasst wird — und genießt es. Seine Partei hat er dabei in Geißelhaft genommen. Aber die scheint es ja zu genießen, von einigen Renegaten wie Kubicki im fernen Schleswig-Holstein und dem hessi­schen Hahn einmal abge­sehen. Also: kein Mitleid mit der FDP. Sie will es so.

Dieses Mal könnte die Westerwelle versanden. Am 27. März, in Baden-Württemberg.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

5 Kommentare zu “Keine Sorge, das war nur eine Westerwelle!

  1. Pingback: Aerar » Lesetipp: Schön geredet

  2. Und wie genau die Stationierung der NATO Raketen den ohnehin bevor­ste­henden Zusammenbruch des Ostblocks herbei­ge­führt haben soll, verstehe ich nicht. Wenn man sehr gutwillig ist, lässt sich höchs­tens sagen ‚dass der NATO Doppelbeschluss diesen Zusammenbruch minimal beschleu­nigt hat. Das gleich­zu­setzen mit der Anerkennung der Ostgrenze ist mindes­tens genau so eine Frechheit.

  3. Heute setzt sich Westerwelle für die atomare Abrüstung aus. Und dann lobt er die Falken, die damals hoch­ge­rüstet haben. Der Mann hat einfach keine poli­ti­sche Standfestigkeit.

    Außerdem verwech­selt er da ganz bewusst unter­schied­liche Arten von Widerstand: 1982 hatte die FDP eine Linie, gegen die es von den Bürgern Widerstand gab. Heute hat die FDP keine Linie und ihre Führung kriegt deshalb Widerstand von ihrer Basis. Sich daraufhin mit Genscher zu verglei­chen ist völlig daneben, eine Beleidigung des Intellekts seiner Zuhörer.

    • > und dann lobt er die Falken, die damals hoch­ge­rüstet haben.

      Helmut Schmidt (SPD) um genau zu sein.

      Und in meine Augen und der meisten mili­tär­stra­te­gi­schen Analysten ist die Strategie des NATO Doppelbeschlusses aufge­gangen. Das belegen heute sogar allge­mein aner­kannte Dokumente aus dem Kreml.