Verlegerforderung Leistungsschutzrecht: Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?

Mario Sixtus hat einen Brief an Springer, Holtzbrinck, Burda & Co. geschrieben, bei De:bug und CARTA veröf­fent­licht — und jetzt steht er auch hier:

Liebe Verleger,

das tut jetzt viel­leicht ein wenig weh, aber einer muss es mal deut­lich sagen: Euch hat niemand gerufen! Niemand hat gesagt: „Mein Internet ist so leer, kann da nicht mal jemand Zeitungstexte oder so was rein­kippen?“ Ihr seid frei­willig gekommen, und ihr habt eure Verlagstexte frei­willig ins Web gestellt. Zu Hauf. Und kostenlos. Ihr nehmt keinen Eintritt für die Besichtigung eurer Hyperlink-freien Wörterwüsten, weil ihr genau wisst, dass niemand dafür Geld ausgeben würde. Ihr habt seriöse und unse­riöse SEO-Fritzen mit Geld beworfen, damit Google eure Seiten beson­ders lieb hat. Ihr seid ohne Einladung auf diese Party gekommen. Das ist okay, ihr könnt gerne ein wenig mitfeiern. Prost! Aber wisst ihr, was gar nicht geht? Dass ihr jetzt von den anderen Gästen hier Geld kassieren wollt. Sogar per Gesetz. Verleger: geht’s noch?

Bitte unter­brecht mich, falls ich etwas falsch verstanden habe mit diesem „Leistungsschutzrecht“, was gut sein kann, denn logisch ist das alles bestimmt nicht. Ihr wollt eine Art Steuer kassieren für all die Arbeit, die es bereitet, Texte online zu publi­zieren. Das ist die Leistung, die geschützt und bezahlt werden soll. Nicht etwa die Texte selbst sind es, für die ihr hono­riert werden wollt, sondern das Zusammentragen und online stellen. Richtig? Wo und wie dieses Geld einge­sam­melt werden soll, ist zwar noch nicht ganz klar, aber immerhin habt ihr da schon ein paar Ideen. Vielleicht aber könnte man dazu auch Wahnvorstellung sagen. Einer dieser Einfälle, der ein wenig nach Megalomanie, Irrwitz und gekränktem Narzissmus schmeckt, lautet: News-Aggregatoren sollen zahlen. Also Angebote wie Google News. Dafür, dass sie diese Textschnipselchen anzeigen, die als Hyperlinks dienen, die zu euren Verlagsangeboten führen. Google spült euch die Hälfte eurer Besucher auf die Seiten und jetzt sollen sie dafür bezahlen? Das ist in etwa so, als würde ein Restaurantbesitzer Geld von den Taxifahrern verlangen, die ihnen Gäste bringen.

Dann ist da noch die Idee, gewerb­liche Computernutzer zur Kasse zu bitten. Pauschal und auf Verdacht. Denn sie könnten ja irgendwie davon profi­tieren, dass ihr umge­klöp­pelte Agenturmeldungen, Oktoberfest-Bilderklickstrecken und über­lau­fende Inhalte eures Print-Redaktionssystems ins Web pumpt. Eine Verleger-GEZ wollt Ihr euch zusam­men­lob­by­ieren. Einerseits. Auf der anderen Seite droht ihr mit ritu­ellem Selbstmord, wenn die gebüh­ren­fi­nan­zierte Tagesschau eine iPhone-App bereit­stellt. Wie geht das zusammen? Die Öffentlich-Rechtlichen sind aufgrund ihrer Gebührenfinanzierung eure erklärten Todfeinde, ande­rer­seits wollt ihr euch in gebüh­ren­fi­nan­zierte Verleger verwan­deln? Ja habt Ihr denn über­haupt keinen Stolz?

Die Gewerkschaften habt ihr schon auf eurer Seite. Das ist kein Wunder. Gewerkschaften sind in etwa so fort­schritts­freudig wie die Taliban. Hätte es sie damals schon gegeben, wären sie sicher­lich auch gegen die Einführung des Buchdrucks gewesen, da er schließ­lich zu Arbeitsplatzabbau in den klös­ter­li­chen Schreibstuben führt. Und die schwarz-gelbe Regierung hat ein wie auch immer gear­tetes Leistungsschutzrecht sogar schon in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Das ist eben­falls kein Wunder, schließ­lich hat sich die poli­ti­sche Elite mit der alten Medien-Oligarchie prima arran­giert. Man kennt sich und weiß sich zu nehmen.

Der CTRL-Verlust-Blogger Michael Seemann hat den hübschen Begriff „Leistungsschutzgeld“ erfunden. Eigentlich wollt ihr auch ein „Leitungsschutzgeld“: Wer beruf­lich eine Internet-Leitung hat, soll zahlen, zu eurem Artenschutz. Wisst ihr was, Verleger? Haut doch einfach ab aus dem Web, wenn es euch hier nicht gefällt. Nehmt eure Texte mit und druckt sie auf Papier oder schickt sie meinet­wegen per Fax weg. Denn: Euch hat niemand gerufen.

Veröffentlichung mit freund­li­cher Genehmigung des „Magazins für elek­tro­ni­sche Lebensaspekte“, De:bug, Ausgabe 148; Lizenz: CC-BY.

Über Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

4 Kommentare zu “Verlegerforderung Leistungsschutzrecht: Ja, habt ihr denn überhaupt keinen Stolz?

  1. Viel Wahres. Mich würde nun noch inter­es­sieren, wie man es hinbe­kommt, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sinn­voll zu finden, sein Modell aber dann nicht mehr gut findet, wenn andere es über­nehmen wollen. Insbesondere der Autor des Briefes muss sich diese Frage schon gefallen lassen, wo er doch einen guten Teil seines Einkommens von genau dort erhalten dürfte.

  2. @Jan:
    viel­leicht hängt es damit zusammen, dass die Privaten– im Gegensatz zu den ÖR– zwei– oder wenn’s ganz dicke kommt, dreimal abkas­sieren für ein und denselben Inhalt („rich-media-content” und ähnliche „buzz-words”- sehr schön im o. a. Artikel ange­deutet).
    Und die ÖR– zumin­dest theo­re­tisch– der poli­ti­schen Kontrolle der Mehrheit unter­liegen– wohin­gegen die Masse der klas­si­chen Medien(-betreiber) nur die Meinung-Freiheit von 100 (sind es noch so viel?) Million– oder MilliardärInnen umsetzen– und inso­fern keinerlei demo­kra­tisch legi­ti­mierter Kontrolle unter­liegen (außer dem, an das sich jede/r halten muß– StGB, UWR, BGB usw.).
    Aber öffent­liche und demo­kra­tisch legi­ti­mierte Kontrolle ist des Liberalen Feind, er will gerne, dass der Reiche machen kann, was er will. Wer nicht reich ist, soll das Maul halten und Alles abni­cken (müssen).

    • Gut aber das wäre ja in dem Augenblick, wo sie sich frei­willig unter die „Obhut” des Staates begeben sowieso mehr oder weniger passe. Denn natür­lich müsste man Kriterien fest­legen, ab wann ein Medium unter das Leistungsschutzrecht fällt, damit nicht jeder kleine Blogger plötz­lich Geld kriegt.

    • Das ARD und ZDF Armeleutefernsehen sein sollen, finde ich eine inter­es­sante Theorie. Ich werde mal auf dies­be­züg­liche Hinweise achten.