Europa in der Presse

9. Dezember 2010
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Europa, genauer: die Europäische Union findet in der Presse nur vereinzelt bis gar nicht statt. Meistens dann, wenn etwas Negatives „aus Brüssel” zu berichten ist. Warum ist das so? Wir schauen uns die Online-Ausgaben der großen und wichtigen deutschen Zeitungen und der öffentlich-rechtlichen TV-Sendungen an:

  • faz.net: Unterkategorie „Europäische Union” im Politik-Bereich
  • taz.de: Unterkategorie „Europa” im Politik-Bereich
  • welt.de, zeit.de, spiegel.de: Politik-Bereich wird in „Deutschland” und „Ausland” gegliedert
  • sueddeutsche.de: Politik-Bereich wird gar nicht untergliedert, es gibt nur tagesaktuelle Schlagworte
  • fr-online.de: Politik-Bereich wird untergliedert in „Übersicht”, „Meinung”, u.a.
  • bild.de: Politik-Bereich wird untergliedert in „Übersicht”, „Wirtschaft”, u.a.
  • heute.de: Politik-Bereich wird nicht gegliedert
  • tagesschau.de: Kategorien „Inland” und „Ausland” stehen gleichberechtigt zu „Wirtschaft” etc.

Wenn wir uns das näher betrachten, stellen wir erneut fest: das Sein bestimmt das Bewusstsein. Denn wie soll eine europäische Öffentlichkeit hergestellt werden, wenn wichtige Massenmedien Europa nur als „Ausland” betrachten? Insofern: Lob an FAZ und taz gleichermaßen, die Seit’ an Seit’ für die Europäische Integration streiten — und Tadel an Welt, Zeit und Spiegel, die dem nationalen Denken verhaftet zu sein scheinen. SZ und FR fallen wie die Bild aus dem Raster — da scheinen Grenzen gar keine Rolle mehr zu spielen.


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10 Responses to Europa in der Presse

  1. Jan on 9. Dezember 2010 at 17:59

    Denn wie soll eine europäische Öffentlichkeit hergestellt werden”

    Bevor man sich über das „wie” Gedanken macht, würde mir als erstes die Frage nach dem „Wieso” einfallen. Denn warum sollten „unabhängige Medien” derart Partei für sehr konkrete politische Projekte ergreifen?

    Und da die Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger auf europäischer Ebene sich arg in Grenzen halten, stinkt dieser Fisch sowieso vor allem vom Kopf her. Medien schreiben, was Leute interessiert. Warum sollten Leute sich für Europapolitik interessieren, wo sie die doch sogar durch die EP-Wahlen wenig bis gar nicht beeinflussen können?

    Und wenn man sieht, mit welchen harten Bandagen da jetzt gerade der Euro zu retten versucht wird, ist es der „Europäischen Integration” übrigens auch nicht besonders zuträglich, übermässig viel drüber zu berichten. Dass man vor allem Negatives liest, liegt daran, dass leider vor allem Negatives entschieden wird.

    • Christian Soeder on 9. Dezember 2010 at 18:02

      Medien schreiben, was Leute interessiert.”

      Eigentlich haben Medien und Verlage einen höheren Auftrag. Praktisch handeln die meisten Medien so, wie Du es beschreibst. Und dann ein „Leistungsschutzrecht” fordern.

      Dass man vor allem Negatives liest, liegt daran, dass leider vor allem Negatives entschieden wird.”

      Das ist Deine subjektive Meinung, kein Faktum.

      • Alex on 9. Dezember 2010 at 20:51

        > Eigentlich haben Medien und Verlage einen höheren Auftrag.
        Und welchem? Vom wem gegeben?
        Und wer finanziert das, wenn es nicht gekauft wird (siehe European)?

        Nee, ich glaube nicht, dass uns der moralische Impetus hier weiterbringt, solange nicht auch die Finanzierung geklärt ist.

        • Christian Soeder on 9. Dezember 2010 at 20:52

          Und welchem? Vom wem gegeben?”

          Die geben sich den Auftrag selbst — zumindest wenn man den Verlegern und Chefredakteuren Glauben schenken darf. Natürlich sind das nur hohle Phrasen, leider.

  2. Filterblog » Europa aus Bürgersicht on 9. Dezember 2010 at 18:18

    […] genommen, wie große Medien in Deutschland über die Europäische Union berichten und stellt ein wenig ernüchtert fest: Denn wie soll eine europäische Öffentlichkeit hergestellt werden, wenn wichtige […]

  3. Alex on 9. Dezember 2010 at 20:49

    Liegt nicht zuletzt an den Leserinteressen.
    Maxwell versuchte sich mal aus europäischer Überzeugung an einer entsprechenden Wochenzeitung namens „The European” — und scheiterte kläglich.
    http://de.wikipedia.org/wiki/The_European_%28Zeitung%29

    Der Journalist Andrew Cusack schrieb hierzu: “there remained a never-solved existential dilemma at the heart of The European — “Europe’s national newspaper” — that it was impossible to be the national newspaper of a nation that doesn’t exist.”

    Ich denke, dazu würde es erst einmal europäischer Parteien mit gemeinsamen europaweiten Spitzenkandidaten bedürfen — siehe deinen entsprechenden Vorschlag mit europaweiten Vorwahlen.
    Ach ja, und dann haben wir da noch ein kleines Sprachenproblem. Außer der „Le Monde Diplomatique” kenne ich spontan keine Zeitung, die wirklich ähnlich/gleich in mehreren Sprachen erscheint.

    • Christian Soeder on 9. Dezember 2010 at 20:51

      Hach, eine europäische Zeitung, das wäre schön. Für den Anfang würde es mir schon reichen, wenn die deutschen Zeitungen Europa nicht als „Ausland” klassifizierten …

      • Markus Ritter on 9. Dezember 2010 at 22:38

        Es ist aber halt Ausland.
        Anderes Rechtssystem (von Dir war doch der link in twitter aus der FAZ zu den Vorwürfen gegen Assange), anderes Steuersystem, anderes Sozialsystem, meist eine andere Sprache, andere Probleme, andere Wirtschaftslandschaft, anderes Selbstverständnis als Nation, …

        Ja, über EU-Verordnungen und EU-Richtlinien regiert die EU mittlerweile sehr stark mit und die Auswirkungen sind auch für viele spürbar.
        Die fischfangenden Spanier mit den kohlefördernden Deutschen und den olivenproduzierenden Griechen unter einen Hut zu bringen gelingt schon bei den Regierungschefs und dem EP nicht oft. Wie soll das bei 520 Millionen Wählern funktionieren? Wer wählt denn nach dem Motto: es ist zwar schlecht für die (Land-)Wirtschaft/Entwicklung in meinem Land, aber für Europa stellt es die bessere Lösung dar?

        • Alex on 10. Dezember 2010 at 10:26

          Alles eine Frage der Sichtweise.

          Die fischfangenden Mecklenburger mit den kohlefördernden Pottlern und den weinanbauenden Süddeutschen von BaWü und Rheinland-Pfalz unter einen Hut zu bringen gelingt unseren zankenden Ministerpräsidenten im Bundesrat auch nicht immer ganz einfach.
          Wie soll das erst bei 80 Mio. Wählern gelingen?
          Wer wählt denn nach dem Motto „Es ist zwar schlecht für die (Land-)Wirtschaft/Entwicklung in meiner Stadt/Bundesland, aber für Deutschland stellt es die bessere Lösung dar?

          So gesehen könnte Deutschland auch nicht funktionieren. ;-)

          • Markus Ritter on 10. Dezember 2010 at 13:27

            in Deutschland haben wir allerdings eine recht starke Bundesebene, wir haben ein (bis auf wenige Ausnahmen) gleiches Rechts-, Steuer– und Sozialsystem, die gleiche Sprache …
            Ausserdem wird in Deutschland nach Landeslisten gewählt. Dieser Lokalproporz ist den regierenden Parteien gar so wichtig, dass sie dafür auch ein verfassungswidriges Wahlrecht akzeptieren (Überhangmandate ohne Ausgleich auf andere Landeslisten).
            Wenn man sich teilweise die Argumentation beim Länderfinanzausgleich oder bei S21 anschaut (jetzt bekommen wir endlich mal was zurück), dann haben wir den Regionalismus in Deutschland noch nicht überwunden.

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