Greenpeace, Grüne Vernunft und die Gentechnik

Ich bin ja Fördermitglied bei Greenpeace. Weil ich es meis­tens gut finde, was die machen. Und tenden­zi­ell halte ich nicht viel von „grüner” Gentechnik, weil ich die guten Argumente gegen diese Technik für durch­aus über­zeu­gend halte. Das „Forum Grüne Vernunft” will nun aber in einen Dialog mit Greenpeace treten und für eine „ideo­lo­gie­freie” Debatte über Gentechnik werben. Nun ist es ja so: wenn jemand verlangt, dass die anderen ideo­lo­gie­frei heran­ge­hen sollen, dann spricht viel für die Annahme, dass diese Person in Wahrheit selbst ein Ideologe durch und durch ist. Die Tatsache, dass das grüne Vernunftforum via „achgut.tv” bewor­ben wird, ist ein weite­res Indiz für die Vermutung, dass hier jemand seine eigene poli­ti­sche Agenda durch­set­zen möchte.

Dies voran­stel­lend lasse ich es mir aber nicht nehmen, die 12 Thesen zu „Grüner Gentechnik” von Prof. Dr. Klaus Amman hier zu veröf­fent­li­chen — damit auch die links­pro­gres­si­ven Blogs darüber debat­tie­ren und nicht nur die rechts­li­be­ra­len. Also, genug der Vorrede, hier der Text:


Thesen zur Grünen Gentechnik

von Prof. Dr. Klaus Amman

Vorbemerkung

Auf Einladung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften fand im Mai 2009 in Rom eine Studienwoche zum Thema „Transgene Pflanzen zur Ernährungssicherung im Kontext von Entwicklung“ statt. An dieser wissen­schaft­lich inter­dis­zi­pli­nä­ren Veranstaltung nahmen 40 Wissenschaftler unter­schied­li­cher reli­giö­ser und welt­an­schau­li­cher Auffassungen aus der ganzen Welt teil. Einstimmig haben sie wesent­li­che wissen­schaft­li­che Schlussfolgerungen für die Nutzung der Grünen Gentechnik gezogen und nieder­ge­schrie­ben.

Im Oktober 2009 haben die führen­den wissen­schaft­li­chen Einrichtungen Deutschlands in einer gemein­sa­men Erklärung „Für eine neue Politik in der Grünen Gentechnik“ plädiert. Die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina), die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und die Berlin- Brandenburgische Akademie der Wissenschaften bringen ihre gemein­same Auffassung zur Grünen Gentechnik mit einem Zitat der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard auf den Punkt: „In Deutschland ist noch nicht hinrei­chend akzep­tiert, dass die Anwendung der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung ein noch unaus­ge­schöpf­tes Potential für den ökolo­gi­schen Landbau, für verbes­ser­ten Umweltschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt und die Gesundheit bietet. Pflanzen, die resis­tent gegen Motten, Pilzbefall, Viren und Nematoden sind, müssen nicht gespritzt werden. Pflanzen, die besser an ungüns­tige Wachstumsbedingungen, Salzböden, Karst, Trockenheit ange­passt sind, können so gezüch­tet und ange­baut werden, um veröde­tes Land wieder frucht­bar zu machen.“

Als Teilnehmer der Studienwoche der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften in Rom fasse ich, Dr. Klaus Ammann, emeri­tier­ter Professor für Botanik und Ökologie an der Universität Bern, die wesent­li­chen wissen­schaft­li­chen Schlussfolgerungen der inter­na­tio­na­len und deut­schen Wissenschaftler zusam­men und formu­liere meine Thesen zur Grünen Gentechnik:

These 1

Von den 6,8 Milliarden Menschen der Weltbevölkerung sind derzeit mehr als eine Milliarde Menschen unter­ernährt. Dies ist ein Zustand, der drin­gend die Entwicklung neuer land­wirt­schaft­li­cher Systeme und Technologien erfor­dert.

These 2

Der erwar­tete Zuwachs um 2 bis 2,5 Milliarden Menschen auf eine Gesamtbevölkerung von unge­fähr 9 Milliarden bis zum Jahr 2050 verleiht dem Problem eine zusätz­li­che Dringlichkeit.

These 3

Die prognos­ti­zier­ten Folgen des Klimawandels und die damit verbun­dene Abnahme von verfüg­ba­rem Wasser für die Landwirtschaft werden einen Einfluss auf unsere Möglichkeiten haben, die wach­sende Weltbevölkerung zu ernäh­ren.

These 4

Ein ange­mes­se­ner Einsatz der Gentechnologie und anderer moder­ner, mole­ku­la­rer Techniken in der Landwirtschaft kann dazu beitra­gen, diesen Herausforderungen zu begeg­nen. Durch die Verbesserung von Nutzpflanzen kann die Gentechnologie einen wesent­li­chen Beitrag zur Erhöhung der land­wirt­schaft­li­chen Produktivität leisten, darun­ter die Steigerung des Pflanzenertrags, eine verbes­serte Nährstoffzusammensetzung, eine höhere Schädlingsresistenz ebenso wie eine bessere Toleranz gegen­über Dürre und anderen Formen von Umweltbelastungen.

These 5

Die Technik wird bereits seit vielen Jahren in Großteilen der Welt erfolg­reich ange­wen­det. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass der Einsatz von Gentechnologie die Nutzpflanzen selbst oder die daraus gewon­ne­nen Nahrungsmittel unsi­cher machen würde. Die Verbesserung von Pflanzen mit gentech­no­lo­gi­schen Methoden reprä­sen­tiert viel­mehr eine lange und naht­lose Reihe von zuneh­mend genaue­ren und vorher­sag­ba­ren Verfahren.

These 6

Die Wissenschaftler sind aufge­ru­fen, durch ideo­lo­gie­freie Forschung und Entwicklung zu einem Fortschritt in der land­wirt­schaft­li­chen Produktivität beizu­tra­gen. Die mögli­chen Vorteile sollten für Landwirte in Entwicklungsländern genauso zugäng­lich sein wie für Landwirte in entwi­ckel­ten Ländern.

These 7

Damit die Potenziale zum Anbau zuge­las­se­ner gentech­nisch verän­der­ter Nutzpflanzen für Landwirte welt­weit nutzbar sind, müssen sich die spezi­fi­schen Vorgaben für den Anbau an den neues­ten, allseits akzep­tier­ten wissen­schaft­li­chen Erkenntnissen orien­tie­ren und damit ggf. verein­facht werden.

These 8

Es sollten beson­dere Anstrengungen unter­nom­men werden, Landwirten in Entwicklungsländern gentech­nisch verbes­serte Pflanzensorten, die an ihre jewei­li­gen lokalen Bedingungen ange­passt sind, zugäng­lich zu machen. Insektenresistente, gentech­nisch verbes­serte Baumwolle und vor allem gentech­nisch verbes­ser­ter Mais haben den Einsatz von Insektiziden stark redu­ziert. In mehre­ren Entwicklungsländern haben diese Pflanzen bereits nach­ge­wie­se­ner­ma­ßen einen Beitrag zu substan­ti­ell höheren Gewinnen, höheren Haushaltseinkommen und nied­ri­ge­ren Armutsraten geleis­tet.

These 9

Kostenintensive Verfahren zur Regulierung der Grünen Gentechnik müssen wissen­schaft­lich begründ­bar sein und sich an den tatsäch­li­chen Risiken orien­tie­ren. Dies bedeu­tet, dass sich die Regulierung an den spezi­el­len Eigenschaften einer neuen Pflanzensorte orien­tie­ren muss und nicht – wie heute – an der Technologie, mit der diese Eigenschaft gewon­nen wurde. Die Risikobewertung einer gentech­nisch verän­der­ten Pflanzensorte darf nicht nur die poten­ti­el­len Risiken von deren Einsatz betrach­ten, sondern muss auch jene Risiken berück­sich­ti­gen, die sich ergeben, wenn die betref­fende Pflanzensorte nicht verfüg­bar gemacht wird.

These 10

Forschung und Wirtschaft benö­ti­gen verläss­li­che, wissen­schaft­lich begrün­dete Rahmenbedingungen, denen auch wissen­schaft­li­che Einrichtungen und mittel­stän­di­sche Unternehmen admi­nis­tra­tiv und finan­zi­ell gewach­sen sind, um die Chancen der Grünen Gentechnik zu nutzen. Die heutige Überregulierung ist wett­be­werbs­feind­lich und treibt den Konzentrationsprozess in der Pflanzenzucht voran.

These 11

Praktikable Schwellenwerte sind notwen­dig um weiter­füh­rende Forschung zu ermög­li­chen und die Rohstoffversorgung zu sichern. Dem Umgang mit unbe­ab­sich­tig­ten und tech­nisch unver­meid­ba­ren Spuren gentech­nisch verän­der­ten Erbgutes in einem Produkt, kommt für die Wirtschaft, aber auch für Wissenschaft und Forschung eine beson­dere Bedeutung zu. Für die Warenkette muss ein prak­ti­ka­bler recht­li­cher Rahmen geschaf­fen werden, der sich an den welt­wei­ten Entwicklungen der Grünen Gentechnik, an gesi­cher­ten wissen­schaft­li­chen Erkenntnissen und am inter­na­tio­na­len Handel orien­tiert.

These 12

Angesichts der großen Potentiale der Grünen Gentechnik besteht eine mora­li­sche Verpflichtung, die Vorteile dieser Technologie welt­weit nutzbar zu machen, um es immer mehr Menschen, insbe­son­dere den ärmeren, zu ermög­li­chen, ihren Lebensstandard zu heben, ihre Gesundheit zu verbes­sern und ihre Umwelt zu schüt­zen.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

6 Gedanken zu „Greenpeace, Grüne Vernunft und die Gentechnik“

  1. Kann man eine Lösung suchen, ohne die Ursachen zu studie­ren / akzep­tie­ren?
    Das klingt doch alles sehr aus der Luft gegrif­fen. Was bringt den Milliarden hungern­den denn die Ausschöpfung des gentech­ni­schen Potentials hier in Deutschland? Dadurch wird Weizen noch billi­ger und man kann ihn weiter nach Afrika expor­tie­ren, um die Bauern dort verhun­gern zu lassen. Woher bekommt Italien sonst seine Tomatenernter? Wer will noch gentech­nisch verän­derte Tomaten ernten, wenn bewie­sen ist, dass sie den Menschen steri­li­sie­ren oder anders das Erbgut schä­di­gen, weil wirt­schaft­li­cher Betrug vorliegt, wie im Fall Contergan?

  2. Ich empfehle jedem, der sich Gedanken über diese Thematik macht, das Buch „The Windup Girl” (verpatz­ter deut­scher Titel: „Biokrieg”) von Paolo Bacigalupi.

    Wie Lucas schon anmerkt, ist eines der Hauptprobleme die Patentierung von Pflanzen einer­seits sowie die nicht vorhan­dene Möglichkeit, aus den gentech­nisch mani­pu­lier­ten Pflanzen Saatgut zu gewin­nen.
    Nächster Punkt sind nicht unter­suchte Langzeitwirkungen, sowohl auf den Mensch als auch auf Fauna und Flora.

    Eine ideo­lo­gie­freie Herangehensweise ist sicher­lich nütz­lich. Dass diese ausge­rech­net von der Achse des Guten beschwo­ren wird, die im Bereich Klimaforschung eine gänz­lich ideo­lo­gi­sche und wissen­schafts­feind­li­che „Stimmt ja gar nicht, alles Lüge und Betrug” Haltung einnimmt, verwun­dert aller­dings erheb­lich.

    Wenn Ideologen zu ideo­lo­gie­freiem Diskurs aufru­fen, ist Vorsicht ange­bracht.

    1. „Wenn Ideologen zu ideo­lo­gie­freiem Diskurs aufru­fen, ist Vorsicht ange­bracht.”

      Ja. Schreibe ich ja auch oben. :)

  3. Ich habe einfach einmal Fragen zu den ange­führ­ten Thesen aufge­schrie­ben, die mir beim Lesen einge­fal­len sind und die mir eigent­lich ausrei­chend verdeut­li­chen, dass das Projekt sich erst einmal gut liest, dass es aber so nicht undurch­führ­bar ist.

    Zu These 4: Was bedeu­tet „ein ange­mes­se­ner Einsatz der Gentechnologie?”

    Zu These 5: Wenn diese Technik bereits ange­wen­det wird, durch wen?, und wer garan­tiert, dass eine Nutzung sich nur auf bestimmte Nutzpflanzen ausrich­tet, die wirk­lich sinn­voll wären, den Hunger in der Welt zu bekämp­fen und sowohl Hilfe zu geben aber auch zur Selbsthilfe anregen würde?, und dass diese Pflanzen auch dort einge­führt würden, wo sie eben drin­gend benö­tigt werden zu fest verein­bar­ten Preisen, die nicht der Handel oder die Wirtschaft bestim­men?

    Zu These 7: Wer wäre betei­ligt an der Umsetzung von wissen­schaft­li­chen Erkenntnissen und den Vorgaben für den Anbau?

    Zu These 11: Kann m. E. niemals einen prak­ti­ka­blen recht­li­chen Rahmen erhal­ten, da sich gesi­cherte wissen­schaft­li­che Erkenntnisse und deren Einsatz in die Zielvorgaben vorran­gig für den Hunger auf dieser Welt nicht mit den Interessen des inter­na­tio­na­len Handels verein­ba­ren lassen.

    Zu These 12: Gewinnmaximierung für Wirtschaft und Handel heißt deren Leitbild und Anspruch und lässt keine mora­li­sche Verpflichtung oder Handlung zu.

    Das sind einfach nur solche Gedankengänge, die mir beim Lesen spontan einge­fal­len sind, die keinen Anspruch auf intel­li­gen­tes Wissen haben, die für mich aber sehr wohl solch ein Projekt als das aufzeigt, was es wirk­lich ist, ein großer Wirtschaftszweig für einige Wenige, die die Preise und Verteilung für die große Masse dieser Welt bestim­men und regu­lie­ren wollen/werden.

    Auch die Medizin und die Forschung hatte stets das Beste im Sinn und doch ist es auf „den größt­mög­li­chen Gewinn mit dem geringst mögli­chen Einsatz” verkom­men. Ganz viel für einige Wenige — von denen, die darauf ange­wie­sen sind und keinen Einfluss auf Preisgestaltung und Verkaufsgebaren haben.

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