Deregulierung und freie Märkte führen zu Freiheit und Prosperität – so die Slogans der Marktideologie. Aber das sei falsch, meint Robert Misik. Weder führten freie Märkte zu fairen Chancen für alle, noch könnten sie stabilen Fortschritt garantieren. Robert Misik wagt mit seiner „Anleitung zur Weltverbesserung” nichts Geringeres als die Neuerfindung einer Linken, die sich dem 21. Jahrhundert stellt.
Die „Anleitung zur Weltverbesserung” ist eine Zusammenfassung von Misiks bisherigem Schaffen. Bereits in „Politik der Paranoia: Gegen die neuen Konservativen” stellte er die Wertedebatte vom Kopf auf die Füße: Das was man klassisch unter Werten versteht — Mitgefühl und Solidarität — vertreten nicht die (Wert-)Konservativen, sondern die Progressiven. Und wer Familie für einen Wert hält kann nicht über die türkische Familie die Nase rümpfen.
Das führt Misik nun zusammen mit den Erkenntnissen des Sprachwissenschaftlers George Lakoff, mit denen sich Misik seither auseinander gesetzt hat. In „Auf leisen Sohlen ins Gehirn: Politische Sprache und ihre heimliche Macht” erklärt Lakoff, dass konservative und progressive Politik auf unterschiedlichen Familienbildern basiert und Misik zieht daraus den Schluss, dass Progressive lernen müssen, in dieser Art Bildern über ihre Werte zu sprechen, ohne moralinsaure Predigten zu halten.
Basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Kate Pickett und Richard Wilkinson und deren Buch „Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind” plädiert Misik für eine selbstbewusst vertretene Forderung nach mehr Gleichheit:
„In Gesellschaften ohne krasse Ungleichheiten geht es allen besser — die Menschen sind glücklicher, sie leben besser und gesünder und alle können aus ihrem Leben etwas machen.”
So fordert Misik auch „Mehr Glück ins BIP”. Man dürfe die Entwicklung der Wirtschaft — vor allem in Hinblick auf die ökologischen Herausforderungen — nicht alleine den Märkten überlassen. Das bedürfe kluger staatlicher Planung. „Das BIP misst alles außer, wofür es sich zu leben lohnt.” zitiert Misik Bobby Kennedy.
Die „Anleitung zur Weltverbesserung” ist dann auch ein Sammelsurium von Ideen und Ansätzen. Nicht so sehr eine echte Anleitung. Das ist aber auch zu viel verlangt. Misik versammelt aber eine Menge Quellen zum Weiterlesen und zu Inspiration.



Ich kenne keine real existierende Gesellschaft ohne krasse Ungleichheiten. Muss ich jetzt das Buch kaufen, um herauszufinden, welche Gesellschaft die Autoren meinen?
Ist es insgesamt nicht sinnvoller darauf hinzuwirken, dass man innerhalb einer Gesellschaft aufsteigen kann, als zu versuchen, dass am Ende alle irgendwie monetär gleich sind?
Naja, es ist schon eine andere Gesellschaft, wenn der Chef einer Firma nicht das 150-fache der normalen Angestellten verdient sondern nur das 20-fache oder so. Das hatten wir sogar schon einmal in Deutschland.
> Naja, es ist schon eine andere Gesellschaft, wenn der Chef einer Firma
> nicht das 150-fache der normalen Angestellten verdient sondern nur das
> 20-fache oder so.
Ehrlich gesagt sehe ich nicht, wie das die Gesellschaft insgesamt groß verändern sollte. Ich halte das für ein relativ nebensächliches Detail. Schließlich gibt es diese Relationen nur bei einer Handvoll Großunternehmen.
> Das hatten wir sogar schon einmal in Deutschland.
Nicht wirklich.
Früher war zwar der Bruttolohn in Relation niedriger, dafür gab es ganz andere Nebenleistungen.
Chefs (vom Vorstand bis zu den leitenden Angestellten) bekamen von der Firma ihre Villa gestellt, teilweise incl. Personal, auch sonst stellte die Firma viel zur Verfügung, was heute privat bezahlt wird. Hauptgrund für die heute ganz andere Vergütungsstruktur ist die Steuergesetzgebung — fast alle Nebenleistungen sind inzwischen als „geldwerte Leistung” steuerpflichtig, damit uninteressant.
Beim Gesamtlebensstandard gab es seit 1945 gar keine so großen Schwankungen im Unterschied zwischen „oben” und „unten”, im Vergleich zum Vorkriegsstand sind die Unterschiede heute deutlich geringer.
Im Übrigen ist es ziemlich brotlose Kunst, willkürlich die Einkommen irgendwelcher Gruppen miteinander zu vergleichen. Üblicherweise wird Ungleichheit mit dem Gini-Koeffizienten gemessen, und der veränderte sich hierzulande nicht nennenswert.
„Ich kenne keine real existierende Gesellschaft ohne krasse Ungleichheiten.”
Vermutlich unterscheidet sich unsere Definition von „krass”.
„Ist es insgesamt nicht sinnvoller darauf hinzuwirken, dass man innerhalb einer Gesellschaft aufsteigen kann, als zu versuchen, dass am Ende alle irgendwie monetär gleich sind?”
Wo wurde totale Gleichheit gefordert? Wo? Was soll die Polemik?
Vermutlich unterscheidet sich unsere Vorstellung von krass wirklich. Wo fängt das bei Dir an? Oder nenn mir doch einfach eine Gesellschaft ohne krasse Ungleichheiten, dann kann ich mir selbst ein Bild machen.
Warum werde ich glücklicher, wenn mein Chef statt 15 Millionen pro Jahr nur noch 2 Millionen verdient?
Immerhin zahlt er 7,1 Millionen EUR Einkommensteuer, mit denen bspw. der Kindergarten für meinen Sohn, der Fahrradweg auf dem Schulweg meiner Tochter und die Umschulungsmassnahme für meine berufsunfähige Mutter […] mitfinanziert werden. Es muss natürlich sichergestellt werden, dass er die Steuern auch bezahlt, aber ich glaube nicht, dass ich glücklicher wäre, wenn er weniger Geld bekäme.
In den Fällen, in denen die „einfachen” Leute dafür sorgen, dass einzelne Menschen wahnsinnig viel Geld verdienen (Sport, Musik, Film), kann ich auch nicht feststellen, dass hohe Gehälter abstossend wirken. Zumindest habe ich noch von keinem Schalke-Fan gehört, dass er nicht mehr zu den Spielen geht/Premiere abbestellt/kein Trikot kauft, weil Raul zuviel Geld verdient oder die Transfersumme zu hoch war.
Ich kenne die Geschichte, in der der Angestellte zum Chef gerufen wird, dieser ihm mitteilt, dass er eine Gehaltserhöhung vom 200 EUR pro Monat bekommen wird und das Glücksgefühl genau so lange anhält bis er mitbekommt, dass sein Kollege eine Gehaltserhöhung von 300 EUR pro Monat bekommen hat. Aber ob Glück wirklich davon abhängt, was andere bekommen?
Oder gehst Du davon aus, dass das gesparte Geld dann anderen zu Gute kommt, sei es, dass man das Gehaltsniveau der Firma erhöht bzw. niedrigere Preise für die Produkte zahlen muss? Dafür sind es zu wenige. Ausserdem fällt durch die Steuerprogression eine riesige Summe Einkommensteuer weg, die ja wieder irgendwo her kommen muss.
„Man dürfe die Entwicklung der Wirtschaft — vor allem in Hinblick auf die ökologischen Herausforderungen — nicht alleine den Märkten überlassen. Das bedürfe kluger staatlicher Planung.”
Im Klartext: Man muss die Freiheit einzelner Menschen einschränken, und die Geschicke der Gesellschaft in die Hände einer Priesterkaste namens „Regierung” legen. Denn die Regierung weiß am Besten, was für uns gut ist.
Nein. Als Einzelne werden wir nicht in der Lage sein, etwas gegen die Herausforderungen der Zukunft zu tun. Keiner kann alleine die Wirtschaft auf Nachhaltigkeit umbauen. Und es ist ein Kleinkinder-Glaube, dass eine unsichtbare Hand kommt, und alles zum Guten wendet. Wir müssen uns zusammen tun und die Probleme anpacken. Menschen müssen das tun.
„Keiner kann alleine die Wirtschaft auf Nachhaltigkeit umbauen.”
Warum sollte man das auch tun? „Nachhaltigkeit” ist doch lediglich ein ideologisches Konzept zur Kontrollierung und Regulierung der Konsum– und Lebensgewohnheiten von Menschen.
„Wir müssen uns zusammen tun und die Probleme anpacken. Menschen müssen das tun.”
Ich muss gar nichts. Wenn Du meinst „nachhaltig” wirtschaften zu müssen, dann mach das doch. Aber halt mich da raus.
Robert Misik macht es wie die meisten visionären Linken:
Er liegt in der Diagnose ziemlich richtig und hat auch die richtigen Vorstellungen vom Ziel. Einzig die Mitte, die er vorschlägt, sind kontraproduktiv.