Sarrazin, Sarrazin, Sarrazin… Es ist fast eine Unmöglichkeit wie die Mediendemokratie sich in den letzten Wochen auf diesen Provokateur gestürzt hat. Die Debatte ging weitestgehend nicht um Integrationsprobleme, sondern um Genetik, Eugenik und die Vererbbarkeit von Intelligenz. Wie die Hyänen fielen die deutschen Medien über diesen Mann her, der sich in seinem Buch ziemlich verlaufen hat. Die Aufregung, die dabei generiert wurde, entspricht wohl eher nicht der Art und Weise wie über das Thema gesprochen werden sollte. Die unheilige Verbindung zwischen faktischen Beobachtungen und unsinnigen Schlussfolgerungen in Sarrazins Buch führten dazu, dass sich Politiker allenthalben von ihm distanzierten und im nächsten Statement Probleme mit der Integration ansprachen. Besonders Sigmar Gabriel hatte in den letzten Wochen seine rechte Mühe den richtigen Umgang zu finden. Denn seine Aufgabe ist auch eine schwierige: Er muss die Schlussfolgerungen Sarrazins ablehnen, auf der anderen Seite aber auch die integrieren, die Sarrazins Beobachtungen teilen. Glücklicherweise hat sich die Diskussion mittlerweile in die richtige Richtung bewegt, nachdem diese Debatte mit dem Buch als Aufhänger am schlechtesten gestartet ist.
Die Medien hätten im Verlauf der Diskussion sicher eine konstruktivere Rolle spielen können, indem sie das Buch nicht zu sehr in den Vordergrund hätten stellen müssen. Das wäre aber nicht im Sinne der Auflage gewesen – ihrer eigenen und der von Sarrazin. Statt zu differenzieren, wird deshalb polarisiert – bis hin zur Dämonisierung. Politiker fühlten sich dann wohl unter Zugzwang etwas über das Buch zu sagen, das sie nur in Auszügen kannten. So ist die notwendige Debatte verunglückt: Angefangen von Sarrazins Buch bis hin zu dem Rattenschwanz aus Medien und Politikern. Und nun? Wird nun ernsthaft über Integration geredet? Oder über Unterschichten? Oder Parallelgesellschaften? Oder stellt es sich letztendlich so dar wie in Andrea Nahles’ Brief an die SPD-Mitglieder: Es gibt Versäumnisse in der Integrationspolitik, aber wir haben viel getan?
Das Notwendige liegt auf der Hand und hat sich nach fast einem Monat auch in das Mantra politischer Äußerungen geschlichen: Ganztagesschulen, Integrationskurse, Deutschkurse und so weiter. Wunderbar, so weit waren wir vor Sarrazins Buch auch schon. Geändert hat es bisher nichts.
Auch wenn es eigentlich überflüssig ist, muss man an dieser Stelle doch immer wieder feststellen, dass es sich nicht um ein reines Integrationsproblem handelt. Ähnliche Probleme wie geringe Deutschkenntnisse, die Unfähigkeit eine Uhr zu lesen oder sich den Hintern abzuwischen, findet man leider überall. Leider muss man an dieser Stelle auch immer wieder klarstellen, dass es nicht um eine ethnische oder religiöse Gruppe geht, sondern um eine sozioökonomische Gruppe.
Es scheint so, als produziere unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt eine Gruppe von Zurückgelassenen. Im Gegenteil zu Sarrazins Unfug basiert das natürlich nicht darauf, dass die Blödesten unten bleiben und die Schlausten oben sind. Stattdessen finden wir in deutschen Städten dort die Problemviertel, wo in den letzten zwanzig Jahren massiv Arbeitsplätze verschwunden sind und sich gleichzeitig der Staat mit seinen Leistungen zurückgezogen hat (Strukturfaktoren). Zuwanderung in die Sozialsysteme ist dabei ein absolutes Randproblem. Aber man kann beobachten, dass dort, wo strukturelle Arbeitslosigkeit Einzug gehalten hat, selbstverstärkende Effekte auftreten
Da ist zum einen natürlich ein Kaufkraft– und Wohlstandsschwund, welcher auf der Hand liegt. Zum anderen sind es soziologische Effekte (Prozessfaktoren). Es entsteht zusätzlich zur materiellen Armut eine geistige. Kinder, die in solchen Vierteln aufwachsen, finden keine Vorbilder in ihrem Umfeld mehr. Sie sehen, dass der Vater und die Mutter arbeitslos sind, die Nachbarn auch und dass Fernsehen doch eine tolle Beschäftigung ist oder Schwarzarbeit der Normalfall. Kinder suchen sich ihre Vorbilder bei ‚Gangsterrappern’ oder bei ‚Gangstern’ um die Ecke, ihre Lese– und Schreibkompetenz erlernen sie im Internet. Der Sinn der Schule wird vom Elternhaus nicht vermittelt, die Kinder werden nicht gefördert. Wenn Elternhäuser aber versagen, kann die normale 6-Stunden Schule mit gewöhnlichen Lehrkräften nichts mehr ausrichten. Wenn der Staat sich dann aus solchen Vierteln zurückzieht, verschlimmert er die Situation noch.
Es bleibt also nur übrig festzustellen, dass der Staat den einen Strukturfaktor, nämlich Arbeitslosigkeit, nur wenig beeinflussen kann. Den anderen Strukturfaktor, den fliehenden Staat, kann er aber durchaus beeinflussen. Deshalb kann es nicht sein, dass man Kommunen mit diesen Aufgaben alleine lässt und ihnen im Gegenteil noch Aufgaben aufbürdet. Stattdessen muss gerade in diesen Problemvierteln richtig Geld in die Hand genommen werden um mit Bildungsangeboten, wie oben erwähnt, die sozioökonomischen Prozessfaktoren positiv zu beeinflussen. Hierzu gibt es inzwischen ein ganzes Bündel von Instrumentarien (welche im Übrigen auch bei Sozialdemokraten und Grünen zu finden sind).
Man muss das nur endlich umsetzen. Hier liegt wahrscheinlich auch das eigentliche Problem: Geredet wurde darüber lange genug, die Erfahrungen sind vorhanden, die Möglichkeiten damit umzugehen auch, nur getan wurde zu wenig. Hier müssen die Kommunen, Länder und der Bund endlich an einem Strang ziehen, weil es eben in Deutschland so ist, das Geld für Kommunen nur durch die Länderkassen gehen kann. Aber geschwätzt wurde wirklich genug, es muss jetzt Butter bei die Fische.


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