Das Ende des Ortsvereins?

Bei der Neuorganisation der SPD werden viele verschie­dene Ideen einge­bracht. Manchmal wird sogar die Frage aufge­wor­fen, ob Ortsvereine über­haupt noch zeit­ge­mäß seien. Schließlich würden die Menschen unab­hän­gi­ger, feste Strukturen seien da schäd­lich, alles müsse flexi­bler sein, etc.

Ich halte das für einen gefähr­li­chen Trugschluss. Es ist richtig, dass etliche Ortsvereine nicht in der Form kampa­gnen­fä­hig sind, wie das nötig wäre. Das ist unbe­strit­ten und gar keine Frage. Jedoch muss man sich da viel­mehr die Frage stellen, warum das so ist, wie man die Ortsvereine entlas­ten könnte, was man dagegen tun kann, wie man Ortsvereine wieder attrak­tiv bekommt.

Die Stärke der SPD war immer auch ein Stück weit ihre Organisation: in quasi jedem größe­ren Ort gab es einen Ansprechpartner, in ganz Deutschland sind es über 10.000 Ortsvereine. Hinzu kommen die Geschäftsstellen mit den hervor­ra­gend geschul­ten haupt­amt­li­chen Mitarbeitern.

In den USA ist ein solches Netzwerk bisher unbe­kannt; der ehema­lige Vorsitzende der Demokratischen Partei Howard Dean hat jedoch ein Konzept erar­bei­tet, das genau diese Organisation aufbauen sollen: die 50-Staaten-Strategie. Nach den Wahlen 2004 wurden diese ange­sto­ßen, unter Barack Obama wurde sie erwei­tert und sie wird fort­ge­führt. Das Ziel: „An active, effec­tive group of Democrats orga­ni­zed in every single precinct in the country.” Also genau das, worauf die SPD heute bereits zurück­grei­fen kann, zumin­dest im Prinzip. (Genauso wie CDU und CSU auch.)

Das heißt: was einige Reformer hier abschaf­fen wollen, wollen die US-Demokraten neu aufbauen. Bin ich der Einzige, der das absurd findet?

Eine Patentlösung, um Ortsvereine attrak­ti­ver zu machen, gibt es nicht. Soviel ist klar. Sich aus der Fläche jedoch komplett zu verab­schie­den scheint mir keine gute Idee zu sein. Möglicherweise könnte man die Ortsvereine entlas­ten, ihnen die Möglichkeit bieten, die Strukturen zu verein­fa­chen. Oder regel­mä­ßige poli­ti­sche Veranstaltungen vor Ort unter Einbindung der Ortsvereine. Spannende Aktionen vor Ort für die Mitglieder.

Eine Idee sieht vor, die Arbeitsgemeinschaften zu stärken. Das finde ich richtig und gut, dort passiert ein Großteil der inhalt­li­chen Arbeit. Aus Jusos, AGS, AfA etc. kommen immer wieder wert­volle Impulse, die von der Partei über­nom­men werden.

Dennoch glaube ich, dass die Arbeit vor Ort nicht verküm­mern darf. Das Leben der Menschen spielt sich nun einmal in ihrer Gemeinde, ihrem Kiez, ihrer Stadt ab. Wenn sie hier keine kompe­ten­ten Ansprechpartner haben, die auch mal einfach nur zuhören, dann bringt das beste Programm nichts. Ich denke hier immer gerne an den Ausspruch Kurt Tucholskys zurück, der die SPD als Partei des Kaffee und Kuchens schmähte. In jeder Polemik steckt ein wahrer Kern, aber warum nicht das Positive sehen? Ist es kein schönes Zeichen, wenn eine Partei positiv ange­se­hen wird, dass man dort gerne gemein­sam isst und trinkt?

Dieses Gefühl „Bei der SPD ist es gemüt­lich, die SPD nimmt uns ernst”, das ist verlo­ren gegan­gen. Aber warum sollte man es nicht wieder­ge­win­nen können?

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

13 Gedanken zu „Das Ende des Ortsvereins?“

  1. Komplette Zustimmung!
    Man sollte sicher­lich über­le­gen, ob es heute noch so viele OV’s braucht wie vor 30 Jahren, ob eine Stadt wie Braunschweig wirk­lich 30 Ortsvereine haben muss.
    Aber grund­sätz­lich sind die Ortsvereine der Punkt, an dem persön­li­che Erfahrung und diskus­sion, prak­ti­sche Lokaöpolitik und die Anknüpfung vor Ort statt­fin­den können.

    Jede wach­sende Organisation bemüht sich um den Aufbau lokaler Strukturen, und die SPD will sie abschaf­fen?

    1. Richtig, die Anzahl der Ortsvereine sollte konso­li­diert ;-) werden. In Baden-Württemberg hat das Recht hierzu der jewei­lige Kreisverband — man muss es aber auch wollen. Wir sind da gerade dran, es ist aber lang­wie­rig. Als Richtwert würde ich sagen, ein Ortsverein sollte mindes­tens 60 Mitglieder haben.

      1. @Christian:
        na, dann viel Spaß- wo soll denn bei eurer Zerstrittenheit allein in der R®G-Frage noch die Kraft (sic!) herkom­men, vor Ort „macht­voll” zu agieren. Die Papierzahlen- aka Potemkinsche-Dörfer-Debatte wird regel­mä­ßig von Kassierer-Seite tränen­reich in Szene gesetzt- die meisten Vorstände und MandatsträgerInnen aus Kreis-, Landes- und erst recht Bundesebene inter­es­sie­ren sich doch einen feuch­ten Kehricht um die Verhältnisse vor Ort. Die sind- im Normalfall- an Zahlen inter­es­siert- nicht an Menschen.
        Und um Deine noch nicht gestellte Frage gleich zu beant­wor­ten- @Christian- im nds. Landesverband sind es in den Ägidien Menzner / Dehm gerade diese beiden gewesen, die so manche „Schlacht” in Kreisverbänden „schlu­gen”, die vordem zumin­dest mir teil­weise nicht mal nament­lich bekannt waren- das Ohr stets bei den Sorgen der „kleinen” GenossInnen- so muß es sein.
        Weitere „Rezepte” zum Partei-aufbau / wieder­be­le­bung werden nicht verra­ten, einige- die meisten- ergeben sich, wenn „man” nach­denkt, auspro­biert und ein offenes Ohr für die/ den „gerings­ten unter uns” bewahrt.

        @Alex:
        achja, noch ein Niedersachse- aber das es 30 in BS sind, das hatte ich nicht so parat…

        1. Ex-Braunschweiger. Und es waren etwa 30 Ortsvereine.
          Habe noch die Fusion der drei Tor-Vereine zum OV „Östliches Ringgebiet” mitge­macht, aber direkt nach der Fusion bin ich wegge­zo­gen.

      2. > Als Richtwert würde ich sagen, ein Ortsverein sollte mindes­tens
        > 60 Mitglieder haben.
        Bei konkre­ten Zahlen mag die SPD andere Vorstellungen haben als andere Parteien ;-)
        Aber für einen Ortsverein ist doch nicht die Zahl der Karteileichen rele­vant, sondern die Zahl der aktiven Mitglieder.
        Da würde ich mal sagen: Man braucht mindes­tens ein halbes Dutzend, damit über­haupt Leben da ist. Und maximal drei Dutzend, damit sich alle noch gut unter­ein­an­der kennen und keine Klümpchen bilden.

      3. Bei der OV-Größe sollte mit Fingerspitzengefühl vorge­gan­gen werden. Es gibt bei uns im Norden OVs mit 10 Leuten die aber tolles leisten. Diese OVs sollte man weiter arbei­ten lassen und nicht zwangs­weise mit anderen OVs zusam­men­scchlie­sen.

        1. Aber die tolle Arbeit kann man doch auch leisten, wenn man keine Strukturen aufrecht erhal­ten muss, die nur admi­nis­tra­ti­ver Natur sind. Es ist doch nicht effi­zi­ent, wenn bei 10 Mitglieder quasi jeder ein Amt hat.

          Natürlich ist auch klar, dass das vor Ort entschie­den werden muss.

        2. Man hat auch schon fest­ge­stellt, dass aus 3 Ortsvereinen mit je 10 Aktiven ein Ortsverein wurde, der auch 10 Aktive hat…

          Ich glaube, man braucht immer jeman­den, der eine gewisse Form aufrecht erhält und zum Beispiel zu Treffen einlädt. Ich weiß aber nicht, ob man einen Vorstand aus 10 Leuten braucht. Heute scheint so ein Wahlamt die Leute eher abzu­schre­cken, weil sie eine zu starke Verpflichtung befürch­ten — Es gibt aber auch Menschen, die einen Titel für ihre Motivation brau­chen.

  2. Die Ortsvereine der Parteien waren mal für viele Menschen Mittelpunkt des Soziallebens. Politik war Nebensache, vieler­orts viel wich­ti­ger waren gemein­same Feste, Veranstaltungen, Reisen. Davon ist nicht mehr viel übrig. Dass sich zu bestimm­ten Parteiveranstaltungen ganze Ortschaften versam­meln, findet man maximal noch in den aller­höchs­ten Hochburgen.

    Was bleibt übrig? Der poli­ti­sche Stammtisch und die Wahlkampfmaschine. So ähnlich stellt sich auch Howard Dean lokale Organisationen vor.

    Diskutieren tun die meisten lieber in ihren Vorfeldorganisationen. „Wahlkampfmaschine” sind in den Ortsvereinen die Mandatsträger und die unei­gen­nüt­zige Generation 70+ (und natür­lich der unver­meid­li­che Juso-/JU-ler, der (oder dessen Vater für ihn) plant das Stadtratsdirektmandat zu ererben). Mehr ist da einfach nicht mehr.

  3. Einer Partei ohne Ortsverein möchte ich nicht ange­hö­ren. Ich behaupte, das so eine Partei unmensch­lich wird und sich mit Lichtgeschwindigkeit von den Menschen entfernt. Es ist leich­ter über Menschen zu reden als mit ihnen. Und das wird dabei raus­kom­men.

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