Das Ende des Ortsvereins?

14. September 2010
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Bei der Neuorganisation der SPD werden viele verschiedene Ideen eingebracht. Manchmal wird sogar die Frage aufgeworfen, ob Ortsvereine überhaupt noch zeitgemäß seien. Schließlich würden die Menschen unabhängiger, feste Strukturen seien da schädlich, alles müsse flexibler sein, etc.

Ich halte das für einen gefährlichen Trugschluss. Es ist richtig, dass etliche Ortsvereine nicht in der Form kampagnenfähig sind, wie das nötig wäre. Das ist unbestritten und gar keine Frage. Jedoch muss man sich da vielmehr die Frage stellen, warum das so ist, wie man die Ortsvereine entlasten könnte, was man dagegen tun kann, wie man Ortsvereine wieder attraktiv bekommt.

Die Stärke der SPD war immer auch ein Stück weit ihre Organisation: in quasi jedem größeren Ort gab es einen Ansprechpartner, in ganz Deutschland sind es über 10.000 Ortsvereine. Hinzu kommen die Geschäftsstellen mit den hervorragend geschulten hauptamtlichen Mitarbeitern.

In den USA ist ein solches Netzwerk bisher unbekannt; der ehemalige Vorsitzende der Demokratischen Partei Howard Dean hat jedoch ein Konzept erarbeitet, das genau diese Organisation aufbauen sollen: die 50-Staaten-Strategie. Nach den Wahlen 2004 wurden diese angestoßen, unter Barack Obama wurde sie erweitert und sie wird fortgeführt. Das Ziel: „An active, effective group of Democrats organized in every single precinct in the country.” Also genau das, worauf die SPD heute bereits zurückgreifen kann, zumindest im Prinzip. (Genauso wie CDU und CSU auch.)

Das heißt: was einige Reformer hier abschaffen wollen, wollen die US-Demokraten neu aufbauen. Bin ich der Einzige, der das absurd findet?

Eine Patentlösung, um Ortsvereine attraktiver zu machen, gibt es nicht. Soviel ist klar. Sich aus der Fläche jedoch komplett zu verabschieden scheint mir keine gute Idee zu sein. Möglicherweise könnte man die Ortsvereine entlasten, ihnen die Möglichkeit bieten, die Strukturen zu vereinfachen. Oder regelmäßige politische Veranstaltungen vor Ort unter Einbindung der Ortsvereine. Spannende Aktionen vor Ort für die Mitglieder.

Eine Idee sieht vor, die Arbeitsgemeinschaften zu stärken. Das finde ich richtig und gut, dort passiert ein Großteil der inhaltlichen Arbeit. Aus Jusos, AGS, AfA etc. kommen immer wieder wertvolle Impulse, die von der Partei übernommen werden.

Dennoch glaube ich, dass die Arbeit vor Ort nicht verkümmern darf. Das Leben der Menschen spielt sich nun einmal in ihrer Gemeinde, ihrem Kiez, ihrer Stadt ab. Wenn sie hier keine kompetenten Ansprechpartner haben, die auch mal einfach nur zuhören, dann bringt das beste Programm nichts. Ich denke hier immer gerne an den Ausspruch Kurt Tucholskys zurück, der die SPD als Partei des Kaffee und Kuchens schmähte. In jeder Polemik steckt ein wahrer Kern, aber warum nicht das Positive sehen? Ist es kein schönes Zeichen, wenn eine Partei positiv angesehen wird, dass man dort gerne gemeinsam isst und trinkt?

Dieses Gefühl „Bei der SPD ist es gemütlich, die SPD nimmt uns ernst”, das ist verloren gegangen. Aber warum sollte man es nicht wiedergewinnen können?


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13 Responses to Das Ende des Ortsvereins?

  1. Alex on 14. September 2010 at 19:22

    Komplette Zustimmung!
    Man sollte sicherlich überlegen, ob es heute noch so viele OV’s braucht wie vor 30 Jahren, ob eine Stadt wie Braunschweig wirklich 30 Ortsvereine haben muss.
    Aber grundsätzlich sind die Ortsvereine der Punkt, an dem persönliche Erfahrung und diskussion, praktische Lokaöpolitik und die Anknüpfung vor Ort stattfinden können.

    Jede wachsende Organisation bemüht sich um den Aufbau lokaler Strukturen, und die SPD will sie abschaffen?

    • Christian Soeder on 14. September 2010 at 19:26

      Richtig, die Anzahl der Ortsvereine sollte konsolidiert ;-) werden. In Baden-Württemberg hat das Recht hierzu der jeweilige Kreisverband — man muss es aber auch wollen. Wir sind da gerade dran, es ist aber langwierig. Als Richtwert würde ich sagen, ein Ortsverein sollte mindestens 60 Mitglieder haben.

      • Nordstadt on 14. September 2010 at 20:42

        @Christian:
        na, dann viel Spaß– wo soll denn bei eurer Zerstrittenheit allein in der R®G-Frage noch die Kraft (sic!) herkommen, vor Ort „machtvoll” zu agieren. Die Papierzahlen– aka Potemkinsche-Dörfer-Debatte wird regelmäßig von Kassierer-Seite tränenreich in Szene gesetzt– die meisten Vorstände und MandatsträgerInnen aus Kreis-, Landes– und erst recht Bundesebene interessieren sich doch einen feuchten Kehricht um die Verhältnisse vor Ort. Die sind– im Normalfall– an Zahlen interessiert– nicht an Menschen.
        Und um Deine noch nicht gestellte Frage gleich zu beantworten– @Christian– im nds. Landesverband sind es in den Ägidien Menzner / Dehm gerade diese beiden gewesen, die so manche „Schlacht” in Kreisverbänden „schlugen”, die vordem zumindest mir teilweise nicht mal namentlich bekannt waren– das Ohr stets bei den Sorgen der „kleinen” GenossInnen– so muß es sein.
        Weitere „Rezepte” zum Partei-aufbau / wiederbelebung werden nicht verraten, einige– die meisten– ergeben sich, wenn „man” nachdenkt, ausprobiert und ein offenes Ohr für die/ den „geringsten unter uns” bewahrt.

        @Alex:
        achja, noch ein Niedersachse– aber das es 30 in BS sind, das hatte ich nicht so parat…

        • Christian Soeder on 14. September 2010 at 20:46

          Es ist ermüdend, Deine Beiträge zu lesen. Wirklich ermüdend.

          • Nordstadt on 14. September 2010 at 23:00

            @Christian:
            ich lese Deine Beiträge auch. Vielleicht solltest Du Deine Arroganz ein wenig überdenken.

        • Alex on 14. September 2010 at 20:56

          Ex-Braunschweiger. Und es waren etwa 30 Ortsvereine.
          Habe noch die Fusion der drei Tor-Vereine zum OV „Östliches Ringgebiet” mitgemacht, aber direkt nach der Fusion bin ich weggezogen.

      • R.A. on 15. September 2010 at 18:19

        > Als Richtwert würde ich sagen, ein Ortsverein sollte mindestens
        > 60 Mitglieder haben.
        Bei konkreten Zahlen mag die SPD andere Vorstellungen haben als andere Parteien ;-)
        Aber für einen Ortsverein ist doch nicht die Zahl der Karteileichen relevant, sondern die Zahl der aktiven Mitglieder.
        Da würde ich mal sagen: Man braucht mindestens ein halbes Dutzend, damit überhaupt Leben da ist. Und maximal drei Dutzend, damit sich alle noch gut untereinander kennen und keine Klümpchen bilden.

        • Christian Soeder on 15. September 2010 at 18:22

          Logo, ich rede aus SPD-Perspektive. Bei FDP und Grünen kenne ich mich nicht aus.

      • Michael Slogsnat on 7. November 2010 at 21:34

        Bei der OV-Größe sollte mit Fingerspitzengefühl vorgegangen werden. Es gibt bei uns im Norden OVs mit 10 Leuten die aber tolles leisten. Diese OVs sollte man weiter arbeiten lassen und nicht zwangsweise mit anderen OVs zusammenscchliesen.

        • Christian Soeder on 7. November 2010 at 21:38

          Aber die tolle Arbeit kann man doch auch leisten, wenn man keine Strukturen aufrecht erhalten muss, die nur administrativer Natur sind. Es ist doch nicht effizient, wenn bei 10 Mitglieder quasi jeder ein Amt hat.

          Natürlich ist auch klar, dass das vor Ort entschieden werden muss.

        • Steffen Voß on 8. November 2010 at 12:30

          Man hat auch schon festgestellt, dass aus 3 Ortsvereinen mit je 10 Aktiven ein Ortsverein wurde, der auch 10 Aktive hat…

          Ich glaube, man braucht immer jemanden, der eine gewisse Form aufrecht erhält und zum Beispiel zu Treffen einlädt. Ich weiß aber nicht, ob man einen Vorstand aus 10 Leuten braucht. Heute scheint so ein Wahlamt die Leute eher abzuschrecken, weil sie eine zu starke Verpflichtung befürchten — Es gibt aber auch Menschen, die einen Titel für ihre Motivation brauchen.

  2. J. Wolfgang Schoop on 14. September 2010 at 20:17

    Die Ortsvereine der Parteien waren mal für viele Menschen Mittelpunkt des Soziallebens. Politik war Nebensache, vielerorts viel wichtiger waren gemeinsame Feste, Veranstaltungen, Reisen. Davon ist nicht mehr viel übrig. Dass sich zu bestimmten Parteiveranstaltungen ganze Ortschaften versammeln, findet man maximal noch in den allerhöchsten Hochburgen.

    Was bleibt übrig? Der politische Stammtisch und die Wahlkampfmaschine. So ähnlich stellt sich auch Howard Dean lokale Organisationen vor.

    Diskutieren tun die meisten lieber in ihren Vorfeldorganisationen. „Wahlkampfmaschine” sind in den Ortsvereinen die Mandatsträger und die uneigennützige Generation 70+ (und natürlich der unvermeidliche Juso-/JU-ler, der (oder dessen Vater für ihn) plant das Stadtratsdirektmandat zu ererben). Mehr ist da einfach nicht mehr.

  3. Michael Slogsnat on 17. September 2010 at 11:52

    Einer Partei ohne Ortsverein möchte ich nicht angehören. Ich behaupte, das so eine Partei unmenschlich wird und sich mit Lichtgeschwindigkeit von den Menschen entfernt. Es ist leichter über Menschen zu reden als mit ihnen. Und das wird dabei rauskommen.

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