Schon die Vertriebenen galten beim Bürgertum als „integrationsunwillig”

12. September 2010
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Der Eklat um Erika Steinbach macht einen Widerspruch in der Selbstdarstellung der deutschen Konservativen sichtbar:

  • Sie schützen Sarrazin, weil der Mängel und Defizite bei der Integration einiger Migrantengruppen anprangert.
  • Sie sehen sich als Vertressenvertreterin der Vertriebenen. Doch 1947 lehnten westliche Bürgerliche die „Migranten” aus dem Osten brüsk ab.

Die Steinbachkonservativen sollten mal thematisieren, wie ihresgleichen damals mit den Vertriebenen umgegangen ist, als diese im Westen ankamen. Wie weit es da her war, mit Integrationswillen und Patriotismus. Das können sie in Gesprächen mit Vertriebenen oder deren Nachkommen erfahren. Das können sie aber auch z.B. bei Katharina Elliger („Und tief in der Seele das Ferne”) nachlesen. Nur im Ruhrgebiet, wo jede zupackende Hand schon immer willkommen war, fassten die Vertriebenen relativ schnell wieder Fuss. Aber besonders in den Regionen, die vom Krieg nur wenig versehrt wurden, wollten sie vom Krieg schnell nichts mehr wissen. Vor allem die, die ihr Vermögen heil durch den Krieg gebracht hatten. Die meisten empfingen die Neuankömmlinge wie Eindringlinge, die um Arbeit, Wohnung und Brot konkurrieren wollten. Viele Vertreibungsopfer hätten psychologische und materielle Hilfe gebraucht. Stattdessen wurden sie ausgegrenzt: „Was wollt Ihr hier?”

Das ist eine bürgerliche Tradition, die Bilder wiederholen sich: 2010 kritisiert das konservative Bürgertum „integrationsunwillige” Einwanderer. 1947 kritisierten sie die „integrationsunwilligen” Vertriebenen.

Heute spielen sie sich zum Vertreter von Vertriebeneninteressen auf. Das ist  geheuchelt. Die Konservative adressiert bei Einwanderungsfragen ausschließlich materielle Aspekte. Bei den Vertriebenen interessieren diese Leute sich vor allem für Entschädigungsansprüche an die polnische oder deutsche Regierung. Migranten heute wollen sie nur, sofern diese wirtschaftlich verwertbar sind.

Würde mich mal interessieren, wie Sarrazin über die Vertriebenen aus Schlesien und Ostpreussen geurteilt  hätte. Und was die Bürgerlichen dazu gesagt hätten …


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