Leitkultur

12. September 2010
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Sigmar Gabriel meint: Leitkultur in Deutschland sind die Grundgesetz-Artikel 120.

Konservative sagen: Leitkultur ist mehr.

Allerdings definieren Konservative nicht, was sie meinen. Es bleibt im Ungefähren, ist nicht fassbar. Wozu also der Streit, wozu die Debatte? Was ist das Ziel? Ausgrenzung? Vereinheitlichung?

Oder ist es einfach nur Angst vor Vielfalt?


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20 Responses to Leitkultur

  1. Kalle Kappner on 13. September 2010 at 00:01

    Sigmar Gabriel meint: Leitkultur in Deutschland sind die Grundgesetz-Artikel 120.”

    Ich finde das eigentlich recht vernüftig. Das sind nun mal die Gesetze bzw. Grundsätze, an die sich in Deutschland jeder, egal ob als Bürger oder als Politiker, halten soll. Damit erübrigt sich dann auch die Frage, ob man in Deutschland fundamentalistische Hassprediger, Kopftuch-Zwang oder Zwangsheirat dulden muss. Natürlich nicht! Aber es erübrigt sich eben auch die Frage, ob Moscheen und Minarette gebaut werden dürfen. Natürlich!

    Ich finde den konservativen Leitkultur-Begriff sehr anstrengend: Wenn er wenigstens klar definiert wäre, so könnte man ja darüber diskutieren, aber diese diffuse Deutschtümelei reicht da einfach nicht. Zu beliebig und zu instrumentalisierbar.

  2. J. Wolfgang Schoop on 13. September 2010 at 00:01

    Die ersten zwanzig Artikel des Grungesetz sind der konkreteste Ausdruck deutscher Leitkultur. Aber sie sind nicht die Leitkultur. Wenn du die gleichen Artikel heute auf Japan, den Irak oder Botswana oktroyieren würdest (und vorausgesetzt das würde funktionieren), sie würden dort einen völlig anderen Inhalt und eine andere Bedeutung haben.

    Leitkultur ist mehr als eine Zustandsbeschreibung, sie ist auch die Antwort auf die Frage, warum es so ist, wie es ist, und warum es so gut ist, wie es ist.

    Warum sollte man Demokrat sein? Weil es in Artikel 20 Abs. 1 so steht? Das überzeugt niemanden. Dazu muss man tiefer greifen.

    Oder das Leitbild der deutschen Demokratie: Die Menschenwürde aus Art. 1 Abs. 1. Ohne kulturellen Kontext ist Menschenwürde nur eine hohle Phrase ohne Bedeutung. Die Menschenwürde bekommt erst einen Inhalt, wenn man sie auf das Fundament ihrer christlichen Tradition stellt und ihre vorrangige Bedeutung wird erst aus der Kenntnis spezifischer deutscher Geschichte erklärbar.

    Die deutsche Demokratie und ihre Grundrechte sind viel enger an ihren kulturellen Kontext gebunden als z.B. die deutlich rationalere amerikanische Verfassung.

    • Christian Soeder on 13. September 2010 at 14:59

      Okay, und was heißt das jetzt konkret?

      • J. Wolfgang Schoop on 13. September 2010 at 15:18

        Dass die ersten zwanzig Artikel des Grundgesetzes (ihres Fundaments beraubt) zur Leitkultur zu erklären, unter den verschiedenen Ideen, was unsere Leitkultur sein könnte, eher zu den wenigst brauchbaren gehört.

        Es sieht zwar im ersten Moment recht gut aus, aber wenn man anfängt darüber nachzudenken, sackt das Haus in sich zusammen. Ohne Fundament kommt das nicht wirklich unerwartet ;-)

        • Christian Soeder on 13. September 2010 at 15:21

          Und was ist Deine Definition von Leitkultur?

          • J. Wolfgang Schoop on 13. September 2010 at 15:47

            Du magst mir nachsehen, dass ich da keinen gabrieltypischen Talkshow-Schnellschuss abfeuere. Zumal ich bisher keine Idee gefunden habe, die mich überzeugt hat und nicht weiss, ob mir die intellektuellen Kapazitäten angeboren sind, in einer solch komplexen Frage selbst eine überzeugende zu entwickeln.

            Ich finde es wunderbar, wenn sich jetzt auch Sozialdemokraten darüber Gedanken machen, was unsere Leitkultur ist. Insbesondere weil ich denke, dass einige der Säulen dieser Leitkultur (Solidarität) spezifisch sozialdemokratisch geprägt sind. Aber wenn Sigmar Gabriel seine erstbeste Idee direkt vor einem Millionenpublikum verkündet und für absolut erklärt, ist das „wenig hilfreich.”

          • Christian Soeder on 13. September 2010 at 15:49

            Okay, das finde ich eine ehrliche Antwort. Die von Merz angestoßene Leitkultur-Debatte war ja relativ sinnfrei bzw. ergebnislos. Diente wohl eher der CDU-Reaktivierung in Zeiten der rot-grünen Regierung.

          • J. Wolfgang Schoop on 13. September 2010 at 16:04

            Manchmal ist ja auch schon die Debatte ein Wert für sich. Bei euch Sozen ist das ja seit jeher so, für uns Konservative ist dieser Gedanke noch relativ neu.

            Mir gefällt die Idee einer Leitkulturdebatte irgendwie als nationale Gruppentherapie: Wir denken gemeinsam darüber nach, was dieses Land so großartig macht und was wir unbedingt erhalten wollen. Wir werfen ein Wollknäuel rum, und jeder sagt mal, was für ihn in diese Kategorien gehört. Am Ende sind wir uns dann alle der deutschen Identität sicherer.

            Solange sich nur Konservative an einer solchen Gruppentherapie beteiligen, ist sie allerdings extrem langweilig ;-)

          • Christian Soeder on 13. September 2010 at 16:08

            Leitkultur-Debatte als Gruppentherapie. Genial. :-)

            Mir fällt dabei ja immer der olle Brecht ein:

            Und weil wir dies Land verbessern
            Lieben und beschirmen wir’s.
            Und das liebste mag’s uns scheinen
            So wie andern Völkern ihrs.

          • J. Wolfgang Schoop on 13. September 2010 at 16:28

            Wäre Schleswig-Holstein Teil Dänemarks, wäre ich jetzt wahrscheinlich mindestens so sehr Däne wie jetzt Deutscher.

            Heute ist jeder Studierte auch Weltbürger. Wir kriegen alle auch in London, New York oder Zürich einen Job. In allen drei Städten verdient man mehr Geld und zahlt weniger Steuern als in Berlin. Und wo es sich besser lebt, will ich gar nicht schreiben ;-)

            Das stellt uns vor neue(?) Herausforderungen. Jahr für Jahr wandern zehntausende (Spitzen-)Akademiker aus, lösen also die Bande der Solidarität. Solidarität funktioniert aber nur, wenn sich die Starken nicht aus dem Staub machen und nur die Schwachen zurückbleiben.

            Solange man keine Mauer bauen will, müssen wir uns überlegen, wie wir begründen, warum jemand in Deutschland bleiben sollte. Und schon sind wir wieder bei Leitkulturdebatten ;-)

          • Christian Soeder on 13. September 2010 at 16:44

            Ich glaube nicht, dass man diese Problematik (?) mit einer Leitkulturdebatte beheben kann.

            Man entscheidet sich ja für einen Job, weil man sich davon etwas verspricht. Die Faktoren sind zwar individuell unterschiedlich, dennoch lässt sich manches verallgemeinern.

            Während man in einem Job mehr Geld verdient, ist dort möglicherweise das Umfeld nicht so gut oder als nicht gut empfunden. Es wollen nicht alle in der Stadt leben, so wenig wie alle auf dem Dorf leben wollen.

            Wenn man will, dass der Standort Deuschland mit anderen Standorten konkurrieren kann, dann muss man mehreres machen. Die Strukturen verbessern, bspw. kostenlose und gute Kinderbetreuung, gute Schulen.

            Alles andere sehe ich nicht als zielversprechend an. Man muss schon sehr überzeugt von der „deutschen Leitkultur” sein, was auch immer man darunter versteht, ein gutes Jobangebot nicht anzunehmen, auch wenn es im Ausland ist. Die Ökonomie ist nun einmal ein schlagendes Argument.

          • J. Wolfgang Schoop on 13. September 2010 at 17:01

            Natürlich ist eine Leitkulturdebatte keine Lösung. Aber womöglich ein Beitrag dazu.

            Ich denke, man darf Menschen nicht so sehr auf ökonomische Kategorien reduzieren. Das meiste was ich den lieben langen Tag so treibe, hat mit Geld nichts zu tun. Ich vermute mal, dir geht es genauso.

            Mir fällt auch spontan kein Mensch ein, der sich hundertprozentig einer ökonomischen Logik unterworfen hat. Den meisten Menschen sind andere Dinge viel wichtiger. In meinem Punkt geht es ja auch nicht um Menschen, die sonst keinen Job haben, sondern um solche, die auch in Deutschland problemlos einen nicht schlecht bezahlten finden.

            Auch Heimat ist für die meisten Menschen deutlich mehr als ein Standort.

            Die meisten Menschen in Amerika können dir spontan beantworten, was Amerika so besonders macht und warum sie immer für Amerika kämpfen wollen, übers gesamte politische Spektrum hinweg. Schafft das Solidarität? Zweifellos. In Deutschland beantwortet dir keiner diese Frage. Das hat vernichtende Auswirkungen auf den Zusammenhalt im Land. Da setzt die Leitkulturdebatte an.

          • Christian Soeder on 13. September 2010 at 17:08

            Ich stimme zu, dass die totale Ökonomisierung der Menschen und der Gesellschaft in die Irre läuft. Dass es auch lebensfern ist, zeigt allein die Tatsache, wie viele Vereine und Ehrenamtliche es in Deutschland gibt.

            Wenn man unter dieser Perspektive an die Leitkultur-Debatte rangeht, dann könnte da in der Tat was Sinnvolles rauskommen.

            Meistens wird sie aber mit einer Kulturkämpfer-Attitüde geführt, die eben nicht Zusammenhalt schafft, sondern spaltet.

          • J. Wolfgang Schoop on 13. September 2010 at 17:22

            Ich stimme dir in allen drei Punkten zu.

            Zum dritten sei ergänzt: Der Eindruck entsteht, denke ich, automatisch, wenn eine solche Debatte nur von einem Teil der Gesellschaft geführt wird (oder nur in einer Partei). Wenn jetzt die SPD auch mitmacht, bin ich deutlich zuversichtlicher.

  3. Scrutograph on 13. September 2010 at 00:12

    Kenntnis der deutschen Sprache würde beim Verständnis der Artikel 1 bis 20 helfen.

    • Nordstadt on 13. September 2010 at 00:21

      @Scruto:
      oha, und was bedeutet das jetzt, werter Germanist?

    • Nordstadt @PLI on 14. September 2010 at 15:55

      @Scr.:
      http://en.wikipedia.org/wiki/Basic_Law_for_the_Federal_Republic_of_Germany
      oder auch
      #
      # Български
      # Català
      # Česky
      # Dansk
      # Deutsch
      # Eesti
      # Español
      # Esperanto
      # Euskara
      # Français
      # 한국어
      # Italiano
      # Lietuvių
      # Magyar
      # Bahasa Melayu
      # Nederlands
      # 日本語
      # ‪Norsk (bokmål)‬
      # Polski
      # Português
      # Română
      # Русский
      # Simple English
      # Suomi
      # Svenska
      # Türkçe
      # Українська
      # 中文

  4. Linksman on 13. September 2010 at 00:27

    Wer ständig Anderen eine bestimmte Leitkultur verordnen will, verkörpert höchstens Leidkultur.

  5. nk on 14. September 2010 at 23:12

    OK , dann mache ich mal einen Vorschlag zur Leitkultur, grob angelehnt an meinen Papst, aber ohne dessen Tiefe und Klarheit:

    Europa ist die Mischung aus Christlicher Religion, die ihrerseits natürlich jüdische Wurzeln hat, der antiken griechischen Rationalität und dem römischen Gesetzesdenken. Oder schöner : Jerusalem, Athen, Rom.

    Das ganze dann 2 Jahrtausende im Guten und im Bösen durchrühren, mit den einzelnen nationalen Charakteren abschmecken und voilà : Das etwa ist die Leitkultur.

    Die ist in sich wirklich vielfältig und konfliktreich genug, da müssen wir jetzt wirklich nicht auch noch den Islam haben.

    Ich habe das jetzt etwas flockig formuliert, aber der Kern der Sache ist dieser : Keine Gesellschaft irgendwelcher Art kommt ohne Sinn und ohne Transzendenz aus.

    Das sind die Dinge, für die man zu sterben bereit ist. Das steckt hinter dem unglückseligen Begriff Leitkultur und das ist elementar. Wenn Europa das nicht hat, ist es verloren.

    • Nordstadt @PLI on 15. September 2010 at 10:30

      @nk:
      und da ist er wieder:
      der Untergang des Abendlandes.
      Wie armseelig und kulturpessimistisch. Am Ende wird wieder die Wehrmacht losgeschickt, so wie damals.

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