Vulgärliberalismus

Geht es euch eigentlich auch so auf die Nerven, wenn ein beliebiger FDP-Jünger die Atomlobby und ihre Machenschaften verteidigt und lobt? Wenn die Liberal-Schickeria auf die asozialen Schmarotzer dieses Landes schimpft und dabei Hartz IV-Empfänger meint und nicht etwa Hypo Real Estate, RWE oder den Verband der forschenden Arzneimittelhersteller?

Nun, das nennt man Vulgärliberalismus. Eine Ideologie, die die Sprache des Liberalismus‘ verwendet, aber, entweder aus Beschränkheit oder aber mutwillig, den liberalen Gedanken nur äußerst selektiv und unvollständig anwendet. Kevin Carson, ein Sozialist und Libertärer (Ja, das funktioniert.) formulierte es so:

In every case, the good guys, the sacrificial victims of the Progressive State, are the rich and powerful. The bad guys are the consumer and the worker, acting to enrich themselves from the public treasury. […]

The ideal „free market“ society of such people, it seems, is simply actually existing capitalism, minus the regulatory and welfare state: a hyper-thyroidal version of nineteenth century robber baron capitalism […]

Dabei müsste eigentlich jedem Liberalen mit einem halbwegs intakten Gedankengebäude klar sein, dass es in einem freien, oder zumindest freieren Markt keine Gazproms, keine WalMarts, keine Pharmakartelle gäbe. Diese multinationalen Unternehmen generieren ihre gigantischen Gewinne häuptsächlich durch die Ausbeutung von Konsumenten und Arbeitnehmern. Mit Hilfe des Staates – nicht durch „unternehmerisches Talent“, Glück oder gar „Bestehen im Wettbewerb“.

Es ist die völlige Unfähigkeit, über den engen Tellerrand der eigenen Gehaltsabrechnung zu schauen. Der größte Feind des Vulgärliberalen ist der arbeitslose Hartzer, den er mit ein paar Brotkrumen durchfüttern muss. Nicht aber der hochsubventionierte Großkonzern. Den füttert man gerne durch. Der schafft ja schließlich Arbeitsplätze!

Du, kleiner Sohn arbeitsloser Eltern, wohlmöglich noch Moslem, schaffst es nicht durch eigene Anstrengung nach oben? Nun, das kann nur an deiner Dummheit (oder gar an deinen Genen) liegen und nicht an den Strukturen! Wir leben hier ja schließlich im Kapitalismus, da ist ja für jeden alles möglich, wenn man nur will und sich anstrengt. Guck doch her, ich, Sohn eines DAX-Vorstands, habe es auch nach oben geschafft. Geht also! Freier Markt ist das hier!

Wie kann ein Liberaler ernsthaft für Atomenergie sein? Die Atomenergie wird seit Jahrzehnten in Deutschland staatlich gefördert: Über direkte und indirekte Subventionen, über staatlich finanzierte Forschung, über Reaktorbauhilfen, über Infrastrukturbereitstellung, über staatlich finanzierte Castortransporte, über eine geringe Versicherungspflicht und über die Übernahme der Endlagerkosten durch den Staat. Atomenergie ist nicht „billig“. Sie war es nie und sie wird es auch nie sein. Sie ist kein Produkt eines fairen Wettbewerbs um die beste Energieerzeugung. Für den Vulgärliberalen allerdings, für den ist die Atomenergie eine einzige ökonomische Erfolgsgeschichte. Schließlich sprudeln die Gewinne bei Vattenfall & co. ja ergiebig. Scheint ja eine ganz tolle und profitable Angelegenheit zu sein!

Oft, leider viel zu oft, kommt noch ein streng rechtsgerichtetes Gesellschaftsbild hinzu. Auf „liberalen“ Blogs lesen wir, dass Geistes- und Sozialwissenschaften sozialistischer Unfug ohne jeglichen Wert seien, dass Deutschland einen „Schwulenkult“ betreibe und dass Feminismus ein Grundübel unserer Zeit ist.  Clement ist ein ehrbarer Mann, schließlich hat er sich ja stets darum bemüht, Konzerne auf Staatskosten zu bereichern. Moslems sollen keine uneingeschränkte Religionsfreiheit erhalten. Und Sarrazin ist sowieso toll und wird von der „linken Meinungsmafia“ bedroht. Ja, das alles musste ich in den letzten Wochen im Internet lesen, von Leuten, die sich liberal schimpfen.

Der tapfere Kampf der Vulgärliberalen beschränkt sich auf den Ruf nach Steuersenkungen, auf den Wunsch nach dem Abbau des Sozialstaates und auf die Diffarmierung der Linkspartei. Aber Einstehen für weltweiten Freihandel, Ende des Meisterzwangs,  Zerschlagung des Energieoligopols? Ach Quatsch! Sowas interessiert den Vulgärliberalen garnicht. Es steht ja nicht auf dem Gehaltszettel, was diese Dinge eigentlich kosten und an Wohlfahrtsverlust bedeuten. Sozialstaat für Unternehmen muss schon sein, schließlich sind das alles ehrbare Kaufleute und hart arbeitende Menschen.

Dazu kommt, steigt man näher in die Diskussion ein, die mangelnde Fähigkeit, zwischen Sozialismus und Korporatismus zu unterscheiden. Für den Vulgärliberalen ist alles, was irgendwie mit Staat und Steuern zutun hat, sozialistisch. Der Staat reguliert die Pharmawirtschaft im Sinne der Großhersteller? Sozialismus! Der Staat rettet Banken und sozialisiert deren Verluste, während die Gewinne privat bleiben und kräftig steigen? Böser Kommunismus! Ölkonzerne verseuchen die Weltmeere und der Steuerzahler kommt für die Säuberung auf? Riecht nach kubanischen Methoden! Aber wenn US-Unternehmen in China Sklaven in ihren Sweatshops unterhalten, dann ist das freie Marktwirtschaft, oder wie? Ist das freie Marktwirtschaft, wenn der chinesische Staat Millionen von Bauern enteignet und in die Fabriken zwingt, wenn er die Gründung von freien Gewerkschaften untersagt und die Arbeiter per Polizeigewalt an die Arbeit treibt?

Und was ist bitteschön daran sozialistisch, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren? Das widerspricht jeglichen Idealen des Sozialismus’.

In ihrem blinden Hass auf alles Linke, Sozialistische oder gar Nicht-Bürgerliche, wird allzu schnell der Pakt besiegelt mit jenen Kräften, die zwar rethorisch gerne die Sprache des freien Marktes bemühen. Aber in ihrem alltäglichen politischen Handeln eine völlig andere Agenda verfolgen. Ja, man ist für freien Wettbewerb, Eigenverantwortung und Belastung. Jedenfalls für Leiharbeiter. Aber bloß nicht für Banken und Großkonzerne! Die brauchen staatlich geförderte Kartellbildung, Haftungsbegrenzung und „Schutzschirme“ und müssen durch protektionistische Handelspolitik gefördert werden. Denn was für „unsere deutschen Unternehmen gut ist“, dass muss ja auch für alle Deutschen gut sein. Der Merkantilismus lässt grüßen.

Die Gefahr für Freiheit und Wohlstand kommt heute nicht mehr aus der staatssozialistischen Ecke – kein Mensch, außer vielleicht ein paar durchgeknallten, pubertären Nord-Korea-Fans, plant eine Neuauflage der gescheiterten Planwirtschaft. Die Gefahr kommt heute aus der bürgerlichen Ecke: Durchgestylte BWL-Yuppies, die uns erzählen wollen, dass RWE ein überaus erfolgreiches Unternehmen wäre, weil es stets gut gewirtschaftet hätte und tolle Innovationen erbracht hätte und dass wird dringend mehr solcher Unternehmen bräuchten. Ökonomie-Professoren, die den Mythos der „Systemrelevanz“ fördern und damit rechtfertigen, dass Steuerzahler Risiken und Verluste für Spekulanten übernehmen, die in Schrottpapiere und griechische Staatsanleihen investieren. Ein Guido Westerwelle, der den Liberalismus zur völligen Farce verkommen lässt, indem er ihn als eine Ideologie der Egoisten darstellt, die einfach nur weniger Steuern zahlen wollen, den Sozialstaat in die Tonne kloppen wollen, sich nicht mehr für den Obdachlosen um die Ecke verantwortlich fühlen wollen.

Keinesfalls will ich alle Liberalen in Sippenhaft nehmen! Allenfalls dafür, dass zuviele Liberale den Liberalismus unwidersprochen verkommen lassen zu einer Ideologie der Korporatisten. Der Liberalismus war einmal etwas revolutionäres, eine Kraft, die die Massen aus der Unterdrückung befreien wollte. Heute dient er als Rechtfertigungsideologie für die herrschenden Zustände in diesem artifiziell kartellisierten Wirtschaftssystem. Diese Zustände sind nicht frei von Unterdrückung und Ausbeutung. Der Liberalismus war einmal eine Bewegung,  die „dem Wohle aller, nicht dem besonderer Schichten dienen wollte” (Ludwig von Mises). Heute soll sie den von Eigenverantwortung befreiten Kapitalgesellschaften und den wettbewerbsbefreiten Kartellen helfen.  Die „Tea Party“-Bewegung in Amerika (die längst durch neokonservative Falken gekapert wurde) macht es vor: Zuhause soll der Staat klein sein, im Ausland dagegen steht man auf die Armeeeinsätze des „big government“ in aller Welt. Steuernzahlen für Arme? Nein! Steuernzahlen, damit die Armee Handelswege für US-Multis beschützt? Ja, bitte!

Völlig inkonsistent.

Man möge mir diesen polemischen Ausbruch verzeihen. Aber ich trage diese Gedanken schon länger mit mir rum. Und langsam platzt mir der Kragen bei soviel Verlogenheit, bei soviel Instrumentalisierung und soviel Propaganda. Dieser Liberalismus, erst recht in seiner deutschen parteipolitischen Manifestierung, ist ein Zombie, innerlich tot, äußerlich mörderisch. Mit seinen ursprünglichen Idealen hat er rein garnichts mehr zutun – er ist zu dem geworden, was ihm von linker Seite schon immer vorgeworfen wurde: Die Ideologie der ausbeutenden Klassen, die ihre Position vor den berechtigten Ansprüchen der Ausgebeuteten verteidigen wollen.

Wo sind die anständigen Freisinnigen?

Autor: Kalle Kappner

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92 Gedanken zu „Vulgärliberalismus“

  1. Wie kann ein Liberaler ernsthaft für Atomenergie sein? Die Atomenergie wird seit Jahrzehnten in Deutschland staatlich gefördert: Über direkte und indirekte Subventionen, über staatlich finanzierte Forschung, über Reaktorbauhilfen, über Infrastrukturbereitstellung, über staatlich finanzierte Castortransporte, über eine geringe Versicherungspflicht und über die Übernahme der Endlagerkosten durch den Staat.
    Man kann. Ernsthaft. Wenn man nämlich durchaus einsieht dass hier Fehler gemacht wurden und noch werden, diese aber nicht der Technik an sich anlastet. Ich bin kein Freund von Subventionen, aber dann ist es doch konsequent die Subventionen zu bekämpfen und nicht diejenigen, die sie einstecken. Wobei ich an staatlich finanzierter Forschung noch nichts verwerfliches finde. Reaktorbauhilfen würde ich allerdings keine mehr zahlen. Durch einen übereilten Atomausstieg werden in der Vergangenheit gewährte Subventionen in ihrer Wirksamkeit reduziert.

    1. Ja, deinen Standpunkt kann ich sehr gut nachvollziehen. Das ändert aber nichts daran, dass die frenetische Unterstützung der Atomenergie an sich auf der völlig falschen Annahme gründet, sie sei billig. Nun, da all das Geld schon gefloßen ist und nicht mehr zurückgeholt werden kann, kann es tatsächlich ökonomisch gesehen Sinn machen, die Atomkraft zu unterstützen. Für mich überwiegt aber ohnehin das ökologische Argument. Ich habe keine Lust auf noch mehr nuklearen Müll. Und außerdem bin ich froh, wenn den Stromkonzernen eine wichtige Grundlage ihrer Marktmacht entzogen wird.

      1. Wenn man die Kuh erstmal angeschafft hat, muß man sie auch melken.

        Der Großteil des radioaktiven und giftigen Mülls fällt übrigens erst bei der Stillegung der KKW an. Jede Stunde Laufzeit verbessert deshalb nicht nur die Energieausbeute pro ausgegebenem Pfennig sondern auch pro Kg Müll.
        Die Alternative zu deutschen KKW sind derzeit auch nicht etwa Sonne, Wasser, Wind sondern Braunkohle und KKW aus Frankreich, Italien und Tschechei.
        Sonne, Wind und Wasser sind tolle Sachen, wo sie geographisch sinnvoll sind: Sahara, Atlantik, Pazifik, etc.
        Deutschland ist so ziemlich der dämlichste Ort auf der Welt, um damit Strom gewinnen zu wollen.

        1. „Deutschland ist so ziemlich der dämlichste Ort auf der Welt, um damit Strom gewinnen zu wollen.“

          Das sieht die Bundesregierung mit ihrem Energiekonzept aber anders.

          1. Gut, muss ich dir recht geben. Ich will aber auch nicht einsehen, warum ausgerechnet du vernüftig beurteilen könntest, ob hier in Deutschland regenerative Energie funktionieren kann.

        1. Der Klimawandel muss bewältigt werden. Und das schafft man am besten, indem man die regenerativen Energien fördert. Die Atomkraft steht da im Weg.

          1. „““Der Klimawandel muss bewältigt werden“““ Wirklich ? Doch wohl nur unter einigen Voraussetzungen, nämlich:

            1. Er muss überhaupt stattfinden, sonst ist es sinnfrei, ihn zu bewältigen.

            2. Seine Auswirkungen müssen schädlich sein.

            3. Es muss möglich sein, ihn zu bewältigen, kosmische Veränderungen z.B. könnten einen quantitative höheren Einfluss haben, als alles, was Menschen tun oder lassen.

            4. Die eingeleiteten Maßnahmen dürfen nicht mehr Nebenwirkungen als Wirkungen haben.

            Alle diese Voraussetzungen sind in gar keiner Weise nachgewiesen. Da logischer Weise alle diese Bedingungen erfüllt sein müssen, damit so etwas wie Klimapolitik überhaupt ein sinnvoller Gedanke sein kann, ist das ganze Klimawandel-Gedöns sachlich Unsinn und ein politisches Spiel.

        2. Da sich die Wissenschaft ohnehin einig ist, dass der Klimawandel praktisch nicht zu ändern ist und es davon abgesehen auch kaum ein Staat gebacken kriegt, irgendwelche der selbst gesteckten Ziele zu erreichen, bin ich nicht so sicher, ob ausgerechnet das ein Argument für Atomkraft sein kann.

    1. Diese „freiheitlichen“ Parteien, die überall in Europa auftauchen bzw. Wahlerfolge feiern sind ja auch eine merkwürdige Sache. Grade in Berlin hat sich vor ein paar Tagen wieder so eine Partei gegründet: „Die Freiheit“ – für mehr Demokratie, Bürgerrechte und weniger Islam.

  2. Schön, wenn der Autor uns verlinkt. Der verehrte Leser kann dann recht gut erkennen, dass mit ihm alle roten Pferde durchgegangen sind. Die Melange aus gepflegten Vorurteilen trifft uns nicht, weil sie mit unserer Sicht des Liberalismus leider überhaupt nicht übereinstimmen.

    Wer eine Ideologie wie den „Sozialismus“ – was immer das sein mag, übersieht offensichtlich Realitäten und differenzierte Darstellungen. Trotzdem, war lustig

    1. @eucken“wasbitte?“
      selten so einen flachen Beitrag gelesen- geht’s auch mal mit Substanz?
      Selbst califax bemüht sich hierum mittlerweile.
      Oder sind Sie/ bist Du schon „web3.0“ (gar nicht mehr andere Meinung[en] aufnehmen, sondern nur drauf einbashen, ohne jeden Verstand…)?
      @AKW-Befürworter:
      eure sog. Wirtschaftlichkeits-Argumente sind Quatsch. Hier geht es nicht darum, ob die Feuerwehr ein brennendes Haus nicht löscht, weil im Haus keine Menschen sind- und die Sachen (und das Haus selbst) versichert sind.
      Hier geht es um Menschen, deren Gesundheit, deren Überleben. Aber zu Menschen, Menschlichkeit und Menschenwürde hatten Neo… schon immer ein gespanntes Verhältnis- es sei denn, es ging um reiche Menschen- für deren Freiheit usw. läßt sich vortrefflich (bezahlt) streiten.
      Asoziales Pack.

    2. Lustig, sich auf Eucken zu berufen und dann derart substanzlosen Quatsch zu schreiben.

      „Wer eine Ideologie wie den „Sozialismus” — was immer das sein mag, “

      Bezeichnend. Du weißt nicht, was Sozialismus ist, aber magst ihn aufjedenfall nicht. Klingt absolut logisch.
      Wo sind die Argumente?

        1. Ich lese immer mal wieder auf FDOG. Ich habe in meinem Artikel auch darauf hingewiesen, dass die Kritik nicht speziell und zu 100% auf jeden einzelnen Liberalen zutrifft. Aber mach doch mal den Selbsttest: Geh mal zu einem FDP-Stand im Wahlkampf und lass dir erzählen, was Liberalismus ist und was die FDP will. Frag mal Dr. Westerwelle, der dafür gesorgt hat, dass „Steuern runter“ das einzige ist, was noch mit Liberalismus assoziiert wird.

          Jede ideologische Strömung muss die Vulgären unter ihnen aushalten und erkennen, ich wüsste nicht, wieso das nur bei uns Sozis so sein sollte ;).

          1. Das ist doch aber Teil des Problems dieses Beitrags. Du willst die FDP kritisieren, rührst aber, weil du gerade so schön dabei bist, in diese Kritik u.a. Positionen von Blogs hinein, die erstens wirklich keine Freunde aktueller FDP-Politik sind und sich zweitens auch voneinander ziemlich deutlich unterscheiden, und verkaufst das Ganze dann als ein Paket namens „Vulgärliberalismus“. Klassischer Fall von Mogelpackung.

          2. Naja, es handelt sich um eine Polemik. Und darauf, dass es keine Sippenhaft gibt, habe ich ja auch schon hingewiesen.

            Du musst dich aber sicherlich damit abfinden, dass die FDP in Deutschland eine Menge zur Deutungshoheit in solchen Fragen beiträgt. Wer über den Konservatismus in Deutschland reden will, kommt auch nicht an der Union vorbei, egal ob er sie nun als konservativ ansieht oder nicht.

            Die Blogs, die ich erwähnt habe, waren dafür gedacht, den Trend zu rechtskonservativen Gesellschaftsbilden in jenen Kreisen aufzuzeigen. Den gibt es in der FDP meines Erachtens sogar weniger als in so manchem „liberalen“ Blog.

          3. Rayson, du musst dich einmal fragen, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass in Deutschland Liberalismus (oder heute sagt man ja Neoliberalismus) als kalte, herzlose Ideologie der Oberschicht wahrgenommen wird. Liegt das nur an der doofen Propaganda der blöden Linken oder haben vielleicht liberale Politiker, Intellektuelle (und vielleicht auch Blogs?) dazu beigetragen, indem sie vulgärliberal argumentieren?

            Ähnliches Schicksal hatte auch der Marxismus (Stichwort Vulgärmarxismus).

          4. Ja, ich muss mich damit abfinden, dass die FDP das parteipolitische Monopol auf den Liberalismus für sich in Anspruch nimmt. Aus diesem pragmatischen Grund bin ich da auch Mitglied.

            Was die Blogs angeht, gibt es allerdings ein großes Spektrum vor allem persönlicher Meinungen. Da gibt es kein Blog, das für sich in Anspruch nehmen könnte, „den Liberalismus“ zu repräsentieren, und es gibt darüber hinaus auch keinen Autor (zumindest keinen, den ich kenne) der ständig mit dem Liberalismus-Drehbuch agiert – es ist ja gerade ein Kennzeichen des Liberalismus, dass er jenseits der für die persönliche Freiheit wichtigen, wenigen Grundparameter ein breites Spektrum an Meinungen und Lebensentwürfen befürwortet.

            So steht „ef“ nach meiner Einschätzung mehr und mehr für die „Hoppe-Linie“ des Libertarismus, die gegen die linke Vorherrschaft auf eine Gemeinschaft mit konservativen Strömungen setzt. Wenn sie nicht mittlerweile selbst komplett bei den Positionen ihres Wunschbündnispartners angekommen ist.

            Die „FdoG“ hingegen haben mit all dem überhaupt nichts am Hut. Ökonomisch wird dort IMHO ein klassischer Liberalismus mit Anklängen an den Ordoliberalismus vertreten, in der Tat, aber darüber hinaus und vielleicht sogar vor allem ist die „pro-westliche“ Richtung für dieses Blog prägend, die – ebenfalls IMHO – per se nicht zwingend mit dem Liberalismus gekoppelt sein muss.

            Du vermengst hier also (mindestens) drei völlig unterschiedliche und sich in weiten Teilen gegenseitig ausschließende Ansätze miteinander. Damit kannst du kein konkretes Ziel mehr treffen, nur noch ein als abstruse Mischung selbst konstruiertes, schwammiges. Diese Schwammigkeit des Liberalismus-Begriffs könnte natürlich ein eigenes Ziel von Kritik darstellen, aber diesen Weg gehst du ja gerade nicht. Du erklärst alles zu den Ausprägungen ein- und desselben Phänomens, und das ist eben nicht haltbar, IMHO auch nicht als Polemik.

          5. Dass kein Mensch wie der andere denkt, und auch kein Blog wie das andere, dürfte natürlich sein. Das ist bei Sozialdemokraten genauso.

            Das bedeutet allerdings nicht, dass sich nicht in breiten Kreisen die gleichen oder zumindest ähnliche Betrachtungen in Teilfragen erkennen ließen – und genau die beschreibe ich hier. Übrigens habe ich explizit von Vulgärliberalen gesprochen, nicht von Liberalen allgemein. Wenn du dich zu den letzteren zählst, dann brauchst du diese Kritik auch nicht auf dich zu beziehen.

            Das grundlegende Muster des Vulgärliberalismus‘ ist doch bereits beschrieben: Unten sind die bösen, faulen und ausbeutenden. Oben sind die guten, unterdrückten und leistungswilligen. Und der „Sozialismus“ ist das, was alles per Gewalt und Zwang zusammenhält. So sieht diese Weltanschauung aus. Wenn du sie nicht teilst, dann brauchst du dich nicht angesprochen zu fühlen.

          6. Rayson, du musst dich einmal fragen, wie es eigentlich dazu kommen konnte, dass in Deutschland Liberalismus (oder heute sagt man ja Neoliberalismus) als kalte, herzlose Ideologie der Oberschicht wahrgenommen wird.

            Ich muss mich das schon deswegen nicht fragen, weil die Behauptung nicht stimmt. Und zwar nicht deswegen, weil du lügst, sondern weil du dich, deine Umgebung und die dominierende Medienmeinung als Maßstab heranziehst. Dagegen spricht aber z.B. der Erfolg der FDP bei der Bundestagswahl 2009, der ja gerade mit einem Wahlkampf erzielt wurde, der diesem Vorwurf mit seiner Fixierung auf Steuersenkungen aus Sicht der Gegner sozusagen die Krone aufsetzt.

            Aus linker Sicht wird Liberalismus nie etwas anderes sein können als „kalt und herzlos“ und „Ideologie für die Oberschicht“. Geschenkt, aber kein Grund, in Selbstzweifel zu verfallen, sondern im Gegenteil die Gewissheit, richtig zu liegen. Nicht, weil ich die Wertung übernehme, sondern weil ich sie zu interpretieren verstehe.

            Liegt das nur an der doofen Propaganda der blöden Linken oder haben vielleicht liberale Politiker, Intellektuelle (und vielleicht auch Blogs?) dazu beigetragen, indem sie vulgärliberal argumentieren?

            Die Einschätzung, ob „die Linken blöd“ sind, überlasse ich gerne jedem selbst (ich für meine Person halte sie nur für etwas verwirrt ;-)), aber dass in den Medien eine gemäßigt linke Sichtweise regiert, halte ich für ein unbestreitbares Faktum. Diese Macht hat natürlich Grenzen, wie wir gerade bei der Sarrazin-Debatte erleben, aber dass sie auch wirken kann, können wir anhand der Umfragewerte für die FDP beobachten, ohne dass ich darin die einzige Ursache sehen würde.

            Eine Wirksamkeit liberaler Blogs auf die Wahrnehmung des Liberalismus im Bewusstsein der Deutschen kann ich allerdings ausschließen. Uns kennt keine Sau.

            Sicher kann und muss man problematisieren, wenn die FDP selbst von liberalen Prinzipen abweicht. Aber gerade darin sind zumindest die liberalen Blogs, die ich kenne, kaum zu überbieten. Ich selbst habe z.B. erst kürzlich den Konflikt zwischen der Vertretung eines reinen Liberalismus und der Bedienung von Lobbyinteressen auf B.L.O.G thematisiert, dann auch Jan Filter, und wir beide beziehen uns da auch auf die Kritik anderer.

            Im Übrigen nehme ich dir nicht ab, dass du konsequent liberale Positionen vermisst ;-) Eine konsequent liberale Partei wäre als Koalitionspartner für Sozis ein Alptraum…

          7. Um das ganze mal zu entschärfen, lieber Rayson: Ich habe in meinem Leben schon viele Menschen kennengelernt, die aufrichtige Liberale sind, die auch mal eins der Werke ihrer Helden gelesen haben und die nicht vulgär argumentieren. Ob du dazugehörst, kann ich jetzt garnicht beurteilen, denn dich und deine Meinungen kenne ich zu wenig.
            Aber was eben auch ernüchternd ist, sind die Auftritte liberaler Politiker im Bundestag und im Wahlkampf, die Platitüden und Hetzereien gegen Hartz IV-Empfänger, die man in Internetgruppen der FDP lesen darf. Etc. etc.

            Sippenhaft gibt es dafür nicht! Schließlich will ich auch nicht in Sippenhaft genommen werden für den Unsinn, den so mancher „Sozialdemokrat“ von sich gibt.

          8. Ich fühle mich überhaupt nicht angesprochen, Kalle. Aber Boche und ich sind Teil der liberalen Blogosphäre, und ich meine daraus einen Einblick in deren Hintergründe zu haben, der dem deinen an Tiefe vermutlich überlegen ist.

            Zum anderen sind Logikbrüche Logikbrüche, egal, ob man sich angesprochen fühlt oder nicht.

        2. Zur durch die Umgebung definierten Wahrnehmung: Nunja, hast du denn einmal mit Menschen auf der Straße gesprochen (zum Beispiel im Wahlkampf)? Und glaubst du, die Meinung der Menschen würde nicht durch die Medien (ob sie jetzt „links“ oder „rechts“ seien, was eh kaum zur Beschreibung politischer Frontlinien taugt) erheblich beeinflußt? „Neoliberalismus“ hat einen verdammt schlechten Beigeschmack. Kaum jemand assoziiert damit etwas gutes. Gewiss, es gibt auch Leute, die diesen Begriff in seinem ursprünglichen Sinn verwenden, aber wie gering ist deren Anteil denn bitte?
          Der Erfolg der FDP 2009 hatte viele Gründe, sicherlich war darunter aber nicht „konsequenter Liberalismus“ ;).

          „Aus linker Sicht wird Liberalismus nie etwas anderes sein können als „kalt und herzlos” und „Ideologie für die Oberschicht”. Geschenkt, aber kein Grund, in Selbstzweifel zu verfallen, sondern im Gegenteil die Gewissheit, richtig zu liegen. Nicht, weil ich die Wertung übernehme, sondern weil ich sie zu interpretieren verstehe. „

          Ne, das ist historisch einfach falsch. Liberalismus und linke Bewegungen haben sich historisch immer mal wieder gut ergänzt.

          „Im Übrigen nehme ich dir nicht ab, dass du konsequent liberale Positionen vermisst ;-) Eine konsequent liberale Partei wäre als Koalitionspartner für Sozis ein Alptraum…“

          Im Sinne einer intakten Demokratie wünsche ich mir nichts mehr als konsequente Politik. Wenn wir Sozis, Konservative oder Liberale wählen können und doch immer die gleiche Politik dabei rauskommt, dann läuft eben irgendwo etwas schief, und das gefällt mir als Demokrat rein garnicht. Eine konsequent liberale Partei würde ich übrigens sehr viel eher wählen als die real existierende FDP.

          (PS: Das Format hier ist denkbar schlecht zum argumentieren geeignet ;))

          1. Nunja, hast du denn einmal mit Menschen auf der Straße gesprochen (zum Beispiel im Wahlkampf)?

            Ich mache seit etlichen Jahren keinen Wahlkampf mehr mit… Aber natürlich habe ich Verbindungen zu vielen Menschen, und das Gute ist, dass die meistens meine politischen Präferenzen nicht kennen, so dass ich ein ziemlich ungeschminktes Bild erhalte.

            Und glaubst du, die Meinung der Menschen würde nicht durch die Medien (ob sie jetzt „links“ oder „rechts“ seien, was eh kaum zur Beschreibung politischer Frontlinien taugt) erheblich beeinflußt?

            Nein, das glaube ich eben nicht. Wer von etwas selbst keine Ahnung hat, plappert die der Medien nach. Wobei das Erschreckende ist, dass jeder, der sich in irgendeiner Materie gut auskennt, zu dem Urteil gelangt, dass die Medien in seinem Gebiet eher desinformieren.

            Ich unterstelle da keine Verschwörung oder sonstiges, sondern nehme einfach nüchtern zur Kenntnis, von welchem Schlag tendenziell die Menschen sind, die Journalisten werden möchten, was die wissen und was nicht, und was die jeweils meinen, was sie schreiben sollten.

            Der Erfolg der FDP 2009 hatte viele Gründe, sicherlich war darunter aber nicht „konsequenter Liberalismus“ ;).

            Nicht? Sehe ich anders.

            Ne, das ist historisch einfach falsch. Liberalismus und linke Bewegungen haben sich historisch immer mal wieder gut ergänzt.

            Ja, historisch. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sicher nicht mehr.

            Im Sinne einer intakten Demokratie wünsche ich mir nichts mehr als konsequente Politik.

            Hm, das wäre eine gute Frage, ob du da nicht Unvereinbares forderst. Sind die Sozis denn konsequent soialdemokratisch? Ist die Union konsequent konservativ? Sind die Gründen irgendwas konsequent? Meine These wäre, dass die parlamentarische Demokratie Konsequenz bestraft.

            Eine konsequent liberale Partei würde ich übrigens sehr viel eher wählen als die real existierende FDP.

            Ich auch. Ändert aber konkret nichts, weil ich mich bisher tatsächlich für das aus meiner Sicht kleinere Übel entscheide.

            (PS: Das Format hier ist denkbar schlecht zum argumentieren geeignet ;))

            It’s called „the Internet“…. Rein schriftliche Kommunikation zwischen Anonymen in fast Echtzeit bringt nur zufällig argumentative Höhepunkte hervor… Dafür schlagen wir uns aber noch ganz gut, denke ich.

          2. Jupp, und deshalb danke ich dir für deine Anregungen und Einschätzungen und beende die Diskussion erstmal. Man wird sich ja sicher noch oft genug beharken ;).

  3. Es geht doch, wenn man wirklich Liberaler ist, bei Atomkraft nicht um Wirtschaftlichkeit. (ich bin dennoch überzeugt, dass sie einer der Energielieferanten sein wird) Sondern darum, dass jeder die Freiheit hat, unter anderem seine Stromart zu wählen. Jeder Produzent muss die Freiheit haben und jeder Abnehmer. Es geht nicht darum, was die Mehrheit will. Diese kollektive Betrachtung bei der Energieversorgung ist eh zum Kotzen.

    Nur reiht sich der Autor dieses Blogposts doch sehr in die Liste der Leute ein, die er hier auch kritisiert. Er vertritt selber den Korporatismus. Das mach ich dem Autor nicht zum Vorwurf, da er nur die Heuchelei der „Liberalen“ aufdeckt und die Sozis haben für Korparatismus einen Freifahrtsschein und geben es bestimmt auch zu. Hier sind viele Partei-Liberale in der Tat inkonsequent.

    1. Ein geistreicher Kommentar eines Liberalen :). Kann ich unterschreiben.
      Nur soviel:

      „Nur reiht sich der Autor dieses Blogposts doch sehr in die Liste der Leute ein, die er hier auch kritisiert. Er vertritt selber den Korporatismus. “

      Eben.
      Es macht aber einen Unterschied, ob man diesen Mechanismus zur Lösung gesellschaftlicher Probleme offiziell als sein Programm bezeichnet und anerkennt, oder ob man aber – wie hier im Artikel beschrieben – in politischem Handeln und ideologischem Anspruch weit auseinander klafft. Und schlimmstenfalls höchst selektiv liberale Prinzipien anwendet. Letzteres ist inkonsequent oder schlicht Heuchelei.

  4. Kalles Polemik funktioniert nach dem gleichen Prinzip, mit dem schon der Neoliberalismus und “Marktradikalismus” zum Unwort in der Öffentlichkeit gemacht wurde: Mit Unterstellungen, haltlosen Verallgemeinerungen und Unwahrheiten. Daneben gibt es noch ein wenig substanzloses FDP-Bashing, das mit der Realität kaum übereinstimmt. Die Partei entpuppt sich schließlich nicht als Vollstrecker des eigenen Programms sondern als Rohrkrepierer.

    Auch ich bin ein Mitglied im Verein für deutliche Aussprache. Das entbindet aber nicht von der Wahrheitspflicht. Wer anderen Eigenschaften und Meinungen zuteilt, die sie nicht haben und zu einem obskuren Feindbild vermischt, kommt ihr nicht nach. ER ist vulgär.

    http://fdogblog.wordpress.com/2010/09/12/rot-geht-nicht-gut/

    1. Ersteinmal danke. Ein Gegenartikel, diese Ehre, kam mir bis jetzt noch nicht zu teil ;). Entgegnung folgt bei euch im Kommentarbereich.

    1. Über den „Sozialismus“ kann man stundenlang philosophieren, denn er gehört zu den Begriffen, die einige, teils widersprüchliche Bedeutungen haben.

      Aber ein paar Anregungen:
      1. Sozialismus ist nicht unbedingt mit Planwirtschaft gleichzusetzen. Sozialdemokraten mit ihrem Mischwirtschaftssystem sehen sich oft ebenso als Teil der sozialistischen Bewegung wie auch radikale Sozialisten, die auf Marktanarchismus setzen. „Sozialismus = Planwirtschaft“ ist Quatsch.
      2. Sozialismus heißt auch nicht unbedingt Totalitarismus. Die Argumentation verläuft hier parallel zu 1.
      3. „Sozialismus“ wird vom politischen Gegner als polemisches Schlagwort verwendet. In Amerika gilt z.B. Obamas Gesundheitsreform vielen als „sozialistisch“, obwohl sie keineswegs sozialistisch ist. Polemik halt.

      So, nun meine persönliche Einschätzung: Sozialismus bedeutet für mich, dass Wirtschaft in der Gesellschaft stattfindet und nicht in abgeschotteten Machtzentren abseits der Gesellschaft. Letzteres konnte man sowohl in der zentral gesteuerten Planwirtschaft beobachten als auch in unserem derzeitigen „kapitalistisch“ genannten System (jedenfalls in weiten Teilen).
      Ich möchte, das Menschen fair behandelt werden und nicht ausgebeutet werden.

      Meine Kritik im Artikel bezog sich vorallem darauf, dass von liberaler Seite oft die simple Gleichung „Staat = Steuern = Sozialismus“ gezogen wird, die meines Erachtens nicht haltbar ist. Sie ist schwarz-weiß, erkennt nicht an, dass es zwischen Planwirtschaft und Marktanarchismus auch andere, differenziertere Systeme gibt.

      1. Sozialismus bedeutet für mich, dass Wirtschaft in der Gesellschaft stattfindet und nicht in abgeschotteten Machtzentren abseits der Gesellschaft.

        Das bedeutet also, Sozialismus ist für dich freie Marktwirtschaft, ohne Staatseingriffe?

        „Ich möchte, das Menschen fair behandelt werden und nicht ausgebeutet werden.“

        Klingt ja nett, aber dann müsste man wieder definieren, was „fair“ und „Ausbeutung“ eigentlich bedeutet.

        „Meine Kritik im Artikel bezog sich vorallem darauf, dass von liberaler Seite oft die simple Gleichung „Staat = Steuern = Sozialismus gezogen wird” „

        Das stimmt natürlich. Es ist nicht detailliert genug. Man müsste sagen: Staat = Zwang = illegitim

        Aber so richtig verstanden, was für eine Gesellschafts-/Wirtschaftsordnung Dir vorschwebt, habe ich immer noch nicht.

        1. Nun, die Frage lässt sich vermutlich nur mit einem Glaubensbekenntnis beantworten: Glaube ich daran, dass der Staat nicht zwingend stets als Verwalter und Ausführer spezieller Interessen agieren muss? Oder glaube ich, dass jede staatliche Aktion zwingend zu abgeschotteten Machtzentren außerhalb der Gesellschaft führt?

          1. Das ist kein Glaubensfrage, sondern tägliche Realität in allen Staaten der Welt.

            Glaube ich daran, dass der Staat nicht zwingend stets als Verwalter und Ausführer spezieller Interessen agieren muss?

            Nein, der Staat ist immer Verwalter und Ausführer spezieller Interessen. Das wäre auch nicht prinzipiell schlimm, aber der Staat tut dies auf Kosten aller anderen.

            Oder glaube ich, dass jede staatliche Aktion zwingend zu abgeschotteten Machtzentren außerhalb der Gesellschaft führt?

            Ja, das ist zwingend so, es geht gar nicht anders.

  5. In Ermangelung an Zeit (und aufgrund schierer Unlust auf unfruchtbare Debatten mit hier wie getroffenen Hunden bellenden/aufjaulenden Neoliberalen/Vulgärlibertären, wegen denen ich das Bloggen gänzlich an den Nagel gehängt habe) nur soviel von meiner Seite:

    *UNTERSCHREIB*

    Danke, Kalle!

  6. Na dann der Vollständigkeit halber hier auch noch mal: Herr Kappner verlinkt einen Artikel von mir, dessen Inhalt er gar nicht verstanden hat.

    „Auf „liberalen“ Blogs lesen wir, dass Geistes– und Sozialwissenschaften sozialistischer Unfug ohne jeglichen Wert seien,“

    Natürlich nicht.

    Mir ging es um die Verlaberung der Sozialwissenschaften, um den postmodernen Jargon, der für alle, denen Wissenschaft etwas bedeutet, eine Bedrohung darstellt. Ich weiß wovon ich rede, denn ich bin Sozialwissenschaftlerin, ich habe empirisch geforscht und an einer Uni unterrichtet. Ich kenne diese Wortakrobaten und ihre aufgeblasenen Pseudo-Forschungen nur zu gut.

    Noch unschöner wird es, wenn postmodernes Wortgeklingel dazu benutzt wird, um kulturrelativistisch zu argumentieren und die Universalität der Menschenrechte zu untergraben. Gerade weil mein Forschungsinteresse in den Entwicklungsländern lag verbitte ich es mir, wenn Menschen, nur weil sie keine Westler sind, von irgendwelchen Gender-Social-Anthropology-Cultural-Studies-Labersäcken eben diese Rechte im Namen einer angeblichen Toleranz gegenüber fremden Kulturen abgesprochen werden.

    Ich bin für eine Sozialwissenschaft, die diesen Namen verdient und gegen Kulturrelativismus in Menschenrechtsfragen. Seht ihr das wirklich anders?

    1. Akzeptiert und: Entschuldigung. Ich habe die Intention deines Artikels in der Tat missverstanden – wie ich zu meiner Verteidigung sagen muss, hat das aber auch etwas mit einer durchaus aggressiven und radikalen Wortwahl deinerseits zutun ;).

      Generell könnte ich den Absatz über liberale Blogs aus meinem Artikel entfernen – er gehört weder zu den wichtigen Aussagen noch bedingt er irgendeine andere Aussage. Blogs zu bewerten, ist, sofern sie mehrere Autoren haben, immer schwierig. Und, wie hier ein Vorredner schon richtig anmerkte: Diese deutschen, liberalen Blogs tragen kaum zur Imagebildung des Liberalismus‘ (und des Vulgärliberalismus‘) bei – eben, weil sie eh kaum jemand liest.

  7. Grundsätzlich sehr treffender Artikel wie ich finde!

    Nur zweierlei:

    1.: Gegen „Feminismus“ in seiner heutigen Ausprägung zu sein, hat nicht zwangsläufig mit einem „rechtsgerichteten Gesellschaftsbild“ zu tun, sondern kann auch, wie bei mir, aus liberal – anti-kolletivistischer Sichtweise entspringen!
    Frauenquoten, erwzungenes Neusprech („Hier ist die Anrufbeantworterin von Jonathan Gruner…“) und ähnlicher Schmarrn sind nämlich definitiv nicht liberal!

    2.: Ihre Analyse der „Tea Party“ ist so nicht richtig! Eine große Anzahl der Tea Party – Anhänger, wenn nicht gar beinahe die Hälfte, sympathisiert mit den libertären Ideen eines Ron Paul, auch außenpolitisch!
    In Kalifornien hat mit John Dennis sogar ein „Ron Paul – Republican“ die Vorwahlen der Reps gewonnen (wird zwar leider keine Chance gegen Nancy Pelosi haben, aber immerhin…).
    Stimmt zwar, dass die Neocons teils erfolgreiche Versuche zum „Hijacking“ der Tea Party unternommen haben, aber so allumfassend wie von Ihnen dargestellt ist das ganze zum Glück noch nicht.

    Gruß von einem libertären Minarchisten

      1. Das tut nichts zur Sache, solange diese sogenannten „religiösen Cracks“ nicht fordern, dass der Staat religiös-fundamentalistisch handeln soll; da die „Tea Party“ grundsätzlich eine staatskritische Bewegung ist, finden sich dort nicht viele wieder, die einen Gottesstaat wollen.
        Ob die „Tea Party“ – Mitglieder in ihrem Privatleben „religiöse Cracks“ sind, intressiert nicht.

        1. Letztendlich bestimmt die Philosophie der Leute die Richtung der Bewegung.
          Diese sogenannten Cracks fordern in der Tat staatliche Eingriffe, wenn es um ihre religiösen Ansichten geht.

  8. Gut, muss ich dir recht geben. Ich will aber auch nicht einsehen, warum ausgerechnet du vernüftig beurteilen könntest, ob hier in Deutschland regenerative Energie funktionieren kann.

    Ach, Kalle. So sachlich und intelligent, wie es die SPD der letzten 10 Jahr immer war.
    Üb mal Kopfrechnen und überschlage, wieviele Jahrhunderte ein Solarpanel braucht, um die Energiemenge zu liefern, die für seine eigene Herstellung gebraucht wurden…
    Frag einfach Deinen Physiklehrer oder schau Dir mal Fabriken von innen an.
    Und frag die Wind- und Solarlobbyisten mal, warum sie eigentlich Subventionen und Zwangsabnahme brauchen, wo sie doch eigentlich das derzeit beste und erfolgreichste Marketing der Welt haben…

  9. Kalle,

    ich stimme dir zu, was Gazprom, Halliburton und die Pharmakartelle anbelangt. Doch was ist das Problem mit WalMart? Erhält WalMart Subventionen? Lässt es mit Hilfe des Staates den Wettbewerb einschränken?

    Was die Atomenergie betrifft: Liberal ist es wirklich nicht, zu sagen, der Staat solle die Atomenergie fördern und nicht die Solarenergie. Liberal ist es, zu sagen, staatliche Subventionen und Privilegien für die Energiekonzerne sollen beendet werden und der Energiesektor vermarktwirtschaftlich werden.

    Die anständigen Freisinnigen gibt es durchaus. Nur sind sie kaum in der FDP anzutreffen.

    1. Zu WalMart: Die Sweatshop-Problematik habe ich schon erwähnt. Auch WalMart nutzt direkt oder indirekt Sweatshops für die Produktion.

      Dazu kommt, dass WalMart – wie viele andere große Warenhausketten auch – oft auf lokaler Ebene Steuererlässe, billiges Land und kostenlose Infrastrukturanbindung erhält. An sich noch kein Problem. Aber: Diese Vorteile erhalten kleinere Läden (erst recht die traditionellen Tante-Erna-Läden) sicherlich nicht.
      Auf einer weiteren, höher gelegenen Ebene, könnte man natürlich argumentieren, dass protektionistische Handelspolitik der USA direkt oder indirekt auch WalMart nützt.

      Zwei Anmerkungen dazu:
      1. Ob das gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage! Aber man sollte in der Lage sein, diese Mechanismen zu erkennen, um sie dann auch bewerten zu können. Dass eben das von vulgärliberaler Seite selten passiert, ist meine Kritik.
      2. Es macht im Prinzip wenig Sinn, WalMart für irgendetwas zu beschuldigen, erst recht nicht für unethisches oder unmoralisches Handeln. WalMart handelt rational im gegebenen System, so wie die meisten anderen (natürlichen und juristischen) Personen auch.

      1. Sehr richtig. Die Marktteilnehmer handeln im Normalfall so, wie es für sie am besten ist. Deshalb braucht man klare Gesetze und Vorgaben, um eine Gesellschaft zu formen. „Für Geld tun Menschen sogar Gutes“, hat ein kluger Mann einmal gesagt. Und, was soll ich sagen – das stimmt. Der Appell an den „ehrlichen Kaufmann“, der nur qua Willensentscheid ethisch wertvoll handelt, ist deshalb völliger Unsinn. Der Kaufmann nimmt, was ihm zusteht, der ALG-II-Empfänger auch. Warum auch nicht? Alles andere wäre nicht rational.

        Blame the game, not the player.

        1. Du kannst natürlich versuchen, Gesellschaft über Anreize zu gestalten. Die Anreizgesellschaft ist aber auch die Gesellschaft ohne Moral. Der Reiz des Bösen liegt ja oft darin, dass es eben rationaler ist. Wenn das Gute immer rationaler ist, dann gibt es kein ‚böse‘ mehr und damit auch kein ‚gut‘. Ich möchte dagegenhalten: Der Mensch wächst an seinem Verhältnis zur Moral. Wenn du nie vor moralischen Konflikten stehst, wirst du nicht wachsen. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, der moralische Kategorien völlig fremd sind.

          Die experimentelle Wirtschaftsforschung liefert dazu interessante Erkenntnisse: Arbeitnehmer die Anreizverträge erhalten, arbeiten genau so viel, wie es für sie individuell rational ist. Zahlst du den Leuten einen hohen Pauschallohn, leisten sie freiwillig mehr als mit Anreizen. Direkte Anreize verdrängen jedes andere Motiv (intrinische Motivation, Moral) zum Schaden(!) des Arbeitgebers.

          1. Das ist für mich kein Widerspruch zu meinem Beitrag, sondern eher eine Ergänzung.

            Gerade ALG-II-Empfängern wird ja vorgeworfen, dass sie auf die Leistungen bestehen, die ihnen zustehen. Das ist nun aber erkennbar Unsinn, denn sie haben das Recht auf diese Leistungen.

            Von den Nachteilen von Akkordarbeit musst Du mich nicht überzeugen, keine Sorge; dass unbefristet beschäftigte Arbeitnehmer langfristig nicht nur besser für die Volkswirtschaft, sondern auch für die Unternehmen sind, dessen bin ich mir auch sicher.

          2. Es ist ein direkter Widerspruch zu:
            „Für Geld tun Menschen sogar Gutes”. Das ist so sehr verkürzend. Die Experimentalökonomik kommt aktuell zu dem Schluss: „Menschen Geld dafür zu geben, damit sie Gutes tun, lässt sie im Ergebnis weniger Gutes tun.“

            Es gibt viele Menschen, die, obwohl es rational erscheint, nicht ALG-II beantragen. Und genug, die ALG-II beziehen, obwohl sie es nicht müssten. Genau wie es ehrbare Kaufleute gibt und „Raubtierkapitalisten“, unabhängig von jedem Spiegel.

            Man mag jetzt der Meinung sein, es gewönnen „im Spiel“ die Falschen. Aber Moral durch Anreize zu ersetzen, wird das Lager derer, die wir nicht gewinnen sehen wollen, nur vergrößern.

            „Blame the game, not the player.“ greift in jedem Fall zu kurz.

        2. Oder man könnte davon absehen, versuchen die ‚Gesellschaft zu formen‘ und lediglich Verbrechen wie Mord, Diebstahl und Betrug verbieten. Dann würden für WalMart und kleine, lokale Shops die gleichen Regeln gelten.

          1. Danke, an einem Nachtwächterstaat habe ich kein Interesse. Er ist auch widerlegt, aus diesen Erfahrungen heraus hat sich schließlich die Arbeiterbewegung gegründet. Aber super, dass manche Leute nie aus der Geschichte lernen wollen.

      2. Sweatshops sind nicht alle schlecht, es gibt auch solche, die ohne Zwangsarbeit und Privilegien auskommen, sondern ganz gewöhnliche Fabriken sind. Es kommt also darauf an, mit welchen Sweatshops WalMart zusammenarbeitet.

        Was meinst du mit ‚billigem Land‘? Gibt der Staat WalMart Land zu besseren Konditionen ab als z.B. einer KMU-Bäckerei?

        Ich beschuldige kein Unternehmen oder Subventionsnehmer direkt, sondern die staatlichen Privilegien, durch die das eine Unternehmen auf Kosten der anderen bevorteilt wird.

        1. Ausbeutung in einem Ausbeutungsbetrieb ist also nicht immer schlecht. Danke für die Bestätigung des obigen Artikels.

          1. Da jeder unter ‚Ausbeutung‘ etwas anderes versteht, solltest du vielleicht erklären, was du damit meinst, bevor du alle Sweatshops als ‚ausbeuterisch‘ bezeichnest.

          2. Sweatshops sind im allgemeinen Sprachgebrauch Ausbeutungsbetriebe. Aber schön zu wissen, dass Liberale mal wieder eine eigene Sprache verwenden. Freiheit ist Sklaverei, Krieg ist Frieden. Sehr sinnig, die Diskussion.

          3. Ja, klar, ist viel besser, wenn diese Sweatshops verschwinden. Die Leute, die dahin arbeiten gehen, sind alle leicht verwirrt, so dass sie die Ausbeutung dem schönen Landleben vorgezogen haben.

          4. Die typisch vulgärliberale Antwort. „Vulgär“ ist so wunderbar treffend.

            Aber trotzdem eine Antwort: nein, es wäre nicht besser, würden die Sweatshops einfach verschwinden. Es wäre besser, würden die Leute anständig bezahlt und nicht ausgebeutet. Die Frage ist, wie man das erreicht. Darüber lohnt es sich zu sprechen. Nichts zu tun bzw. diese Menschen „dem Markt“ zu überlassen ist hingegen vulgärliberal.

          5. @Rayson: Das ist kein legitimes Argument. Auch wenn einige Sweatshops unter Umständen als das kleinere Übel gelten können, macht sie das noch lange nicht zu einer guten Sache, für die man etwa dankbar sein sollte.

            „Die Leute, die dahin arbeiten gehen, sind alle leicht verwirrt, so dass sie die Ausbeutung dem schönen Landleben vorgezogen haben.“

            Das ist übrigens ein zynischer Kommentar, wenn man bedenkt, dass in vielen Ländern, in denen heute Sweatshops stehen, vorher eine massive Enteignung der Landbevölkerung stattgefunden hat. Das gleiche Phänomen hatten wir übrigens auch zur Zeit des Frühkapitalismus‘ in England. Wo kamen denn bitte die Massen an billigen Arbeitskräften her? Richtig, ihr Land wurde durch Staatsgewalt (im Interesse von Großbesitzern) enteignet. Ihr Möglichkeiten wurden eingeschränkt, sie hatten überhaupt nicht mehr die Möglichkeit, ein „schönes Landleben“ zu genießen, da ihr Land ihnen gestohlen wurde.

            @Benjamin:

            Sweatshops müssen nichts schlechtes sein. Wenn sie allerdings deshalb zustande kommen, weil in einem Land ein erhebliches Überangebot an billigen Arbeitskräften besteht, weil diese zuvor per Zwang und Enteignung von ihrem Landbesitz vertrieben wurden, so ist das eben keine tolle Sache. Aber wie schon gesagt: Dafür ist WalMart nicht verantwortlich, es nutzt nur die Strukturen, die man ihm gibt.

            „Billiges Land“: Staaten und besonders Kommunen verschleudern immer mal wieder gerne Grundstücke (bis hin zu den symbolischen 1€-Preisen), wenn sie sich erhoffen, dass der neue Eigentümer darauf etwas baut, was dann der Stadt zugute kommt. Da das bei den meisten Großunternehmen völlig normal ist, habe ich jetzt mal angenommen, dass das auch bei WalMart so passiert.

          6. @Christian

            Ich würde ja so gerne ganz im von dir vorgegebenen Vorschulmodus mit „Vulgärsozi“ kontern, aber das geht nicht so gut, weil der Begriff ein Oxymoron zu sein scheint.

            Nichts zu tun bzw. diese Menschen „dem Markt” zu überlassen ist hingegen vulgärliberal.

            Und typisch Sozi ist es, das zu verurteilen, was ist, weil es nicht dem eigenen Ideal entspricht, aber mit allen daraus folgenden konkreten Handlungsempfehlungen das Los derer, denen man vorgeblich helfen, nur noch zu verschlechtern.

            @Kalle

            Auch wenn einige Sweatshops unter Umständen als das kleinere Übel gelten können, macht sie das noch lange nicht zu einer guten Sache, für die man etwa dankbar sein sollte.

            Ich wüsste nicht, wo ich Dankbarkeit eingefordert hätte. Es geht um Alternativen. Sweatshops verschwinden von ganz allein, wenn sie die schlechtere Alternative darstellen. Und sie existieren, wo sie – zumindest für einen Teil der Menschen – die bessere sind.

            Es wäre eine etwas seltsame Entwicklungsvorstellung, bei der Transformation armer Landbevölkerungen nach allen Regeln der deutschen Gesetzgebung bezahlte, abgesicherte und ausgestattete Arbeitsplätze zur Voraussetzung zu machen statt diese vielleicht höchstens mal am Ende dieses Prozesses zu sehen.

            Das ist übrigens ein zynischer Kommentar, wenn man bedenkt, dass in vielen Ländern, in denen heute Sweatshops stehen, vorher eine massive Enteignung der Landbevölkerung stattgefunden hat.

            Welche meinst du da genau? Aber auch in diesen Fällen sind dann weniger die Sweatshops das Problem als die Enteignung. Aber du behauptest ja hier einen gelenkten Zusammenhang. Deswegen würde mich schon interessieren, wo das war und wie viele Betroffene es gab. Interessant wäre vor allem auch, warum über die Enteignung keine Empörung entsteht, sondern nur über die Arbeit in den Sweatshops.

          7. Vielleicht noch gleich eine Erläuterung:

            Ich würde ja so gerne ganz im von dir vorgegebenen Vorschulmodus mit „Vulgärsozi” kontern, aber das geht nicht so gut, weil der Begriff ein Oxymoron zu sein scheint.

            Usprünglich wollte ich da ja eigentlich „Pleonasmus“ schreiben, aber das wäre genau wieder der Vorschuldmodus geworden. „Oxymoron“ trifft es viel besser, denn mit dem einfachen Volk haben es manche Sozis eben nicht mehr so sehr, das stört nur beim Theoretisieren.

          8. Ich habe keinen gelenkten Zusammenhang behauptet. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass dein Kommentar, dass sich die Leute ja zwischen einem schönen Landleben und der Plackerei im Sweatshop wählen könnten, zynisch ist.
            Und natürlich bin ich empört über die Enteignung.
            Ohne jetzt genauer in die Materie einsteigen zu wollen, empfehle ich dir einfach mal, die Stichwörter „enteignung chinesischer bauern“ bei Google einzugeben. Du kannst „chinesischer“ auch durch andere Schwellen- oder Drittweltländernationalitäten ersetzen – du wirst oft bei einem ähnlichen Ergebnis herrauskommen. Und auch bei den Landreformen, die vorgeblich dazu dienten, die „weißen, reichen Säcke“ zu enteignen, lohnt es sich, mal etwas genauer hinzuschauen.

            In diesem Zusammenhang erübrigt sich dann auch der Rest deiner Argumentation: Sweatshops sind nicht immer böse, das habe ich nie behauptet. Dort allerdings, wo sie klar nur deshalb existieren können, weil vorher Massenenteignungen stattfanden, weil die Polizei die Leute zur Arbeit treibt und diese Sweatshops obendrein noch in „Freihandelszonen“ liegen, die sie in der Konkurrenz mit heimischen Arbeitgebern besserstellen, sind Sweatshops nichts tolles. Aber manchmal können sie die beste Alternative sein, geschenkt. Nur muss man sie deswegen noch lange nicht verteidigen.

            Dass nicht Menschen, WalMart oder sonst auch immer wer für diese Zustände moralisch anzuprangern ist, habe ich ja schon klargestellt.

          9. Kleine Korrektur meinerseits: Ich meinte nicht „Freihandelszonen“ sondern „Sonderwirtschaftszonen“. Die gibt’s zum Beispiel in Nordkorea, worüber sich südkoreanische Firmen natürlich sehr freuen :).

          10. Du kannst „chinesischer” auch durch andere Schwellen– oder Drittweltländernationalitäten ersetzen — du wirst oft bei einem ähnlichen Ergebnis herrauskommen.

            Nun ja, China, Nordkorea…. Darüber müssen wir uns nicht streiten. Aber in anderen Ländern, namentlich in solchen mit einigermaßen demokratischen Regierungen, ist das eben nicht so einfach.

            und diese Sweatshops obendrein noch in „Freihandelszonen” liegen, die sie in der Konkurrenz mit heimischen Arbeitgebern besserstellen,

            Da passt dann aber Nordkorea wohl kaum – da gibt es nur einen einzigen heimischen Arbeitgeber…

            Nur muss man sie deswegen noch lange nicht verteidigen.

            Bevor man den Leuten dort diese Alternative auch noch wegnimmt – natürlich muss man! Und manch bequeme Kritik von westlichen Linken, die solche Zusammenhänge, wie wir sie gerade erörtert haben, komplett ignorieren, weil sie die routinierte Empörung versauen könnten, gehört dann eben auch mal ihrerseits kritisiert.

    1. Toller Artikel!

      „Die große Herausforderung für Libertäre, klassisch Liberale oder wie auch immer man konsequente Liberale bezeichnen möchte einerseits und sozialdemokratische Freunde der Freiheit andererseits besteht unverändert darin, sich über die richtige Mittelwahl bei der Erreichung im Grunde gleicher Ziele zu verständigen. Derzeit drängt sich der Eindruck auf, dass die aktuelle Trennlinie zugleich die klassische ist: Liberale lehnen einen mehr als Rahmen setzenden Minimalstaat ab, Sozialdemokraten sehen den Staat als Mittel zur Verbesserung der Situation der Massen an. Ist die staatspolitische Debatte das eigentlich fruchtbare Feld?“

      Grade das bringt einen sehr zum Nachdenken.

      PS: Mein Nachname wird mit zwei „p“ geschrieben ;).

  10. Klasse! Endlich mal ein Linker, der wirklich versteht um was es geht!

    Wenn man mit solchen Einsichten ein bisschen polemisiert, ist das nicht nur verzeihlich, sondern wichtig! Denn anständiger Liberalismus kann derzeit Hilfe wirklich von allen Seiten gebrauchen. Der Umgang mit Themen wie Atomkraft, Kriegstreiberei und Korporatismus in sogenannten liberalen Kreisen macht mich schon seit Jahren fassungslos. Solange der eigene Gehaltsscheck möglichst steuerfrei ausbezahlt wird, ist alles ok, aber den nuklearen Abfall soll doch später bitte mal der eigene Sohn entsorgen! Von den wahren Wurzeln dieser Bewegung ist doch fast nichts mehr übrig. Ständig muss sie nach neuen Begriffen wie „Libertarismus“ suchen, um sich von Irrungen eigenartiger Strömungen abzusetzen, die sich in ihrem Innern auftun.
    Ich würde lediglich ergänzen, dass man in diese Reihe auch Linke stellen sollte, die mit staatlicher Hilfe ihre Jobs vor um einiges ärmeren Ausländern schützen wollen und sich dabei wie Mutter Theresa fühlen. Aber das ist natürlich wieder ein anderes Thema.

    Von diesem Standpunkt aus kann ich sozialdemokratische Kritik nicht nur nachvollziehen, ich unterstütze sie tatkräftig! Bitte, bitte weiter schreiben, denn wahre Liberale diskutieren gerne auf diesem Niveau!

  11. Weiter so! Dann kann man vielleicht in einigen Jahren die Wörter „sozialdemokratisch“ und „liberal“ endlich wieder in den Mund nehmen, ohne das Bedürfnis zu haben, anschließend auf den Boden zu spucken.

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