Vulgärliberalismus

Geht es euch eigent­lich auch so auf die Nerven, wenn ein belie­bi­ger FDP-Jünger die Atomlobby und ihre Machenschaften vertei­digt und lobt? Wenn die Liberal-Schickeria auf die asozia­len Schmarotzer dieses Landes schimpft und dabei Hartz IV-Empfänger meint und nicht etwa Hypo Real Estate, RWE oder den Verband der forschen­den Arzneimittelhersteller?

Nun, das nennt man Vulgärliberalismus. Eine Ideologie, die die Sprache des Liberalismus’ verwen­det, aber, entwe­der aus Beschränkheit oder aber mutwil­lig, den libe­ra­len Gedanken nur äußerst selek­tiv und unvoll­stän­dig anwen­det. Kevin Carson, ein Sozialist und Libertärer (Ja, das funk­tio­niert.) formu­lierte es so:

In every case, the good guys, the sacri­fi­cial victims of the Progressive State, are the rich and power­ful. The bad guys are the consu­mer and the worker, acting to enrich them­sel­ves from the public trea­sury. […]

The ideal „free market” society of such people, it seems, is simply actually exis­ting capi­ta­lism, minus the regu­la­tory and welfare state: a hyper-thyro­idal version of nine­teenth century robber baron capi­ta­lism […]

Dabei müsste eigent­lich jedem Liberalen mit einem halb­wegs intak­ten Gedankengebäude klar sein, dass es in einem freien, oder zumin­dest freie­ren Markt keine Gazproms, keine WalMarts, keine Pharmakartelle gäbe. Diese multi­na­tio­na­len Unternehmen gene­rie­ren ihre gigan­ti­schen Gewinne häupt­säch­lich durch die Ausbeutung von Konsumenten und Arbeitnehmern. Mit Hilfe des Staates – nicht durch „unter­neh­me­ri­sches Talent“, Glück oder gar „Bestehen im Wettbewerb“.

Es ist die völlige Unfähigkeit, über den engen Tellerrand der eigenen Gehaltsabrechnung zu schauen. Der größte Feind des Vulgärliberalen ist der arbeits­lose Hartzer, den er mit ein paar Brotkrumen durch­füt­tern muss. Nicht aber der hoch­sub­ven­tio­nierte Großkonzern. Den füttert man gerne durch. Der schafft ja schließ­lich Arbeitsplätze!

Du, kleiner Sohn arbeits­lo­ser Eltern, wohl­mög­lich noch Moslem, schaffst es nicht durch eigene Anstrengung nach oben? Nun, das kann nur an deiner Dummheit (oder gar an deinen Genen) liegen und nicht an den Strukturen! Wir leben hier ja schließ­lich im Kapitalismus, da ist ja für jeden alles möglich, wenn man nur will und sich anstrengt. Guck doch her, ich, Sohn eines DAX-Vorstands, habe es auch nach oben geschafft. Geht also! Freier Markt ist das hier!

Wie kann ein Liberaler ernst­haft für Atomenergie sein? Die Atomenergie wird seit Jahrzehnten in Deutschland staat­lich geför­dert: Über direkte und indi­rekte Subventionen, über staat­lich finan­zierte Forschung, über Reaktorbauhilfen, über Infrastrukturbereitstellung, über staat­lich finan­zierte Castortransporte, über eine geringe Versicherungspflicht und über die Übernahme der Endlagerkosten durch den Staat. Atomenergie ist nicht „billig“. Sie war es nie und sie wird es auch nie sein. Sie ist kein Produkt eines fairen Wettbewerbs um die beste Energieerzeugung. Für den Vulgärliberalen aller­dings, für den ist die Atomenergie eine einzige ökono­mi­sche Erfolgsgeschichte. Schließlich spru­deln die Gewinne bei Vattenfall & co. ja ergie­big. Scheint ja eine ganz tolle und profi­ta­ble Angelegenheit zu sein!

Oft, leider viel zu oft, kommt noch ein streng rechts­ge­rich­te­tes Gesellschaftsbild hinzu. Auf „libe­ra­len“ Blogs lesen wir, dass Geistes- und Sozialwissenschaften sozia­lis­ti­scher Unfug ohne jegli­chen Wert seien, dass Deutschland einen „Schwulenkult“ betreibe und dass Feminismus ein Grundübel unserer Zeit ist.  Clement ist ein ehrba­rer Mann, schließ­lich hat er sich ja stets darum bemüht, Konzerne auf Staatskosten zu berei­chern. Moslems sollen keine unein­ge­schränkte Religionsfreiheit erhal­ten. Und Sarrazin ist sowieso toll und wird von der „linken Meinungsmafia” bedroht. Ja, das alles musste ich in den letzten Wochen im Internet lesen, von Leuten, die sich liberal schimp­fen.

Der tapfere Kampf der Vulgärliberalen beschränkt sich auf den Ruf nach Steuersenkungen, auf den Wunsch nach dem Abbau des Sozialstaates und auf die Diffarmierung der Linkspartei. Aber Einstehen für welt­wei­ten Freihandel, Ende des Meisterzwangs,  Zerschlagung des Energieoligopols? Ach Quatsch! Sowas inter­es­siert den Vulgärliberalen garnicht. Es steht ja nicht auf dem Gehaltszettel, was diese Dinge eigent­lich kosten und an Wohlfahrtsverlust bedeu­ten. Sozialstaat für Unternehmen muss schon sein, schließ­lich sind das alles ehrbare Kaufleute und hart arbei­tende Menschen.

Dazu kommt, steigt man näher in die Diskussion ein, die mangelnde Fähigkeit, zwischen Sozialismus und Korporatismus zu unter­schei­den. Für den Vulgärliberalen ist alles, was irgend­wie mit Staat und Steuern zutun hat, sozia­lis­tisch. Der Staat regu­liert die Pharmawirtschaft im Sinne der Großhersteller? Sozialismus! Der Staat rettet Banken und sozia­li­siert deren Verluste, während die Gewinne privat bleiben und kräftig steigen? Böser Kommunismus! Ölkonzerne verseu­chen die Weltmeere und der Steuerzahler kommt für die Säuberung auf? Riecht nach kuba­ni­schen Methoden! Aber wenn US-Unternehmen in China Sklaven in ihren Sweatshops unter­hal­ten, dann ist das freie Marktwirtschaft, oder wie? Ist das freie Marktwirtschaft, wenn der chine­si­sche Staat Millionen von Bauern enteig­net und in die Fabriken zwingt, wenn er die Gründung von freien Gewerkschaften unter­sagt und die Arbeiter per Polizeigewalt an die Arbeit treibt?

Und was ist bitte­schön daran sozia­lis­tisch, Gewinne zu priva­ti­sie­ren und Verluste zu sozia­li­sie­ren? Das wider­spricht jegli­chen Idealen des Sozialismus’.

In ihrem blinden Hass auf alles Linke, Sozialistische oder gar Nicht-Bürgerliche, wird allzu schnell der Pakt besie­gelt mit jenen Kräften, die zwar retho­risch gerne die Sprache des freien Marktes bemühen. Aber in ihrem alltäg­li­chen poli­ti­schen Handeln eine völlig andere Agenda verfol­gen. Ja, man ist für freien Wettbewerb, Eigenverantwortung und Belastung. Jedenfalls für Leiharbeiter. Aber bloß nicht für Banken und Großkonzerne! Die brau­chen staat­lich geför­derte Kartellbildung, Haftungsbegrenzung und „Schutzschirme“ und müssen durch protek­tio­nis­ti­sche Handelspolitik geför­dert werden. Denn was für „unsere deut­schen Unternehmen gut ist“, dass muss ja auch für alle Deutschen gut sein. Der Merkantilismus lässt grüßen.

Die Gefahr für Freiheit und Wohlstand kommt heute nicht mehr aus der staats­so­zia­lis­ti­schen Ecke – kein Mensch, außer viel­leicht ein paar durch­ge­knall­ten, puber­tä­ren Nord-Korea-Fans, plant eine Neuauflage der geschei­ter­ten Planwirtschaft. Die Gefahr kommt heute aus der bürger­li­chen Ecke: Durchgestylte BWL-Yuppies, die uns erzäh­len wollen, dass RWE ein überaus erfolg­rei­ches Unternehmen wäre, weil es stets gut gewirt­schaf­tet hätte und tolle Innovationen erbracht hätte und dass wird drin­gend mehr solcher Unternehmen bräuch­ten. Ökonomie-Professoren, die den Mythos der „Systemrelevanz“ fördern und damit recht­fer­ti­gen, dass Steuerzahler Risiken und Verluste für Spekulanten über­neh­men, die in Schrottpapiere und grie­chi­sche Staatsanleihen inves­tie­ren. Ein Guido Westerwelle, der den Liberalismus zur völli­gen Farce verkom­men lässt, indem er ihn als eine Ideologie der Egoisten darstellt, die einfach nur weniger Steuern zahlen wollen, den Sozialstaat in die Tonne kloppen wollen, sich nicht mehr für den Obdachlosen um die Ecke verant­wort­lich fühlen wollen.

Keinesfalls will ich alle Liberalen in Sippenhaft nehmen! Allenfalls dafür, dass zuviele Liberale den Liberalismus unwi­der­spro­chen verkom­men lassen zu einer Ideologie der Korporatisten. Der Liberalismus war einmal etwas revo­lu­tio­nä­res, eine Kraft, die die Massen aus der Unterdrückung befreien wollte. Heute dient er als Rechtfertigungsideologie für die herr­schen­den Zustände in diesem arti­fi­zi­ell kartel­li­sier­ten Wirtschaftssystem. Diese Zustände sind nicht frei von Unterdrückung und Ausbeutung. Der Liberalismus war einmal eine Bewegung,  die „dem Wohle aller, nicht dem beson­de­rer Schichten dienen wollte” (Ludwig von Mises). Heute soll sie den von Eigenverantwortung befrei­ten Kapitalgesellschaften und den wett­be­werbs­be­frei­ten Kartellen helfen.  Die „Tea Party”-Bewegung in Amerika (die längst durch neokon­ser­va­tive Falken geka­pert wurde) macht es vor: Zuhause soll der Staat klein sein, im Ausland dagegen steht man auf die Armeeeinsätze des „big government” in aller Welt. Steuernzahlen für Arme? Nein! Steuernzahlen, damit die Armee Handelswege für US-Multis beschützt? Ja, bitte!

Völlig inkon­sis­tent.

Man möge mir diesen pole­mi­schen Ausbruch verzei­hen. Aber ich trage diese Gedanken schon länger mit mir rum. Und langsam platzt mir der Kragen bei soviel Verlogenheit, bei soviel Instrumentalisierung und soviel Propaganda. Dieser Liberalismus, erst recht in seiner deut­schen partei­po­li­ti­schen Manifestierung, ist ein Zombie, inner­lich tot, äußer­lich mörde­risch. Mit seinen ursprüng­li­chen Idealen hat er rein garnichts mehr zutun — er ist zu dem gewor­den, was ihm von linker Seite schon immer vorge­wor­fen wurde: Die Ideologie der ausbeu­ten­den Klassen, die ihre Position vor den berech­tig­ten Ansprüchen der Ausgebeuteten vertei­di­gen wollen.

Wo sind die anstän­di­gen Freisinnigen?

Autor: Kalle Kappner

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92 Gedanken zu „Vulgärliberalismus“

  1. Wie kann ein Liberaler ernst­haft für Atomenergie sein? Die Atomenergie wird seit Jahrzehnten in Deutschland staat­lich geför­dert: Über direkte und indi­rekte Subventionen, über staat­lich finan­zierte Forschung, über Reaktorbauhilfen, über Infrastrukturbereitstellung, über staat­lich finan­zierte Castortransporte, über eine geringe Versicherungspflicht und über die Übernahme der Endlagerkosten durch den Staat.
    Man kann. Ernsthaft. Wenn man nämlich durch­aus einsieht dass hier Fehler gemacht wurden und noch werden, diese aber nicht der Technik an sich anlas­tet. Ich bin kein Freund von Subventionen, aber dann ist es doch konse­quent die Subventionen zu bekämp­fen und nicht dieje­ni­gen, die sie einste­cken. Wobei ich an staat­lich finan­zier­ter Forschung noch nichts verwerf­li­ches finde. Reaktorbauhilfen würde ich aller­dings keine mehr zahlen. Durch einen über­eil­ten Atomausstieg werden in der Vergangenheit gewährte Subventionen in ihrer Wirksamkeit redu­ziert.

    1. Ja, deinen Standpunkt kann ich sehr gut nach­voll­zie­hen. Das ändert aber nichts daran, dass die frene­ti­sche Unterstützung der Atomenergie an sich auf der völlig falschen Annahme gründet, sie sei billig. Nun, da all das Geld schon geflo­ßen ist und nicht mehr zurück­ge­holt werden kann, kann es tatsäch­lich ökono­misch gesehen Sinn machen, die Atomkraft zu unter­stüt­zen. Für mich über­wiegt aber ohnehin das ökolo­gi­sche Argument. Ich habe keine Lust auf noch mehr nuklea­ren Müll. Und außer­dem bin ich froh, wenn den Stromkonzernen eine wich­tige Grundlage ihrer Marktmacht entzo­gen wird.

      1. Wenn man die Kuh erstmal ange­schafft hat, muß man sie auch melken.

        Der Großteil des radio­ak­ti­ven und gifti­gen Mülls fällt übri­gens erst bei der Stillegung der KKW an. Jede Stunde Laufzeit verbes­sert deshalb nicht nur die Energieausbeute pro ausge­ge­be­nem Pfennig sondern auch pro Kg Müll.
        Die Alternative zu deut­schen KKW sind derzeit auch nicht etwa Sonne, Wasser, Wind sondern Braunkohle und KKW aus Frankreich, Italien und Tschechei.
        Sonne, Wind und Wasser sind tolle Sachen, wo sie geogra­phisch sinn­voll sind: Sahara, Atlantik, Pazifik, etc.
        Deutschland ist so ziem­lich der dämlichste Ort auf der Welt, um damit Strom gewin­nen zu wollen.

        1. „Deutschland ist so ziem­lich der dämlichste Ort auf der Welt, um damit Strom gewin­nen zu wollen.”

          Das sieht die Bundesregierung mit ihrem Energiekonzept aber anders.

          1. Gut, muss ich dir recht geben. Ich will aber auch nicht einse­hen, warum ausge­rech­net du vernüf­tig beur­tei­len könn­test, ob hier in Deutschland rege­ne­ra­tive Energie funk­tio­nie­ren kann.

      2. Ist Atommüll die schlimmste Gefahr unserer Zeit? Nicht etwa der Klimawandel? Das ist eine grund­sätz­li­che Frage.

        1. Der Klimawandel muss bewäl­tigt werden. Und das schafft man am besten, indem man die rege­ne­ra­ti­ven Energien fördert. Die Atomkraft steht da im Weg.

          1. „”„Der Klimawandel muss bewäl­tigt werden””” Wirklich ? Doch wohl nur unter einigen Voraussetzungen, nämlich:

            1. Er muss über­haupt statt­fin­den, sonst ist es sinn­frei, ihn zu bewäl­ti­gen.

            2. Seine Auswirkungen müssen schäd­lich sein.

            3. Es muss möglich sein, ihn zu bewäl­ti­gen, kosmi­sche Veränderungen z.B. könnten einen quan­ti­ta­tive höheren Einfluss haben, als alles, was Menschen tun oder lassen.

            4. Die einge­lei­te­ten Maßnahmen dürfen nicht mehr Nebenwirkungen als Wirkungen haben.

            Alle diese Voraussetzungen sind in gar keiner Weise nach­ge­wie­sen. Da logi­scher Weise alle diese Bedingungen erfüllt sein müssen, damit so etwas wie Klimapolitik über­haupt ein sinn­vol­ler Gedanke sein kann, ist das ganze Klimawandel-Gedöns sach­lich Unsinn und ein poli­ti­sches Spiel.

        2. Da sich die Wissenschaft ohnehin einig ist, dass der Klimawandel prak­tisch nicht zu ändern ist und es davon abge­se­hen auch kaum ein Staat geba­cken kriegt, irgend­wel­che der selbst gesteck­ten Ziele zu errei­chen, bin ich nicht so sicher, ob ausge­rech­net das ein Argument für Atomkraft sein kann.

    1. Diese „frei­heit­li­chen” Parteien, die überall in Europa auftau­chen bzw. Wahlerfolge feiern sind ja auch eine merk­wür­dige Sache. Grade in Berlin hat sich vor ein paar Tagen wieder so eine Partei gegrün­det: „Die Freiheit” — für mehr Demokratie, Bürgerrechte und weniger Islam.

  2. Schön, wenn der Autor uns verlinkt. Der verehrte Leser kann dann recht gut erken­nen, dass mit ihm alle roten Pferde durch­ge­gan­gen sind. Die Melange aus gepfleg­ten Vorurteilen trifft uns nicht, weil sie mit unserer Sicht des Liberalismus leider über­haupt nicht über­ein­stim­men.

    Wer eine Ideologie wie den „Sozialismus” — was immer das sein mag, über­sieht offen­sicht­lich Realitäten und diffe­ren­zierte Darstellungen. Trotzdem, war lustig

    1. @eucken„wasbitte?”
      selten so einen flachen Beitrag gelesen- geht’s auch mal mit Substanz?
      Selbst califax bemüht sich hierum mitt­ler­weile.
      Oder sind Sie/ bist Du schon „web3.0” (gar nicht mehr andere Meinung[en] aufneh­men, sondern nur drauf einbas­hen, ohne jeden Verstand…)?
      @AKW-Befürworter:
      eure sog. Wirtschaftlichkeits-Argumente sind Quatsch. Hier geht es nicht darum, ob die Feuerwehr ein bren­nen­des Haus nicht löscht, weil im Haus keine Menschen sind- und die Sachen (und das Haus selbst) versi­chert sind.
      Hier geht es um Menschen, deren Gesundheit, deren Überleben. Aber zu Menschen, Menschlichkeit und Menschenwürde hatten Neo… schon immer ein gespann­tes Verhältnis- es sei denn, es ging um reiche Menschen- für deren Freiheit usw. läßt sich vortreff­lich (bezahlt) strei­ten.
      Asoziales Pack.

    2. Lustig, sich auf Eucken zu berufen und dann derart substanz­lo­sen Quatsch zu schrei­ben.

      „Wer eine Ideologie wie den „Sozialismus” — was immer das sein mag, ”

      Bezeichnend. Du weißt nicht, was Sozialismus ist, aber magst ihn aufje­den­fall nicht. Klingt absolut logisch.
      Wo sind die Argumente?

        1. Ich lese immer mal wieder auf FDOG. Ich habe in meinem Artikel auch darauf hinge­wie­sen, dass die Kritik nicht spezi­ell und zu 100% auf jeden einzel­nen Liberalen zutrifft. Aber mach doch mal den Selbsttest: Geh mal zu einem FDP-Stand im Wahlkampf und lass dir erzäh­len, was Liberalismus ist und was die FDP will. Frag mal Dr. Westerwelle, der dafür gesorgt hat, dass „Steuern runter” das einzige ist, was noch mit Liberalismus asso­zi­iert wird.

          Jede ideo­lo­gi­sche Strömung muss die Vulgären unter ihnen aushal­ten und erken­nen, ich wüsste nicht, wieso das nur bei uns Sozis so sein sollte ;).

          1. Das ist doch aber Teil des Problems dieses Beitrags. Du willst die FDP kriti­sie­ren, rührst aber, weil du gerade so schön dabei bist, in diese Kritik u.a. Positionen von Blogs hinein, die erstens wirk­lich keine Freunde aktu­el­ler FDP-Politik sind und sich zwei­tens auch vonein­an­der ziem­lich deut­lich unter­schei­den, und verkaufst das Ganze dann als ein Paket namens „Vulgärliberalismus”. Klassischer Fall von Mogelpackung.

          2. Naja, es handelt sich um eine Polemik. Und darauf, dass es keine Sippenhaft gibt, habe ich ja auch schon hinge­wie­sen.

            Du musst dich aber sicher­lich damit abfin­den, dass die FDP in Deutschland eine Menge zur Deutungshoheit in solchen Fragen beiträgt. Wer über den Konservatismus in Deutschland reden will, kommt auch nicht an der Union vorbei, egal ob er sie nun als konser­va­tiv ansieht oder nicht.

            Die Blogs, die ich erwähnt habe, waren dafür gedacht, den Trend zu rechts­kon­ser­va­ti­ven Gesellschaftsbilden in jenen Kreisen aufzu­zei­gen. Den gibt es in der FDP meines Erachtens sogar weniger als in so manchem „libe­ra­len” Blog.

          3. Rayson, du musst dich einmal fragen, wie es eigent­lich dazu kommen konnte, dass in Deutschland Liberalismus (oder heute sagt man ja Neoliberalismus) als kalte, herz­lose Ideologie der Oberschicht wahr­ge­nom­men wird. Liegt das nur an der doofen Propaganda der blöden Linken oder haben viel­leicht libe­rale Politiker, Intellektuelle (und viel­leicht auch Blogs?) dazu beige­tra­gen, indem sie vulgär­li­be­ral argu­men­tie­ren?

            Ähnliches Schicksal hatte auch der Marxismus (Stichwort Vulgärmarxismus).

          4. Ja, ich muss mich damit abfin­den, dass die FDP das partei­po­li­ti­sche Monopol auf den Liberalismus für sich in Anspruch nimmt. Aus diesem prag­ma­ti­schen Grund bin ich da auch Mitglied.

            Was die Blogs angeht, gibt es aller­dings ein großes Spektrum vor allem persön­li­cher Meinungen. Da gibt es kein Blog, das für sich in Anspruch nehmen könnte, „den Liberalismus” zu reprä­sen­tie­ren, und es gibt darüber hinaus auch keinen Autor (zumin­dest keinen, den ich kenne) der ständig mit dem Liberalismus-Drehbuch agiert — es ist ja gerade ein Kennzeichen des Liberalismus, dass er jenseits der für die persön­li­che Freiheit wich­ti­gen, wenigen Grundparameter ein breites Spektrum an Meinungen und Lebensentwürfen befür­wor­tet.

            So steht „ef” nach meiner Einschätzung mehr und mehr für die „Hoppe-Linie” des Libertarismus, die gegen die linke Vorherrschaft auf eine Gemeinschaft mit konser­va­ti­ven Strömungen setzt. Wenn sie nicht mitt­ler­weile selbst komplett bei den Positionen ihres Wunschbündnispartners ange­kom­men ist.

            Die „FdoG” hinge­gen haben mit all dem über­haupt nichts am Hut. Ökonomisch wird dort IMHO ein klas­si­scher Liberalismus mit Anklängen an den Ordoliberalismus vertre­ten, in der Tat, aber darüber hinaus und viel­leicht sogar vor allem ist die „pro-west­li­che” Richtung für dieses Blog prägend, die — eben­falls IMHO — per se nicht zwin­gend mit dem Liberalismus gekop­pelt sein muss.

            Du vermengst hier also (mindes­tens) drei völlig unter­schied­li­che und sich in weiten Teilen gegen­sei­tig ausschlie­ßende Ansätze mitein­an­der. Damit kannst du kein konkre­tes Ziel mehr treffen, nur noch ein als abstruse Mischung selbst konstru­ier­tes, schwam­mi­ges. Diese Schwammigkeit des Liberalismus-Begriffs könnte natür­lich ein eigenes Ziel von Kritik darstel­len, aber diesen Weg gehst du ja gerade nicht. Du erklärst alles zu den Ausprägungen ein- und dessel­ben Phänomens, und das ist eben nicht haltbar, IMHO auch nicht als Polemik.

          5. Dass kein Mensch wie der andere denkt, und auch kein Blog wie das andere, dürfte natür­lich sein. Das ist bei Sozialdemokraten genauso.

            Das bedeu­tet aller­dings nicht, dass sich nicht in breiten Kreisen die glei­chen oder zumin­dest ähnli­che Betrachtungen in Teilfragen erken­nen ließen — und genau die beschreibe ich hier. Übrigens habe ich expli­zit von Vulgärliberalen gespro­chen, nicht von Liberalen allge­mein. Wenn du dich zu den letz­te­ren zählst, dann brauchst du diese Kritik auch nicht auf dich zu bezie­hen.

            Das grund­le­gende Muster des Vulgärliberalismus’ ist doch bereits beschrie­ben: Unten sind die bösen, faulen und ausbeu­ten­den. Oben sind die guten, unter­drück­ten und leis­tungs­wil­li­gen. Und der „Sozialismus” ist das, was alles per Gewalt und Zwang zusam­men­hält. So sieht diese Weltanschauung aus. Wenn du sie nicht teilst, dann brauchst du dich nicht ange­spro­chen zu fühlen.

          6. Rayson, du musst dich einmal fragen, wie es eigent­lich dazu kommen konnte, dass in Deutschland Liberalismus (oder heute sagt man ja Neoliberalismus) als kalte, herz­lose Ideologie der Oberschicht wahr­ge­nom­men wird.

            Ich muss mich das schon deswe­gen nicht fragen, weil die Behauptung nicht stimmt. Und zwar nicht deswe­gen, weil du lügst, sondern weil du dich, deine Umgebung und die domi­nie­rende Medienmeinung als Maßstab heran­ziehst. Dagegen spricht aber z.B. der Erfolg der FDP bei der Bundestagswahl 2009, der ja gerade mit einem Wahlkampf erzielt wurde, der diesem Vorwurf mit seiner Fixierung auf Steuersenkungen aus Sicht der Gegner sozu­sa­gen die Krone aufsetzt.

            Aus linker Sicht wird Liberalismus nie etwas anderes sein können als „kalt und herzlos” und „Ideologie für die Oberschicht”. Geschenkt, aber kein Grund, in Selbstzweifel zu verfal­len, sondern im Gegenteil die Gewissheit, richtig zu liegen. Nicht, weil ich die Wertung über­nehme, sondern weil ich sie zu inter­pre­tie­ren verstehe.

            Liegt das nur an der doofen Propaganda der blöden Linken oder haben viel­leicht libe­rale Politiker, Intellektuelle (und viel­leicht auch Blogs?) dazu beige­tra­gen, indem sie vulgär­li­be­ral argu­men­tie­ren?

            Die Einschätzung, ob „die Linken blöd” sind, über­lasse ich gerne jedem selbst (ich für meine Person halte sie nur für etwas verwirrt ;-)), aber dass in den Medien eine gemä­ßigt linke Sichtweise regiert, halte ich für ein unbe­streit­ba­res Faktum. Diese Macht hat natür­lich Grenzen, wie wir gerade bei der Sarrazin-Debatte erleben, aber dass sie auch wirken kann, können wir anhand der Umfragewerte für die FDP beob­ach­ten, ohne dass ich darin die einzige Ursache sehen würde.

            Eine Wirksamkeit libe­ra­ler Blogs auf die Wahrnehmung des Liberalismus im Bewusstsein der Deutschen kann ich aller­dings ausschlie­ßen. Uns kennt keine Sau.

            Sicher kann und muss man proble­ma­ti­sie­ren, wenn die FDP selbst von libe­ra­len Prinzipen abweicht. Aber gerade darin sind zumin­dest die libe­ra­len Blogs, die ich kenne, kaum zu über­bie­ten. Ich selbst habe z.B. erst kürz­lich den Konflikt zwischen der Vertretung eines reinen Liberalismus und der Bedienung von Lobbyinteressen auf B.L.O.G thema­ti­siert, dann auch Jan Filter, und wir beide bezie­hen uns da auch auf die Kritik anderer.

            Im Übrigen nehme ich dir nicht ab, dass du konse­quent libe­rale Positionen vermisst ;-) Eine konse­quent libe­rale Partei wäre als Koalitionspartner für Sozis ein Alptraum…

          7. Um das ganze mal zu entschär­fen, lieber Rayson: Ich habe in meinem Leben schon viele Menschen kennen­ge­lernt, die aufrich­tige Liberale sind, die auch mal eins der Werke ihrer Helden gelesen haben und die nicht vulgär argu­men­tie­ren. Ob du dazu­ge­hörst, kann ich jetzt garnicht beur­tei­len, denn dich und deine Meinungen kenne ich zu wenig.
            Aber was eben auch ernüch­ternd ist, sind die Auftritte libe­ra­ler Politiker im Bundestag und im Wahlkampf, die Platitüden und Hetzereien gegen Hartz IV-Empfänger, die man in Internetgruppen der FDP lesen darf. Etc. etc.

            Sippenhaft gibt es dafür nicht! Schließlich will ich auch nicht in Sippenhaft genom­men werden für den Unsinn, den so mancher „Sozialdemokrat” von sich gibt.

          8. Ich fühle mich über­haupt nicht ange­spro­chen, Kalle. Aber Boche und ich sind Teil der libe­ra­len Blogosphäre, und ich meine daraus einen Einblick in deren Hintergründe zu haben, der dem deinen an Tiefe vermut­lich über­le­gen ist.

            Zum anderen sind Logikbrüche Logikbrüche, egal, ob man sich ange­spro­chen fühlt oder nicht.

        2. Zur durch die Umgebung defi­nier­ten Wahrnehmung: Nunja, hast du denn einmal mit Menschen auf der Straße gespro­chen (zum Beispiel im Wahlkampf)? Und glaubst du, die Meinung der Menschen würde nicht durch die Medien (ob sie jetzt „links“ oder „rechts“ seien, was eh kaum zur Beschreibung poli­ti­scher Frontlinien taugt) erheb­lich beein­flußt? „Neoliberalismus“ hat einen verdammt schlech­ten Beigeschmack. Kaum jemand asso­zi­iert damit etwas gutes. Gewiss, es gibt auch Leute, die diesen Begriff in seinem ursprüng­li­chen Sinn verwen­den, aber wie gering ist deren Anteil denn bitte?
          Der Erfolg der FDP 2009 hatte viele Gründe, sicher­lich war darun­ter aber nicht „konse­quen­ter Liberalismus“ ;).

          „Aus linker Sicht wird Liberalismus nie etwas anderes sein können als „kalt und herzlos” und „Ideologie für die Oberschicht”. Geschenkt, aber kein Grund, in Selbstzweifel zu verfal­len, sondern im Gegenteil die Gewissheit, richtig zu liegen. Nicht, weil ich die Wertung über­nehme, sondern weil ich sie zu inter­pre­tie­ren verstehe. „

          Ne, das ist histo­risch einfach falsch. Liberalismus und linke Bewegungen haben sich histo­risch immer mal wieder gut ergänzt.

          „Im Übrigen nehme ich dir nicht ab, dass du konse­quent libe­rale Positionen vermisst ;-) Eine konse­quent libe­rale Partei wäre als Koalitionspartner für Sozis ein Alptraum…“

          Im Sinne einer intak­ten Demokratie wünsche ich mir nichts mehr als konse­quente Politik. Wenn wir Sozis, Konservative oder Liberale wählen können und doch immer die gleiche Politik dabei raus­kommt, dann läuft eben irgendwo etwas schief, und das gefällt mir als Demokrat rein garnicht. Eine konse­quent libe­rale Partei würde ich übri­gens sehr viel eher wählen als die real exis­tie­rende FDP.

          (PS: Das Format hier ist denkbar schlecht zum argu­men­tie­ren geeig­net ;))

          1. Nunja, hast du denn einmal mit Menschen auf der Straße gespro­chen (zum Beispiel im Wahlkampf)?

            Ich mache seit etli­chen Jahren keinen Wahlkampf mehr mit… Aber natür­lich habe ich Verbindungen zu vielen Menschen, und das Gute ist, dass die meis­tens meine poli­ti­schen Präferenzen nicht kennen, so dass ich ein ziem­lich unge­schmink­tes Bild erhalte.

            Und glaubst du, die Meinung der Menschen würde nicht durch die Medien (ob sie jetzt „links“ oder „rechts“ seien, was eh kaum zur Beschreibung poli­ti­scher Frontlinien taugt) erheb­lich beein­flußt?

            Nein, das glaube ich eben nicht. Wer von etwas selbst keine Ahnung hat, plap­pert die der Medien nach. Wobei das Erschreckende ist, dass jeder, der sich in irgend­ei­ner Materie gut auskennt, zu dem Urteil gelangt, dass die Medien in seinem Gebiet eher desin­for­mie­ren.

            Ich unter­stelle da keine Verschwörung oder sons­ti­ges, sondern nehme einfach nüch­tern zur Kenntnis, von welchem Schlag tenden­zi­ell die Menschen sind, die Journalisten werden möchten, was die wissen und was nicht, und was die jeweils meinen, was sie schrei­ben sollten.

            Der Erfolg der FDP 2009 hatte viele Gründe, sicher­lich war darun­ter aber nicht „konse­quen­ter Liberalismus“ ;).

            Nicht? Sehe ich anders.

            Ne, das ist histo­risch einfach falsch. Liberalismus und linke Bewegungen haben sich histo­risch immer mal wieder gut ergänzt.

            Ja, histo­risch. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sicher nicht mehr.

            Im Sinne einer intak­ten Demokratie wünsche ich mir nichts mehr als konse­quente Politik.

            Hm, das wäre eine gute Frage, ob du da nicht Unvereinbares forderst. Sind die Sozis denn konse­quent soial­de­mo­kra­tisch? Ist die Union konse­quent konser­va­tiv? Sind die Gründen irgend­was konse­quent? Meine These wäre, dass die parla­men­ta­ri­sche Demokratie Konsequenz bestraft.

            Eine konse­quent libe­rale Partei würde ich übri­gens sehr viel eher wählen als die real exis­tie­rende FDP.

            Ich auch. Ändert aber konkret nichts, weil ich mich bisher tatsäch­lich für das aus meiner Sicht klei­nere Übel entscheide.

            (PS: Das Format hier ist denkbar schlecht zum argu­men­tie­ren geeig­net ;))

            It’s called „the Internet”.… Rein schrift­li­che Kommunikation zwischen Anonymen in fast Echtzeit bringt nur zufäl­lig argu­men­ta­tive Höhepunkte hervor… Dafür schla­gen wir uns aber noch ganz gut, denke ich.

          2. Jupp, und deshalb danke ich dir für deine Anregungen und Einschätzungen und beende die Diskussion erstmal. Man wird sich ja sicher noch oft genug behar­ken ;).

  3. Es geht doch, wenn man wirk­lich Liberaler ist, bei Atomkraft nicht um Wirtschaftlichkeit. (ich bin dennoch über­zeugt, dass sie einer der Energielieferanten sein wird) Sondern darum, dass jeder die Freiheit hat, unter anderem seine Stromart zu wählen. Jeder Produzent muss die Freiheit haben und jeder Abnehmer. Es geht nicht darum, was die Mehrheit will. Diese kollek­tive Betrachtung bei der Energieversorgung ist eh zum Kotzen.

    Nur reiht sich der Autor dieses Blogposts doch sehr in die Liste der Leute ein, die er hier auch kriti­siert. Er vertritt selber den Korporatismus. Das mach ich dem Autor nicht zum Vorwurf, da er nur die Heuchelei der „Liberalen” aufdeckt und die Sozis haben für Korparatismus einen Freifahrtsschein und geben es bestimmt auch zu. Hier sind viele Partei-Liberale in der Tat inkon­se­quent.

    1. Ein geist­rei­cher Kommentar eines Liberalen :). Kann ich unter­schrei­ben.
      Nur soviel:

      „Nur reiht sich der Autor dieses Blogposts doch sehr in die Liste der Leute ein, die er hier auch kriti­siert. Er vertritt selber den Korporatismus. ”

      Eben.
      Es macht aber einen Unterschied, ob man diesen Mechanismus zur Lösung gesell­schaft­li­cher Probleme offi­zi­ell als sein Programm bezeich­net und aner­kennt, oder ob man aber — wie hier im Artikel beschrie­ben — in poli­ti­schem Handeln und ideo­lo­gi­schem Anspruch weit ausein­an­der klafft. Und schlimms­ten­falls höchst selek­tiv libe­rale Prinzipien anwen­det. Letzteres ist inkon­se­quent oder schlicht Heuchelei.

  4. Kalles Polemik funk­tio­niert nach dem glei­chen Prinzip, mit dem schon der Neoliberalismus und “Marktradikalismus” zum Unwort in der Öffentlichkeit gemacht wurde: Mit Unterstellungen, halt­lo­sen Verallgemeinerungen und Unwahrheiten. Daneben gibt es noch ein wenig substanz­lo­ses FDP-Bashing, das mit der Realität kaum über­ein­stimmt. Die Partei entpuppt sich schließ­lich nicht als Vollstrecker des eigenen Programms sondern als Rohrkrepierer.

    Auch ich bin ein Mitglied im Verein für deut­li­che Aussprache. Das entbin­det aber nicht von der Wahrheitspflicht. Wer anderen Eigenschaften und Meinungen zuteilt, die sie nicht haben und zu einem obsku­ren Feindbild vermischt, kommt ihr nicht nach. ER ist vulgär.

    http://fdogblog.wordpress.com/2010/09/12/rot-geht-nicht-gut/

    1. Ersteinmal danke. Ein Gegenartikel, diese Ehre, kam mir bis jetzt noch nicht zu teil ;). Entgegnung folgt bei euch im Kommentarbereich.

    1. Über den „Sozialismus” kann man stun­den­lang philo­so­phie­ren, denn er gehört zu den Begriffen, die einige, teils wider­sprüch­li­che Bedeutungen haben.

      Aber ein paar Anregungen:
      1. Sozialismus ist nicht unbe­dingt mit Planwirtschaft gleich­zu­set­zen. Sozialdemokraten mit ihrem Mischwirtschaftssystem sehen sich oft ebenso als Teil der sozia­lis­ti­schen Bewegung wie auch radi­kale Sozialisten, die auf Marktanarchismus setzen. „Sozialismus = Planwirtschaft” ist Quatsch.
      2. Sozialismus heißt auch nicht unbe­dingt Totalitarismus. Die Argumentation verläuft hier paral­lel zu 1.
      3. „Sozialismus” wird vom poli­ti­schen Gegner als pole­mi­sches Schlagwort verwen­det. In Amerika gilt z.B. Obamas Gesundheitsreform vielen als „sozia­lis­tisch”, obwohl sie keines­wegs sozia­lis­tisch ist. Polemik halt.

      So, nun meine persön­li­che Einschätzung: Sozialismus bedeu­tet für mich, dass Wirtschaft in der Gesellschaft statt­fin­det und nicht in abge­schot­te­ten Machtzentren abseits der Gesellschaft. Letzteres konnte man sowohl in der zentral gesteu­er­ten Planwirtschaft beob­ach­ten als auch in unserem derzei­ti­gen „kapi­ta­lis­tisch” genann­ten System (jeden­falls in weiten Teilen).
      Ich möchte, das Menschen fair behan­delt werden und nicht ausge­beu­tet werden.

      Meine Kritik im Artikel bezog sich voral­lem darauf, dass von libe­ra­ler Seite oft die simple Gleichung „Staat = Steuern = Sozialismus” gezogen wird, die meines Erachtens nicht haltbar ist. Sie ist schwarz-weiß, erkennt nicht an, dass es zwischen Planwirtschaft und Marktanarchismus auch andere, diffe­ren­zier­tere Systeme gibt.

      1. Sozialismus bedeu­tet für mich, dass Wirtschaft in der Gesellschaft statt­fin­det und nicht in abge­schot­te­ten Machtzentren abseits der Gesellschaft.

        Das bedeu­tet also, Sozialismus ist für dich freie Marktwirtschaft, ohne Staatseingriffe?

        „Ich möchte, das Menschen fair behan­delt werden und nicht ausge­beu­tet werden.”

        Klingt ja nett, aber dann müsste man wieder defi­nie­ren, was „fair” und „Ausbeutung” eigent­lich bedeu­tet.

        „Meine Kritik im Artikel bezog sich voral­lem darauf, dass von libe­ra­ler Seite oft die simple Gleichung „Staat = Steuern = Sozialismus gezogen wird” ”

        Das stimmt natür­lich. Es ist nicht detail­liert genug. Man müsste sagen: Staat = Zwang = ille­gi­tim

        Aber so richtig verstan­den, was für eine Gesellschafts-/Wirtschaftsordnung Dir vorschwebt, habe ich immer noch nicht.

        1. Nun, die Frage lässt sich vermut­lich nur mit einem Glaubensbekenntnis beant­wor­ten: Glaube ich daran, dass der Staat nicht zwin­gend stets als Verwalter und Ausführer spezi­el­ler Interessen agieren muss? Oder glaube ich, dass jede staat­li­che Aktion zwin­gend zu abge­schot­te­ten Machtzentren außer­halb der Gesellschaft führt?

          1. Das ist kein Glaubensfrage, sondern tägli­che Realität in allen Staaten der Welt.

            Glaube ich daran, dass der Staat nicht zwin­gend stets als Verwalter und Ausführer spezi­el­ler Interessen agieren muss?

            Nein, der Staat ist immer Verwalter und Ausführer spezi­el­ler Interessen. Das wäre auch nicht prin­zi­pi­ell schlimm, aber der Staat tut dies auf Kosten aller anderen.

            Oder glaube ich, dass jede staat­li­che Aktion zwin­gend zu abge­schot­te­ten Machtzentren außer­halb der Gesellschaft führt?

            Ja, das ist zwin­gend so, es geht gar nicht anders.

  5. In Ermangelung an Zeit (und aufgrund schie­rer Unlust auf unfrucht­bare Debatten mit hier wie getrof­fe­nen Hunden bellenden/aufjaulenden Neoliberalen/Vulgärlibertären, wegen denen ich das Bloggen gänz­lich an den Nagel gehängt habe) nur soviel von meiner Seite:

    *UNTERSCHREIB*

    Danke, Kalle!

  6. Na dann der Vollständigkeit halber hier auch noch mal: Herr Kappner verlinkt einen Artikel von mir, dessen Inhalt er gar nicht verstan­den hat.

    „Auf „libe­ra­len“ Blogs lesen wir, dass Geistes– und Sozialwissenschaften sozia­lis­ti­scher Unfug ohne jegli­chen Wert seien,”

    Natürlich nicht.

    Mir ging es um die Verlaberung der Sozialwissenschaften, um den post­mo­der­nen Jargon, der für alle, denen Wissenschaft etwas bedeu­tet, eine Bedrohung darstellt. Ich weiß wovon ich rede, denn ich bin Sozialwissenschaftlerin, ich habe empi­risch geforscht und an einer Uni unter­rich­tet. Ich kenne diese Wortakrobaten und ihre aufge­bla­se­nen Pseudo-Forschungen nur zu gut.

    Noch unschö­ner wird es, wenn post­mo­der­nes Wortgeklingel dazu benutzt wird, um kultur­re­la­ti­vis­tisch zu argu­men­tie­ren und die Universalität der Menschenrechte zu unter­gra­ben. Gerade weil mein Forschungsinteresse in den Entwicklungsländern lag verbitte ich es mir, wenn Menschen, nur weil sie keine Westler sind, von irgend­wel­chen Gender-Social-Anthropology-Cultural-Studies-Labersäcken eben diese Rechte im Namen einer angeb­li­chen Toleranz gegen­über fremden Kulturen abge­spro­chen werden.

    Ich bin für eine Sozialwissenschaft, die diesen Namen verdient und gegen Kulturrelativismus in Menschenrechtsfragen. Seht ihr das wirk­lich anders?

    1. Akzeptiert und: Entschuldigung. Ich habe die Intention deines Artikels in der Tat miss­ver­stan­den — wie ich zu meiner Verteidigung sagen muss, hat das aber auch etwas mit einer durch­aus aggres­si­ven und radi­ka­len Wortwahl deiner­seits zutun ;).

      Generell könnte ich den Absatz über libe­rale Blogs aus meinem Artikel entfer­nen — er gehört weder zu den wich­ti­gen Aussagen noch bedingt er irgend­eine andere Aussage. Blogs zu bewer­ten, ist, sofern sie mehrere Autoren haben, immer schwie­rig. Und, wie hier ein Vorredner schon richtig anmerkte: Diese deut­schen, libe­ra­len Blogs tragen kaum zur Imagebildung des Liberalismus’ (und des Vulgärliberalismus’) bei — eben, weil sie eh kaum jemand liest.

  7. Grundsätzlich sehr tref­fen­der Artikel wie ich finde!

    Nur zwei­er­lei:

    1.: Gegen „Feminismus” in seiner heuti­gen Ausprägung zu sein, hat nicht zwangs­läu­fig mit einem „rechts­ge­rich­te­ten Gesellschaftsbild” zu tun, sondern kann auch, wie bei mir, aus liberal — anti-kolle­ti­vis­ti­scher Sichtweise entsprin­gen!
    Frauenquoten, erwzun­ge­nes Neusprech („Hier ist die Anrufbeantworterin von Jonathan Gruner…”) und ähnli­cher Schmarrn sind nämlich defi­ni­tiv nicht liberal!

    2.: Ihre Analyse der „Tea Party” ist so nicht richtig! Eine große Anzahl der Tea Party — Anhänger, wenn nicht gar beinahe die Hälfte, sympa­thi­siert mit den liber­tä­ren Ideen eines Ron Paul, auch außen­po­li­tisch!
    In Kalifornien hat mit John Dennis sogar ein „Ron Paul — Republican” die Vorwahlen der Reps gewon­nen (wird zwar leider keine Chance gegen Nancy Pelosi haben, aber immer­hin…).
    Stimmt zwar, dass die Neocons teils erfolg­rei­che Versuche zum „Hijacking” der Tea Party unter­nom­men haben, aber so allum­fas­send wie von Ihnen darge­stellt ist das ganze zum Glück noch nicht.

    Gruß von einem liber­tä­ren Minarchisten

    1. @ Jonathan Gruner

      und wenn schon

      ist es halt von den Neocons nicht gehi­ja­cked, aber von reli­giö­sen Cracks ganz bestimmt!

      1. Das tut nichts zur Sache, solange diese soge­nann­ten „reli­giö­sen Cracks” nicht fordern, dass der Staat reli­giös-funda­men­ta­lis­tisch handeln soll; da die „Tea Party” grund­sätz­lich eine staats­kri­ti­sche Bewegung ist, finden sich dort nicht viele wieder, die einen Gottesstaat wollen.
        Ob die „Tea Party” — Mitglieder in ihrem Privatleben „reli­giöse Cracks” sind, intres­siert nicht.

        1. Letztendlich bestimmt die Philosophie der Leute die Richtung der Bewegung.
          Diese soge­nann­ten Cracks fordern in der Tat staat­li­che Eingriffe, wenn es um ihre reli­giö­sen Ansichten geht.

  8. Gut, muss ich dir recht geben. Ich will aber auch nicht einse­hen, warum ausge­rech­net du vernüf­tig beur­tei­len könn­test, ob hier in Deutschland rege­ne­ra­tive Energie funk­tio­nie­ren kann.

    Ach, Kalle. So sach­lich und intel­li­gent, wie es die SPD der letzten 10 Jahr immer war.
    Üb mal Kopfrechnen und über­schlage, wieviele Jahrhunderte ein Solarpanel braucht, um die Energiemenge zu liefern, die für seine eigene Herstellung gebraucht wurden…
    Frag einfach Deinen Physiklehrer oder schau Dir mal Fabriken von innen an.
    Und frag die Wind- und Solarlobbyisten mal, warum sie eigent­lich Subventionen und Zwangsabnahme brau­chen, wo sie doch eigent­lich das derzeit beste und erfolg­reichste Marketing der Welt haben…

  9. Kalle,

    ich stimme dir zu, was Gazprom, Halliburton und die Pharmakartelle anbe­langt. Doch was ist das Problem mit WalMart? Erhält WalMart Subventionen? Lässt es mit Hilfe des Staates den Wettbewerb einschrän­ken?

    Was die Atomenergie betrifft: Liberal ist es wirk­lich nicht, zu sagen, der Staat solle die Atomenergie fördern und nicht die Solarenergie. Liberal ist es, zu sagen, staat­li­che Subventionen und Privilegien für die Energiekonzerne sollen beendet werden und der Energiesektor vermarkt­wirt­schaft­lich werden.

    Die anstän­di­gen Freisinnigen gibt es durch­aus. Nur sind sie kaum in der FDP anzu­tref­fen.

    1. Zu WalMart: Die Sweatshop-Problematik habe ich schon erwähnt. Auch WalMart nutzt direkt oder indi­rekt Sweatshops für die Produktion.

      Dazu kommt, dass WalMart — wie viele andere große Warenhausketten auch — oft auf lokaler Ebene Steuererlässe, billi­ges Land und kosten­lose Infrastrukturanbindung erhält. An sich noch kein Problem. Aber: Diese Vorteile erhal­ten klei­nere Läden (erst recht die tradi­tio­nel­len Tante-Erna-Läden) sicher­lich nicht.
      Auf einer weite­ren, höher gele­ge­nen Ebene, könnte man natür­lich argu­men­tie­ren, dass protek­tio­nis­ti­sche Handelspolitik der USA direkt oder indi­rekt auch WalMart nützt.

      Zwei Anmerkungen dazu:
      1. Ob das gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage! Aber man sollte in der Lage sein, diese Mechanismen zu erken­nen, um sie dann auch bewer­ten zu können. Dass eben das von vulgär­li­be­ra­ler Seite selten passiert, ist meine Kritik.
      2. Es macht im Prinzip wenig Sinn, WalMart für irgend­et­was zu beschul­di­gen, erst recht nicht für unethi­sches oder unmo­ra­li­sches Handeln. WalMart handelt ratio­nal im gege­be­nen System, so wie die meisten anderen (natür­li­chen und juris­ti­schen) Personen auch.

      1. Sehr richtig. Die Marktteilnehmer handeln im Normalfall so, wie es für sie am besten ist. Deshalb braucht man klare Gesetze und Vorgaben, um eine Gesellschaft zu formen. „Für Geld tun Menschen sogar Gutes”, hat ein kluger Mann einmal gesagt. Und, was soll ich sagen — das stimmt. Der Appell an den „ehrli­chen Kaufmann”, der nur qua Willensentscheid ethisch wert­voll handelt, ist deshalb völli­ger Unsinn. Der Kaufmann nimmt, was ihm zusteht, der ALG-II-Empfänger auch. Warum auch nicht? Alles andere wäre nicht ratio­nal.

        Blame the game, not the player.

        1. Du kannst natür­lich versu­chen, Gesellschaft über Anreize zu gestal­ten. Die Anreizgesellschaft ist aber auch die Gesellschaft ohne Moral. Der Reiz des Bösen liegt ja oft darin, dass es eben ratio­na­ler ist. Wenn das Gute immer ratio­na­ler ist, dann gibt es kein ‚böse’ mehr und damit auch kein ‚gut’. Ich möchte dage­gen­hal­ten: Der Mensch wächst an seinem Verhältnis zur Moral. Wenn du nie vor mora­li­schen Konflikten stehst, wirst du nicht wachsen. Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, der mora­li­sche Kategorien völlig fremd sind.

          Die expe­ri­men­telle Wirtschaftsforschung liefert dazu inter­es­sante Erkenntnisse: Arbeitnehmer die Anreizverträge erhal­ten, arbei­ten genau so viel, wie es für sie indi­vi­du­ell ratio­nal ist. Zahlst du den Leuten einen hohen Pauschallohn, leisten sie frei­wil­lig mehr als mit Anreizen. Direkte Anreize verdrän­gen jedes andere Motiv (intri­ni­sche Motivation, Moral) zum Schaden(!) des Arbeitgebers.

          1. Das ist für mich kein Widerspruch zu meinem Beitrag, sondern eher eine Ergänzung.

            Gerade ALG-II-Empfängern wird ja vorge­wor­fen, dass sie auf die Leistungen bestehen, die ihnen zuste­hen. Das ist nun aber erkenn­bar Unsinn, denn sie haben das Recht auf diese Leistungen.

            Von den Nachteilen von Akkordarbeit musst Du mich nicht über­zeu­gen, keine Sorge; dass unbe­fris­tet beschäf­tigte Arbeitnehmer lang­fris­tig nicht nur besser für die Volkswirtschaft, sondern auch für die Unternehmen sind, dessen bin ich mir auch sicher.

          2. Es ist ein direk­ter Widerspruch zu:
            „Für Geld tun Menschen sogar Gutes”. Das ist so sehr verkür­zend. Die Experimentalökonomik kommt aktuell zu dem Schluss: „Menschen Geld dafür zu geben, damit sie Gutes tun, lässt sie im Ergebnis weniger Gutes tun.”

            Es gibt viele Menschen, die, obwohl es ratio­nal erscheint, nicht ALG-II bean­tra­gen. Und genug, die ALG-II bezie­hen, obwohl sie es nicht müssten. Genau wie es ehrbare Kaufleute gibt und „Raubtierkapitalisten”, unab­hän­gig von jedem Spiegel.

            Man mag jetzt der Meinung sein, es gewön­nen „im Spiel” die Falschen. Aber Moral durch Anreize zu erset­zen, wird das Lager derer, die wir nicht gewin­nen sehen wollen, nur vergrö­ßern.

            „Blame the game, not the player.” greift in jedem Fall zu kurz.

        2. Oder man könnte davon absehen, versu­chen die ‚Gesellschaft zu formen’ und ledig­lich Verbrechen wie Mord, Diebstahl und Betrug verbie­ten. Dann würden für WalMart und kleine, lokale Shops die glei­chen Regeln gelten.

          1. Danke, an einem Nachtwächterstaat habe ich kein Interesse. Er ist auch wider­legt, aus diesen Erfahrungen heraus hat sich schließ­lich die Arbeiterbewegung gegrün­det. Aber super, dass manche Leute nie aus der Geschichte lernen wollen.

      2. Sweatshops sind nicht alle schlecht, es gibt auch solche, die ohne Zwangsarbeit und Privilegien auskom­men, sondern ganz gewöhn­li­che Fabriken sind. Es kommt also darauf an, mit welchen Sweatshops WalMart zusam­men­ar­bei­tet.

        Was meinst du mit ‚billi­gem Land’? Gibt der Staat WalMart Land zu besse­ren Konditionen ab als z.B. einer KMU-Bäckerei?

        Ich beschul­dige kein Unternehmen oder Subventionsnehmer direkt, sondern die staat­li­chen Privilegien, durch die das eine Unternehmen auf Kosten der anderen bevor­teilt wird.

        1. Ausbeutung in einem Ausbeutungsbetrieb ist also nicht immer schlecht. Danke für die Bestätigung des obigen Artikels.

          1. Da jeder unter ‚Ausbeutung’ etwas anderes versteht, soll­test du viel­leicht erklä­ren, was du damit meinst, bevor du alle Sweatshops als ‚ausbeu­te­risch’ bezeich­nest.

          2. Sweatshops sind im allge­mei­nen Sprachgebrauch Ausbeutungsbetriebe. Aber schön zu wissen, dass Liberale mal wieder eine eigene Sprache verwen­den. Freiheit ist Sklaverei, Krieg ist Frieden. Sehr sinnig, die Diskussion.

          3. Ja, klar, ist viel besser, wenn diese Sweatshops verschwin­den. Die Leute, die dahin arbei­ten gehen, sind alle leicht verwirrt, so dass sie die Ausbeutung dem schönen Landleben vorge­zo­gen haben.

          4. Die typisch vulgär­li­be­rale Antwort. „Vulgär” ist so wunder­bar tref­fend.

            Aber trotz­dem eine Antwort: nein, es wäre nicht besser, würden die Sweatshops einfach verschwin­den. Es wäre besser, würden die Leute anstän­dig bezahlt und nicht ausge­beu­tet. Die Frage ist, wie man das erreicht. Darüber lohnt es sich zu spre­chen. Nichts zu tun bzw. diese Menschen „dem Markt” zu über­las­sen ist hinge­gen vulgär­li­be­ral.

          5. @Rayson: Das ist kein legi­ti­mes Argument. Auch wenn einige Sweatshops unter Umständen als das klei­nere Übel gelten können, macht sie das noch lange nicht zu einer guten Sache, für die man etwa dankbar sein sollte.

            „Die Leute, die dahin arbei­ten gehen, sind alle leicht verwirrt, so dass sie die Ausbeutung dem schönen Landleben vorge­zo­gen haben.”

            Das ist übri­gens ein zyni­scher Kommentar, wenn man bedenkt, dass in vielen Ländern, in denen heute Sweatshops stehen, vorher eine massive Enteignung der Landbevölkerung statt­ge­fun­den hat. Das gleiche Phänomen hatten wir übri­gens auch zur Zeit des Frühkapitalismus’ in England. Wo kamen denn bitte die Massen an billi­gen Arbeitskräften her? Richtig, ihr Land wurde durch Staatsgewalt (im Interesse von Großbesitzern) enteig­net. Ihr Möglichkeiten wurden einge­schränkt, sie hatten über­haupt nicht mehr die Möglichkeit, ein „schönes Landleben” zu genie­ßen, da ihr Land ihnen gestoh­len wurde.

            @Benjamin:

            Sweatshops müssen nichts schlech­tes sein. Wenn sie aller­dings deshalb zustande kommen, weil in einem Land ein erheb­li­ches Überangebot an billi­gen Arbeitskräften besteht, weil diese zuvor per Zwang und Enteignung von ihrem Landbesitz vertrie­ben wurden, so ist das eben keine tolle Sache. Aber wie schon gesagt: Dafür ist WalMart nicht verant­wort­lich, es nutzt nur die Strukturen, die man ihm gibt.

            „Billiges Land”: Staaten und beson­ders Kommunen verschleu­dern immer mal wieder gerne Grundstücke (bis hin zu den symbo­li­schen 1€-Preisen), wenn sie sich erhof­fen, dass der neue Eigentümer darauf etwas baut, was dann der Stadt zugute kommt. Da das bei den meisten Großunternehmen völlig normal ist, habe ich jetzt mal ange­nom­men, dass das auch bei WalMart so passiert.

          6. @Christian

            Ich würde ja so gerne ganz im von dir vorge­ge­be­nen Vorschulmodus mit „Vulgärsozi” kontern, aber das geht nicht so gut, weil der Begriff ein Oxymoron zu sein scheint.

            Nichts zu tun bzw. diese Menschen „dem Markt” zu über­las­sen ist hinge­gen vulgär­li­be­ral.

            Und typisch Sozi ist es, das zu verur­tei­len, was ist, weil es nicht dem eigenen Ideal entspricht, aber mit allen daraus folgen­den konkre­ten Handlungsempfehlungen das Los derer, denen man vorgeb­lich helfen, nur noch zu verschlech­tern.

            @Kalle

            Auch wenn einige Sweatshops unter Umständen als das klei­nere Übel gelten können, macht sie das noch lange nicht zu einer guten Sache, für die man etwa dankbar sein sollte.

            Ich wüsste nicht, wo ich Dankbarkeit einge­for­dert hätte. Es geht um Alternativen. Sweatshops verschwin­den von ganz allein, wenn sie die schlech­tere Alternative darstel­len. Und sie exis­tie­ren, wo sie — zumin­dest für einen Teil der Menschen — die bessere sind.

            Es wäre eine etwas selt­same Entwicklungsvorstellung, bei der Transformation armer Landbevölkerungen nach allen Regeln der deut­schen Gesetzgebung bezahlte, abge­si­cherte und ausge­stat­tete Arbeitsplätze zur Voraussetzung zu machen statt diese viel­leicht höchs­tens mal am Ende dieses Prozesses zu sehen.

            Das ist übri­gens ein zyni­scher Kommentar, wenn man bedenkt, dass in vielen Ländern, in denen heute Sweatshops stehen, vorher eine massive Enteignung der Landbevölkerung statt­ge­fun­den hat.

            Welche meinst du da genau? Aber auch in diesen Fällen sind dann weniger die Sweatshops das Problem als die Enteignung. Aber du behaup­test ja hier einen gelenk­ten Zusammenhang. Deswegen würde mich schon inter­es­sie­ren, wo das war und wie viele Betroffene es gab. Interessant wäre vor allem auch, warum über die Enteignung keine Empörung entsteht, sondern nur über die Arbeit in den Sweatshops.

          7. Vielleicht noch gleich eine Erläuterung:

            Ich würde ja so gerne ganz im von dir vorge­ge­be­nen Vorschulmodus mit „Vulgärsozi” kontern, aber das geht nicht so gut, weil der Begriff ein Oxymoron zu sein scheint.

            Usprünglich wollte ich da ja eigent­lich „Pleonasmus” schrei­ben, aber das wäre genau wieder der Vorschuldmodus gewor­den. „Oxymoron” trifft es viel besser, denn mit dem einfa­chen Volk haben es manche Sozis eben nicht mehr so sehr, das stört nur beim Theoretisieren.

          8. Ich habe keinen gelenk­ten Zusammenhang behaup­tet. Ich habe ledig­lich darauf hinge­wie­sen, dass dein Kommentar, dass sich die Leute ja zwischen einem schönen Landleben und der Plackerei im Sweatshop wählen könnten, zynisch ist.
            Und natür­lich bin ich empört über die Enteignung.
            Ohne jetzt genauer in die Materie einstei­gen zu wollen, empfehle ich dir einfach mal, die Stichwörter „enteig­nung chine­si­scher bauern” bei Google einzu­ge­ben. Du kannst „chine­si­scher” auch durch andere Schwellen- oder Drittweltländernationalitäten erset­zen — du wirst oft bei einem ähnli­chen Ergebnis herraus­kom­men. Und auch bei den Landreformen, die vorgeb­lich dazu dienten, die „weißen, reichen Säcke” zu enteig­nen, lohnt es sich, mal etwas genauer hinzu­schauen.

            In diesem Zusammenhang erüb­rigt sich dann auch der Rest deiner Argumentation: Sweatshops sind nicht immer böse, das habe ich nie behaup­tet. Dort aller­dings, wo sie klar nur deshalb exis­tie­ren können, weil vorher Massenenteignungen statt­fan­den, weil die Polizei die Leute zur Arbeit treibt und diese Sweatshops oben­drein noch in „Freihandelszonen” liegen, die sie in der Konkurrenz mit heimi­schen Arbeitgebern besser­stel­len, sind Sweatshops nichts tolles. Aber manch­mal können sie die beste Alternative sein, geschenkt. Nur muss man sie deswe­gen noch lange nicht vertei­di­gen.

            Dass nicht Menschen, WalMart oder sonst auch immer wer für diese Zustände mora­lisch anzu­pran­gern ist, habe ich ja schon klar­ge­stellt.

          9. Kleine Korrektur meiner­seits: Ich meinte nicht „Freihandelszonen” sondern „Sonderwirtschaftszonen”. Die gibt’s zum Beispiel in Nordkorea, worüber sich südko­rea­ni­sche Firmen natür­lich sehr freuen :).

          10. Du kannst „chine­si­scher” auch durch andere Schwellen– oder Drittweltländernationalitäten erset­zen — du wirst oft bei einem ähnli­chen Ergebnis herraus­kom­men.

            Nun ja, China, Nordkorea.… Darüber müssen wir uns nicht strei­ten. Aber in anderen Ländern, nament­lich in solchen mit eini­ger­ma­ßen demo­kra­ti­schen Regierungen, ist das eben nicht so einfach.

            und diese Sweatshops oben­drein noch in „Freihandelszonen” liegen, die sie in der Konkurrenz mit heimi­schen Arbeitgebern besser­stel­len,

            Da passt dann aber Nordkorea wohl kaum — da gibt es nur einen einzi­gen heimi­schen Arbeitgeber…

            Nur muss man sie deswe­gen noch lange nicht vertei­di­gen.

            Bevor man den Leuten dort diese Alternative auch noch wegnimmt — natür­lich muss man! Und manch bequeme Kritik von west­li­chen Linken, die solche Zusammenhänge, wie wir sie gerade erör­tert haben, komplett igno­rie­ren, weil sie die routi­nierte Empörung versauen könnten, gehört dann eben auch mal ihrer­seits kriti­siert.

    1. Toller Artikel!

      „Die große Herausforderung für Libertäre, klas­sisch Liberale oder wie auch immer man konse­quente Liberale bezeich­nen möchte einer­seits und sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Freunde der Freiheit ande­rer­seits besteht unver­än­dert darin, sich über die rich­tige Mittelwahl bei der Erreichung im Grunde glei­cher Ziele zu verstän­di­gen. Derzeit drängt sich der Eindruck auf, dass die aktu­elle Trennlinie zugleich die klas­si­sche ist: Liberale lehnen einen mehr als Rahmen setzen­den Minimalstaat ab, Sozialdemokraten sehen den Staat als Mittel zur Verbesserung der Situation der Massen an. Ist die staats­po­li­ti­sche Debatte das eigent­lich frucht­bare Feld?”

      Grade das bringt einen sehr zum Nachdenken.

      PS: Mein Nachname wird mit zwei „p” geschrie­ben ;).

  10. Klasse! Endlich mal ein Linker, der wirk­lich versteht um was es geht!

    Wenn man mit solchen Einsichten ein biss­chen pole­mi­siert, ist das nicht nur verzeih­lich, sondern wichtig! Denn anstän­di­ger Liberalismus kann derzeit Hilfe wirk­lich von allen Seiten gebrau­chen. Der Umgang mit Themen wie Atomkraft, Kriegstreiberei und Korporatismus in soge­nann­ten libe­ra­len Kreisen macht mich schon seit Jahren fassungs­los. Solange der eigene Gehaltsscheck möglichst steu­er­frei ausbe­zahlt wird, ist alles ok, aber den nuklea­ren Abfall soll doch später bitte mal der eigene Sohn entsor­gen! Von den wahren Wurzeln dieser Bewegung ist doch fast nichts mehr übrig. Ständig muss sie nach neuen Begriffen wie „Libertarismus” suchen, um sich von Irrungen eigen­ar­ti­ger Strömungen abzu­set­zen, die sich in ihrem Innern auftun.
    Ich würde ledig­lich ergän­zen, dass man in diese Reihe auch Linke stellen sollte, die mit staat­li­cher Hilfe ihre Jobs vor um einiges ärmeren Ausländern schüt­zen wollen und sich dabei wie Mutter Theresa fühlen. Aber das ist natür­lich wieder ein anderes Thema.

    Von diesem Standpunkt aus kann ich sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Kritik nicht nur nach­voll­zie­hen, ich unter­stütze sie tatkräf­tig! Bitte, bitte weiter schrei­ben, denn wahre Liberale disku­tie­ren gerne auf diesem Niveau!

  11. Weiter so! Dann kann man viel­leicht in einigen Jahren die Wörter „sozi­al­de­mo­kra­tisch” und „liberal” endlich wieder in den Mund nehmen, ohne das Bedürfnis zu haben, anschlie­ßend auf den Boden zu spucken.

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