Vom jungen Sozialisten zum „elder statesman“: Willy Brandts Verhältnis zu den USA

Willy Brandt, 30.8.-2.9.1988, SPD-Parteitag in Münster, Halle Münsterland
Willy Brandt 1988

Karsten D. Voigt stellt „Rot steht uns gut” freund­li­cher­weise nach­fol­gen­den Vortrag zur Verfügung, den er diese Woche in Washingon gehal­ten hat. Das Thema ist Willy Brandts Verhältnis zu den USA.

Ich habe Willy Brandt seit 1969 bis zu seinem Tode persön­lich gekannt und relativ häufig mit ihm über die Vereinigten Staaten und deren Politiker und Politik gespro­chen und manch­mal auch gestrit­ten. Aber ich konnte mich natür­lich in all diesen Jahren nie mit allen Aspekten seiner Beziehungen zu den USA beschäf­ti­gen. Deshalb die Vollendung der 10-bändi­gen Berliner Ausgabe von Dokumenten Willy Brandts ein Anlass, seine hierin veröf­fent­lich­ten Texte sorg­fäl­ti­ger, als ich es sonst wohl getan hätte, durch­zu­ar­bei­ten. Außerdem hat die in diesem Jahr erschie­nene 564 Seiten lange Arbeit von Judith Michel über „Willy Brandts Amerikabild und –politik 1933–1982“ meinen Horizont wesent­lich erwei­tert und meine Erinnerungen ergänzt und im Einzelfall auch korri­giert.

Judith Michel schreibt einlei­tend, dass sich das Bild Willy Brandts von den USA im Laufe der Jahre mehr­fach geän­dert hat. Dies ist keines­wegs erstaun­lich. Aber es muss hinzu gefügt werden: Auch die USA und ihre Rolle für Willy Brandts Politik haben sich im Laufe der Jahrzehnte mehr­fach gewan­delt. Ich kann diese Prozesse aus eigener Erfahrung sehr gut nach­voll­zie­hen: Während des Vietnam-Krieges fiel mein Urteil über die Politik der USA über­wie­gend negativ aus, während der Zeit der Wiedervereinigung Deutschlands dagegen über­wie­gend positiv.

Es macht auch einen großen Unterschied, ob ein junger Sozialist, wie Willy Brandt, in den Dreißigern und ich in Sechzigern die USA am Maßstab der eigenen Strebens nach der Verwirklichung des Demokratischen Sozialismus misst oder ob er – wie Willy Brandt seit seinen frühen Berliner Jahren in den Vierzigern oder ich seit meiner Wahl in den Deutschen Bundestag in den Siebzigern die USA zuneh­mend unter dem Gesichtspunkt der Interessen Deutschlands und Berlins sieht und aufgrund seiner Funktion auch sehen muss.

Willy Brandt schrieb während des Zweiten Weltkrieges und auch noch in der ersten Zeit danach Berichte an die US-Botschaft in Stockholm und zumin­dest indi­rekt auch an das OSS, den Vorgänger des heuti­gen CIA. Das war für ihn – wie für andere Gegner des Nationalsozialismus unter den deut­schen Emigranten – Ausdruck seines Interesses an einem demo­kra­ti­schen Nachkriegsdeutschland. Sein Wille zur Zusammenarbeit schloss damals, wie auch später, nie eine kriti­sche Beurteilung der USA aus, wenn deren Politik seinen eigenen Überzeugungen wider­sprach. Deshalb bestand für den jungen Willy Brandt, ebenso wie für mich in meiner Jugend, immer ein Spannungsverhältnis zwischen dem Lob der Demokratie und Freiheit in den Vereinigten Staaten und die gleich­zei­tige Kritik an den nega­ti­ven Auswirkungen des ameri­ka­ni­schen Kapitalismus.

Diese Ambivalenz endete mit dem Beginn des Kalten Krieges. An ihre Stelle trat eine eindeu­tige außen­po­li­ti­sche Parteinahme für die USA und den Westen insge­samt. Dies war eine Schlussfolgerung, die er – wie die Mehrheit aller sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Parteien in West-Europa — aus der Politik der Sowjetunion gegen­über Mittel- und Osteuropa zog. Richard Löwenthal hat sie 1977 im Vorwort zu seinem ursprüng­lich 1947 unter dem Pseudonym „Paul Sering“ erschie­nen Buches „Jenseits des Kapitalismus“ so beschrie­ben: „ Die Behauptung der Selbständigkeit und ihrer Zukunftschancen war nicht als dritte Kraft, sondern nur als linker Flügel einer von den Vereinigten Staaten geführ­ten Gegenfront des Westens möglich.“

Als Willy Brandt 1954 zum ersten Male in die USA reiste, galt er bereits als pro-ameri­ka­ni­scher als andere sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Außenpolitiker. Das bedeu­tete nicht, dass sein Interesse an den kultu­rel­len, wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Entwicklungen inner­halb der USA mit der Übernahme von außen­po­li­tisch rele­van­ten Funktionen schwand. Aber es besaß für ihn – wie für andere deut­schen Politiker während des Kalten Krieges — die Rolle der USA für die Sicherheit Berlins, der Bundesrepublik und des west­li­chen Teils Europas Vorrang vor dem Interesse an gesell­schafts­po­li­ti­schen Entwicklungen inner­halb der Vereinigten Staaten. Dies führte dann dazu, dass Willy Brandt sich später als Regierender Bürgermeister von Berlin nicht kritisch zur Vietnam-Politik der USA äußerte. Dies enttäuschte damals große Teile meiner Generation und auch mich persön­lich.

Andererseits hat Willy Brandt nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler als Präsident der Sozialistischen Internationale und als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission ange­sichts der besorg­nis­er­re­gen­den Entwicklungen in Afrika und Lateinamerika häufig schär­fer kriti­siert als ich es als außen­po­li­ti­scher Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und als Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der NATO tat. Ich selber habe damals in seinem Auftrag in Washington, Mexiko, Nicaragua und im Vatikan für sein Konzept einer fried­li­chen Lösung der Konflikte in El Salvador und Nicaragua gewor­ben. Er hat gele­gent­lich auch die Sicherheitspolitik der Sowjetunion während der Breschnew-Ära etwas weniger skep­tisch als ich gesehen. Begleitet wurde diese leichte Veränderung der poli­ti­schen Perspektive durch einen äußerst kriti­schen Blick auf die Reagan-Administration und deren Politik.

Die Reagan-Administration machte aus ihrer ideo­lo­gi­schen Ablehnung der Sozialistischen Internationale keiner­lei Geheimnis. Als 1980 anläss­lich einer noch während der Carter-Administration geplan­ten Konferenz über „Eurosocialism and America“ führende euro­päi­sche Sozialdemokraten, darun­ter mehrere Regierungschefs, nach Washington kamen, wurden sie mit Missachtung abge­straft. Ich hatte damals die SPD im Vorbereitungskomitee der Konferenz vertre­ten. Mein Eindruck war, dass nach dieser Konferenz der Blick Willy Brandts auf die Reagan-Administration und deren Politik noch kriti­scher als vorher wurde. Hinzu kam, dass Willy Brandt anders als in Washington in Moskau und den anderen Hauptstätten in Osteuropa als Vorsitzender der SPD und der Sozialistischen Internationale die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wurde wie dem Chef einer Regierung.

Zwischen der Konfettiparade, mit der die New Yorker am 10. Februar 1959 Willy Brandt auf dem Broadway begrüß­ten, und seiner Missachtung durch die Reagan-Administration im Jahre 1980 schei­nen Welten zu liegen. Als Regierenden Bürgermeister von Berlin schie­nen seine Beziehungen zu den USA zuwei­len enger und freund­schaft­li­cher zu sein als die des Bundeskanzler Adenauers. 1983 dagegen, als Willy Brandt in Bonn auf der Kundgebung der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Mittelstreckwaffen sprach, wurde ihm in den USA und von Konservativen in Deutschland vorge­wor­fen, seine Kritik an der Politik der dama­li­gen US-Regierung sei Ausdruck von Anti-Amerikanismus

In beiden Fällen aber ging es ihm um das Gleiche: Die Wahrnehmung deut­scher Interessen. Das war sein Maßstab, an denen er als Regierender Bürgermeister von Berlin wie auch als Parteivorsitzender der SPD die jewei­li­gen ameri­ka­ni­schen Administrationen und ihre Politik maß. Während der Berlin-Krisen und auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges sah Willy Brandt die Unterstützung durch die ameri­ka­ni­sche Politik als unver­zicht­bare Voraussetzung für den Erhalt der Sicherheit und der Freiheit West-Berlins an. Zur Zeit des Baus der Berliner Mauer hat er von der Kennedy-Administration eine schär­fere Reaktion gegen­über der Sowjetunion gewünscht. Für mich selber sind seine entschie­dene Haltung beim Mauerbau, sowie die Anfänge seiner entspan­nungs­po­li­ti­schen Konzeption wich­tige Gründe für meinen Eintritt in die SPD im Jahre 1962 gewesen. 1983 hinge­gen verband sich für ihn mit der Politik der Reagan-Administration die Gefahr, dass die Errungenschaften der Entspannungspolitik für Berlin und die Beziehungen zwischen beiden Teilen Deutschlands gefähr­det werden könnten. Deshalb kriti­sierte er – wie die SPD insge­samt – die aus seiner Sicht zu konfron­ta­tive Politik der USA. Dass Willy Brandt wegen dieser konse­quen­ten Vertretung Berliner und deut­scher Interessen von Henry Kissinger als „natio­na­lis­tisch“ ange­se­hen wurde, entbehrt nicht einer gewis­sen Ironie: Henry Kissinger nämlich ist stets stolz darauf gewesen, Zeit seines Lebens ameri­ka­ni­sche Interessen möglichst realis­tisch ohne zu viel Idealismus zu vertei­di­gen.

Obwohl Willy Brandt als junger Sozialist und auch später als Parteivorsitzender sicher­lich eine größere Nähe zu den gesell­schafts­po­li­ti­schen Vorstellungen der Demokraten als denen der Republikaner empfand, pflegte er als Regierender Bürgermeister von Berlin und später auch als Bundeskanzler auch die Beziehung zu libe­ra­le­ren Republikanern. So negativ seine Einschätzung der Reagan-Administration war, so positiv beur­teilte er die Rolle der Administration von George Bush während am Ende des Kalten Krieges und während des deut­schen Einigungsprozesses. Hatte Willy Brandt während der Reagan-Jahre die Stärkung der euro­päi­schen Handlungsfähigkeit nach­drück­lich unter­stützt, so vertraute er 198990 den USA mehr als den deut­schen Nachbarn, insbe­son­dere Großbritannien und Frankreich.

Aus den letzten Lebensjahren Willy Brandts stammen zahl­rei­che posi­tive Äußerungen über die USA und ihre Politik. Sie waren Teil seiner Hoffnungen, dass durch die Politik Washingtons unter Bush und Moskaus unter Gorbatschow, von konstruk­ti­ven Politikern in Westeuropas und demo­kra­ti­sche Reformer außer­halb und inner­halb der kommu­nis­ti­schen Parteien Osteuropas der Ost-West-Konflikt und die Spaltung nicht nur Deutschlands sondern auch Europas insge­samt über­wun­den werden könnte.

Aber auch in den Jahren, in denen seine Kritik an der Politik der USA im Vordergrund stand, verstand Willy Brandt sich stets als Teil der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Tradition des Westens und damit auch der USA. Mit dieser Grundhaltung verkör­perte Willy Brandt bei aller Individualität seines Lebensweges und seiner Persönlichkeit die poli­ti­schen Traditionen der SPD, die nach ihrer Gründung im 19.Jahrhundert und während der Zeit der Weimarer Republik von der extre­men Rechten und den Kommunisten als pro-ameri­ka­ni­sche Partei kriti­siert wurde. Für einen der Gründungsväter der SPD, Wilhelm Liebknecht, war Amerika das frei­este Land der Welt. Am Ende des Ersten Weltkrieges hegte die SPD große Erwartungen in Bezug auf das ameri­ka­ni­sche Engagement in Europa und die Rolle Woodrow Wilsons. Diese Erwartungen wurden aller­dings im erheb­li­chen Maße enttäuscht. Trotzdem domi­nier­ten in der SPD weiter­hin die pro-ameri­ka­ni­schen Tendenzen. Gleichzeitig aber exis­tier­ten inner­halb der SPD immer auch Vorbehalte, wenn die USA als Vormacht des Kapitalismus agierte. Dieses kriti­sche Element in einem prin­zi­pi­ell posi­ti­ven Amerika-Bild bestand auch bei dem jungen Willy Brandt als er sich im skan­di­na­vi­schen Exil befand.

Ich bin mir sicher, dass bei aller Kritik im Einzelnen diese posi­tive Grundhaltung gegen­über den USA auch bei der breiten Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland heute besteht. So dürfte es umge­kehrt auch bei denje­ni­gen sein, die sich als Freunde Deutschlands in den USA verste­hen und die trotz­dem deut­sche Politik und deut­sche Politiker immer wieder kriti­sie­ren. Andererseits ist auch klar: Die Wahl von Obama zum Präsidenten hat die Sympathien für die USA gerade auch unter Sozialdemokraten wachsen lassen. Wenn jetzt in den USA rechts­po­pu­lis­ti­sche und radikal-konser­va­tive Strömungen wieder an Boden gewin­nen, dann werden auch die kriti­schen Anfragen an die USA wieder zuneh­men. Das ändert aller­dings nichts an der stra­te­gi­schen Tatsache, dass auch dann die USA für Deutschland der wich­tigste Partner außer­halb der Europäischen Union bleiben.

Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F079282-0022 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA

3 Gedanken zu „Vom jungen Sozialisten zum „elder statesman“: Willy Brandts Verhältnis zu den USA“

  1. Willy Brandt war ein Politiker von der Art, wie es sie heute in Deutschland nicht mehr gibt.

    Neben der Ostpolitik stellt vor allem die Art und Weise, wie er ohne Vorbehalt für die sich abzeich­nende Wiedervereinigung eintrat, sein großes poli­ti­sches Vermächtnis dar. Da haben andere führende Sozialdemokraten ein ausge­spro­chen schlech­tes Bild abge­ge­ben (weswe­gen die SPD ja auch einige Jahre nach der Wiedervereinigung kein Bein mehr auf den Boden bekam).

    Wie man heute weiß, hat er die Lage 198990 auch inso­weit richtig einge­schätzt, als dass die Amerikaner (mit Bush sen.) für die deut­sche Einheit waren, während die anderen west­li­chen Verbündeten eher zum Jagen getra­gen werden mussten.

    1. Ja, wie die Zeiten sich ändern…

      Die SPD hatte nach Brandt ja noch Schmidt, und jetzt… Gabriel? Der passt perfekt in die Reihe der großen Staatsmänner, haha…

      1. @FA:
        er nichts Substanzielles beitra­gen kann, kichert herum.
        @Autor:
        soweit weit­ge­hend d’ accord- im War- und Ist-Zustand ein paar Differenzen- es wäre trag­fä­hi­ger mit der Historie und der jtzigen Wahrnehmung US-ameri­ka­in­scher Außenpolitik zu verein­ba­ren, nicht von „Kapitalismus” zu spre­chen, denn diese gesell­schaft­lich-wirt­schaft­li­che Formation umgab und umgibt uns welt­weit nahezu voll­stän­dig- sondern von Imperialismus- siehe z. B. als vergleichs­weise altem Beispiel die US-Besatzung aka Kolonialismus auf den Philipinen, zwischen­drin Vietnam benannt, aber Kambodscha leider nicht beleuch­tet (PolPot und die CIA), Afghanistan (Taliban erst unter­stützt, dann „verteu­felt”)- zu spre­chen. Wenn es nun dräut, dass W. I. Lenin hier­über so Einiges (größ­ten­teils aus seiner dama­li­gen Sicht zu recht) geschrie­ben hat, der analy­siert eben mit anderen TheoretikerInnen, kommt aber unwei­ger­lich zu dem Ergebnis, dass Europa haar­scharf am 3. Weltkrieg vorbei schrammte, während andere Regionen unter ihrem „Frontstatus” (sog. Stellvertreterkriege z. B.) zu leiden gehabt haben (mehrere Länder in Afrika und Asien) bzw. immer noch leiden (Korea, Irak, Kuba, Iran, Afghanistan usw.).
        Und dann wird US-Außenpolitik- egal ob unter Truman, Eisenhower, Kennedy … Reagan, Bush sen/jun usw. etwas kriti­scher zu beäugen sein. Mal sehen, ob das unter den wach­sa­men Augen der Neo … / Neo … hier möglich ist.

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