Kindergartenpflicht: Die Zeit ist reif

Heute Abend habe ich mich mit einigen Bekannten unter­hal­ten. Typ: konser­va­tiv, gutbür­ger­lich, Kleinstadt.

Und was erklärt der Konservativste am Tisch? (Ein rich­ti­ger Konservativer, kein Wischi-Waschi-Konservativer wie Mappus oder die anderen JU-Spaßvögel.)

Er erklärt, er fände Kindergartenpflicht für alle richtig. Und das Kindergeld solle man verwen­den, um Kindergärten und Kitas kosten­los zu gestal­ten.

Ich war baff.

Nachdem man der Linken jahre­lang vorge­wor­fen hat, die Familie, die Keimzelle des Bürgertums, durch Kindergärten und Kitas zerstö­ren zu wollen. Erklärt mir nun ein Konservativer, er sei für Kindergartenpflicht. Und will in Strukturen inves­tie­ren.

Und es kommt noch besser: alle Anwesenden stimm­ten dem Vorschlag zu. Niemand wider­sprach. Die CSU wurde für ihre „Herdprämie” gar verlacht.

Das zeigt: die Zeit ist reif. Die SPD muss sich Kita- und Kindergartenpflicht jetzt auf die Fahnen schrei­ben. Damit kann sie die Meinungsführerschaft in diesem Bereich endlich wieder zurück­ge­win­nen. Dann werden die echten Konservativen sich der SPD zuwen­den und die entkernte CDU igno­rie­ren.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

12 Gedanken zu „Kindergartenpflicht: Die Zeit ist reif“

  1. Hm, ich habe Kindergartenpflichten schon immer für konser­va­tiv gehal­ten. Menschen zu irgend­was zwingen und davon auszu­ge­hen, dass nur die eigenen Ideen die einzig Seeligmachenden sind und auf Gedeih und Verderb dem Rest der Welt aufzu­zwin­gen sind, ist doch bei diesem Menschenschlag eigent­lich das Normalste von der Welt.

  2. Grundsätzliche Zustimmung.
    Wobei erst genug und bezahlbare/kostenlose Kindergartenplätze bestehen müssten, die auch nicht nur von 9 bis 12 geöff­net sein, sondern von 7 — 18 Uhr, um den Eltern einen Job zu ermög­li­chen.

    Also Kürzung von Kindergeld gegen kosten­lose Kindergartenplätze als ersten Schritt. Danach kann man schauen, ob das alleine nicht schon reicht.

    (Verpflichtenden Zwang würde ich erst anwen­den, wenn anderes nicht weiter­hilft.

  3. Ja, auch Konservative haben Probleme mit dem Steuerrecht :-)

    Kindergeld ist das steu­er­freie Existenzminimum eines Kindes. Da zu viele Menschen zu wenig verdie­nen, gibt es das teil­weise als eine Art Negativsteuer von der Kindergeldkasse.
    Wenn man das Kindergeld streicht (was man durch­aus kann), trifft man damit vor allem dieje­ni­gen, die wenig Steuern zahlen. Wenn man das steu­er­freie Existenzminimum für Kinder eben­falls strei­chen will, bekommt man Probleme mit der Verfassung (Besteuerung nach Leistungsfähigkeit und der ganze Kladderadatsch, aber das hat die Politik ja eigent­lich noch nie gestört).

  4. Es ist nicht über­ra­schend, wenn rote und schwarze Konservative sich in einer solchen Frage einig sind.
    Die Menschen möglichst früh und umfas­send im Sinne von Staat und Regierung zu erzie­hen, das ist für beide Seiten schon immer wichtig gewesen.

    Ebenso klar ist, daß Liberale diesen Angriff auf Bürgerrechte zurück­wei­sen.

    Und inter­es­sant wird sein, wie sich die selbst­er­nannte „Bürgerrechtspartei” Grüne hier verhält. Wahrscheinlich kommen aber bei denen wieder die alten sozia­lis­ti­schen Reflexe durch.

  5. Hier muss man sich aber darüber klar sein, was man unter konser­va­tiv versteht. In der tradi­tio­nel­len Familie, wie sie im Zentrum konser­va­ti­ver Ansichten steht, soll die Familie der prägende Einfluss für das Kind sein.

    Ganztagsschule und ausge­wei­tete Kindergartenpflicht beab­sich­ti­gen, das Kind früh und umfas­send aus dem Einfluss der Familie heraus­zu­lö­sen und letzt­lich staat­li­chen Institutionen (das ist etwas verein­facht, denn es gibt auch konfes­sio­nell gebun­dene Kindergärten und Schulen) zu über­las­sen. Das ist gerade *nicht* konser­va­tiv; auf diesen Aspekt wies übri­gens Sarrazin hin, als er erläu­terte, warum er seine Vorschläge durch­aus als sozi­al­de­mo­kra­tisch ansieht.

    1. Konservativismus ist ein Bündel von Widersprüchen, von daher passt das Verhalten in der Frage der Kindergartenpflicht wunder­bar.

  6. Ich versteh irgend­wie nicht, was Politiker dagegen haben, dass Kinder Zeit mit ihren Eltern verbrin­gen… kann mir das mal jemand erklä­ren (also, mal abseits von ‚Die Staazis wollen das Volk erziehen’-Argumenten, denn das kann’s ja eigent­lich nicht sein).

    1. Es gibt Eltern, bei denen sich die Kinder selbst erzie­hen, bzw. sich von Fernsehen, Spielekonsole etc. erzie­hen lassen. Dann gibt es Kinder, die entwe­der über gar keine oder nur sehr geringe Deutschkenntnisse verfü­gen, wenn sie die Schulpflicht ereilt und die damit im jetzi­gen System eigent­lich gleich am Anfang schon verlo­ren haben. Es gibt Kinder, deren Sozialverhalten ist geprägt durch die ausschliess­li­che Anwesenheit von erwach­se­nen (Bezugs-)personen, was sich eben­falls sehr negativ auf ihre Möglichkeiten auswirkt, wenn sie in der 1. Klasse zum ersten Mal fest­stel­len, dass nicht alles nach ihrem Kopf geht und auch andere Menschen Bedürfnisse haben, die even­tu­ell über den eigenen liegen könnten …

      Ich weiss nicht wie hoch dieser Prozentsatz ist, ich weiss auch nicht, ob man mit einer Kita-Pflicht Allen helfen könnte, einem grossen Teil sicher­lich.

      Ob das recht­fer­tigt, dass man damit dem über­wie­gen­den Teil der Eltern, die sich liebe­voll und inten­siv um die Erziehung ihrer Kinder kümmern, Freiheiten einschränkt, kann ich nicht beur­tei­len.

      Es gab ja auch mal eine Diskussion über die Pflichtdurchführung von U-Untersuchungen, die einen ähnli­chen Hintergrund hatte (vernach­läs­sigte und oder miss­han­delte Kinder werden entdeckt und können nicht vorm Staat „verheim­licht” werden). Die ist dann meines Wissens relativ leise einge­schla­fen (wobei das meines erach­tens einen viel nied­ri­ge­ren Eingriff bedeu­tet).

  7. Das ganze Gekeife, dass Kinder gefäl­ligst in die Kitas gegän­gelt gehören, erin­nert an kalten, längst durch­ge­löf­fel­ten Diskussionskaffee, ist also sehr sozi­al­de­mo­kra­tisch:
    Wenn zu wenige mitma­chen, wird die ganze Sache kurzer­hand zur Pflicht erklärt. Manches geist­freie Wahlpflicht-Sportpalastgeschrei will die — sehr ehrli­che — Enthaltsamkeit an der Wahlurne dumpf­deutsch-krimi­na­li­sie­ren. Wie bitte? Klingt sehr sozi­al­de­mo­kra­tisch? 100 Punkte, Mann!

  8. Dann kommt die Babygartenpflicht und das Baby wird direkt nach der Geburt der Mutter aus den Armen geris­sen, aus dem Kreissaal entführt und in eine staat­li­che Betreuungsvollzugsanstalt einge­wie­sen. Schließlich sind bereits die ersten Jahre prägend und diese Verantwortung kann man ja nicht Eltern sondern nur staat­li­chen Volkserziehungsbeamten über­las­sen.

    Aber den Totalitären wird auch das irgend­wann nicht reichen. Schließlich wissen wir, dass das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der schwan­ge­ren Mutter eben­falls Einfluss auf den werden­den Menschen hat. Folgerichtig müssen schwan­gere Frauen „verpflich­tet” (also unter Androhung von Gewalt gezwun­gen) werden, während der Schwangerschaft staat­li­che Anstalten zu besu­chen, bei denen dann Schwangerschaftswärter(-innen, nicht zu verges­sen) die Frauen jeder­zeit über­wa­chen können.

    Grundsätzlich muss der aufrechte und rein­ras­sige Sozialdemokraten natür­lich die Frage stellen, warum Kinder über­haupt noch den schäd­li­chen Einflüssen von Eltern ausge­setzt werden sollten.

    Schöne neue Welt!

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