SPD immun gegen Sarrazin?

Frage: Könnten Sie sich vorstel­len, eine neue Partei zu wählen, wenn Thilo Sarrazin Vorsitzender dieser Partei wäre?
Nach Parteianhängern (in %):

  • SPD: JA 9 / NEIN 86
  • CDU/CSU: JA 17 / NEIN 81
  • Grüne: JA 10 / NEIN 88
  • FDP: JA 12 / NEIN 68
  • Linke: JA 29 / NEIN 66
  • Sonstige: JA 54 / NEIN 40

Hieraus geht meines Erachtens hervor, dass SPD-Anhänger gegen den Verführer Sarrazin weit­ge­hend immun sind. Damit ist das Parteiausschlussverfahren durch­aus wohl­be­grün­det. Die Linkspartei indes­sen sollte sich ein paar Gedanken machen. Ob Lafontaines „Fremdarbeiter” vor diesem Hintergrund Kalkül waren, kein Ausrutscher?

Die Frage ist indes­sen: wie ist in dieser Frage „Parteianhänger” defi­niert und wie groß ist die Menge „Sonstige”?

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

23 Gedanken zu „SPD immun gegen Sarrazin?“

  1. Wundert mich bei der SPD ehrlich gesagt.
    Bei der Likspartei hätte ich eher mit einem höheren Anteil gerech­net:
    — Im Osten gibt es einen großen Anteil links­kon­ser­va­ti­ver, ausge­spro­chen xeno­pho­ber Stammwähler der Linkspartei
    — Im Westen wird die Linkspartei von Protestwählern getra­gen — für die ist eine neue Protestpartei auch nicht unin­ter­es­sant.

    Als Indiz für ein Ausschlussverfahren inter­es­siert mich aber eher, wie solide und fest sich die Unvereinbarkeit mit unseren Grundwerten aufzei­gen lässt, als eine Stimmungumfrage.

    1. Die Schiedskommission wird völlig unab­hän­gig urtei­len, inso­fern ist das Drumherum gar nicht so wichtig.

      Warum wundert es Dich, dass die SPD immun gegen Sarrazin zu sein scheint? Ist doch ein gutes Zeichen.

      1. Ja, es ist ein gutes Zeichen. Es wundert mich aber aus zwei Gründen:
        — Wegen der laut Nachrichtlen großen Anzahl von Protestschreiben von Mitgliedern
        — Demographisch sehe ich zumin­dest den Anspruch der SPD, nicht nur Akademiker und „Bürgertum” zu vertre­ten und anzu­spre­chen, sondern auch und insbe­son­dere die gerin­ger gebil­dete Bevölkerung.
        Und entspre­chend der Mehrheit der mir bekann­ten Untersuchungen ist diese Schicht für diese Art von Populismus beson­ders empfäng­lich.

        Daher stellen sich mir zwei Fragen:
        — Spricht Sarrazin doch eher das Bürgertum mit Abstiegsängsten an?
        — Oder ist die SPD mitt­ler­weile ebenso „bürger­lich” wie die Grünen? Sprich sind wir deshalb so schwach, weil wir das oben beschrie­bene Segment schon weitest­ge­hend an die Linkspartei verlo­ren haben?

  2. Bei der Linkspartei über­rascht mich das ehrlich­ge­sagt nicht wirk­lich. Die mögen viel­leicht ein paar Politiker an Bord haben, die eine eman­zi­pa­to­ri­sche Agenda verfol­gen. Aber im Prinzip ist das eine konser­va­tive Partei. Entsprechend ist sie natür­lich empfäng­lich für die einfa­chen Welterklärungskonzepte eines Herrn Sarrazins.

    Bei der SPD über­rascht es mich sehr.

  3. Die Befragung zeigt in erster Linie ein hohes Maß an Parteibindung — wahr­schein­lich wären die Prozentwerte ähnlich, wenn es um eine neue Partei mit Gabriel als Vorsitzenden ginge …

    Ob die befrag­ten SPDler den Sozialdemokraten Sarrazin und seine Thesen stärker in der eigenen Partei berück­sich­tig sehen wollen, wäre eine ganz andere Frage.
    Meine Vermutung ist, daß die Zustimmung da deut­lich höher wäre.

    1. Stimmt, so kann man es auch lesen, daran habe ich nicht gedacht; aber dann erstaunt mich der hohe Unions-Wert, schließ­lich begreift sich die Union als poli­ti­sche Heimat.

  4. Eine Frage der stati­ti­schen Masse. Es wurden ja keine Parteimitglieder sondern „Parteianhänger” befragt. Vollkommen unklar ist die Vergleichshomogenität der unter­schied­li­chen Parteien bzgl. der Parteitreue Ihrer „Anhänger”. Die stat. Massen der Anhänger sind deswe­gen nicht direkt vergleich­bar.

    Meine Interpretation wäre beispiels­weise zunächst, die SPD ist in dieser Umfrage durch einen harten Kern mit wenig Protest- und Wechselwählern vertre­ten.

    Und die Kausalkette „immun” -> „Parteiausschluß gerecht­fer­tigt” ist auch ziem­lich frag­wür­dig.

    Die hohe Zahl der Anhänger der SED-Nachfolgepartei lässt aller­dings hoffen, das hier aktuell vowie­gend alter­na­tiv­lose Protest- und Wechselwähler verhar­ren, bereit zum Sprung gen neuen Ufern …

    1. Die hohe Zahl der Anhänger der SED-Nachfolgepartei lässt aller­dings hoffen, das hier aktuell vowie­gend alter­na­tiv­lose Protest– und Wechselwähler verhar­ren, bereit zum Sprung gen neuen Ufern …

      Davon bin ich über­zeugt. Die Linkspartei hat ja keiner­lei Tradition, kein eini­gen­des Band; die Wähler sind für die SPD nicht verlo­ren.

      1. @Christian (und mittel­bar Kalle):
        nein, gar keine Tradition… „SED-Nachfolgepartei”, USPD, KPD, Nationalkommitee Freies Deutschland, Thälmann-Kolonne, „RAF”, „2. Juni” usw. , 68er, SDS, Autonome, Anti-AKW-Bewegung, HausbesetzerInnen, nein, gab’s alles nicht, waren alles gedie­gene Sozialdemokraten- ach, immer so, wie es grad paßt, ja im VS-Bericht, nein, im Forenbeitrag- ihr vertre­tet eine „bestechende” Logik, wenn man euch mal ein paar Tage allein läßt … „while the cat’s away” ;-) ROFL

  5. Sarrazin gründet keine neue Partei. Außerdem haben die Protestparteien immer hohe Prozentzahlen bei Fragen, die mit: „Könnten sie sich vorstel­len…?” anfan­gen, aber am Wahltag wählt sie doch keiner. Ausnahmen für reine Protestparteien (dazu zähle ich die Linke nicht, die hatte ja schon Strukturen und ein poli­ti­sches Programm) gibts, aber nur selten und meis­tens sehr kurz­le­big. In Mecklenburg-Vorpommern konnten sich 2002 30 % vorstel­len, Schill zu wählen, 1,7 % habens getan.

    1. Sehe ich genauso.
      Sarrazin ist kein Typ eines Parteigründers, und noch weniger taugt er zum Volkstribun (dazu fehlt ihm schon das Mindestmaß an rheto­ri­schem Talent).
      Die öffent­li­che Zustimmung zu ihm ist auch weit­ge­hend nur eine Empörung wegen des Umgangs mit ihm. Es sind die Sarrazin-Gegner, die ihm erst Bedeutung verschafft haben. Das läßt sich partei­po­li­tisch nicht verwer­ten.

        1. Zu seiner Zeit galt er wohl als charis­ma­tisch-gutaus­sen­hend, seine Beziehung mit Frau Braun wurde nicht zuletzt deswe­gen geheim gehal­ten.

  6. Lustig: Alle Beitragschreiber schen­ken diesen anonym erwür­fel­ten Zahlen ehrfürch­tig Glauben.
    Manch eine Frage sollte erlaubt sein:
    Von welchem Institut soll dieser Zahlencocktail stammen?
    Erhebungsgrundlage?
    Zeitraum?

    Oder hat der gute Christian doch nur wieder in der Heidelberger Fußgängerzone mit Handmikro und Kassettenrecorder unbe­schol­te­nen Passanten Wigald-Boning-Fragen gestellt? ;-)

    Linktipp zum Thema Glaubwürdigkeit von Umfragen: http://www.wahlprognosen-info.de/

      1. Die BILD, na dann ist ja alles seriös und glaub­wür­dig.

        Auf der verlink­ten Seite werden schon die nächs­ten Umfragesensationen vorbe­rei­tet.
        Da wird gefragt „Würden Sie eine Sarrazin-Partei wählen”, und man kann sich entschei­den zwischen:
        a) Ja, denn Sarrazins Thesen haben mich über­zeugt.
        b) Nein, Sarrazins Thesen sind für meinen Geschmack menschen­ver­ach­tend.

  7. Immun?
    Jein.
    Immun gegen die Lockrufe viel­leicht, aber hier zeigt sich ein massi­ver Nachholebedarf auch und gerade bei uns.
    Ich fand den verlink­ten FAZ-Artikel sehr lesens­wert: ww.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E0BA58CB76DCA4727AF22D46B029674C2~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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