Was ist „deutsch”, was ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft? Wann ist Integration abgeschlossen, was ist das Ziel von Integration? Wann ist man ein „guter Deutscher”? Muss man ein „guter Deutscher” sein, um in Deutschland zu leben? Muss man Deutscher sein, um in Deutschland zu leben? Müssen alle in Deutschland Lebenden die deutsche Sprache beherrschen? Welche „deutsche Sprache” überhaupt? Sind Dialekte bald verboten? Müssen Schwaben und Sachsen befürchten, abgeschoben zu werden?
Warum spricht niemand über die grandios gescheiterte Integration der Russlanddeutschen? Was halten eigentlich die diversen Subkulturen von dem Ansinnen, eine deutsche Mehrheitsgesellschaft zu definieren? Ist Abweichung von dieser Mehrheitsgesellschaft bald verboten? Müssen Techno-Liebhaber, Swinger-Club-Besucher und Hip-Hopper bald Gefängnis wegen Norm-Abweichung befürchten?
Dürfen in Deutschland nur Menschen leben, die zur Wirtschaftsleistung etwas beitragen? Was machen die, die das nicht können, aus welchen Gründen auch immer? Sind Nicht-Akademiker wertlos, wie Sarrazin insistiert?
Wer definiert überhaupt die deutsche Mehrheitsgesellschaft? Ich mag Wagner, die SPD und Döner, bin evangelischer Christ und Mitglied im Heimatverein, außerdem wurde ich schon als „Mustafa” angesprochen. Wie passe ich da rein? Gibt es eine deutsche Mehrheitsgesellschaft? Wenn ja, wie sieht diese aus? Wie groß ist diese Mehrheit? Was haben Niederbayern mit Niedersachsen am Hut? Was hat der Arbeiter am Fließband mit dem Professor für Gräzistik gemeinsam? Was ist eine Parallelgesellschaft? Sind sudetendeutsche Trachtenzüge gefährliche Parallelgesellschaften?
Eine Antwort auf diese Fragen ist: die Debatte geht am eigentlichen Thema völlig vorbei. Es geht nicht um „deutsch”, „nicht-deutsch”, „un-deutsch”, „fremd”. Jedenfalls sollte es nicht darum gehen.
In Deutschland leben ist schön, weil es eben (fast) keine Vorschriften gibt, wie man zu leben hat: es ist okay, Fußball nicht zu mögen, es ist okay, nicht in die Kirche zu gehen, es ist okay, schwäbisch und sächsisch zu sprechen, es ist okay, schwul und Metzger zu sein, es ist okay, Taxifahrer zu sein, es ist okay, Millionär zu sein. Es ist okay, Moslem zu sein. Es ist, mit einem Wort, eine ziemlich offene Gesellschaft.
Diese offene Gesellschaft ist Kulturkämpfern notwendigerweise ein Dorn im Auge. Sie muss es sein, da sie „ihre” eigene Kultur als überlegen betrachten. Sie ertragen es nicht, dass Menschen Eminem hören und Burger essen und die Vorzüge Brahms und Kafkas nicht erkennen. Sie wollen keine Raucherkneipen, auch wenn sie diese niemals besuchen würden, sie wollen Konsum und Kommerz.
Deutschland ist heute eine offene Gesellschaft in bester humanistischer Tradition. Die Menschen können sich frei entscheiden, wie sie ihr Leben verbringen wollen, ob sie rund um die Uhr arbeiten, ob sie Fußball oder Backgammon spielen, ob sie ihre Heimat lieben oder gegen Deutschland raven. Es liegt an den Menschen, was aus unserem Land wird.
Den Schlusssatz überlasse ich dem ollen Bert Brecht:
Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.


Ich kann dir nur zustimmen. Die Mär von der Leitkultur, die nun schon so lange vergeblich versucht wird zu definieren, wird doch nur am Leben erhalten weil sie konkreten Interessen nützt: Politische-taktischen Zielen, Profilierung, Ablenkung.
Wir sollten nicht weiter so tun, als gäbe es DAS DEUTSCHE, das man klar von allem UNDEUTSCHEN abgrenzen und dann verteidigen könnte. Wo und vor allem wann in der Kulturgeschichte unseres allein durch die geographische Lage vielen Einflüssen ausgesetzten Landes sollte man da die Momentaufnahme machen? Denn eine Gesellschaft und Kultur verändert sich doch ständig fließend. Das aufhalten zu wollen ist so sinnlos wie sich in die Elbe zu stellen um diese zu stoppen.
Wir haben das Grundgesetz, das die Menschenrechte und jeden einzelnen schützt, ob Deutscher oder nicht. Das reicht. Alles Andere sind Einzelbaustellen, die man auch so angehen sollte. Wir brauchen kein übergeordnetes Denk-Dach, unter dem wir die Debatten über Sachfragen führen. Diese Kulturdebatten brauchen nur Populisten die auf Stimmenfang gehen oder Bücher verkaufen wollen. Der Gesellschaft bringt das gar nichts.
> Sind Nicht-Akademiker wertlos, wie Sarrazin insistiert?
wo genau sagt er das? Ich halte es für unlauter und populistisch anderen Menschen Aussagen unterzuschieben, die diese nie getätigt haben. Ich denke das hast Du nicht nötig.
Bei Brecht würde mich hingegen interessieren, wie er sich in die heutige Debatte einbringen würde, wäre er denn noch am Leben.
Das habe ich aus Sarrazins Vorschlag, Akademikerinnen eine Kopfprämie pro Kind von 50.000 Euro zu zahlen, geschlussfolgert. Das ist eine zulässige Zuspitzung und mitnichten unlauter.
Dein Umkehrschluß ist schlichtweg falsch. Lässt sich sogar mathematisch beweisen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bijektivit%C3%A4t
Du kannst das gerne als Zuspitzung (oder wie ich als unwahre Unterstellung und persönliche Diffamierung) bezeichnen, falsch ist Dein Umkehrschluß in jedem Fall.
Und wie gesagt, ich denke nicht daß du das nötig hast.
Der geneigte Leser wird sich sein Urteil bilden.
Das eigentliche Thema hast Du jedenfalls gnadenlos verfehlt.
An solchen Phantomkämpfen sehe ich wenig Sinn mich zu beteiligen, ich würde mir ohnehin eine Gesellschaft wünschen die noch offener ist.
Aber wie Marc Aurel, ein Anhänger der philosophischen Schule der Stoiker, sagen würde, das Leben ist mehr Ringen als Tanzen. Und Offenheit heisst auch die Mißstände offen anzusprechen. Ich weiß, das tut weh.
Und noch mehr tut es mir weh anzusehen, wie solche Meinungen weggewischt, wie sie mit Unterstellungen belegt werden, die man dann anschließend bekämpfen kann.
Dieser Kampf gegen eine Person, die man persönlich vernichten will, beruflich und gesellschaftlich, indem man Ihr Aussagen unterschiebt, die sie nicht getätigt hat, das passt in meinen Augen nicht mit dem Bild einer offenen Gesellschaft überein. Das ist nicht die Freiheit und die offene Gesellschaft für die ich einstehen möchte.
Komisch, genau das habe ich mir beim Lesen des Blogbeitrags auch gedacht.
Kann sein. Sind ja auch Fragen.
die Ergebnisse der so weit verbreiteten Unterstellungen und Hetze gegen Sarrazin kan man jetzt sehen. Irgendwelche Idioten glauben den allgemeinen Empörungen und erste Morddrohungen trudeln ein. Zufrieden Christian?
Sind denn männlihe Akademiker wertlos, wenn es Bonusmittel für Frauenförderung gibt[0]?
Sind denn männliche Existenzgründer wertlos, weil es spezielle Programme nur für weibliche Existenzgründer gibt[1]?
Oder Jungen wertlos, weil es zwar jahrelang einen Girls day, aber erst ab 2011 einen bundesweiten Boys day geben soll?
Davon abgesehen halte ich weder etwas von einer Kopfprämie für schwangere Akademikerinnen noch etwas von den Schlussfolgerungen, die Sarazzin aus seiner prinzipiell richtigen Zustandsbeschreibung zieht.
[0] http://www.ukaachen.de/go/show?ID=9119238&DV=0&COMP=page&ALTNAVID=9139219&ALTNAVDV=0
[1] http://www.bmbf.de/de/2578.php
Du hältst Muslime also für genetisch dümmer als die anderen?
Auf was beziehst Du Dich mit Deiner Frage?
Markus hat doch überhaupt nichts in dieser Richtung geschrieben.
wo habe ich das geschrieben?
Mit Zustandsbeschreibung habe ich unter anderem gemeint, dass 15% aller ausländischen Schüler das Bildungssystem ohne Abschluss verlassen.
Mit falschen Schlussfolgerungen meine ich genau das, was Du geschrieben hast.
Es gibt Gründe, warum ausländische Schüler im Bildungssystem fast 3x so häufig scheitern wie deutsche Schüler. Es ist eine Tatsache, dass es den jeweiligen zuständigen Landesregierungen (gleich welcher Partei) nicht gelungen ist, diese Ursachen zu beseitigen (die nicht erst seit 3 Jahren existieren, sondern seit mindestens 35).
Wir hatten von Anfang der 80er bis Mitte der Neunziger eine starke Verbesserung (von 30% ohne Abschluss auf 17%), seither hat sich fast nichts getan. Man scheint sich damit abgefunden zu haben.
Genausowenig wie ich glaube, dass in die USA ausgewanderte Iren ein Polizisten– bzw. Feuerwehrgen haben, glaube ich, dass die Religionszugehörigkeit oder die Herkunft einen Aufschluss über die Intelligenz eines Menschen geben.
Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass der Bildungserfolg ausländischer Jugendlicher nicht über alle Gruppen hinweg gleich gut ist. Ich glaube nicht an die Ursachen, die Sarazzin benennt (so wenig wie ich seine Schlussfolgerungen teile), ich glaube allerdings auch nicht, dass man das am besten dadurch ändert, in dem man es totschweigt.
„Mit Zustandsbeschreibung habe ich unter anderem gemeint, dass 15% aller ausländischen Schüler das Bildungssystem ohne Abschluss verlassen.”
Achso. Ja, das ist unbestritten.
@Markus:
weitgehend d’ accord– nur:
„ich glaube allerdings auch nicht, dass man das am besten dadurch ändert, in dem man es totschweigt.„
soweit ich es bisher mitbekommen habe, wollte in diesen Fragen noch nie jemand irgend etwas „tot schweigen”- ganz im Gegenteil, so ziemlich jede/r „Volldulli” hat eine Meinung dazu– sogar z. B. die kürzlich umbenannte „Familienministerin” Müller oder so ;-)
Im Ernst– der Ton macht die Musik– und zu einer redlichen Debatte gehören belastbare Zahlen und keine methodischen Schnellschüsse– insofern war die Debatte– wer spielte noch mal ständig die Flöte „alle Assi außer Mutti”?!- sofern sie denn jemals ernsthaft zu führen gewünscht gewesen wäre, durch Hr. S.‚s „Beitrag” eher desavouiert / korrumpiert als sie es davor zumeist war.
Aber schön, dass es in der FDP auch ein, zwei (wirklich zwei?) kritische Geister gibt.
@DGD:
Brecht war Kommunist, das dürfte Dir, falls Du den Raum zwischen Deinen Ohren mal etwas mehr für seinen ursprünglichen Zweck bemühst, Deine Frage zumindest größtenteils beantworten. Und trotzdem „darfst” Du „die Maßnahme” und „der Ja/Nein-Sager” gelesen haben, ohne Dich schuldig zu fühlen.
Es hat nur am Rand mit der Sarrazin-Debatte zu tun und ist doch eine nicht uninteressante Frage:
Wie sehr ist Deutschland ein Einwanderungsland?
Wie hoch ist der Anteil der (offiziellen) Einwanderer zur Gesamtbevölkerung?
Zur Einleutung, warum ich die Frage interessant finde: Je höher der Anteil der Zuwanderer in eine Gesellschaft und eine Kultur, desto wichtiger ist es, sich auf eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Grundregeln zu einigen:
– deutsche Sprache für alle –> kostelser und verbindlicher Sprachunterricht,
– Verhältnis zu Bildung: Mehr Chancengleichheit, aber auch mehr Forderung
– Gewalt und das Eingeständnis staatlichen Gewaltmonopols: Das Verhältnis zu Gewalt und Kriminalität ist einerseits eine soziale, aber andererseits auch eine kulturelle Frage. Das gilt für Gewalt gegen Frauen ebenso wie für Jugendgangs.
– Frauenrechte nicht zuletzt in der Familie: Unterdrückung, Zwangsheiraten und Prügelorgien lassen sich nicht als kulturelle Besonderheiten tolerieren. Es war ein langer Weg in Deutschland, den wir nicht zurückgehen sollten. Hier gilt unser Rechtsstaat ohne wenn und aber, und diesen kann man auch als unsere verbindliche Leitkultur bezeichnen, die Migranten zu akzeptieren haben.
Bei all diesen Themen gilt m.E. zugleich: Je höher die Zuwanderung, desto wichtiger ist es daher m.E., sich damit aktiv auseinanderzusetzen, fördernd wie fordernd, um einen Grundkonsens in der Gesellschaft zu finden und zu sichern.
Also, was sagen die Zahlen?
Ich habe bei Wikipedia eine Liste dazu gefunden, in der Zahlenmäßig und prozentual die Anteile der Länder angegeben sind: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_immigrant_population
Mich haben diese Zahlen sehr überrascht (ich zweifle auch noch etwas daran)
Rein zahlenmäßig soll Deutschland an Platz 3 bei den aufgenommenen Migranten stehen:
USA 38,4 Mio
Russland: 12,1 Mio
Deutschland: 10,1 Mio
Prozentual sieht es ähnlich überraschend aus, wenn man bedenkt, dass Länder wie Großbritannien, Frankreich oder die Niederlande große Einwanderungswellen aus ihren Kolonien erlebten und die USA als traditionelles Einwanderungsland gelten:
USA: 12,8% der Bevölkerung
Deutschland: 12,3% der Bevölkerung –> ähnlich viel wie das Einwanderungsland USA!
(zum Vergleich noch weitere populäre Einwanderungsländer: Kanada: 18,8%, Australien: 19,9%, Israel 37,7%)
Auch der euroopäische Vergleich verblüffte mich:
Deutschland: 12,3%
Großbritannien: 9,0% (Trotz Empire weniger als Deutschland, zahlenmäßig wie anteilsmäßig!)
Frankreich: 10,2% (Und dort kam es schon zu Massenunruhen — wie harmonisch ist es doch bei uns!)
Niederlande: 10,0% (Und daran zog sich Wilders hoch!)
Belgien: 6,9% (OK, denen fällt gerade das Land auseinander)
Schweiz: 22,9% (Wieviel davon sind Wohlstandsauswanderer?)
Österreich: 14,9% (und eine mächtige FPÖ!)
Skandinavien: Dänemark: 7,2%, Schweden: 12,3%, Norwegen: 7,4%, Finnland: 3,0%) Bis auf Schweden überall deutlich weniger
Der Süden: Spanien: 10,8%; Portugal: 7,2%; Italien: 4,3%; Griechenland: 8,7%: Überall deutlich weniger als in Deutschland
In Osteuropa sind (Ausnahme die Ex-SU-Staaten mit hohen Anteilen russischer Bewohner) die Zahlen allesamt eh wesentlich niedriger.
Kurz gesagt: Deutschland liegt bei Zuwanderern auf einem Level mit dem traditionellen Einwanderungsland USA, und in Europa haben nur die Schweiz und Österreich scheinen in Europa einen höheren Immigrationsanteil an der Bevölkerung. Angesichts dessen ist das vergleichsweise geringe Agressionslevel bei diesem Thema (man sehe die Stärke xenophober Parteien in anderen Ländern) inDeutschland ein Hinweis für eine im europäischen Vergleich gar nicht mal so schlechte Integration der Zuwanderer.
Aber es ist auch ein Hinweis darauf, dass wir uns als Gesellschaft mit dem Thema in den näcshten Jahren intensiv und ernsthafter als bisher beschäftigen müssen.
Von einem Zuwanderungsland und aktiver Integration reden wir erst seit 5–10 Jahren. Da gesellschaftliche und politische Aktivitäten Zeit brauchen, haben wir sicherlich noch 10–15 arbeitsame Jahre vor uns, in denen dieses Thema im Fokus der Politik und Gesellschaft sein wird.
Sozaildemokratische Ansätze des solidarischen Förderns und Unterstützens, aber auch des Einforderns dürften hier einen guten Weg weisen.
Gerade von praxiserfahrenen Lokalpolitikern wie dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Buschkowski lässt sich dabei sicherlich gut lernen. Wenn man sich anschaut, was mittlerweile aus der Rütli-Schule geworden ist, finde ich das wirklich beachtlich!
Das mit der gescheiterten Integration der Rußlanddeutschen habe ich verpaßt. Die, die ich kenne, sind alle perfekt assimiliert. Überhaupt sehe ich kaum Leute, deren Einwanderung problematisch wäre, obwohl ich von Einwanderen in erster und zweiter Generation regelrecht umzingelt bin. Spätestens die zweite Generation ist von den anderen Deutschen nicht mehr zu unterscheiden.
Probleme gibt es mit ein paar Gruppen, die einfach kein Politiker gern beim Namen nennt: Italienische, russische, rumänische und albanische Mafiabanden sowie Steinzeitmoslems.
Und letztere prügeln, drohen und bomben sich allmählich einen hübschen politischen und kulturellen Einfluß zusammen. Diese Entwicklung besorgniserregend zu finden, macht einen nicht zum Kulturkämpfer im Sinne des obigen Beitrages. Ebensowenig wie die Auffassung, daß man paschtunische Verhältnisse mit Frauenversklavung, Musikverbot und Sittenjustiz gefälligst nicht in Deutschland anzustreben hat.
Wir haben kein Ausländerproblem, wie haben ein Banden– und Islamistenproblem.
Califax, die unintegrierten Einwanderer zeichnen sich ja unter anderem dadurch aus, dass du kaum je engeren Kontakt mit ihnen haben wirst. Deine Bekannten in allen Ehren, aber als Statistik taugen sie nicht.
Bei den Russlanddeutschen gab es mehrere Wellen. 1991/92 habe ich in der Nähe eines Aufnahmewohnheims gewohnt. Die Russlanddeutschen, die damals kamen, waren wirklich welche. Sie sprachen Deutsch, wenn auch in einem antiquierten Dialekt. Vor allen Dingen waren sie stark religiös und von einem Arbeitsethos besessen, welches man hierzulande vielleicht zuletzt vor 100 Jahren antraf.
Diese Menschen haben sich bestens integriert. Einige hatten schon Arbeit gefunden, während sie noch im Aufnahmeheim lebten, und örtliche Arbeitgeber fragten an, ob man nicht weitere Mitarbeiter vermitteln könne.
Die „Russlanddeutschen”, die in den folgenden Jahren kamen, waren anders. Es waren oft russische Familien, in welche einer der Ehepartner Russlanddeutscher war (oft die Frau), der andere Russe. Die Kinder waren russischsprachig in Russland (oder auch Kasachstan, Kirigistan etc.) aufgewachsen und fühlten sich als Russen. Als sie nach Deutschland kamen, wurde sie regelrecht entwurzelt, das machte und macht noch gewaltige Probleme. Das wird sich aber in der nächsten Generation ausgewachsen haben. Im Gegensatz zu Problemen bei anderen Migrantengruppen.
@Nörgler:
und mit Deinem (Ihrem?) letzten Satz ist soviel Resignation gesagt, dass Politik keine Basis mehr haben könnte– nur noch Gewalt.
Was du nicht verstehst, Christian, ist dass es im Grunde um die Verteidigung dieses weltoffenen, pluralistischen Deutschlands geht. Es ist ja völlig in Ordnung, wenn jemand nach seiner Facon selig wird. Wenn das aber bedeutet, dass jemand das Sozialsystem ausnutzt und die Gesellschaft, in der er lebt, ablehnt, dann ist eine Grenze erreicht.
Es geht hier aber nicht um Migranten. Die große Zahl ist perfekt integriert. Aber es geht auch um Migranten. Genauso wie es um „urdeutsche Arier mit blonden Haaren” geht, die nichts auf die Reihe bekommen. Es geht nicht um Rasse (sowas gibt es gar nicht), Herkunft, Intelligenz oder genetische Prädestination. Es geht um die Unterschicht aus Deutschen und Migranten, die nichts für das Gemeinwesen tun, es ablehnen, sich asozial verhalten.
Diese Unterschicht gibt es und es ist politisch fahrlässig sie zu ignorieren oder ihre Existenz zu bestreiten, weil ihr dann zum einen nicht geholfen wird und zum anderen die Wut im Großteil der Bevölkerung wächst. Das kann dann wirklich zu Rechtspopulismus führen. Die jetzige Debatte ist ein weiterer Schritt in der Entfremdung zwischen Bevölkerung und politischer Klasse.
Das Gerede von „politischer Klasse” ist schwachsinnig.
Natürlich darf man die Gesellschaft ablehnen, in der man lebt. Warum auch nicht? Begründe das mal.
Das „Gerede” von politischer Klasse ist keineswegs schwachsinnig. Berufspolitiker bilden einen eigenen Mikrokosmus und schmoren in ihrem eigenen Saft. Auch im Kleinen fängt es schon an. Die Jusos beschäftigen sich hauptsächlich mit sich selbst. Ihr Kontakt zu anderen gesellschaftlichen Gruppen hält sich in sehr engen Grenzen. Im Übrigen hat Holger vorhin bei Gsichtsbuch schon einige wichtige Punkte bezüglich der Rekrutierung der politischen Eliten gesagt.
Natürlich hast du recht, wenn du beklagst, dass es kaum Parteimitglieder gibt und kaum Leute eintreten. Medien und Politik erwecken aber auch nicht den Eindruck als würde sich das lohnen. Das ist ja auch das schöne in einer freiheitlichen Gesellschaft zu leben, da man sich entscheiden kann was man tut und was nicht. Und da der Mensch ein Eigennutzmaximierer ist, tritt er allenfalls dann in eine Partei ein, wenn er sich davon einen Nutzen verspricht. Ansonsten kann ihn die Politik mal kreuzweise und er regt sich ohne tatsächliche Kenntnisse und mit Bildzeitungswissen über die Verhältnisse auf. So läufts.
Ja, klar, im Sinne einer freiheitlichen Grundordnung, in der jeder tun und lassen kann was er will, kann natürlich auch jeder die Gesellschaft verachten, in der er lebt. Kann Mollis schmeißen oder seine Kinder vernachlässigen und sich durchschmarotzen. Kein Problem, alles persönliche Freiheit!
Mir leuchtet es beim besten Willen nicht ein warum eine Gesellschaft jemanden aushalten soll, der diese Gesellschaft verachtet.
So zerlegt sich der Liberalismus selbst, weil er selbst die toleriert, die ihn nicht tolerieren.
@KHK (sorry– Satire)
Was du nicht verstehst, KH, ist dass es im Grunde um die Verteidigung dieses xenophoben, militaristischen Deutschlands geht. Es ist ja nicht in Ordnung, wenn jemand nach seiner Facon selig wird– es sei denn, er/ sie ist reich genug. Wenn das aber bedeutet, dass jemand das Steuersystem ausnutzt und die Gesellschaft, in der er lebt, ablehnt, indem er Steuern hinterzieht, dann ist eine Grenze erreicht.
Es geht hier aber nicht um MillionärInnen. Die große Zahl ist perfekt integriert. Aber es geht auch um MilliardärInnen. Genauso wie es um „arabische Millionäre mit schwarzen Haaren” geht, die Steuern hinterziehen. Es geht nicht um Masse (sowas gibt es gar nicht), Herkunft des Geldes, Effizienz oder monetäre Prädestination. Es geht um die Oberschicht aus Deutschen und Migranten, die nichts für das Gemeinwesen tun, es ablehnen, sich asozial verhalten.
Diese Oberschicht gibt es und es ist politisch fahrlässig, sie zu ignorieren oder ihre Existenz zu bestreiten, weil ihr dann zum Einen nicht geholfen wird, sich endlich sozial zu verhalten und zum anderen die Wut im Großteil der Bevölkerung wächst. Das kann dann wirklich zu Linkspopulismus führen. Die jetzige Debatte ist ein weiterer Schritt in der Entfremdung zwischen Bevölkerung und politischer Klasse.
(ok, teilweise ein wenig geschmacklose Entgleisung)
Trotz der Satire und gerade deswegen gefällt das mir sehr (auch wenns hier und da hakt). Aber was diese Substantiversätzung zeigt, ist wie sich unsere Gesellschaft heute aufteilt. Meiner Meinung ist das das Grundproblem.
Wenn Linke begreifen würden, dass es durchaus Menschen gibt, die das Sozialsystem ausnutzen und der Gesellschaft nichts zurückgeben, und wenn Rechte begreifen würden, dass wohlhabende Menschen keine besseren sind und niedrigere Steuern und die Finanzindustrie nicht zu einer besseren Gesellschaft beitragen, wären wir vielleicht einen Schritt weiter.
@KHK:
nie wirst Du von mir zu hören bekommen, dass es etwa keinen verwerflichen Mißbrauch gibt– und das Wort *verwerflich* das unterscheidet uns mittlerweile in der Rezeption– die Masse der SPDler will Hartz4 in der „light”-Variante, dezent weichgespült– und der Linkspartei ist das zu wenig– so einfach kann „man” am Infostand erklären, wo mittlerweile in dieser Frage der Unterschied liegt. Ihr habt irgendwann … 1974, .… 1993 … 1999 … 204/05 aufgehört, klassiche Reformer zu sein– ihr habt euch von blasierten BWL-Schnöseln, salopp gesagt, verar*chen lassen– und jetzt will es keine/r gewesen sein (abgesehen von ein paar Beton-Köpfen wie– ach, Du kennst sie ja besser…). Und die schiere Anzahl ist wahrscheinlich vergleichbar– nur macht es einen Unterschied, ob jemand auf 8000 pro Jahr Betrugssumme kommt oder auf 8.000.000 EUR. Wenn wir uns da (im Ganzen als Parteien– na, erst mal hier– einig wären, dann wäre auch mehr Gemeinsames möglich.
Man kann ja über alles reden, aber mich mit ‚ihr’ anzureden, geht gar nicht, da ich hier nicht als SPD Funktionär oder so, sondern als Einzelperson schreibe. Außerdem kennst du meine Meinung zu diesem Thema nicht wirklich. Wir können uns gerne darüber austauschen in gegebenem Umfeld — in diesem Faden ist das nicht. Und ich glaube, dass wir da mehr Gemeinsamkeiten feststellen als Unterschide. Aber bitte unterstell mir nicht einfach eine Haltung.
@KHK:
ok, das „ihr” war zu allumschließend– kritische Stimmen hat es wohl auch früher schon in der SPD gegeben– und nicht alle sind Linksparteiler geworden ;-)
> weil ihr dann zum Einen nicht geholfen wird, sich endlich
> sozial zu verhalten
In Anlehnung an Deine zahlreichen Kommentare glaube ich nichtmal, daß dieser Teil satirisch gemeint ist.
@DGD:
Ein Kamel geht eher durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich :-)
Nee, war tatsächlich ein Fehler beim Redigieren– aber im Deuten von Texten waren Rechte nie so richtg gut– oder hat jemand mal von „konservativen” LiteraturkritikerInnen gehört (nein, damit ist nicht das Feuilleton der FAZ gemeint ;-)
Wer ernsthaft den Blödsinn den Westerwelle verzapfte mit dem Blödsinn den Sarrazin verzapfte vergleicht disqualifiziert sich eigentlich schon selbst. Ich kann der These, dass der deutsche Sozialstaat an den Integrationsproblemen schuld sein soll im übrigen wenig abgewinnen, zumal es hierfür auch keinen Beleg gibt.
scharf beobachtet kann man dazu nur sagen:
http://www.newsweek.com/2010/09/06/the-scandal-behind-the-sarrazin-scandal.html