Gedanken und offene Fragen zum „Wording” in Leitanträgen

Die von mir hoch­ge­schätzte Bettina S. kriti­siert auf Facebook das „Wording” in den Leitanträgen des Parteivorstandes zum Bundesparteitag:

Neues Wording in den Leitanträgen der Partei: „sozial und demo­kra­tisch” statt „sozi­al­de­mo­kra­tisch”, „fair” statt „gerecht”. Wo soll das hinfüh­ren?

Kristof B. präzi­siert das noch weiter und meint, wenn man sich von Begriffen entferne, dann bestünde die Gefahr, dass man sich dann auch von den Inhalten entferne und macht dies an der in der Tat vagen und unschar­fen „Neuen Mitte” fest.

Das ist eine durch­aus rich­tige Feststellung. Die Form ist vom Inhalt nicht zu trennen, der Inhalt nicht von der Form. Die Frage ist aber: ist „fair” nicht weit­ge­hen­der als „gerecht”, ist „sozial und demo­kra­tisch” nicht konkre­ter als „sozi­al­de­mo­kra­tisch”?

Denn „gerecht” kann vieles sein, 1000 Euro Steuern pro Person und Jahr wären auch „gerecht”, im Sinne einer möglichst objek­ti­ven Besteuerung. Aber könnte man argu­men­tie­ren, dies sei „fair”? Vermutlich nicht. Mir persön­lich scheint „fair” tatsäch­lich weit­ge­hen­der zu sein als „gerecht” bzw. weniger weit­ge­hend, je nach Perspektive, also präzi­ser. „Chancengerechtigkeit”, „Geschlechtergerechtigkeit”, Generationengerechtigkeit”, das sind verschie­dene Perspektiven, mit völlig unter­schied­li­chen Ergebnissen. Trifft „fair” es besser, wenn man eine „sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Gerechtigkeit” will?

Wenn man „sozi­al­de­mo­kra­tisch” in die zwei Wortbestandteile aufspal­tet, dann wird es konkret: es geht um das „Soziale” und das „Demokratische”, das ist eingän­gig und verständ­lich, also konkret. Man kann sich dann schlech­ter raus­re­den, würde ich sagen. Richtig ist, dass „Sozialdemokratie” über „sozial und demo­kra­tisch” hinaus geht — aber ist es nicht gut, wenn man sich selbst und die Öffentlichkeit noch einmal davon versi­chert, woher man kommt, was quasi die Kerninhalte sind?

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

9 Gedanken zu „Gedanken und offene Fragen zum „Wording” in Leitanträgen“

  1. Bin zwar kein Sozi, aber „fair” ist nun einmal ein engli­scher Begriff, der dort­selbst von der neuen Koalition gerade massiv bemüht wird, ohne dass dies zur Klarheit beitrüge.

    Und „sozi­al­de­mo­kra­tisch” hat eine echte Geschichte, die „sozial und demo­kra­tisch” nicht hat. „Sozial und demo­kra­tisch” kann sich auch die CSU nennen, solche Wieselwörter sind das.

    1. Natürlich: „Sozialdemokratie” ist mehr als „sozial und demo­kra­tisch”. Das ist ja klar, das habe ich ja bereits oben geschrie­ben. Aber ist es nicht konkre­ter? Das ist ja kein Plädoyer für Ersetzen von „sozi­al­de­mo­kra­tisch” durch „sozial und demo­kra­tisch”, sondern offenes Nachfragen ob der Auswirkung auf die Öffentlichkeit.

  2. Nun ja, Begriffe und ihre Interpretation.
    Ich würde da am liebs­ten bei dem defi­nie­ren­den Dreisatz der SPD anfan­gen:
    Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.
    Was bedeu­ten diese in sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Sicht (War mal die nicht unbe­rech­tigte Frage eines Freidemokraten an mich, der diese Begriffe nach FDP-Manier auslegte)?

    Auf der Homepage http://www.SPD.de steht dazu nichts. Wie dort über­haupt wenig und in einfa­chen Worten dazu steht, was die SPD ausmacht, was ihre wesent­li­chen Ziele und Grundwerte sind. Wobei ich leider viele Genossen kenne, die seit Jahren mit dieser Frage herum­lau­fen, ohne sie aktuell beant­wor­ten zu können.

  3. Wer statt gerecht fair schreibt, sagt damit nichts neues, macht sich aber der Sprachpanscherei schul­dig.

    Wer statt sozi­al­de­mo­kra­tisch „sozial und demo­kra­tisch” schreibt, könnte damit die ketze­ri­sche Frage provo­zie­ren, ob „demo­kra­tisch” nicht eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

    1. könnte damit die ketze­ri­sche Frage provo­zie­ren, ob „demo­kra­tisch” nicht eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

      bei der aktu­el­len Parteienlandschaft, sollte man demo­kra­tisch schon besser dazu­sa­gen ;-)

  4. 1000 EUR Steuer pro Jahr und Person wären nicht gerecht, sondern gleich. Das ist ein grosser Unterschied.

    Wobei das ein span­nen­der Vorschlag ist.
    Jede Person, vom Kind bis zum Greis im Pflegeheim, über­weist pro Jahr ca. 6’500 EUR Steuern ans Finanzamt und alle anderen Steuern, von der Alkoholsteuer bis zur Zweitwohnungssteuer (es gibt in Deutschland tatsäch­lich Steuern von A bis Z) fallen weg.

    Wäre dann ja, wenn man Deiner Definition von gerecht folgt, ein gerech­ter Vorschlag.

    1. @Markus:
      die Fragen sind manches Mal vom Ergebnis her zu stellen.
      Sprache ist m. E. einer­seits Ausdruck (Form und habi­tua­ri­scher Konsens) und ande­rer­seits „Kampfmittel”- so wie einer seine Brief mit „Sozialistischem Gruß” unter­schreibt und andere mit „sozia­lis­ti­schen und demo­kra­ti­schen Grüßen”- drückt das unter Umständen doch eine Menge aus
      und
      @Rayson:
      fragt sich nur, was Du unter „demo­kra­tisch” verstehst?!

  5. Naja ..

    „im Sinne einer möglichst objek­ti­ven Besteuerung”

    eine möglichst objek­tive Besteuerung orien­tiert sich aber an der wirt­schaft­li­chen Leistungsfähigkeit des Einzelnen … also sind 1000 Euro für alle eben nicht gerecht … aber fair. ;o)
    Weil Fairness nunmal keinen wirk­li­chen, greif­ba­ren Inhalt verkör­pert. Ist halt idR völlig subjek­ti­ves Bauchgefühl.
    Und da mal die Frage: Wozu denn jetzt einen neuen, am Gerechtigkeitsbegriff orien­tier­ten Fairnessbegriff mit Inhalt füllen?
    Wenn das denn mehr sein soll, wie du meinst, könnte man ja auch erstmal Gerechtigkeit herstel­len, bevor man sich um „mehr” Gedanken macht.

    Und letzt­lich .. auf Fairness kann ich mich nicht berufen. Wo denn auch. Gerechtigkeit dagegen kann ich bis zum Bundesverfassungsgericht verlan­gen.

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