Nachdenken über Sarrazin

Was mich an Sarrazin am meisten ärgert, das wird mir gerade klar: seine Schlussfolgerungen aus seinen Beobachtungen und Annahmen finde ich zu großen Teilen richtig, nämlich: Kita-Pflicht für alle Kinder ab dem dritten Lebensjahr, Deutsch-Pflicht, Ganztags- und Gemeinschaftsschulen, alle fördern, die hier leben. Der Schlusssatz im „Welt am Sonntag”-Interview fasst mein Unbehagen zusam­men:

Im Bildungsteil meines Buches vertrete ich ein rigides Programm, das bürger­li­che Wähler bestimmt für den endgül­ti­gen Tod der Familie halten. Aber keiner kann sagen, dass das nicht sozi­al­de­mo­kra­tisch wäre. Das gleiche gilt für die Armutsbekämpfung. Da entwerfe ich doch genau ein Szenario, das den Arbeitslosen den Einstieg in die Arbeitswelt und sozia­len Aufstieg ermög­li­chen soll. Das ist sehr sozi­al­de­mo­kra­tisch. Und Sie werden nirgendwo die Forderung finden, irgend­je­man­den, der schon hier ist, abzu­schie­ben, wie das andere Parteien gele­gent­lich tun. Im Gegenteil. Ich will alle fördern.

Diese Forderungen sind in der Tat sozi­al­de­mo­kra­tisch. Aber durch die Wortwahl, den kruden Genetik-Unsinn, die angeb­li­che Prädestination, dafurch werden diese Forderungen konta­mi­niert.

Ist Sarrazin also ein Teil jener Kraft, die das Gute will, aber das Böse schafft? Im „FAZ”-Interview ist zu lesen:

Die Unterstellung, ich hätte irgendwo in diesem Buch behaup­tet, musli­mi­sche Migranten seien aus gene­ti­schen Gründen anders, die hat mich schon betrof­fen gemacht. Es ist eine böswil­lige Interpretation, die einer, der das Buch mit Verstand liest, dort nicht finden kann. Aber nachdem die Redaktion einer Wochenzeitung zwei Stunden lang vergeb­lich versucht hat, mich in diese Richtung zu lenken – eine sport­li­che Leistung von beiden Seiten –, habe ich mir gesagt, ich hätte viel­leicht noch stär­kere Trennlinien zwischen unter­schied­li­chen Argumentationssträngen ziehen sollen. Darin sehe ich aber höchs­tens einen läss­li­chen didak­ti­schen Mangel.

Sarrazin scheint schlicht und ergrei­fend nicht zu merken, dass man Aussagen so und so lesen kann. Oder weiß er es und spielt mit dem Feuer? Das wäre schlimm.

Alle Juden teilen ein bestimm­tes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unter­schei­den.

Was will Sarrazin mit dieser Aussage errei­chen? Ihm muss doch klar sein, dass er damit auch die letzten Wohlmeinenden gegen sich aufbrin­gen wird? Es ist schlicht und ergrei­fend nicht richtig, dass alle Juden ein bestimm­tes Gen teilen, schließ­lich ist Konversion zum Judentum für jeden Menschen möglich.

Hätte sich Sarrazin darauf beschränkt, anhand von dieser und jenen Statistik aufzu­zei­gen, wo die Probleme liegen, die aller­dings schon bekannt sind und dann seine Reformvorschläge aufge­macht, dann könnte man darüber sach­lich spre­chen. Aber wie soll man auf Biologismus, auf Prädestination, auf Teil-Sozialdarwinismus einge­hen?

Am Ende vom Tag wird Sarrazin der Integrationsarbeit, dieser gesell­schaft­li­chen Großaufgabe, einen Bärendienst angetan haben. Er ist wohl tatsäch­lich ein Teil jener Kraft, die das Gute will, aber das Böse schafft.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

49 Gedanken zu „Nachdenken über Sarrazin“

    1. Warum sagt er das dann derart radikal? Die meisten Juden haben sicher­lich eine gene­ti­sche Gemeinsamkeit, dagegen sage ich ja nichts, es wäre auch seltsam, wäre es anders. Er sagt aber „alle”. Warum?

      1. Sarrazin gibt in diesen Tagen eine große Anzahl Interviews, da kann einem schon­mal eine Formulierung miss­ra­ten. Zudem sind die inter­view­en­den Journalisten über­wie­gend feind­se­lig einge­stellt und versu­chen durch aggres­si­ves Fragen einen skan­da­lö­sen Sound Bite herbei­zu­füh­ren.

        Hätte er in diesem Zusammenhang ledig­lich die Basken erwähnt, wäre der Fallout bei weitem nicht so riesig gewesen. Die Wörter Juden und Genetik in einem Satz zu nennen lässt natür­lich in Deutschland alle Alarmglocken losge­hen.

        Diese Forschungsansätze sind in Deutschland offen­bar noch nicht so bekannt; ein Wikipedia-Artikel wie dieser:

        http://en.wikipedia.org/wiki/Genetic_studies_on_Jews

        wurde noch nicht auf Deutsch über­setzt

        1. „Die Wörter Juden und Genetik in einem Satz zu nennen lässt natür­lich in Deutschland alle Alarmglocken losge­hen.”

          Das muss Sarrazin doch wissen? Wieso bringt er das ohne Not ins Spiel?

          1. Weil er es weiß. Und sein Buch verkau­fen will. Etwas freund­li­cher: Weil er ein Buch verkau­fen will, mit dem er etwas bewegen will. Wer weiß das schon.

          2. Es war etwas fahr­läs­sig, zuge­ge­ben, aber ande­rer­seits kann man Sarrazin viel­leicht alles mögli­che vorwer­fen, aber sicher keinen Antisemitismus. Vielleicht hat er zu sehr darauf vertraut, dass niemand in der Öffentlichkeit auf so einen abwe­gi­gen Gedanken kommen würde.

            Der Welt-Redakteur fragte danach, ob es so etwas wie „gene­ti­sche Identität” gebe. Tatsächlich gibt es das, wie man durch die DNA-Analyse heute weiß, aber das muss man einem Publikum, welches sich mit den Hintergründen nicht auskennt, erst noch erklä­ren.

            Und bei Sarrazin wird frei­lich von den Journalisten jede kleine Formulierung mit der Prämisse inter­pre­tiert, etwas anstö­ßi­ges zu finden, um es dann in die Welt hinaus­zu­po­sau­nen.

            Hier übri­gens ein gutes Interview beim Deutschlandfunk:

            http://www.dradio.de/dlf/sendungen/idw_dlf/1259519/

        2. > Sarrazin gibt in diesen Tagen eine große Anzahl Interviews,
          > da kann einem schon­mal eine Formulierung miss­ra­ten.
          Eine Formulierung an so einem zentra­len Punkt?
          Glaube ich schlicht nicht, dazu ist Sarrazin zu erfah­ren.

      2. @CS:
        Glaubst Du, dass die erste auch die letzte Auflage sein wird? ;)

        @Nörgler:
        Lustig, dich zu sehen, wie Du Sarrazin (mögli­cher­weise zurecht) in Schutz nimmst. :)

        1. Der Name „Nörgler” ist nicht marken­recht­lich geschützt. Du liest zu wenige rechts­ex­treme Websites, Karsten. „Zu wenig” im dem Sinn, als dass du diesen Kommentator schon hättest woan­ders in Aktion erleben dürfen, nicht in einem norma­ti­ven ;-)

          Interessant ist aber, dass der Nick Extremisten diver­ser Couleur anzu­zie­hen scheint…

          1. @Rayson

            Ich werde bestimmt nicht anfan­gen, rechts­ex­treme Seiten zu lesen, nur weil Du da zu Hause bist.

            @
            Christian Soeder

            Wg. Antisemitismu (vgl. Deine Anmerkung oben): Ich bezog mich selbst­ver­ständ­lich nicht auf Dich, ich meinte die Stellungnahmen von Guido Westerwelle und Dieter Graumann.

          2. @Rayson: Also, ich lese schon so viele extre­mis­ti­sche Kommentare, da muss ich nicht auch noch Seiten besu­chen, die spezi­ell dafür gemacht sind. :)

            Aber ich gebe zu: Ich hielt ihn für den anderen „Nörgler”, von dem ich öfter mal was lese. Und war irri­tiert. :)

  1. „Was will Sarrazin mit dieser Aussage errei­chen?”
    Bei der media­len Resoanz würde ich mich langsam fragen, ob er nicht für solche Aussagen bezahlt wird. Klingt nach Verschwörungstheorie, aber wie ich die Politik kenne, könnte das durch­aus möglich sein.

  2. Sarrazin spricht viele Wahrheiten klar und deut­lich an und aus!
    Es wäre zu wünschen, dass die Politik sich Gedanken darüber macht, dass Sarrazin in großen Teilen der Bevölkerung sehr wohl verstan­den wird und man ihm zustimmt.
    Sicherlich sind einige Aussagen unglück­lich formu­liert und in ihrer Schärfe zu viel. Er hat zudem nicht mit allen Ansichten recht. — Aber im wesent­li­chen stimmen ihm etliche Menschen, auch fast alle, die ich persön­lich gespro­chen habe, zu! — Diese Menschen sind weder rechts­ra­di­kal oder auslän­der­feind­lich, diese Menschen entstam­men alle dem Bürgertum und setzen sich aus SPD, CDU, FDP und Grünen Wählerklientel zusam­men und äussern: „Endlich mal einer, der die Wahrheit sagt” — Verbunden mit einigem Kopfschütteln über Wortwahlen und vorwie­gend dem Wunsch, dass die Politiker insge­samt aufwa­chen und Themen wie: Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Integration und Migration über­den­ken! Die Integrationspolitik ist geschei­tert, es muss neue Wege gefun­den werden, damit geht der über­wie­gende Teil der Bevölkerung konform.
    Wehe den Parteien, wenn Sarrazin und Clement eine eigene Partei gründen würden!

    1. Glaubst du wirk­lich die sozi­al­li­be­ra­len Elemente der SPD über­wie­gen in der Partei? Glaubst du wirk­lich Sarrazin und Clement würden irgend­wen von der SPD mitzie­hen? Vielleicht soll­test dich mal ein wenig mehr mit Geschichte ausein­an­der­set­zen las mit deinem Stammtisch.

  3. Die Causa Sarrazin regt uns alle auf, aber wir haben auch Spaß daran. Wie kann er nur? Er kann eben. Er vergreift sich absicht­lich in der Wortwahl, bietet Interpretationsmöglichkeiten. Aber ich muss Sarrazin zum Teil in Schutz nehmen. Zum einen, weil die Medien ihn so an den Pranger stellen und teil­weise völlig zusam­men­hang­los zitie­ren. Zum anderen aber, weil er mit dieser kruden Mischung durch­aus einen Teil der Bevölkerung vertritt. Im Übrigen auch einen Teil sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Milieu. Das ist es, was ich ernst nehme. Und seine Schlussfolgerung sind ja sozu­sa­gen voll und ganz auf Parteilinie. Versucht Sarrazin also hier einen Teil vorur­teils­be­haf­te­ter Menschen einzu­fan­gen? Oder will er einf ach nur provo­zie­ren.?

    Für uns in der Kurpfalz wirken solche Aussagen über Muslime ziem­lich befremd­lich. Die Integration ist bei uns sicher höher. Aber wenn ich die Erfahrungswelt aus Berlin oder anderen Großstädten heran­ziehe, kann mit Sicherheit ein nega­ti­ver Eindruck über Migranten entste­hen, der sich dann in solchen kruden Erklärungsversuchen nieder­schlägt.

    Verstehe mich nicht falsch, ich möchte Sarrazin nicht vertei­di­gen vor dem was er selbst verzapft. Ich finde aber, dass ein wenig mehr zuhören ange­bracht wäre. Und ich würde mich auch nicht an jeder Provokation Sarrazins aufgei­len. Das macht der eben so. Einen Parteiausschluss hielte ich im Übrigen aus mehre­ren Gründen für falsch.

    1. Vermutlich ist ein Parteiausschluss recht­lich gar nicht möglich. Da setzt das Parteiengesetz ziem­lich hohe Hürden.

      Deinem Kommentar kann ich aber nicht wirk­lich zustim­men. Sarrazin ist Profi. Er kennt die Medien. Er weiß, wie sie funk­tio­nie­ren. Vor allem, da das nicht sein Erstkontakt mit den Medien ist. Ergo muss man ihn nicht vertei­di­gen. Das kann er alleine.

          1. Ich bin mir bei Sarrazin nicht sicher.

            Die Frauenrechtlerin Necla Kelek , bekannt als Kritikerin
            aus der Zeitschrift EMMA, Muslimin und Soziologin,
            sagt das er einen wich­ti­gen Beitrag zur Integrationspolitik
            leisten will.
            http://de.news.yahoo.com/2/20100829/tts-sarrazin-sorgt-fuer-neue-empoerung-c1b2fc3.html

            Zu denken gibt mir das nahezu alle Poltiker nur Hasspredigen
            über ihn loslas­sen — sie wollen nur von Ihrer geschei­ter­ten
            Migrationspolitik ablen­ken.

            Die Integrationspolitik hat kläg­lich versagt wenn ein Fachkräfteprogramm geplant war um neue Nicht-EU Bürger
            aus dem Ausland anzu­lo­cken.

            Man gibt somit den vielen arbeits­lo­sen Hartz4 Empfängern,
            unter ihnen über­pro­por­tial viele Muslime, keine Chance mehr.

            Das greift er auf, wenn­gleich außer­or­dent­lich unge­schickt, aber
            so ist er.

            Ärgen tue ich mich darüber das alle Welt in Deutschland nur über Sarrazin spricht während Klein Napoleon einfach Flugzeuge
            mit Roma besetzt und sie aus Frankreich ausweist.

            Kein Wort hierzu liest man von linken, libe­ra­len, konser­va­ti­ven oder grünen Politikern bzw. das Thema geht unter bei der Sarrazin Debatte.

            Schwach — kein Wunder das keiner mehr wählen geht !

      1. Nein, natür­lich muss man ihn nicht vertei­di­gen — inso­fern ist das die falsche Wortwahl. Er ist ein Profi, ja. Gerade deswe­gen macht er das so, wie er es macht. Würde Sarrazin nur irgend­ein Buch über Integration schrei­ben, das nur davon ausgeht, dass alle Imigranten gut und inte­gra­ti­ons­wil­lig seien und allein die Politik versage, würde es auch kein Aufsehen erregen. Es wäre main­stream. Im Gegenteil blendet er eine milde Sichtweise voll­kom­men aus und fordert von den Immigranten Integration und vermischt das mit merk­wür­di­gen Ansichten. Da ist er der Einzige in dieser Schärfe. Und nur so kann er im Medienzeitalter Aufmerksamkeit erregen. Seine Wortwahl ist für mein Empfinden zu extrem. Das gefällt mir nicht.

        Aber nochmal: Es muss in einer Demokratie jeman­den geben wie Sarrazin und diese Demokratie muss ihn aushal­ten können. Das gilt für mich auch für die SPD. Denn er gibt damit weit­ver­brei­tete Klischees und Stereotypen von sich, die von der poli­ti­cal correc­t­ness unter den Tisch gekehrt werden, in der arbei­ten­den Bevölkerung aber weit­ver­brei­tet sind. Es ist nun mal nicht alles so, wie Claudia Roth es sich wünscht. Und Freiburg und Neukölln sind eben zwei Paar Schuhe.

        Und in meinen Augen spricht er hier wich­tige Probleme an. Für einen beacht­li­chen Teil der Migranten, aber auch der ‚Ureinwohner’ trifft die Tatsache zu, dass sie für nieman­den ’nütz­lich’ sind. Anderherum gesagt: ‚Sie machen nichts aus ihrem Leben’. Das liegt zum einen mit Sicherheit an den Verhältnissen, in denen sie aufge­wach­sen sind. Diese Verhältnisse haben zum anderen aber histo­risch-poli­ti­sche Gründe.

        Die Forderungen, die er daraus ablei­tet entspre­chen einem Fördern und Fordern, das sich jemand ausdenkt, der einfach die Nase voll hat. Sie mögen dem ein oder anderen zu radikal sein. Aber hier verhält es sich wohl wie mit dem Handeln auf dem Basar. Sarrazin hängt die Latte hoch.

        Aber Sarrazin hin oder her: Ich denke, dass man sich gene­rell mit der Unterschicht aus Deutschen und Migranten beschäf­ti­gen sollte. Es kann sich kein Land leisten so viele Jugendliche in die Verblödung und Nutzlosigkeit abdrif­ten zu lassen. Im Übrigen gebie­tet sowohl das Christentum, als auch die Sozialdemokratie sowie die Aufklärung, dass wir diesen Menschen aus ihrer Situation heraus­hel­fen. Dazu gehört an aller erster Stelle diesen Menschen Bildungsmöglichkeiten zu bieten, ihnen Anreize zu geben eine Arbeit aufzu­neh­men, bei einigen auch ein Coaching oder schlicht und ergrei­fend Erziehung.

        PS: Wenn schon, dann ist das hier sowohl Baden, als auch die Kurpfalz. Vierdimensionalität sozu­sa­gen ;-)

        1. @KHK:
          vorab- mir sind Leute, die, das Ende ihres Erwerbslebens im Blick, noch schnell, in Verwirklichung einer lebens­lang geübten Mitnahmementalität, nicht etwa ein Buch über sich selbst und ihre Großtaten schrei­ben (lassen), sondern meinen, in gut geölte Debatten, extre­mis­tisch-pola­ri­sie­rend eingrei­fen zu müssen. Ja, um „Kälte” geht es Hr. Sarrazin und dafür ist Kritik das Mindeste- und- sein Buch gerade nicht zu kaufen- leider ist die poli­ti­sche Landschaft hier­zu­lande in der Mehrheit zu blöd, um den Marketingsanteil an Herrn S.’ Aussagen auszu­fil­tern und den menschen­feind­li­chen Kern der Aussagen in Nicht-Handeln um zu setzen.
          Nun zu Deinen (Ihren?) Statements im Einzelnen:
          „Nein, natür­lich muss man ihn nicht vertei­di­gen — inso­fern ist das die falsche Wortwahl. Er ist ein Profi, ja. Gerade deswe­gen macht er das so, wie er es macht. Würde Sarrazin nur irgend­ein Buch über Integration schrei­ben, das nur davon ausgeht, dass alle Imigranten gut und inte­gra­ti­ons­wil­lig seien und allein die Politik versage, würde es auch kein Aufsehen erregen. Es wäre main­stream. Im Gegenteil blendet er eine milde Sichtweise voll­kom­men aus und fordert von den Immigranten Integration und vermischt das mit merk­wür­di­gen Ansichten. Da ist er der Einzige in dieser Schärfe. Und nur so kann er im Medienzeitalter Aufmerksamkeit erregen. Seine Wortwahl ist für mein Empfinden zu extrem. Das gefällt mir nicht.”
          Da sind wir einer Meinung. Thema diskurs­fä­hig und Diskurs notwen­dig- nur Art des Diskurses untaug­lich- so viel im Übrigen zur „Didaktik” des Hr. S.

          „Aber nochmal: Es muss in einer Demokratie jeman­den geben wie Sarrazin und diese Demokratie muss ihn aushal­ten können. Das gilt für mich auch für die SPD. Denn er gibt damit weit­ver­brei­tete Klischees und Stereotypen von sich, die von der poli­ti­cal correc­t­ness unter den Tisch gekehrt werden, in der arbei­ten­den Bevölkerung aber weit­ver­brei­tet sind. Es ist nun mal nicht alles so, wie Claudia Roth es sich wünscht. Und Freiburg und Neukölln sind eben zwei Paar Schuhe.”
          Den „PC”-Begriff fand ich schon immer „affig”- aber leider gehöre ich damit wohl einer zu kleinen Minderheit an, die sich nicht jedem „newsspeak”-Begriff anhef­tet wie die Hundeschei*e am Schuh in Berlin.
          „Und in meinen Augen spricht er hier wich­tige Probleme an. Für einen beacht­li­chen Teil der Migranten, aber auch der ‚Ureinwohner’ trifft die Tatsache zu, dass sie für nieman­den ‚nütz­lich’ sind. Anderherum gesagt: ‚Sie machen nichts aus ihrem Leben’. Das liegt zum einen mit Sicherheit an den Verhältnissen, in denen sie aufge­wach­sen sind. Diese Verhältnisse haben zum anderen aber histo­risch-poli­ti­sche Gründe.”
          Und das ist typisch „neue” Sozialdemokratie- anstatt Verhältnisse histo­risch-mate­ria­lis­tisch zu analy­sie­ren, wird wild einge­schla­gen- so Gerd S. gegen Lehrer („faule Säcke”) in den 90ern und nun Hr. S. gegen „faule Penner, Asis und sons­ti­ges Gesocks”.

          „Die Forderungen, die er daraus ablei­tet entspre­chen einem Fördern und Fordern, das sich jemand ausdenkt, der einfach die Nase voll hat. Sie mögen dem ein oder anderen zu radikal sein. Aber hier verhält es sich wohl wie mit dem Handeln auf dem Basar. Sarrazin hängt die Latte hoch.”
          Auch das ist eine Demarkationslinie zwischen eurer „neuen” Sozialdemokratie und den Positionen, die außer­halb der KP-Minderheit in der Linkspartei vertre­ten werden. Hier werden wir uns noch vortreff­lich strei­ten (müssen). Dass es dafür eines Hr. S. gebraucht hätte, bezweilfe ich aller­dings.

          „Aber Sarrazin hin oder her: Ich denke, dass man sich gene­rell mit der Unterschicht aus Deutschen und Migranten beschäf­ti­gen sollte. Es kann sich kein Land leisten so viele Jugendliche in die Verblödung und Nutzlosigkeit abdrif­ten zu lassen. Im Übrigen gebie­tet sowohl das Christentum, als auch die Sozialdemokratie sowie die Aufklärung, dass wir diesen Menschen aus ihrer Situation heraus­hel­fen. Dazu gehört an aller erster Stelle diesen Menschen Bildungsmöglichkeiten zu bieten, ihnen Anreize zu geben eine Arbeit aufzu­neh­men, bei einigen auch ein Coaching oder schlicht und ergrei­fend Erziehung.”
          Und am Ende sollen sie doch in „Verwahrung” gehen- ein Schelm, der dabei nicht an Reichsarbeitsdienst, Arbeits- und Vernichtungslager denkt. Hatten wir schon- gibt’s nicht wieder, es sei denn, gegen bewaff­ne­ten Widerstand (Art. 20 GG „… jeder Deutsche … zu vertei­di­gen…”) desje­ni­gen Teils der Linken, denen an Demokratie und Menschenrechten noch etwas liegt- die nicht, vermeint­lich popu­lis­tisch agie­rend, Teile-und-Herrsche-Spielchen mitma­chen. So uhrig und teil­weise ulkig die DGB-Kampagne „Mach’ meinen Kumpel nicht an!” von 1992 war- so sehr trifft sie doch den Kern.
          Hr. S. macht diese Kumpels an- und soll sich in bestimm­ten Ecken der Republik, bei bestimm­ten Klientels besser nur kurz sehen lassn, besser nicht den „Herrenreiter” spielen.

          1. Nur um dem Missverständnis vorzu­beu­gen: Ich sehe es nicht so, dass die Unterschicht aus freien Stücken so gewor­den ist. Stattdessen ist sie das Resultat aus Wirtschafts- und Politikentscheidungen, hat aber natür­lich auch eine eigene Dynamik gewon­nen.

            Man muss sich über­le­gen was man jetzt tut. Sarrazin liefert dazu einen Gesprächsbeitrag. Wir sind uns aber ja einig, dass die Art und Weise völlig daneben ist.

            Das mit dem Reichsarbeitsdienst und den KZs halte ich aber für eine Provokation deiner­seits.

          2. @KHK:
            danke für die Ergänzung.
            Nicht nur die Diktion und dessen diskurs­fä­hi­ger Inhalt, sondern auch eben dieser Inhalt an sich- siehe dazu W. Lieb bei den Nachdenkseiten (http://www.nachdenkseiten.de/?p=6608)
            Nein, die BundesRep. ist nicht die WR, genau so wie Arbeitslager so nicht heißen werden und der histo­risch-sozio­lo­gi­sche Nachfolger des RAD nach Frau vdL eben „Bürgerarbeit” heißt.
            Insofern mitnich­ten eine Provokation, es sei denn dazu, mal darüber nach zu denken, wie weit „wir” gekom­men sind seit 1945. Schade um John, Ludmilla und Joe, die in Holland, Polen und Belgien für unsere (spätere) schöne Demokratie litten, froren und gestor­ben sind.

  4. Zu dem vielen disku­tier­ten „jüdi­schen Gen” hat sich Sarrazin jetzt klar­stel­lend geäu­ßert. Es ist, wie ich vermu­tet habe, er hatte sich ungenau ausge­drückt:

    Eine Interview-Äußerung von mir vom 29. August 2010 hat für Irritationen und Missverständnisse gesorgt, die ich bedauere. Als ich sagte, dass „alle Juden ein bestimm­tes Gen teilen“, habe ich mich nicht hinrei­chend präzise ausge­drückt.

    Ich bezog mich mit meiner Äußerung — wegen der Interviewsituation leider verkürzt — auf neuere Forschungen aus den USA. Ich bin kein Genetiker. Aber ich habe zur Kenntnis genom­men: Aktuelle Studien legen nahe, dass es in höherem Maße gemein­same gene­ti­sche Wurzeln heute leben­der Juden gibt, als man bisher für möglich hielt.

    Damit ist keiner­lei Werturteil verbun­den, damit ist auch nichts über eine wie auch immer zu verste­hende „jüdi­sche Identität“ ausge­sagt. Die Frage, was aus mögli­chen gene­ti­schen Übereinstimmungen von Bevölkerungsgruppen zu schlie­ßen ist, ist voll­kom­men offen. Entscheidend für poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Sachverhalte, die im Zentrum meines Buches stehen, sind kultu­relle Faktoren.

    Über diese Forschungsergebnisse hatte ich im Berliner „Tagesspiegel“ gelesen, davor hatte die New York Times darüber berich­tet — und viele andere Medien auch. Die beiden von einan­der unab­hän­gi­gen Studien wurden in den renom­mier­ten Fachzeitschriften „Nature“ und „American Journal of Human Genetics“ im Juni 2010 veröf­fent­licht.

    Wenn neue gene­ti­sche Forschungen zeigen, dass viele heutige Juden zahl­rei­che Gene von einer ursprüng­li­chen jüdi­schen Bevölkerungsgruppe, die vor etwa 3000 Jahren im Nahen Osten lebte, gemein­sam haben, ist das zunächst einmal inter­es­sant. Politisch ist diese These neutral. Um eine rassis­ti­sche Äußerung handelt es sich nicht.

    Thilo Sarrazin

    ( http://www.faz.net/s/Rub9B4326FE2669456BAC0CF17E0C7E9105/Doc~ECC46C81351DA40E7B3219E328A122494~ATpl~Ecommon~Scontent.html )

    Heute habe ich vergeb­lich versucht, das Buch zu bekom­men, es war aber bereits überall ausver­kauft (4 Buchhandlungen in 2 Städten).

    1. Interessant. Und Sarrazins Entgegnung ist ja sogar intel­li­gent.

      Allerdings hat er meinen Hauptkritikpunkt wieder einmal bestä­tigt: Er hat sich „ungenau” ausge­drückt. Bei einer derar­ti­gen Häufung von miss­ver­ständ­li­chen Äußerungen glaube ich nicht daran, dass er sich verse­hent­lich „ungenau” ausdrückt. Dahinter steckt natür­lich Kalkül.

        1. Warum nicht? Ein Rassist, der sich in die mediale Öffentlichkeit drängen will macht Aussagen, die er wieder zurück­nimmt oder sie präzi­siert und damit entschärft. Das Ergebni: Wir diskut­tie­ren drüber und Menschen fangen an ihm zuzu­hö­ren und zu glauben. Die Frage: „Ist er ein Rassist?” bleibt im Raum stehen und dient nur zur Verbreitung seiner Ansichten.

          In der Musikindustrie ist das gängige Praxis. Die Band „Böhse Onkelz” oder auch „Rammstein” spielen mit dem Klischee einer Naziband, um mehr Hörer zu gewin­nen, die sie vor diesem Vorwurf vertei­di­gen und schon strömen die nächs­ten nach (man denke an zB Frei.Wild).

      1. Die Meinung teile ich nicht. Ich habe mir heute die Vorstellung des Buches bei der Bundespressekonferenz auf Phoenix ange­se­hen (gestern habe ich übri­gens Sarrazin über­haupt zum ersten mal spre­chen gehört, vorher *las* ich nur Texte von und über ihn).

        Sarrazin ist ein schlech­ter Redner, der Redefluss ist zäh, er verhas­pelt sich vergleichs­weise oft. Zum Populisten, zum Volkstribunen, taugt er über­haupt nicht. Man kann in einem münd­lich geführ­ten Interview sehr leicht etwas unaus­ge­go­re­nes von sich geben.

        Und wie bereits früher ausge­führt: Die veröf­fent­lichte Meinung seziert jeden Halbsatz, jede Geste Sarrazins, um über ein vermeint­li­ches Skandalon berich­ten zu können.

        1. „Man kann in einem münd­lich geführ­ten Interview sehr leicht etwas unaus­ge­go­re­nes von sich geben.”

          Interviews werden selbst­ver­ständ­lich vor dem Druck noch mehr­mals durch­ge­le­sen und dann durch den Interviewten autho­ri­siert. Sarrazin kennt die Medien. Er würde dort wohl kaum „aus Versehen” derart oft etwas sagen, was er so garnicht gemeint hat.

        2. @Nörgler:
          ein Medienprofi wie Hr. S. hat ein nicht Live gesen­de­tes Interview höchst­wahr­schein­lich nach­träg­lich autho­ri­siert- mir ist 2003 mal der Fehler passiert, ein Interview nicht autho­si­sie­ren zu lassen- selbst ich als „kleines Licht” bin da schlauer- also Hr. S.’ Gesabbel = reine Schutzbehauptung. Aber toll, dass die Neo… diesen Hrn. vertei­di­gen, da weiß „man” gleich, woher der Wind weht.
          Und ja, ich werde das beknackte Buch nicht kaufen und wer es mir (egal zu welchem Anlaß) schenkt, ist nicht mehr mein/e Freund/in). Habe auch „Mein Kampf” weder gekauft, noch sonst­wie beschafft (das Internet ist ja [leider?] ein Hort für so manch Absonderliches)- Dreck, Schund und Ötterkot*e braucht niemand.

          1. Wer das Buch nicht liest, darf sich aber auch kein Urteil erlau­ben.

            Sarrazins Buch mit „Mein Kampf” zu verglei­chen ist absurd. Mehr muss man dazu nicht sagen.

          2. „Wer das Buch nicht liest, darf sich aber auch kein Urteil erlau­ben.”

            Aha. In letzter Konsequenz heißt das also dann: Zurück zur nicht-arbeits­tei­li­gen Gesellschaft :)?

            „Sarrazins Buch mit „Mein Kampf” zu verglei­chen ist absurd. Mehr muss man dazu nicht sagen.”

            Die Gleichsetzung wäre absurd. Der Vergleich ist es nicht. Denn der Vergleich zielte nicht darauf ab, dass die Inhalte gleich (gefähr­lich) wären, sondern dass es in beiden Fällen nicht erfor­der­lich ist, das Buch komplett zu lesen um es bewer­ten zu können.

  5. Herr Sarrazin steht in „bester” SPD-Tradition:
    Kriegskredite 1914, Ebert-Gröner-Pakt, Blutminister Gustav Noske, Ernst Niekisch vor ´33, Wehrmachtsleutnant Helmut Schmidt, Abschiebeanthroposoph Otto Schily, Nazi-Juso Sascha Jung (SPD-Parteibuch bis heute) & BildBamsGlotze-Schröder („krimi­nelle Ausländer raus­und­zwar­schnell”) nach ´45…

    1. Ah, die alte Leier wieder.

      Die „Wer hat uns verraten?”-Leider ist ein zuver­läs­si­ger Indikator dafür, dass eine sach­li­che Argumentation ab diesem Punkt sinnlos wird. Mit Menschen, die von Hass auf die SPD zerfres­sen sind, kann man nicht sinn­voll über die SPD disku­tie­ren. Tschüss, „Links„man.

          1. @Nörgler:
            ach, Gottchen, jetzt schon Kreativität diskri­miert,
            Malt doch, ange­sichts des rechts­au­ßen-Rollback, nicht die „RAF” an die Wand- die Jungs (und Mädels) sitzen entwe­der noch ein oder werden sich hüten, nochmal mit Knarre los zu ziehen.
            Die neue RAF gründet ihr gerade mit.

  6. „Es ist schlicht und ergrei­fend nicht richtig, dass alle Juden ein bestimm­tes Gen teilen, schließ­lich ist Konversion zum Judentum für jeden Menschen möglich.”
    Oh mein Gott, was für eine Aussage! Alle nicht konver­tier­ten Juden teilen also ein bestimm­tes Gen? Das ist ebenso rassis­tisch wie es wissen­schaft­lich komplett unhalt­bar ist. Langsam wundert mich bei der SPD wirk­lich NICHTS mehr.

    1. Oben sind schon einige Artikel verlinkt, die erläu­tern, was damit gemeint ist; hier gibt’s weitere Informationen:

      http://www.bernerzeitung.ch/ausland/europa/Juedisches-Gen-erzuernt-die-Deutschen-und-macht-Israelis-stolz/story/30847587

      Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet und kann die Diskussion bzw. die Debatte nur zur Kenntnis nehmen.

      Hier noch mehr, vor allem die Kommentare sind span­nend:

      http://fdogblog.wordpress.com/2010/08/29/sorry-sarrazin/

    2. „Juden” meint sowohl eine Religionsgemeinschaft als auch ein Volk aus Israel. Was falsch ist, ist die Behauptung, dass
      (1) alle Juden
      (2) ein Gen
      mitein­an­der teilen.

      Richtig wäre: Viele Juden (im Sinne des israe­li­schen Volkes, nicht der Religionsgemeinschaft) teilen bestimmte Genkonstruktionen.

      Das Problem ist nur: Daraus lässt sich so gut wie nichts abwan­deln. Erst recht nichts über soziale Fragen wie Arbeitslosigkeit, volks­wirt­schaft­li­cher „Nutzen” und schon garnicht über Intelligenz.

      Dass verschie­dene Menschengruppen tenden­zi­ell verschie­dene Genkonstellationen in sich tragen, ist eine triviale Feststellung. Problematisch ist es, diese Genkonstallationen als Grund für soziale Unterschiede zu machen.

      1. Judentum als Religion und jüdi­sches Volk sind nach jüdi­scher Mehrheitsmeinung, Israel sieht es eben­falls so, nicht zu trennen. Das sollte man respek­tie­ren, finde ich.

        Deine weiter­ge­hen­den Ausführungen sind eine sehr gute Zusammenfassung, danke.

        1. Man kann doch wunder­bar die Paradoxien studie­ren:

          Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, der sich perma­nent zu Wort meldet, ist erst als Erwachsener zum Judentum konver­tiert. Wer als Erwachsener die Religion wech­selt, ist mit Sicherheit ein tief reli­giö­ser Mensch.

          Henryk M. Broder ander­seits stammt aus einer polnisch-jüdi­schen Familie, die den Holocaust über­lebt hat. Broder bezeich­net sich aber selbst als Agnostiker, an den Gott des Tanach glaubt er also nicht.
          Gleichwohl schreibt er über jüdi­sche Themen und erhält körbe­weise anti­se­mi­ti­sche Hass-Briefe und Morddrohungen.

          Im Dritten Reich wurden einige evan­ge­li­sche Pfarrer im KZ ermor­det. Warum? Sie waren ursprüng­lich Juden, waren aber zum Christentum konver­tiert und evan­ge­li­sche Geistliche gewor­den. Für die Nazis waren sie aber immer noch Juden.

          1. Ich würde die Nazis gerne aus der Diskussion raus­hal­ten. Das erschwert die Diskussion unnötig.

            Jedenfalls unter­schei­det der Staat Israel nicht zwischen Juden, die von einer jüdi­schen Mutter geboren wurden, und einem zum Judentum Konvertierten. Für Israel gehört jeder Jude zum jüdi­schen Volk und hat damit das Recht, nach Israel einzu­rei­sen und israe­li­scher Staatsbürger zu werden.

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