Unterwegs mit Sigmar Gabriel: Eine Schifffahrt, die ist lustig

Am 24. August lud der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel zur Sommerreise ein: von Mannheim mit der MS Europa nach Worms, zu Kurt Beck und einer öffent­li­chen Parteiratssitzung der rhein­land-pfäl­zi­schen SPD. Das große Thema der Reise: die Demokratie. Bei der Abfahrt bewahr­hei­tete sich, was Kurt Tucholsky einmal gewohnt bitter­böse geschrie­ben hatte: die SPD sei eine Partei, bei der man wunder­bar Kaffee und Kuchen essen und trinken könne. Wohl wahr: die Kuchen- und Tortenauswahl war fulmi­nant, Jusos, Falken und 60 plus waren glei­cher­ma­ßen angetan.

Sigmar Gabriel ließ es sich nicht nehmen, vor dem „offi­zi­el­len“ Teil der Reise einen kleinen Plausch mit den Mitgliedern zu halten. Eine Privataudienz durften u.a. die Heidelberger Jusos in Anspruch nehmen, die den Parteivorsitzenden über die erfolg­rei­che Abstimmung gegen den Ausbau der Heidelberger Stadthalle in Kenntnis setzten.

Die anschlie­ßende Diskussion war span­nend und aufschluss­reich. Gabriel machte deut­lich, dass seine Vorstellungen von „mehr Demokratie“ von der SPD (noch) nicht überall geteilt würden. Während sich Gabriel Vorwahlen nach ameri­ka­ni­schem und fran­zö­si­schem Vorbild vorstel­len kann, sei dies in der Partei noch nicht so. Jedenfalls wurde klar, dass dem Urenkel Willy Brandts die Öffnung der Partei, die Partei an sich, ein Herzensanliegen ist. Die schwin­dende Bindungskraft der Parteien und vor allem die Tatsache, dass sich gerade die „Unterschicht“ emotio­nal von der Demokratie immer weiter entferne, wurde kritisch behan­delt. Ein Patentrezept hatte keiner der Anwesenden zu bieten.

Als in der offenen Gesprächsrunde die Rede auf Thilo Sarrazin kam, erklärte Gabriel, er wisse nicht, warum Sarrazin nicht längst ausge­tre­ten sei. Gewohnt humorig meinte Gabriel, er sei der Überzeugung, dass der Bundesbank-Vorstand, seit Sarrazin Mitglied wurde, prozen­tual dümmer gewor­den sei.

Auf dem Oberdeck waren alldie­weil Fernsehteams unter­wegs, um „die Basis“ nach ihrer Meinung auszu­fra­gen. Nun, die Stimmung war so gut, dass zumin­dest dieser Autor keine nega­ti­ven Einlassungen mitbe­kam.

Ankunft in Worms. Kurt Beck begrüßt die baden-würt­tem­ber­gi­schen Genossinnen und Genossen, er wirkt gelöst und aufge­räumt. Mit Bussen fahren die mit Kaffee und Kuchen gestärk­ten SPD-Mitglieder zur öffent­li­chen Parteiratssitzung. Die Stimmung könnte nicht besser sein, auch die im Blauhemd geklei­de­ten Falken sind in bester Stimmung.

Kurt Beck und Sigmar Gabriel auf dem Podium verstan­den es vorzüg­lich, sich die Bälle zuzu­spie­len. Keine Frage blieb unbe­ant­wor­tet – nicht „ex cathe­dra“, sondern durch­aus nach­denk­lich und offen. Einen persön­li­chen Erfolg konnte Juso Mark F. aus Mannheim verbu­chen, als ihm Sigmar Gabriel in Bezug auf Leih- und Zeitarbeit „im Prinzip“ Recht gab, was hier nicht uner­wähnt bleiben soll.

Mehr Demokratie, vor Ort, im Land, im Bund, mehr Beteiligung. Mehr Mitsprache. Das ist wohl das Wesentliche, was man mit nach Hause nehmen kann: die SPD will wieder zuhören, will wieder offen sein, will sich als Mitmachpartei verste­hen. Nicht nur für Mitglieder, sondern für alle Bürger. So darf es gerne weiter­ge­hen.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

4 Gedanken zu „Unterwegs mit Sigmar Gabriel: Eine Schifffahrt, die ist lustig“

  1. Ich bin beein­druckt, Friede, Freude, Eierkuchen.

    Was ein paar nette Umfragen nicht alles bewir­ken können, kein Jahr sind die aufrüt­teln­den Artikel in diesem Blog her, was sich in der SPD nicht alles ändern müsse, nun lesen wir vom selben Autor einen Bericht über eine Kaffeefahrt mit Onkel Sigmar, wie man sie damals im Wahlkampf-Boulevardblättchen Zeitung am Sonntag nicht schöner hätte lesen kennen, nur dass da im Artikel daneben Frau Tessier noch aus den Sternen gelesen hätte, dass die SPD die Bundestagswahl gewinnt.

    Ich habe den Eindruck, die SPD hat rein gar nichts gelernt, und wieviel Umfragen vor den Wahlen wert sind, haben Stoiber 2002 und Merkel 2005 schon gemerkt.

      1. @Christian:
        es sei Dir gegönnt, steckst ja sonst (wahr­schein­lich nicht nur hier) so Einiges weg. Freundschaft ;-)
        Obwohl- den Passus mit den Blauhemden fand ich doch etwas befremd­lich- aber sowas Grundsätzliches rührt wahr­schein­lich daher, dass ich kein „Ossi” bin und mit Uniformen / Uniformität von Denken und Handeln zumeist ein Problem habe.

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