Wer braucht schon Handys?

Ich gestehe: ich muss 12 Jahre alt gewesen sein, als ich der Meinung war, dass Handys völlig über­schätzt seien. Ein Klassenkamerad hatte damals schon ein Handy, er war damals der Vorreiter. Ich fand das ziem­lich albern: wieso glaubt mein Klassenkamerad, ein Handy zu brau­chen? Ich war mir sicher, niemals ein Handy zu nutzen. Nun, viel­leicht war ich ein biss­chen altklug, jeden­falls lag ich mit der dama­li­gen Meinung voll im Trend. Die Zeitungen erklär­ten, dass Handys, wenn über­haupt, maximal für Geschäftsleute prak­tisch seien. Im Übrigen galt das normale Telefon als völlig ausrei­chend. Handys wurden als Invasion in die Privatsphäre betrach­tet, als Eingriff in die allge­meine Ordnung, kurz: als Revolution. Zwei oder drei Jahre später hatte auch ich natür­lich ein Handy.

Zeitsprung. Heute, 2010, ich bin 24 Jahre alt, gibt es in Deutschland mehr Handys als Einwohner. Wer kein Handy hat, gilt als Exot, als Eigenbrötler. Handys sind allge­mein akzep­tiert, normale Leute, nicht nur Top-Manager, rufen via Handy im Urlaub ihre E‑Mails ab. Heute werden andere Fragen gestellt: „Wozu braucht es denn Google Street View?” „Wer braucht eigent­lich Twitter?” „Wer benutzt Facebook? Und warum?” „Wieso war Wave kein Erfolg?”

Ich kann darauf nur antwor­ten: ich kann es nicht beant­wor­ten. Nicht wirk­lich. Vielleicht braucht niemand Google Street View, dann wäre die ganze Debatte über Persönlichkeitsschutz und Privatsphäre relativ sinn­frei. Denn dann wird niemand Google Street View nutzen und Google wird den Dienst wieder einstel­len. Es ist jedoch meiner Meinung nach wahr­schein­li­cher, dass Google Street View ein ähnli­cher Erfolg wie das Handy wird. Und dann muss man doch die Frage stellen, ob das Beharren gegen neue Dienste wie Google Street View nicht vor allem eines ist: nämlich konser­va­tiv. Die Gesellschaft verän­dert sich, das passt vielen Leuten nicht. Alles soll so bleiben, wie es ist, und zwar für immer. Ob man da mitma­chen sollte? Ich würde sagen: nein.

Der Misserfolg von Google Wave zeigt zwei­er­lei: Erstens ist Google in der Lage, sich einen Fehlschlag einzu­ge­ste­hen und Tabula rasa zu machen. Das ist nichts Neues, Google hat das schon häufig bewie­sen. Andere Unternehmen und Organisationen wären gut beraten, sich hieran ein Beispiel zu nehmen. (Als leid­ge­prüf­tes SPD-Mitglied denke ich hierbei an die unsäg­li­che Plattform „meinespd.net”, die von Anfang an eine Totgeburt war, bei der sich aber niemand in verant­wort­li­cher Position fand, den Stecker zu ziehen — dieses Jahr ist es wohl endlich soweit. Es bleibt zu hoffen, dass die Umsetzung gemein­sam mit der Basis erfolgt und nicht „top down”.) Zweitens zeigt der Misserfolg von Google Wave, dass neue Techniken nicht auto­ma­tisch erfolg­reich sind, nur weil sie neu sind. Wenn die Nutzer nicht damit zurecht kommen, stimmen sie mit den Füßen bzw. mit der Maus ab und lassen das „geniale Tool” links liegen, wenden sich lieber anderen Dingen zu. Darüber regen sich Entwickler und Experten gerne auf, was jedoch nichts bringt — die Menschen machen eben, was sie wollen.

Gleiches gilt für Twitter und andere „Social Media”: es kann sein, dass das alles ein großer Hype ist und man in fünf Jahren darüber ähnlich denkt, wie man heute über den Crash der New Economy 2001 denkt — aller­dings spricht wenig dafür. Leute nutzen Twitter, Facebook, Flickr und Co., weil sie diese Dienste gut finden. Nicht, weil irgend­ein Marketing-Guru sie davon über­zeugt hat. Ob es den konkre­ten Dienst „Twitter” in fünf Jahren noch gibt, das ist nicht sicher — mögli­cher­weise ja, mögli­cher­weise nein. Es ist im Fluss, wie so vieles.

Entwickler veröf­fent­li­chen neue Dienste, Unternehmen stellen alte Dienste ein. Dienste, die sich am Markt der Möglichkeiten bewäh­ren, bleiben bestehen. Dagegen anzu­kämp­fen ist ziem­lich sicher verlo­rene Zeit, jeden­falls ist es ein Kampf gegen Windmühlen. „Nichts ist mäch­ti­ger als eine Idee, deren Zeit gekom­men ist”, wusste schon Victor Hugo.

Mehr Fortschritt wagen!

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

8 Gedanken zu „Wer braucht schon Handys?“

  1. @ Christian: Um mal auf den ersten Satz deines Beitrags zurück­zu­kom­men (der m.E, exem­pla­risch für vieles steht):

    Es gibt Trendsetter und Mitläufer. Der Trendsetter probiert neue Dinge, schaut, ob sie ihm gefal­len, und wenn nicht probiert er andere Dinge.

    Der Mitläufer schaut was sich bewährt, und nutzt als Informationsquelle i.d.R. nicht eigene Recherche, sondern den Median des Geschwalles anderer.

    …dass der Mitlaüfer jetzt SPD-Mitglied ist, verwun­dert genau­so­we­nig wie die Tatsache, dass viele Trendsetter Millionäre gewor­den sind.

    …viel­leicht inter­pre­tiere ich da auch zu viel hinein.

    1. @Steffen:
      wen meinst Du?
      Ich würde sagen, beide nehmen sich da nicht viel- jetzt kannst Du Dir aussu­chen, was ich meine ;-)
      Diese ganze Nerd-/First-Debatte ist doch ein Schmarrn. Derjenige „consu­mer”, der zuerst aufspringt, bekommt „Bananen-Produkte” zu horren­den Preisen für die zwei­fel­hafte „Bewunderung” anderer poten­zi­el­ler Nerds. Was daran toll sein soll, hat mir noch kein einzi­ger dieser Nerds plau­si­bel erklä­ren können.
      http://www.marketinghipster.com/wp-content/uploads/2007/07/iphone-funny.gif
      — der hier:
      http://theoatmeal.com/comics/apple
      ist noch besser …

  2. > Mehr Fortschritt wagen!
    Richtig!

    Und das ist auch Original-SPD.
    Die Sozialdemokraten waren immer eine Partei des Fortschritts (mit den Liberalen und gegen die Konservativen).
    Bis sie dann in den letzten 20 Jahren immer mehr im grünen Pessimismus versumpft sind.

    Der Wesenskern sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Politik ist, daß es den Leuten BESSER gehen soll — und nicht daß man versucht alte Zustände zu konser­vie­ren.

    1. @RA:
      einer der Fehler sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Politik begann zu dem Zeitpunkt X (Definitionsfrage), als die SPD (deren Führung, der Funktionskörper etc.) aufhörte, „die Leute” irgend­wie zu defi­nie­ren.
      Ach, und mit alten Zuständen, ist da das neo… Rollback gemeint (zurück zu den 50ern- „man” ist sich nur noch nicht einig, in welchem Jahrhundert…) ?
      Nein, Rückschritt ist Fortschritt. Nur der Zusammenhang zwischen Handy-Kultur u. Ä. und den gesell­schaft­li­chen Formationen, die jewei­lig präfe­riert werden, ist mir nicht klar. Erklär’ das doch mal, wenn’s ernst gemeint gewesen sein sollte.

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