Ahlhaus und die Ghibellinen: Es geht nicht um Studentenverbindungen. Es geht um Schwarz-Grün.

Ole von Beust will nicht mehr Hamburger Bürgermeister sein, nachdem die Hamburger die Schulreform teilweise gekippt haben. Innensenator Christoph Ahlhaus soll ihm nachfolgen, so hat es der CDU-Landesvorstand beschlossen. Die Hamburger CDU befindet sich in einer Koalition mit den Grünen, die sich gerade ein wenig zieren. Unser anonymer Gastautor beschäftigt sich mit diesem Sachverhalt ein wenig näher:

Ein bisschen Schneid wollen sie zeigen, die „Ghibser“, wenn sie „aufs Präsidialjahr 1972“ anstoßen. In jenem Jahr hatte die Turnerschaft Ghibellinia im Coburger Convent zu Heidelberg unter dem Motto „Das ganze Deutschland soll es sein“ das Präsidium ihres Dachverbandes übernommen. Da lacht das Burschenherz. „Schläger schwirren, Gläser klingen, alles atmet Frohnatur“ singen sie auf ihren Kneipen, auf denen vor Jahren gelegentlich auch der CDU-Politiker Christoph Ahlhaus saß, Bier trank und Liedchen trällerte. Dies legte ihm, dem Hamburger Innensenator, der am 25. August die Nachfolge von Beusts antreten soll, vor wenigen Tagen die GAL zur Last.

Schlagende Verbindung – das ist für die Grünen bäh. Dabei reden sie über studentische Korporationen ähnlich blöd und kenntnislos daher, wie umgekehrt die Couleurstudenten zumeist über alles, was irgendwie „links“ ist oder so bezeichnet wird.

Aber wer sind die Ghibellinen? Die Ghibellinia ist eine von fünf CC-Verbindungen und zwei Turnerschaften in Heidelberg. Der Coburger Convent ist der pflichtschlagende Verband von Landsmannschaften und Turnerschaften an Hochschulen in Deutschland und Österreich. Diese Organisation legt großen Wert darauf, „unpolitisch“ zu sein. Die Aktiven der Ghibellinen waren in den letzten Jahrzehnten sehr oft kreuzbrave Mitglieder der Jungen Union; hin und wieder gelangten auch gestandene Sozialdemokraten in ihre Reihen. In den 90er Jahren akquirierte diese Turnerschaft allerdings einen Teil ihres Nachwuchses aus der Heidelberger Schülerbindung PC Alemannia-Brünn, deren aktive Mitglieder damals aus welchen Gründen auch immer nach außen hin stramm und deutschnational auftraten. Mindestens zwei Rechtsextremisten fanden den Weg in die Ghibellinia. Der eine verabschiedete die Besucher von Feten auf dem von den „Ghibsern“ bewohnten Mittermeierhaus gern mit „Sieg Heil“ und publizierte in späteren Jahren in der braunen Postille Nation und Europa. Der andere stellte sich mit kahlem Schädel im „Schnookeloch“, einer von Korporierten häufig besuchten Gaststätte in Heidelberg, häufiger mit „Ich bin Ghibelline und Antisemit“ vor. Beide mussten Ende des Jahres 1999 die Korporation verlassen. Inwieweit Ahlhaus, der in dieser Zeit im Zuge der Auseinandersetzungen um das „Mai-Ansingen“ Conkneipant bei den Ghibellinen wurde, von den Vorgängen Kenntnis hatte, bleibt offen.

Das Mai-Ansingen, das einige Verbindungen der HIG (Heidelberger Interessengemeinschaft schlagender Bünde) in der Heidelberger Altstadt jährlich bis 1996 veranstalteten, wurde immer wieder von linksautonomer Krawalle gestört, die irgendwann Herzinfarkt und Tod eines Alten Herrn der Burschenschaft Allemannia im SK (Süddeutsches Kartell) – der Nachbarverbindung der „Ghibser“ in der Karlstraße – zur Folge gehabt haben sollen. Die Ghibellinen setzten sich bereits nach zwei Jahren verstärkt dafür ein, das Mai-Ansingen wieder aufzunehmen. Der Kommunalpolitiker Ahlhaus stellte sich auf ihre Seite, wurde eingeladen und schließlich Conkneipant, d.h. außerordentliches Mitglied mit eingeschränkten Rechten.

Wo ist das Problem? Günter Oettinger ist Mitglied der Landsmannschaft Ulmia im Coburger Convent zu Tübingen und hat im Unterschied zu Ahlhaus eine ordentliche Aktivenzeit während des Studiums durchlebt. Nie war das ein Thema. Aber er stand auch für die Grünen nie zur Wahl. Gewiss: Rezzo Schlauch war als ehemaliger Burschenschafter Fraktionsvorsitzender der Grünen im Deutschen Bundestag. Doch der vertrat anders als Ahlhaus grüne Inhalte; seine Vergangenheit musste niemanden interessieren.

Die Sache ist die: Christoph Ahlhaus ist nicht Ole von Beust. Und die Frage ist, inwieweit Ahlhaus als Vorsitzer des schwarz-grünen Projekts taugt. Und die Grünen, die auf die Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition erpicht sind, wollen ihn wählen. Ahlhaus, der auf die Fortsetzung der Koalition erpicht ist, hat sich in einem Brief an den Vorsitzenden von der Mitgliederliste streichen lassen. Das mag die Korporierten nun erst recht empören. Für einen Großteil der Couleurstudenten, insbesondere dem wahrhaft schwarzbraunen Teil der Deutschen Burschenschaft (DB), ist Ahlhaus, der es aus ihrer Sicht versäumt hat, eine Lanze für das Waffenstudententum zu brechen, damit ein Weichei, ein Repräsentant einer in die linke Mitte gerutschten CDU. Dabei zeigt dieser Schritt die politische Weitsicht von Herrn Ahlhaus. Gerade weil er lediglich als Conkneipant an einigen Veranstaltungen der Ghibellinia teilnahm, dürfte ihm der Austritt nicht weh tun, ihm aber politisch nützen. Ein Oettinger hätte es in dieser Situation deutlich schwerer.

Zu den Traditionen der Grünen zählt, sich unter zur Schau gestellten Qualen mit neuen politischen Projekten und Partnern anzufreunden, um sie schließlich lautstark zu feiern. In Hamburg führen die Grünen gerade ein Schauspiel aus dieser Reihe auf. Müssten sie einen Stefan Mappus wählen, fiele ihnen auch etwas in dessen Vita auf. Mögen Studentenverbindungen vielen Zeitgenossen unsympathisch sein und es einem immer wieder einfach machen, sie in die rechte Ecke zu stellen; politisch relevant sind die Kontakte zu ihnen genauso wie die Wahl des Studienfachs oder die bevorzugte Sportart eines Kandidaten. Die Debatte geht also weniger um Verbindungen, als darum, ob und wie Schwarz-Grün funktioniert. Und die Korporierten dürften zum einen zurecht erschüttert sein über die Diskussion, zum anderen es vielleicht aber auch genießen, eine kurze Zeit wieder höheres öffentliches Interesse geweckt zu haben.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

6 Gedanken zu „Ahlhaus und die Ghibellinen: Es geht nicht um Studentenverbindungen. Es geht um Schwarz-Grün.“

    1. Karl Marx hatte so einige Eigenarten, die manch naiven Linken sicherlich schockieren dürften. So z.B. die durchaus gehäßigen Worte, die Karl Marx für das sogenannte „Lumpenproletariat“ übrig hatte.

      Einige „rechte“ bzw „liberale“ würden aber auch hochgeschockt sein, wenn sie Motivation, Erkenntnisse und Einstellungen Karl Marx‘ einmal wirklich verstehen würden ;).

      Alles in allem bleibt er ein Mysterium :).

  1. Glückwunsch! Eine bissiger, aber auch beachtlich kenntnisreicher und differentierter Artikel.

    > Schlagende Verbindung – das ist für die Grünen bäh. Dabei reden sie über
    > studentische Korporationen ähnlich blöd und kenntnislos daher, wie umgekehrt
    > die Couleurstudenten zumeist über alles, was irgendwie „links“ ist oder so
    > bezeichnet wird.

    Leider viel zu oft wahr. Aber das kann man ja ändern, von beiden Seiten.

    Im September treffen sich linke Korporierte in Tübingen, der Lassalle-Kreis korporierter Sozialdemokraten. Wir laden alle herzlich zum Kennenlernen und Diskutieren ein!
    Hier eine Einladung zu unseren öffentlichen Vorträgen: http://www.aksk.de/pics/content/Lassalle_Poster_2010.jpg
    Hier ein paar Infos zum Lassalle-Kreis: http://www.lassalle-kreis.de

  2. Lieber Christian,

    eine schöner Artikel. Der wurde gut recherchiert und ist ausgesprochen kritisch. Studentenverbindungen in eine Ecke zu Stellen ist so als würde man versuchen die gesamte Politik unter einen rechten oder linken Hut zu bringen. Korporierte in der SPD sind ein interessantes Faktum und sind eher ein Thema mit dem man sich inhaltlich und nicht ideologisch auseinandersetzen muss.

    Beste Grüße

    P.S. Und das Breitbandmodell hat trotzdem seine Vorteile.

    1. Wie gut, dass die SPD Baden-Württemberg wenigstens bei diesem Thema eine klare Beschlusslage hat.
      http://sozilink.de/?i=17y
      Spätestens durch den Sexismus der ALLERMEISTEN Verbindungen, Corporationen, Burschenschaften, und und und disqualifizieren sie sich für die Vereinbarkeit mit der SPD und ihren Grundwerten.

      Der Verweis auf Kalle ist ja ganz nett, muss aber aus dem historischen Kontext betrachtet werden. Damals waren die progressiven Studenten, oft die ersten echten Republikaner, in Verbindungen organisiert und so zirka das, was heute vielleicht das Bildungsbürgertum ist. Aber wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen, sage ich.

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