Ich stelle heute meine Wahlkreisprognose vor für den Fall, dass am Sonntag Bundestagswahl wäre. Ich bitte um viele kritische Kommentare und Verbesserungsvorschläge bezüglich meiner Vorgehensweise.
Meine Vorgehensweise war wie folgt:
Mein erster Gedanke war, dass die allermeisten Wahlkreise, die gegenüber 2009 den Erststimmensieger ändern könnten, von der SPD angegriffen werden würden. Daher habe ich eine Tabelle angefertigt und alle Bundestagswahlkreise nach dem SPD-Vorsprung gegenüber der zweitplatzierten bzw. dem Rückstand gegenüber der siegreichen Partei geordnet. Der SPD-freundlichste Wahlkreis (Gelsenkirchen) steht oben, der SPD-feindlichste (Kulmbach) steht unten.
Anschließend habe ich versucht einen „Swing“ zwischen SPD und Union bzw. zwischen SPD und Linken zu errechnen. Als Swing definiere ich (wissend, dass bei Wahlen in Großbritannien der Swing anders berechnet wird) schlicht den Unterschied bei dem Prozentabstand zwischen 2009 und meiner Fantasiewahl. Bei einem Swing von 12 % würde ein Wahlkreis, der 2009 mit 5% an die CDU ging, mit 7 % an die SPD gehen.
Den Swing zur Union errechne ich wie folgt (Anregungen und Kritik sehr herzlich willkommen): Ich nehme mir den Durchschnitt der Bundestagswahlumfragen zur Hand (in der derzeitigen Rechnung Union 32, SPD 30, FDP 5, Linke 10, Grüne 17). Ich vermute, dass die SPD, wenn sie bei den Zweitstimmen 7 % zulegt, dies auch bei den Erststimmen tut. Analoges gilt für die Union. Das ergäbe einen Swing von 8,8 %.
Jetzt wird es knifflig; ich versuche nämlich abzuschätzen, wie sich Splitting auf die Wahl auswirkt. Der Effekt ist von Wahlkreis zu Wahlkreis unterschiedlich. Zu bedenken ist ferner, dass nicht alle kleinen Parteien überall einen Wahlkreiskandidaten aufgestellt haben.
Allgemein ist zu beobachten, dass FDP-Wähler häufiger splitten als grüne oder linke. Nachdem ich viele Wahlkreisergebnisse beobachtet habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wohl der Unionskandidat einen Erststimmenvorteil von geschätzten zwei Fünfteln des Stimmenanteils der FDP hatte. Vielleicht ist das zu niedrig. Ich dachte mir aber auch, dass einige „Splitter“ vielleicht mit ihrer Erststimme auch die SPD gewählt haben könnten (persönliche Faktoren etc.). Ergebnis: Zwei Fünftel des Zweitstimmenverlustes der FDP kommen dem SPD-Swing zugute.
Bei den Grünen splitten weniger, wobei unklar ist, inwieweit ein Stimmensplitting zugunsten der SPD 2009 dadurch verschleiert wurde, dass die grünen Erstkandidaten von Piraten gewählt wurden (die Píraten hatten nur ganz wenige Erstkandidaten). Außerdem splitten wohl einige Grüne mittlerweile zugunsten der CDU. Der Splittingeffekt ist von Wahlkreis zu Wahlkreis stark unterschiedlich. So haben 2009 auch grüne Wähler in einigen sehr umkämpften Wahlkreisen sehr wenig gesplittet (Beispiel Mannheim). Ich gehe als davon aus, dass jedes % plus für die Grünen der SPD einen Erststimmenvorteil von 0,2 % einbringt.
Ich glaube nicht, dass es bei linken Zweitwählern nennenswerte Splittingeffekte gibt, vor Allem, weil die Linke ja in erster Linie als Anti-SPD gegründet wurde. Wenn alle anderer Meinung sind, könnte ich das Rechenmodell verändern.
Das zusammen ergibt einen Swing von der SPD zur Union von 13,9 %. Ich bin mir recht sicher (durch Umfragen belegt), dass die Erholung der SPD im Osten stärker ist als im Westen und gehe daher (auch wenn das nur geraten ist) im Westen von einem Swing von 12,9 % und im Osten von 16,9 % SPD-Union aus.
Der Swing SPD-Linke ist noch problematischer. Schließlich findet dieser Kampf nur im Osten statt, der häufig überraschende Ergebnisse bringt. Aufstieg und Fall von Zweitstimmen von SPD und Linken berücksichtige ich 1:1 und ich gehe, wie vorhin, davon aus, dass jedes grüne Prozent mehr der SPD 0,2 % Vorteil bei den Erststimmen bringt. Dadurch komme ich auf 9,96 % Swing. Wegen des Osteffektes rechne ich 2 % obendrauf und komme auf ca. 12 %.
Dann färbe ich die Wahlkreise in meiner Tabelle neu ein. Zum guten Schluss überlege ich, welche Wahlkreise umkämpft sind, ohne dass die SPD mitspielt und wo Drei-Wege-Rennen zu erwarten sind. Hier versuche ich eher, den Sieger zu erraten (anhand des Swings)….
Zweikämpfe ohne SPD:
- Stuttgart I (CDU verliert gegen Grüne)
- Dessau (CDU vor Linke)
Dreikämpfe SPD-CDU-Linke:
- Neubrandenburg (Linke vor SPD und CDU)
- Kyffhäuserkreis (Linke vor SPD und CDU)
- Burgenland (Linke vor SPD und CDU)
- Chemnitz (SPD vor CDU und Linke)
- Leipzig I (SPD vor CDU und Linke)
- Wismar (SPD vor Linken und CDU)
- Sonneberg (Linke vor SPD und CDU)
Dreikampf SPD-CDU-Grüne:
- Berlin-Tempelhof (Grüne vor SPD und CDU; aber nur, wenn Renate Künast die Kandidatin der Grünen ist; sonst geht der Wahlkreis an die SPD)
- Freiburg, wenn Gernot Erler abtritt. Wer weiß, was dann passiert….
Insgesamt gibt mein kleines Spielchen der SPD 156 Wahlkreise, der Union 128, den Linken 12, den Grünen 3. Verblüffend sind viele Einzelergebnisse schon: Die SPD würde in Bayern sechs Wahlkreise holen (1998: 7), in Baden-Württemberg sechs, in Schleswig-Holstein 10 von 11. Im Osten hingegen würde die SPD außerhalb von Brandenburg nur sehr sporadisch dazugewinnen (trotz meines „Ost-Effektes“). Für Christian: Weder in Rhein-Neckar noch in Bruchsal-Schwetzingen sind wir in der Nähe des Direktmandates. Noch.
Selbst wenn das Ergebnis genau den Umfragen entspräche und meine Annahmen in der Gesamtbetrachtung realistisch wären, würden nicht alle Wahlkreise genau so wählen. Von Wahlkreis zu Wahlkreis spielen andere Faktoren eine Rolle. Aber ich denke, die Größenordnung ist realistisch. Auch election.de sieht die SPD mit den meisten Wahlkreisen, auch wenn ich im Einzelfall zu anderen Ergebnissen komme.
Drei große Probleme (neben den oben genannten):
- Wenn am Sonntag Bundestagswahl wären…. Am Sonntag ist keine Bundestagswahl. Was in drei Jahren passiert, ist sehr weit weg.
- Ich habe keinerlei verlässliche Daten, was in unterschiedlichen Bundesländern los ist.
- Der Zensus 2011: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden Wahlkreise (wohl im Osten) verschwinden, andere entstehen, wenn man genauer weiß, wo eigentlich wie viele Menschen wohnen. Dann ist meine Prognose eh Makulatur.
Ich werde Vorschläge einbauen und die Prognose alle paar Monate aktualisieren. Aber rumspielen kann man mit meinen Daten ohnehin zur Genüge.
Ich habe das nur zum Spaß gemacht. Bitte keine persönliche Kritik.
Nachtrag: Natürlich ist die Prognose von heute, nicht vom 21.6.


„Für Christian: Weder in Rhein-Neckar noch in Bruchsal-Schwetzingen sind wir in der Nähe des Direktmandates. Noch.”
Verdammt. ;-)
Viel Mühe, danke dafür!
Hm, ja. Viel Arbeit haste Dir gemacht — aber wozu? Allein die von Dir selbst genannten drei „Probleme” am Ende sagen doch schon aus, dass es vielleicht eine interessante Art ist, sich die Zeit zu vertreiben aber eben mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.
Naja, mein Rechenmodell gilt aber auch in drei Jahren noch. Zumindest, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen, vor Allem die Blockbildung, nicht ändern. Genau das ist aber auch nicht ausgeschlossen.
Hab grad auf der Seite so rumgesurft und den Artikel hier gefunden. Und… oh weia… Willst du da sichere Ergebnisse rausbekommen? Willst du echt den Swing und das Splitting beziffern? Würde ich lassen, außer du willst über das Thema promovieren (gute Idee übrigens).
Hier ein paar Punkte:
– Für den Swing wäre der Wechselwähleranteil je Wahlkreis gut. Denn der kann von Wahlkreis zu Wahlkreis extrem schwanken. Aber die Daten bekommt man wahrscheinlich nicht.
– Um den Swing tatsächlich bestimmen zu können brauchst du auch den StammwählerInnenanteil in Relation zur Wahlbeteiligung, wofür du die zurückliegenden Ergebnisse berücksichtigen solltest.
– Splitting: Gewichtige Faktoren wie *zensiert* Landesvorsitzende , die Absprachen mit den Grünen scheitern lassen, sind nicht drin. Das hat uns hier einige knappe Wahlkreise gekostet. Oder der hamburger Skandal, wo uns Kahrs und Ilkhanipour glatte drei Direktmandate gekostet haben. Wobei solche Sachen wahrscheinlich kein statistisches Modell voraussagen kann. Trotzdem brauchst du zuverlässigere Werte darüber, wie viele der gelben & grünen Erststimmen tatsächlich an andere Parteien gehen.
– Andere würden sagen: Splitting spielt kaum eine Rolle, höchstens bei sehr knappen Entscheidungen. Korrelation der Erst– und Zweitstimmen ist zu hoch.
– Die Wahlbeteiligung ist bei deinem Modell nicht drin. Sie hat extrem starke Auswirkungen auf das Ergebnis. Und wie eine Wahlbeteiligung ausfällt ist für mich rätselhaft.
– Die SPD ist eine Wahlkampfpartei: Es besteht die Frage, inwiefern Umfragedaten sooo relevant sind, wenn bestimmte Parteien meist noch einmal vor der Wahl hinzu gewinnen.
– Generell ist halt die Frage, wie sicher deine Voraussage ist, wenn du dich auf nicht so viele Wahlen bzw. Umfragen stützt.
Das sind alles nur Annäherungen, das habe ich selbst ja auch zugegeben. Wahrscheinlich gibt es im Osten mehr Wechselwähler als im Westen, in Städten mehr als auf dem Land. Genau weiß man es aber nicht.
Was das Splitting angeht, musste ich eben raten. Ich habe mir verschiedene Wahlkreise bei verschiedenen Wahlen angeschaut und habe daraus eben einige Schlussfolgerungen gezogen, was Splittingverhalten angeht. Ich weiß nicht, ob meine Vermutungen zutreffen, wenn du glaubst, bessere zu haben, lass es mich wissen, ich werde sie berücksichtigen.
Ich berechne nur einen theoretischen Swing und sage Wahlkreise voraus anhand des Swings. Natürlich weichen viele Wahlkreise aufgrund lokaler Faktoren, aufgrund der Beliebtheit der Kandidaten oder der Sozialstruktur erheblich vom berechneten Swing ab. Die Erfahrung lehrt aber, dass sich diese Effekte ausgleichen. Ich glaube, BBC hatte bei der Unterhauswahl in der Prognose die Konservativen bei 307, Labour bei 255 und die LibDems bei 59 gesehen. Einzelne Wahlkreise sind erheblich abgewichen von der Prognose, das Endergebnis war jedoch CON 307, LAB 258, LD 57.
Natürlich ist die Wahlbeteiligung rätselhaft, natürlich haben Umfragen drei Jahre vor der Wahl wenig zu bedeuten. Mein Modell besteht nur aus zwei Schritten. Ich unterstelle ein Zweitstimmenergebnis und prognostiziere Wahlkreise anhand des Ergebnisses. Die Prognose des Ergebnisses überlasse ich gerne anderen.
Baden-Württemberg, tja, das ist wirklich an der Eitelkeit einer einzigen Person gescheitert. Im Endeffekt war es nicht so folgenreich, da die Regierungsmehrheit ohnehin recht komfortabel ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir Mannheim oder Heidelberg mit Absprachen hätten gewinnen können. Das Gesamtergebnis war sehr schlecht. Aber Stuttgart I hat sie sicher auf dem Gewissen.
Was Hamburg angeht: Nord war schon 2005 knapp, der Wahlkreis wäre auf jeden Fall flöten gegangen. In Wandsbek sind wir an unserer eigenen Schwäche gescheitert, Erst– und Zeitstimmenabstand sind sehr ähnlich.
Eimsbüttel… Ich bin mir nicht 100 % sicher, ich glaube aber, es ist der einzige Wahlkreis, den wir bei den Zweit– aber nicht bei den Erststimmen gewonnen haben. Vielleicht hätte Ilkhanipour besser abgeschnitten, wenn nicht weite Teile der SPD gegen ihn Wahlkampf gemacht hätten.
Mittlerweile zeigen die Umfragen übrigens keine Ost-West-Diskrepanz mehr. Die SPD legt im Osten doch nicht stärker zu.