Prof. Dr. Dr. Karl W. Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hat den Vorschlag gemacht, Homöopathie nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlen zu lassen. Zustimmung gab es von der CDU und allen Wissenschaftlern, dagegen sind die Grünen, die FDP und die Homöopathie-Lobby. So weit, so gut.
Nun meldet sich allerdings Elke Ferner zu Wort:
Fraktionsvize Elke Ferner habe in einem Schreiben an ihre Fraktionskollegen den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach wegen dessen Vorstoß für ein Verbot von Homöopathie auf Kassenkosten in die Schranken gewiesen, berichtete die „Saarbrücker Zeitung”. „Die SPD plant in diesem Bereich keine Änderungen”, schreibt Ferner. Ihre Partei bekenne sich „ausdrücklich zu einem umfassenden Leistungskatalog” in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Das klingt ziemlich gewichtig, oder? Sehr eindrucksvoll: als habe die Partei nach einem langen und ausführlichen Dialog zu diesem Thema eine unglaublich profunde Beschlusslage, die Lauterbach einfach so über den Haufen wirft.
Nunja. Ganz so ist es nicht. Nicht einmal ansatzweise. Eine Suche nach „homöopathie” auf www.spdfraktion.de” liefert genau ein Ergebnis „Entwurf eines GKV-Modernisierungsgesetzes (Stand: 9.9.2003)”. In diesem gemeinsamen Entwurf von SPD, CDU/CSU und Grünen taucht auf 471 Seiten die Homöopathie auf genau einer Seite auf, auf Seite 238:
Dabei ist die Therapievielfalt zu gewährleisten; Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen, insbesondere der Anthroposophie, Homöopathie und Phytotherapie, sind zu berücksichtigen.
Man darf davon ausgehen, dass Anthroposophie und Homöopathie besonders auf Drängen der Grünen aufgenommen wurde, schließlich war die rot-grüne Mehrheit 2003 nicht gerade satt.
Aber was ist mit der Partei? Vielleicht hat die SPD eine umfassende Beschlusslage zu Homöopathie, auf die sich Elke Ferner bezieht und die Karl Lauterbach einfach so überrollt? Mal sehen.
Wenn man via Google auf spd.de nach „homöopathie” sucht, findet man erneut genau ein Ergebnis: im Beschlussbuch des SPD-Bundesparteitages in Nürnberg 2001. Und, wie könnte es auch anders sein: auf 363 Seiten taucht die Homöopathie nur ein einziges Mal auf, auf Seite 203, im Antrag des Unterbezirk Northeim-Einbeck. Es wird u.a. Folgendes gefordert:
Stärkere Einbindung von alternativen Heilmethoden, deren therapeutischen Erfolge nachgewiesen sind, z. B. Akupunktur, Homöopathie, Phytotherapie.
Natürlich sind bei Homöopathie keine therapeutischen Erfolge nachzuweisen — wie auch, es ist schließlich nur Zucker und Wasser. Ebenso könnte man eine Behandlung mit Cola durchführen.
Also, entweder, Elke Ferner kennt Beschlüsse, die nicht auf spd.de oder spdfraktion.de verlinkt sind — oder sie maßt es sich einfach an, die Beschlusslage der SPD zu Homöopathie sehr frei zu interpretieren.

Man könnte die Homöopathie nicht durch Coca Cola ersetzen, weil man ja gegen den Kapitalismus ist. Und Homöopathie ist zwar für diejenigen, die sie betreiben ein gutes Geschäft, aber leider nicht als Geschäftemacherei identifiziert.
Was ist so schlimm an der Finanzierung von Komplementärmedizin? Alleine der Gedanke, dass es ine Alternative zur Schulmedizin gibt, gehört doch gefördert. Wir finanzieen schließlich auch die Religion und viele andere Dinge, dessen Nutzen uns auf den ersten Blick verschlossen bleibt.
@lasse:
”… auf den ersten Blick …„
das ist ja ‚n Schenkelklopfer :-)
Troll
„Alleine der Gedanke, dass es ine Alternative zur Schulmedizin gibt, gehört doch gefördert. ”
Gedanken gehören gefördert? Finanziell??
Ja. Eine Parteispende an die SPD fördert (dem Namen nach) eine demokratischere Sozialpolitik, finanziell, mit Geld, klimper klimper, du weißt schon.
Du kannst eine freiwillige Spende nicht mit einer zwangsweisen, weil gesetzlich festgelegten Ausgabe gleichsetzen, Lasse.
Du vergleichst eine freiwillige Spende mit zwangsfinanziertem Hokuspokus?
Ja. Das war ein Beispiel dafür, dass man Gedanken fördern kann.
@ „Alleine der Gedanke, dass es ine Alternative zur Schulmedizin gibt, gehört doch gefördert.”
Was du hier als Schulmedizin bezeichnest, nennt sich eigentlich evidenzbasierte Medizin. Gibt es dazu eine wirkliche Alternative? Und wenn ja, wie sähe sie aus? Warum soll eine Gesellschaft Behandlungsmethoden bezahlen, die nichtmal ihre Wirksamkeit nachgewiesen haben.
Es ist schon eine Regression des Geistes, dass Hokuspokusverfahren ala Homöopathie und Anthroposophie nicht von vornherein wegen ihrer abenteuerlich-esoterischen Begründungszusammenhänge als Schwachsinn abgetan werden; wir haben es Popper zu verdanken, dass so ein Müll ernsthaft und mit Aufwand geprüft und für unwirksam befunden wurde. Ich glaube, dass das genug ‚Förderung’ ist.
Man kann an der evidenzbasierten Medizin einiges kritisieren; z.B., dass sie allein verkürzte Kausalitätsthesen (Wirkstoff x hat Wirkung y) überprüft und wichtigen Zusammenhängen (wie z.B. die gesamte Behandlungssituation, das Arzt-Patient-Verhältnis und und und) wenig Beachtung schenkt. Dennoch ist das Problem der gegenwärtigen Medizin im wesentlichen ein ökonomisches und gesundheitspolitisches, und die Alternativen zur gegenwärtigen Praxis wären hier zu suchen und nicht in Mixturen, die bei Vollmond gegen den Urzeigersinn gerührt wurden oder auf das ‚Gedächtnis von Wasser’ setzen, weil in ihnen kein einziges (!) Atom der angeblichen Wirksubstanz enthalten ist.
Was man mit diesen ‚Alternativen’ im schlimmsten Fall fördert, ist ein abstruses esoterisches Weltbild, ein Denken in Karma, Chi, kosmische Energien, Meridianen und so weiter, ein Denken, dass nicht auf den ‚medizinischen Bereich’ beschränkt bleibt und für die Gläubigen zu einem Welterklärungsmuster werden kann. Und das wäre nicht zu befördern, sondern von politischer Seite zu ignorieren und von gesellschaftlicher Seite zu bekämpfen.
Hier noch was Lustiges zum Thema:
Gerade im Bereich der Psychoopharmazie halte ich es für gefährlich auf ein Gesundheitsmodell umzusteigen, dass den Patienten kurzfristig und einseitig behandelt, das sieht auch jeder Pfleger so und wenn man statt bewusstseinsverändernde Drogen Zucker mit Wasser verabreichen kann und es wirkt, warum sollte man das abschaffen?
Ich hab noch nicht ein Argument gehört, bei dem man erkennt, dass der Autor sich ernsthaft mit der Homöopathie auseinander gesetzt hat.
Im Bereich der Psychologie gibt es auf jeden Fall einen Trend zu erfolgsorientierten Behandlungsweisen, d.h. es werden vermehrt Verhaltenstherapien (oft in Kombination mit medikamentöser Behandlung) im Gegensatz zu anderen, etwa tiefenpsychologischen Ansätzen, eingesetzt. Dennoch sind diese neueren Behandlungsweisen in vielen Fällen sehr erfolgreich — ob kurzfristig oder nicht, das müsstest du hier erstmal belegen. Zwar ist es richtig, dass bei einer Verhaltenstherapie die ‚tieferen’ Ursachen oft ausgeblendet werden, dennoch gibt es Symptome wie beispielsweise Angsterkrankungen, bei denen durch eine Verhaltenstherapie ‚der Knoten’ platzt.
Es ist aber insgesamt ein Problem der (vor allem praktischen) Psychologie, dass sie bestimmte Ursachen ausblendet, Probleme individualisiert und dem Erkrankten helfen will/soll, ohne dass das ihn umgebende Umfeld, seine Lebenslage und nicht zuletzt die gesamte Organisation der Gesellschaft verändert wird oder auch nur Thema ist.
Was den Placeboeffekt angeht, gebe ich dir recht. Er müsste noch viel mehr erforscht werden, um ihn nutzbar zu machen. Dafür braucht es jedoch nicht esoterischer Verfahren, die total hirnrissige Weltbilder im Schlepptau haben; angefangen von verschwörungstheoretischem Pharmabashing bis hin zu dem ganzen KarmaEnergieKosmosQuatsch. Wie du schon sagst: „Zucker mit Wasser” reicht, da braucht es keine Anleihen aus der Pseudowissenschaft.
@„Ich hab noch nicht ein Argument gehört, bei dem man erkennt, dass der Autor sich ernsthaft mit der Homöopathie auseinander gesetzt hat.”
Das ist schön und gilt auch für dich. Ich habe mich ausgiebig mit dem Thema befasst; allein schon aus persönlichen Gründen, weil ich permanent in Diskussionen zum Thema verwickelt bin. Meine Schwester ist Heilpraktikerin und meine Mutter schwört auf diesen ganzen Esokram, anstatt sich mal wirklich helfen zu lassen. Wahrscheinlich wird sie über kurz oder lang daran sterben; und lässt sich trotzdem nicht davon abbringen, u.a. weil Leute wie du so einen Mist labern.
Dieser ganze Quatsch ist unwirksam und hochgefährlich und genau deswegen sollte die Politik ein klares Zeichen setzen.
Belegen kann ich nicht, dass die Behandlungen bei psychischen Erkrankungen zu kurzfristig angelegt sind, ist schließlich auch eine subjektive Einstellung. Aber aus Gesprächen mit Pflegern und Schwestern einer psychatrischen Klinik, ist es meines Erachtens recht obskur, dass dort Tabletten über den Tisch gehen, die jeden normalen Menschen dazu bringen würden an „Karma, Chi, kosmische Energien, Meridianen und so weiter” zu glauben. Und wenn das die einzige medikamentöse Lösung wird (und die setzt sich durch, was ich beim studieren der Medikamente, die die betreuten Jugendlichen auf meiner Sommerfreizeit, feststellen muste), dann haben wir als Gesellschaft ein Problem.
Die Psychatrie ist sicherlich ein Gebiet, über das noch einmal gesondern gesprochen werden müsste. Oftmals hat die Gabe von Medikamenten dort ja auch einen vollkommen anderen Zweck als die Heilung. Aber wie gesagt, man sollte die Psychatrie ein wenig von Diskussionen über ‚den Rest’ des Gesundheitssystems trennen.
Der Trend, Kinder und Jugendliche vorschnell mit Psychopharmaka zu behandeln ist durchaus bedenklich — man denke allein an die ganzen Ritalinkinder. Dennoch wird daraus kein Argument für die sog. alternativen Methoden (die ja z.T. von sich selber behaupten, dass sie nicht ‚sanft’ seien, wie etwa die Homöopathie)
Ich bin auf jeden Fall auch für die Streichung der Zuschüsse für Homöopathie bei Krankheiten / Symptomen / Verletzungen, bei denen die schulmedizinische Ärzte eine solide Forschungsgrundlage haben, die Nebenwirkungen angemessen sind und einen klaren Fall darstellen, denn da gebietet es die Logik nicht auf Homöopathie zurückzugreifen. Aber gerade bei Krankheiten, bei denen vermutet wird, das sie etwas mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun haben, wie das ADS und das ADHS, würde ich davor warnen bewusstseinsverändernde Stoffe einzusetzen und das selbst wenn die Alternative irgendein Vodooschamane ist.
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Die SPD ist selbst ein homöopathische Arznei. Alles außer Partei ist hoch verdünnt.
Gut ist, was hilft. Und wenn die Wissenschaft nahe legt, dass Homöopathie nicht hilft, es andererseits aber Fälle gibt, bei denen sie zu helfen scheint, dann pfeife ich doch auf die Wissenschaft und lasse Homöopathie zu — allerdings erst als zweites Mittel, wenn die „normale” Medizin nicht weiter weiß.
Vielleicht ist es ein wenig ketzerisch, aber letztlich ist der Zoo da draußen nicht schwarz-weiß. Sehr, sehr viel hängt von den Fähigkeiten der behandelnden Person ab. Unter zugelassenen Ärzten dürfte es so gut wie keine Scharlatane geben, das hat die „normale” Medizin der Heilpraktikerkunst voraus, aber auf der anderen Seite gibt es unter den Heilpraktikern auch Leute, die den meisten Ärzten an Erfahrung und Wissen beim Umgang mit Krankheiten und vor allem beim Umgang mit kranken Menschen deutlich überlegen sind. Vielleicht ist es manchmal gar nicht so sehr das Mittelchen, das hilft, sondern die Souveränität der behandelnden Person, die Zeit, die sie sich nimmt, und der Rat, den sie in vorgeblich unwichtigen Aspekten erteilt. Die Behandlungsmethode dieser Leute auszuschließen hieße, die Patienten vom Kontakt mit ihnen auszuschließen. Sinnvoll?
Und ansonsten gibt es halt doch so einiges, von dem wir (noch?) nichts wissen…
Klar, unser Gesundheitssystem wird nur weiter existieren können, wenn weiter Rationierung betrieben wird (auch wenn man es verschämt nicht so nennt und das Ganze unter dem Effizienzschild versteckt). Unter diesem Aspekt ist es nicht unsinnig, eine nicht nachweislich wirksame Medizinart von der umverteilenden Zwangsfinanzierung auszuschließen. Die Kassen können ja Zusatztarife anbieten, die solche Behandlungen abdecken.