Ein langer Tag

Heute Morgen sah alles noch ganz schnell und einfach aus. Die Bundesversammlung trat zusam­men und allge­meine Erwartungshaltung war die zügige Wahl Christian Wulffs. Dann kam alles doch anders und der Tag zog sich hin.

Nach dem ersten Wahlgang fehlten Christian Wulff 44 Stimmen aus seinem Lager und 23 Stimmen zur abso­lu­ten Mehrheit. Plötzlich keimte doch Hoffnung auf, dass Gauck eine Chance haben könnte. So etwas wie ein Super-GAUck schien möglich für die Regierungskoaliton. Mit 499 Stimmen lag er aller­dings immer noch weit hinter Wulff. Trotzdem zeigte sich, dass Gauck erheb­li­che Teile des schwarz-gelben Lagers an sich ziehen konnte.

Die Interpretationen dahin­ge­hend gingen weit ausein­an­der. Die einen sagten, die „Abweichler” hätten Merkel eine Niederlage besche­ren wollen. Die anderen meinten, Gauck habe eine große Anziehungskraft auf Ostdeutsche und liebe­rale Geister ausge­übt. In beidem liegt wohl ein Fünkchen Wahrheit. Doch letzt­end­lich bleiben uns die Motive dieser „Abweichler” verbor­gen, weil sie ihre Wahl für sich selbst trafen. Das Positive daran ist, dass es im ersten Wahlgang immer­hin 44 Menschen gab, die sich einfach die Freiheit nahmen so zu entschei­den wie es ihnen ihr Gewissen riet. Vielleicht war das der „Gauck-Effekt”, sozu­sa­gen eine Gemengelage, in der in kurzer Zeit zwei Dinge medial aufein­an­der­tra­fen. Zum einen die Art und Weise von Wulffs Nominierung: einsam, unde­mo­kra­tisch, spät­rö­misch. Zum anderen diese demo­kra­ti­sche Lichtgestalt Gauck, auf die in 4 Wochen alle Sehnsüchte einer demo­kra­ti­schen Gesellschaft proje­ziert wurden. Da prall­ten Wunsch und Wirklichkeit nun aufein­an­der.

Das Gute daran war, dass deut­lich wurde, dass es in Deutschland obschon des tristen poli­ti­schen Alltags doch in der Gesellschaft eine Vision von einer besse­ren Demokratie gibt. Das traf zusam­men mit Gaucks Vision von Freiheit und Verantwortung. Denn was immer man von Gauck halten kann, seine Nachricht ist eine wich­tige. Und es war wohl­tu­end über­haupt mal jeman­den mit einer Nachricht, neudeutsch Message, im media­len Fokus zu sehen.

Interessant waren dann in neun Stunden Abstimmungsmarathon die kleinen Dinge am Rande. Ein Wolfgang Bosbach, der nun bereits zum zweiten Mal laut­stark mit den Verhältnissen in der jetzi­gen Koalition haderte. Ein Wolfgang Kubicki, der zustimmte. Eine Gesine Lötsch, die allen Ernstes Überlegungen ins Spiel brachte zusam­men mit SPD und Grünen einen gemein­sa­men neuen Kandidaten zu finden. Dann die Sozialdemokraten, die der Linken den schwar­zen Peter zuschie­ben wollten und sie immer mehr in die SED-Stasi Ecke dräng­ten. Ein Bodo Ramelow, der etwas belei­digt meinte, dass man doch bereits im Vorfeld einen gemein­sa­men Oppositionskandidaten habe finden können. Ein Joachim Poß, der sich etwas vergaß. Ein Gregor Gysi, der in einer Pressekonferenz mit dem Grünen Werner Schulz stritt.

Schließlich der dritte Wahlgang. Merkel kommt zum ersten Mal mit lächeln­dem Gesicht in den Saal, andere lächeln auch. Woher die Blumen kommen sollen wird schon mal geklärt. Wulff erhält schließ­lich 625 Stimmen, Gauck 494.

Die Linke hat sich heute mit 121 Enhaltungen völlig blamiert, SPD und Grüne haben dazu aber auch sehr beige­tra­gen.
CDU, CSU und FDP haben ihr Image bestä­tigt. Hier hat ande­rer­seits aber Joachim Gauck ein Stück beige­tra­gen.

Also, es war ein langer Tag, Wulff ist wie erwar­tet gewählt, die Demokratie hatte ihre Momente, der Parteienstaat hat wieder seine Unbeweglichkeit bewie­sen… und Merkel? Sie hat den Tag über­lebt und sie sagt es selbst: „Am wich­tigs­ten ist, dass wir jetzt einen neuen Bundespräsidenten haben”.

4 Gedanken zu „Ein langer Tag“

  1. @KHK:
    ja, in der Masse richtig erkannt. Danke für die (etwas partei­ische, sei’s drum) Zusammenfassung.
    Merkels Zitat am Ende- sehr passend zur gedank­li­chen Gemengelage dieser Koalition. Durchhalteparolen.

    1. Parteiisch sind wir alle ein biss­chen. Gestern gabs aber auch viele Grautöne und vieles ließe sich im Detail disku­tie­ren. Zum Beispiel die Mosaiksteinchen, die gestern zum Verhältnis zwischen Linken, Sozen und Grünen hinzu­ka­men. Ich finde beide Seiten haben sich da subop­ti­mal verhal­ten.

  2. Ergänzung:
    anläß­lich dieses Aufrufs:
    „Enthalten Sie sich der Stimme!”
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=6041
    wird die Stimmenthalt viel­leicht noch etwas nach­voll­zieh­ba­rer.
    Ansonsten sollte sich der MdB Schulz, trotz aller Aufgebrachtheit, jedes Werfens voll­mun­di­ger Nebelkerzen (siehe oben verlink­tes Video) enthal­ten und den (zu spät- richtig bemerkt @Gregor Gysi) begon­ne­nen Dialog fort­set­zen. Dann klappt’s viel­leicht mal mit der Linken. Dialog statt Ausgrenzung.

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