Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen

Aus der Abschiedsrede Willy Brandts als SPD-Parteivorsitzender vom 14. Juni 1987, die unbe­dingt als Ganzes zu empfeh­len ist:

… Unsere Partei muss bleiben, was sie im Kern seit mehr als hundert Jahren gewesen ist: ein Zusammenschluss deut­scher Patrioten mit euro­päi­scher Verantwortung und im unver­dros­se­nen Dienst am Frieden und sozia­len Fortschritt – im Innern wie nach außen. … Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wich­ti­ger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit. Die Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen. Freiheit des Gewissens und der Meinung. Auch Freiheit von Not und von Furcht. … Ich trete dafür ein, dass der frei­heit­li­che Gedanke im demo­kra­ti­schen Sozialismus stark bleibt und noch stärker wird. … Auf Freiheit zu pochen – zuerst und zuletzt – für uns Europäer und für das eigene Volk, Freiheit einzu­kla­gen für die Verfolgten und Ohnmächtigen – dies sei meine letzte „Amtshandlung“ als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. … An die eigene Adresse ist zu sagen: Man muss das Glück – lies: den Erfolg – auch wollen. Man muss die maso­chis­ti­schen Neigungen der Linken, die ihnen wohl nicht ohne Grund mitun­ter nach­ge­sagt werden, im Zaun halten. Wir dürfen nicht zulas­sen, dass man uns aus den eigenen Reihen in den Keller redet. … Und ich muss drin­gend darum bitten, nicht nur abstrakt, sondern Bedürftige auch ganz konkret daran zu erin­nern, dass die SPD eine euro­päi­sche Partei ist und unter dem Gesetz der Völkerverständigung zu wirken begann. Fremdenfeindlichkeit dürfen wir nie unwi­der­spro­chen lassen. Wir müssen ihr so entge­gen­tre­ten, dass auch Banausen merken, woran sie bei uns sind. … Das Buch ist jedoch nicht zu Ende, ein neues Kapitel beginnt – immer noch, oder jetzt erst recht, unter dem Gesamttitel: Frei und links. … Die unend­lich vielen Sitzungen habe ich jetzt nicht ausdrück­lich erwähnt. In vernünf­ti­gen Dosen müssen sie ja sein, vergnü­gungs­steu­er­pflich­tig sollten sie auch in Zukunft nicht werden. Wichtig bleibt: mehr mit den Menschen als über sie reden; in die Gesellschaft hinein wirken, statt nur ihre Schlechtigkeit bekla­gen; ja sagen zum Leben, statt neuro­tisch mit ihm zu hadern. … Der Ring schließt sich: Es geht dabei nicht nur um die Partei, so wichtig sie bleibt und so sehr sie mir ans Herz gewach­sen ist. Aber die Partei ist nicht um ihrer selbst willen da. Sie ist der Menschen wegen da – derer, die sie vertritt, und derer, um die sie sich bemüht. …

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

13 Gedanken zu „Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen“

  1. Ein demo­kra­ti­scher Sozialist wie er im Buche steht. Wenn man Willy liest, dann weiß man immer wieder sofort, warum man trotz allem in dieser herr­lich beklopp­ten Partei bleibt.

    1. Ein sehr warm­her­zi­ger, offener Mensch. Mit einem Willy Brandt bekämen wir heute 50% plus X.

    2. Der ganze Text ist doch nur ein Werbeabstract an progres­sive Kräfte der SPD ohne poli­tisch konkre­ten Inhalt, denn in der Wirklichtkeit hat Brandt sein Kabinett gerne aus Wehrmachtsoffizieren rekru­tiert, nicht gerade sozial/liberal/links/frei… und was er noch so sein möchte.

      1. Was sollte er auch machen ?
        Die ganzen über­zeug­ten Kommunisten haben lieber im Osten eine neue Diktatur errich­tet oder wurden im Moskauer Exil von Stalin ermor­det ;)

        1. @Alrik:
          zum Glück gibt es entge­gen der „Klein-Fritzchen-Ansicht” noch ein weites Spektrum zwischen stram­men StalinistInnen und rechten Sozialdemokraten a là Noske oder H. Schmidt. Auch perso­nell- naja, muß „man” nicht wissen, kann „man” aber…

          1. Sehr dreist, Noske und Schmidt auf eine Ebene zu stellen. Was nicht heißt, dass Noske verdam­mens­wert ist.

          2. @Christian:
            Dein Kommentar ist schon etwas sybil­li­nisch- ich wollte zuerst Zörrgiebel schrei­ben, dachte aber, dass Dich *das* nicht aufre­gen würde. Aber Noske nun kein „rechter” Sozi, hm. H. Schmidt auch nicht? …

          3. Wobei Nordstadt da durch­aus recht hat. Ich würde konsen­ori­en­tierte und inte­grie­rende Visionäre wie W. Brandt abgren­zen von eher an der Machbarkeit orien­tier­ten Politikern wie Schmidt. Beide haben ihre Berechtigung und ihre Zeiten. Ich halte z. B. — lacht mich ruhig aus — F. W. Steinmeier für eine sehr konsen­ori­en­tierte und inte­grie­rende Persönlichkeit (was nicht heißt, dass er ein zweiter Willy Brandt wäre).

          4. Steinmeier ist ein guter Mann.

            Noske ist ein Mensch mit dunklen Seiten. Die darf man nicht verschwei­gen, aber auch nicht über­trei­ben. Schmidt mit ihm auf eine Stufe zu stellen, das ist unred­lich.

          5. @Christian:
            ok, andere Zeiten- inso­fern unzu­läs­si­ger Vergleich 1:1- so war’s aber auch nicht gemeint:
            dass H. Schmidt zu seiner aktiven Zeit in der poli­ti­schen Verantwortung u. A. den sog. Radikalenerlaß weiter mitge­tra­gen hat (als ein Beispiel) sollte ihn als nicht grade „linken” SPDler erschei­nen lassen können (na, vorsich­tig genug- Mensches, wir zerpflü­cken „unser” Gregor und „unsern” Oskar regel­mä­ßig inner­par­tei­lich- warum haltet Ihr [alle? ] Eure Partei-Ikonen so hoch?!).

            Zu FWS schreibe ich hier nichts mehr, da sind die Meinungen klar- Ihr habt besse­res Personal-und damit meine ich nicht den ehem. Finanzminister (a).
            Ob der ehem. Umweltminister (b) ein konsens­fä­hi­ger Kandidat ist, werde ich erneut am 23.06. in WOB „begut­ach­ten”- wenn Ihr hier wollt, auch als „Gastbeitrag” (sonst geht’s wahr­schein­lich auch bei „Und alle Fragen offen?” :-) …)

            http://www.igmetall-wob.de/aktuelles/news/2010/20100615_rote_karte.php

            *damit’s nicht ganz so kryp­tisch ist für die Nicht-SozialdemokratInnen:
            a) de.wikipedia.org/wiki/Peer_Steinbr%C3%BCck
            b) de.wikipedia.org/wiki/Sigmar_Gabriel
            (ok, über Sigmar gibt’s in der Region so viele lustige Geschichten, das mag auch noch mit rein­spie­len…)

          6. „warum haltet Ihr [alle? ] Eure Partei-Ikonen so hoch?!”

            Er ist zwar (noch?) keine Ikone, aber über unseren Gas-Gerd können wir wunder­bar herzie­hen ;).

  2. Elegant ums eigent­li­che Problem herum­ge­re­det :
    „”„Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wich­ti­ger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit.”””

    Freiheit neben dem Frieden. Schön und gut, aber was ist, wenn man nur eines von beiden haben kann ? Die Freiheit vertei­di­gen oder kapi­tu­lie­ren ? Frieden zu bekom­men ist leicht : Man braucht sich nur unter­wer­fen.

    Die entschei­dende Frage ist doch Frieden um den Preis der Freiheit ? Um die hat er sich in dieser Rede gedrückt.

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