Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen

16. Juni 2010
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Aus der Abschiedsrede Willy Brandts als SPD-Parteivorsitzender vom 14. Juni 1987, die unbedingt als Ganzes zu empfehlen ist:

… Unsere Partei muss bleiben, was sie im Kern seit mehr als hundert Jahren gewesen ist: ein Zusammenschluss deutscher Patrioten mit europäischer Verantwortung und im unverdrossenen Dienst am Frieden und sozialen Fortschritt – im Innern wie nach außen. … Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit. Die Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen. Freiheit des Gewissens und der Meinung. Auch Freiheit von Not und von Furcht. … Ich trete dafür ein, dass der freiheitliche Gedanke im demokratischen Sozialismus stark bleibt und noch stärker wird. … Auf Freiheit zu pochen – zuerst und zuletzt – für uns Europäer und für das eigene Volk, Freiheit einzuklagen für die Verfolgten und Ohnmächtigen – dies sei meine letzte „Amtshandlung“ als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. … An die eigene Adresse ist zu sagen: Man muss das Glück – lies: den Erfolg – auch wollen. Man muss die masochistischen Neigungen der Linken, die ihnen wohl nicht ohne Grund mitunter nachgesagt werden, im Zaun halten. Wir dürfen nicht zulassen, dass man uns aus den eigenen Reihen in den Keller redet. … Und ich muss dringend darum bitten, nicht nur abstrakt, sondern Bedürftige auch ganz konkret daran zu erinnern, dass die SPD eine europäische Partei ist und unter dem Gesetz der Völkerverständigung zu wirken begann. Fremdenfeindlichkeit dürfen wir nie unwidersprochen lassen. Wir müssen ihr so entgegentreten, dass auch Banausen merken, woran sie bei uns sind. … Das Buch ist jedoch nicht zu Ende, ein neues Kapitel beginnt – immer noch, oder jetzt erst recht, unter dem Gesamttitel: Frei und links. … Die unendlich vielen Sitzungen habe ich jetzt nicht ausdrücklich erwähnt. In vernünftigen Dosen müssen sie ja sein, vergnügungssteuerpflichtig sollten sie auch in Zukunft nicht werden. Wichtig bleibt: mehr mit den Menschen als über sie reden; in die Gesellschaft hinein wirken, statt nur ihre Schlechtigkeit beklagen; ja sagen zum Leben, statt neurotisch mit ihm zu hadern. … Der Ring schließt sich: Es geht dabei nicht nur um die Partei, so wichtig sie bleibt und so sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Aber die Partei ist nicht um ihrer selbst willen da. Sie ist der Menschen wegen da – derer, die sie vertritt, und derer, um die sie sich bemüht. …


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13 Responses to Freiheit für viele, nicht nur für die wenigen

  1. Kalle Kappner on 16. Juni 2010 at 17:22

    Ein demokratischer Sozialist wie er im Buche steht. Wenn man Willy liest, dann weiß man immer wieder sofort, warum man trotz allem in dieser herrlich bekloppten Partei bleibt.

    • Christian Soeder on 16. Juni 2010 at 17:36

      Ein sehr warmherziger, offener Mensch. Mit einem Willy Brandt bekämen wir heute 50% plus X.

    • Lasse on 16. Juni 2010 at 19:08

      Der ganze Text ist doch nur ein Werbeabstract an progressive Kräfte der SPD ohne politisch konkreten Inhalt, denn in der Wirklichtkeit hat Brandt sein Kabinett gerne aus Wehrmachtsoffizieren rekrutiert, nicht gerade sozial/liberal/links/frei… und was er noch so sein möchte.

      • Alrik on 16. Juni 2010 at 19:24

        Was sollte er auch machen ?
        Die ganzen überzeugten Kommunisten haben lieber im Osten eine neue Diktatur errichtet oder wurden im Moskauer Exil von Stalin ermordet ;)

        • Nordstadt on 16. Juni 2010 at 21:21

          @Alrik:
          zum Glück gibt es entgegen der „Klein-Fritzchen-Ansicht” noch ein weites Spektrum zwischen strammen StalinistInnen und rechten Sozialdemokraten a là Noske oder H. Schmidt. Auch personell– naja, muß „man” nicht wissen, kann „man” aber…

          • Christian Soeder on 16. Juni 2010 at 21:24

            Sehr dreist, Noske und Schmidt auf eine Ebene zu stellen. Was nicht heißt, dass Noske verdammenswert ist.

          • Nordstadt on 16. Juni 2010 at 21:25

            @Christian:
            Dein Kommentar ist schon etwas sybillinisch– ich wollte zuerst Zörrgiebel schreiben, dachte aber, dass Dich *das* nicht aufregen würde. Aber Noske nun kein „rechter” Sozi, hm. H. Schmidt auch nicht? …

          • Kalle Kappner on 16. Juni 2010 at 22:35

            Wobei Nordstadt da durchaus recht hat. Ich würde konsenorientierte und integrierende Visionäre wie W. Brandt abgrenzen von eher an der Machbarkeit orientierten Politikern wie Schmidt. Beide haben ihre Berechtigung und ihre Zeiten. Ich halte z. B. — lacht mich ruhig aus — F. W. Steinmeier für eine sehr konsenorientierte und integrierende Persönlichkeit (was nicht heißt, dass er ein zweiter Willy Brandt wäre).

          • Christian Soeder on 16. Juni 2010 at 22:37

            Steinmeier ist ein guter Mann.

            Noske ist ein Mensch mit dunklen Seiten. Die darf man nicht verschweigen, aber auch nicht übertreiben. Schmidt mit ihm auf eine Stufe zu stellen, das ist unredlich.

          • Nordstadt on 16. Juni 2010 at 22:52

            @Christian:
            ok, andere Zeiten– insofern unzulässiger Vergleich 1:1– so war’s aber auch nicht gemeint:
            dass H. Schmidt zu seiner aktiven Zeit in der politischen Verantwortung u. A. den sog. Radikalenerlaß weiter mitgetragen hat (als ein Beispiel) sollte ihn als nicht grade „linken” SPDler erscheinen lassen können (na, vorsichtig genug– Mensches, wir zerpflücken „unser” Gregor und „unsern” Oskar regelmäßig innerparteilich– warum haltet Ihr [alle? ] Eure Partei-Ikonen so hoch?!).

            Zu FWS schreibe ich hier nichts mehr, da sind die Meinungen klar– Ihr habt besseres Personal-und damit meine ich nicht den ehem. Finanzminister (a).
            Ob der ehem. Umweltminister (b) ein konsensfähiger Kandidat ist, werde ich erneut am 23.06. in WOB „begutachten”- wenn Ihr hier wollt, auch als „Gastbeitrag” (sonst geht’s wahrscheinlich auch bei „Und alle Fragen offen?” :-) …)

            http://www.igmetall-wob.de/aktuelles/news/2010/20100615_rote_karte.php

            *damit’s nicht ganz so kryptisch ist für die Nicht-SozialdemokratInnen:
            a) de.wikipedia.org/wiki/Peer_Steinbr%C3%BCck
            b) de.wikipedia.org/wiki/Sigmar_Gabriel
            (ok, über Sigmar gibt’s in der Region so viele lustige Geschichten, das mag auch noch mit reinspielen…)

          • Kalle Kappner on 16. Juni 2010 at 23:31

            warum haltet Ihr [alle? ] Eure Partei-Ikonen so hoch?!”

            Er ist zwar (noch?) keine Ikone, aber über unseren Gas-Gerd können wir wunderbar herziehen ;).

  2. nk on 18. Juni 2010 at 21:52

    Elegant ums eigentliche Problem herumgeredet :
    ””„Wenn ich sagen soll, was mir neben dem Frieden wichtiger sei als alles andere, dann lautet meine Antwort ohne Wenn und Aber: Freiheit.”””

    Freiheit neben dem Frieden. Schön und gut, aber was ist, wenn man nur eines von beiden haben kann ? Die Freiheit verteidigen oder kapitulieren ? Frieden zu bekommen ist leicht : Man braucht sich nur unterwerfen.

    Die entscheidende Frage ist doch Frieden um den Preis der Freiheit ? Um die hat er sich in dieser Rede gedrückt.

    • Nordstadt on 18. Juni 2010 at 22:58

      @nk:
      ich hoffe auf die Gnade der späten Geburt, dann ist das obige Statement nur vermessen:
      de.wikipedia.org/wiki/Atomkrieg
      Ansonsten gilt die Nuhrsche Mindestformel:
      de.wikiquote.org/wiki/Dieter_Nuhr
      http://www.youtube.com/watch?v=5KT2BJzAwbU

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