Der deutsche WM-Kader. Oder: ist es gefährlich, für Deutschland zu jubeln?

Heute Abend, 20.30 Uhr, geht es für die deut­sche Mannschaft los. Der erste Gegner Deutschlands dieser WM heißt Australien. Schon in den letzten Wochen waren Deutschland-Flaggen quasi ausver­kauft, Autos und Menschen sind schwarz-rot-gold geschmückt. Doch halt, es gibt sie: die übli­chen Bedenkenträger. Ist das nicht Nationalismus, was da losbricht? Ist das nicht gefähr­lich? Darf der Deutsche das, sich für die deut­sche Mannschaft freuen? Sich auf einen deut­schen Sieg freuen? Ist das etwa progres­siv? Ist es nur spießig? Oder ist es nicht schon dumpf rechts?

Schauen wir uns den deut­schen Kader doch einmal an:

  • Arne Friedrich, geb. in Bad Oeynhausen, Deutschland. Deutscher.
  • Bastian Schweinsteiger, geb. in Kolbermoor, Deutschland. Deutscher.
  • Cacau, geb. in Santo André, Brasilien. Deutscher.
  • Dennis Aogo, geb. in Karlsruhe, Deutschland. Deutscher.
  • Holger Badstuber, geb. in Memmingen, Deutschland. Deutscher.
  • Jerome Boateng, geb. in Berlin, Deutschland. Deutscher.
  • Jörg Butt, geb. in Oldenburg, Deutschland. Deutscher.
  • Lukas Podolski, geb. in Gliwice, Polen. Deutscher.
  • Manuel Neuer, geb. in Gelsenkirchen, Deutschland. Deutscher.
  • Marcell Jansen, geb. Mönchengladbach, Deutschland. Deutscher.
  • Mario Gómez, geb. in Riedlingen, Deutschland. Deutscher.
  • Marko Marin, geb. in Gradiška, Jugoslawien (heute: Bosnien und Herzegowina). Deutscher.
  • Mesut Özil, geb. in Gelsenkirchen, Deutschland. Deutscher.
  • Miroslav Klose, geb. in Opole, Polen. Deutscher.
  • Per Mertesacker, geb. in Hannover, Deutschland. Deutscher.
  • Philipp Lahm, geb. in München, Deutschland. Deutscher.
  • Piotr Trochowski, geb. in Tczew, Polen. Deutscher.
  • Sami Khedira, geb. in Stuttgart, Deutschland. Deutscher.
  • Serdar Taşçı, geb. in Esslingen, Deutschland. Deutscher.
  • Stefan Kießling, geb. in Lichtenfels, Deutschland. Deutscher.
  • Thomas Müller, geb. in Weilheim, Deutschland. Deutscher.
  • Tim Wiese, geb. in Bergisch Gladbach, Deutschland. Deutscher.
  • Toni Kroos, geb. in Greifswald, Deutschland. Deutscher.

Wenn das kein Multi-Kulti-Kader ist, was denn dann? Die deut­sche Linke aber befürch­tet teil­weise, dass mit dem Jubel für diesen Multi-Kulti-Kader Hitler quasi vor der Haustür steht. Nichts könnte falscher sein. Der Fußball beweist mit diesem Multi-Kulti-Kader erneut seine enorme inte­gra­tive Kraft. In keinem Bereich des öffent­li­chen Lebens ist die Integration so weit fort­ge­schrit­ten wie im Fußball. „Lu-lu-lu-Lukas Podolski”, das findet der durch­schnitt­li­che Intellektuellen-Linke pein­lich — aber es trägt mehr zur Integration bei als zig Wohlfühlveranstaltungen mit Betroffenheitsromantik.

Dass die schwarz-rot-goldene Flagge für einen Khedira und einen Neuer, einen Gómez und einen Özil geschwun­gen wird, daran muss sich die deut­sche Linke gewöh­nen. Je schnel­ler sie sich daran gewöhnt, desto besser. Sonst heißt es irgend­wann völlig zu recht: Integration meint die deut­sche Linke nicht ernst, sondern es ist nur ein Lippenbekenntnis. Wer nicht in der Lage ist, für diesen deut­schen WM-Kader zu jubeln und sich mit diesen Jungs zu freuen, der sollte sich wirk­lich Gedanken machen, was es heißt, Einwanderungsland zu sein. Deutschland als Ganzes hat noch nicht wirk­lich begrif­fen, was es heißt, Einwanderungsland zu sein. Ich hoffe, die deut­sche Linke begreift es irgend­wann. Sich am deut­schen Fußball zu orien­tie­ren wäre kein Fehler.

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

12 Gedanken zu „Der deutsche WM-Kader. Oder: ist es gefährlich, für Deutschland zu jubeln?“

  1. Ich finde nicht, dass Integration etwas mit Fahnewedeln zu tun hat oder sich daran ablesen lässt. Mit dem Zelebrieren der eigenen Nation ist man IMMER einen Schritt näher am Abwerten anderer Nation. Das ist inzwi­schen sozio­lo­gisch viel­fach bestä­tigt. Ja ich weiß, das ist ja alles nur ein Spiel, die letzte WM war doch ganz unver­krampft usw…
    Ich finde das beim Fussball auch nicht allzu schlimm, aber mich nervt es enorm, wenn damit gleich wieder „Zeichen eines neuen, jungen Deutschlands” usw. erkannt werden. Und wenn dann Fans selbst sowas über­hö­hen, wird es wirk­lich ärger­lich.

    1. Also ich finde das Fahnenschwenken total bescheu­ert, weil sich in meiner Stadt ständig Nazis dazwi­schen­stel­len und Deutschlandlieder grölen und das niemand verstö­rend findet. Der Kader ist zwar unter­schied­li­cher Herkunft, aber was beweist das schon?

      1. Nazis jubeln für Podolski, Boateng und Özil, und Du findest das nicht lustig? Tja, selber schuld.

        1. Nazis stellen sich auch mit schwarz-roten Fahnen in unsern Block. Das find ich auch nicht lusitg. Vielleicht sollte nicht die deut­sche Linke erken­nen, dass Fahnenschwenken inte­gra­ti­ons­för­dernd ist, sondern die deut­schen Bürgerlichen sollten begrei­fen, dass der deut­sche Faschismus sich ändert.

  2. „Der deut­sche WM-Kader. Oder: ist es gefähr­lich, für Deutschland zu jubeln?”

    Kurz gesagt: Ja. Liegt aber eher an der Qualität der Spieler, nicht derem ethni­schen Hintergrund ;)
    Übrigens: Peinlich wird das ganze immer erst dann, wenn Politiker auf den Zug aufsprin­gen… bei der letzten WM kam man ja aus dem Fremdschämen nicht mehr raus, hoffent­lich war das ne Ausnahme (da im eigenen Land).

    1. Die bishe­ri­gen Spiele waren nicht gerade toll. Wenn alle Favoriten so schlecht sind wie England, dann wird Deutschland locker Weltmeister.

  3. Ok Christian, wollte ich nach dem Israel-Artikel doch noch mal klar­stel­len: Kein Anti-Deutscher ;)!

  4. Auch wenn Du das nicht so gemeint hast: das ist eine deut­sche Mannschaft. Warum sollte ich da nach geburts­ort, Hautfarbe, Originalkultur, was auch immer unter­schei­den.
    Ist der Begriff „Multi-Kulti-Mannschaft” nicht eigent­lich schon wieder eine Unterscheidung, die gar nicht getrof­fen werden sollte?

    Oder meinst Du die verschie­de­nen Kulturen von München, Köln, Berlin, etc.

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