Rot-Grün nominiert Joachim Gauck. „Wir träumten vom Paradies und wachten auf in Nordrhein-Westfalen.“

Da hat uns die CDU mal wieder schön veralbert: nicht Ursula von der Leyen, sondern Christian Wulff, Träger des BigBrotherAward 2005, soll neuer Bundeshorst bzw. Bundeswulff werden. Zumindest dann, wenn es nach Merkel und Westerwelle geht. Die CDU, eine 27-Prozent-Partei, wäre dann in der vorzüglichen Lage, alle wichtigen Staatsämter zu besetzen: Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundestagspräsident. Warum CSU und FDP das mit sich machen lassen, ist mir nicht so ganz klar, aber nunja – die werden schon wissen, was sie tun (oder auch nicht). Blogger-Genosse Kluge nennt Christian Wulff den „Mann ohne Eigenschaften mit der leisen beschwichtigenden Stimme“; gefällt mir sehr gut. Besser als die Bundesuschi wäre der Bundeswulff natürlich, klar – aber gut? Ich wäre bestenfalls desinteressiert. Ein langweiliger Mann, der bundesweit nur dann in die Schlagzeilen kommt, wenn er First-Class-Flugtickets abzockt – eins, zwei, Einheitsbrei. Ist es Fisch, ist es Fleisch? Nein, es ist Bundeswulff! (Warum Wulff übrigens seine aktive politische Karriere mit 50 Jahren beendet, ist mir nicht klar. Er hätte noch Kanzler werden können. Das ist jetzt vorbei.)

Hingegen der rot-grüne Kandidat, Joachim Gauck. Eine echte Persönlichkeit. Pfarrer, ehemaliger Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie. Erklärter Antikommunist. Damit für die Linkspartei anscheinend unwählbar. Eigentlich unglaublich. Eigentlich. Der konservativ-liberale Blogger-Kollege Zettel schrieb am 1. Juni: „Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist es an der Zeit, daß ein Ostdeutscher Bundespräsident wird. Das wäre ein würdiger Abschluß des Prozesses der Vereinigung Deutschlands. Gauck zu wählen wäre auch das Signal, daß nicht die Kommunisten und ihre Freunde für die Menschen im östlichen Teil Deutschlands sprechen, sondern Demokraten wie Gauck.“

Mit Gauck erhielte das Amt Würde zurück, nachdem es durch die Fahnenflucht Köhlers erheblich beschädigt wurde. Er könnte Impulse geben, die über das übliche Kleinklein hinausgingen. Was wäre es für ein großartiges Signal, wenn die Parteien sich gemeinsam auf einen überparteilichen Kandidaten einigen könnten! Stattdessen mutiert das Amt endgültig zur Verhandlungsmasse, zum parteipolitischen Spielball von Mutti Merkel. Und die Linkspartei macht sich komplett lächerlich, indem sie einen eigenen Kandidaten aufstellt. Julia Seeliger konstatiert zurecht: „Mit DDR-Nostalgikern, Unrechtsrelativisten und Verschwörungstheoretikern lässt sich kein Staat machen. Wenn es 2013 eine rot-grün-rote Bundesregierung geben soll, dann muss die Linke irgendwann mal springen. Jetzt wäre die Gelegenheit hierzu.“

Die FDP, es wurde schon verschiedentlich festgestellt, findet nicht mehr statt. Warum das FDP-Präsidium entschieden hat, Merkel einen Blankoscheck mitzugeben, wird Historikern in 30 Jahren ein Rätsel sein. Joachim Gauck ist übrigens Träger des Thomas-Dehler-Preises 2008, der von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit verliehen wird. Auch deshalb ist es so fatal, dass die FDP-Führung in bester Nibelungentreue Christian Wulff mitwählen will. Wenn die FDP wieder mehr sein will als CDU-Wurmfortsatz, wenn ihr das Dasein als wirtschaftsliberaler CDU-Flügel nicht genug ist, dann muss die FDP jetzt reagieren:

Die FDP sollte den Mumm haben, den ausgezeichneten Joachim Gauck, der ein weit besserer Bundespräsident wäre als Christian Wulff, mitzuwählen. Oder es mindestens ohne Festlegung durch die Parteispitze ihren Vertretern in der Bundesversammlung überlassen, wen sie wählen.

Bild: Tohma (CC-BY-SA 3.0)
Zitat: Joachim Gauck

Autor: Christian Soeder

Christian Soeder ist Herausgeber von ROTSTEHTUNSGUT und besonders an netzpolitischen Zusammenhängen interessiert.

27 Gedanken zu „Rot-Grün nominiert Joachim Gauck. „Wir träumten vom Paradies und wachten auf in Nordrhein-Westfalen.““

  1. Ja, würde ich sehr geil finden, wenn die FDP geschlossen Gauck wählt. Wenn dann 2013 das rot-rot-grüne Projekt umgesetzt wird, könnte der Bundespräsident mal wirklich eine interessante Rolle erhalten. Aber natürlich wissen Rote und Grüne ganz genau, dass ihr Kandidat keine Chance hat. Sonst hätten sie ohnehin jemand anderes ausgewählt.

    1. „Aber natürlich wissen Rote und Grüne ganz genau, dass ihr Kandidat keine Chance hat. Sonst hätten sie ohnehin jemand anderes ausgewählt.“

      Steile These. Rot-Grün hat sogar versucht, den Kandidaten zusammen mit Angela Merkel zu präsentieren. Leider ist das an den „bürgerlichen“ gescheitert, die keinen verdienten Kämpfer wie Gauck haben wollen sondern die Bundespräsidentenwahl lieber nutzen um unionsinterne Probleme zu entsorgen.

      1. Ach bitte. Als würde jemals irgendeine Regierung den Kandidaten der Opposition unterstützen, egal wer da aufgeboten wird. Rotgrün hätte Gauck nicht aufgestellt, wenn er eine Chance hätte, davon bin ich überzeugt. Denn damit würde sie sich die Option eines Bündnisses mit der SED natürlich erstmal verbauen – wollen sie nicht, haben wir in NRW gerade erlebt.

        1. In NRW wurden die Gespräche von SPD und Grünen beendet.

          Letztendlich ist das alles Spekulation und es ist eine gute Sache, dass die Bundesversammlung eine echte Wahl hat.

    2. @Christian:
      interessant mal wieder die politische Apartheit in diesem Artikel- die Linkspartei wird negativ konnotiert, wo es nur geht und darf keinen eigenen Kandidaten aufstellen- die FDP soll jedoch genau dies tun.
      Christian, wenn die Linke einen echten Anti-Kommunisten wählen wollen würde, könnte sie doch den Wu(l)ff oder den NPD-Kandidaten wählen.
      Ich würde weder G. noch W. wählen, deren jeweilige pastorale Ader gingen mir schon lange adS. Ihr SPDler- und die Grünen teilweise auch- hört doch die Einschläge nicht- einerseits gegen „Neoliberalismus“ sein, andererseits das einzige realistische Bündnis, das Euch zwei nicht der Lächerlichkeit preis gibt, stets ank*cken. Ist doch absurd.

      @Jan: SED war mal. Laß‘ doch den Quark. Oder soll ich mal wieder die Links u. a. darüber posten, wieviele SS-Männer und Hitler’s Henker die FDP mit Kußhand nach ’45 aufgenommen hat?

      @both:
      Ihr seid echt langweilig.

        1. @Christian:
          Du darfst mich noch anreden, wenn Du magst ;-)
          Soviel Zeit sollte sein.
          Habe ich irgendetwas von „Kommunismus“ geschrieben?
          Gewöhne Dir bitte die Pawlowschen Reflexe ab- die Leute draußen, die stinknormalen Malocher und Erwerbslosen, die alleinerziehenden Muttis mit 400-Putzjob, die verstehen Euren „rot“-grünen Eiertanz um „SEDSEDSED“ sowieso nicht, weil sie die Linke eben anders wahr nehmen als Du z. B. es anscheinend tust. Für Dich bin ich anscheinend ein Mauerschütze, nur weil ich an der DDR nicht nur Negatives erblicke. Ampel-Träume werden Euch so gut tun ;-) Projekt 18 für die SPD- und die Grünen- die profitieren bisher.

          1. Warum will die Linkspartei Deiner Meinung nach Gauck nicht wählen? Wegen seiner „pastoralen Ader“? Ahja. :)

          2. Mich auch. Erklärt es mir doch mal: Was ist für einen wahrhaften, echten Linken von heute so schlimm an einem STASI-Aufklärer? Sollte er die Aufklärung menschenverachtender Verbrechen nicht gutheißen?

      1. Ach weißt du, selbst wenn wir den linkesten möglichen Kandidaten nominiert hätten, hätte Ernst oder Gysi oder Lötzsch oder alle, trotzdem mit einem süffisanten Grinsen behauptet, der Kandidat sei viel zu neoliberal etc. Wo sonst die Linke was zu lachen hätte, lachen jetzt halt Grüne und SPD.
        Wenn SPD und Grüne einen Bürgerrechtler aus dem Osten nominieren, ist das natürlich der maximale Affront gegen die Linke.

        1. Nö. Glaube ich nicht. Die Linke hatte sich auch bereit erklärt, Gesine Schwan unter Umständen zu wählen, und die ist wohl alles andere als eine linke.

          1. Wäre schön, wenn ihr mal „die Kirche im Dorf lassen“ würdet-wie Kalle schon schrieb, nach dem 1. Wahlgang wird eh neu gemischt. Politik ist nun mal keine Einbahnstrasse, es sei denn, „man“ befindet sich in einem totalitären System. Und das will doch keine/r, oder?

  2. Horst Köhler hat sein Amt niedergelegt. Rot-Grün nominiert Joachim Gauck. Warum ist Köhler nochmal zurückgetreten? Wir erinnern uns: Er gab eine falsche Antwort in einem Interview, denn statt auf dem Bedarf an humanitärer und emanzipatorischer Hilfe in Afghanistan zu beharren, sprach er vielleicht ein wenig blauäugig aus, was er erlebt hatte: Deutschland führt Krieg aus wirtschaftlichen Interessen. Die regierenden und oppositionellen Bellizisten drängten ihn dazu zu dementieren, aber die kritische Netzöffentlichkeit hat den Hegemonialkampf gegen die rechtlichen Medien gewonnen. Nun wurde Joachim Gauck, ein gefeierter Antikommunist, nominiert. Aber warum gerade diese Persönlichkeit? Vielleicht um sich von der Linken abzugrenzen, sich zu profilieren und gleichzeitig das FDP-Unionsölager zu spalten, denn Joachim Gauck hat enge Kontakte zur Friedrich-Naumann-Stiftung, dieselbe, die in Honduras einen Putsch von deutschen Steuergeldern finanzierten. Statt also einem Berichterstatter der Kriege um den Markt der Armen soll der neue Präsident ein Akteur eben dieser sein. So hätte es jedenfalls unsere Friedenspartei gerne. Joachim Gauck, der sich sehr für die Aufklärung realsozialistischer Verbrechen einsetzte, unterschrieb auch die „Erklärung über die Verbrechen des Kommunismus“ in Prag. Diese Erklärung wird getragen von Vebänden ehemals realsozialistischer Staaten, die sich als Ziel gesetzt haben, die Täter der Regime, unter denen sie litten, zu verfolgen ähnlich wie die faschistischen Täter verfolgt wurden und ziehen damit direkten den Vergleich zwischen den Opfern sämtlicher sozialistischer Umstürze, Kriege und Verfolgungen (angeblich 100 Millionen) und den Opfern des Holocaust. Es braucht wohl nicht viel, um hier auch eine Verknüpfung mit osteuropäischen rechtsextremen Gruppen zu sehen, da die Argumentationsgrundlagen sich gleichen.

    1. > Friedrich-Naumann-Stiftung, dieselbe, die in Honduras einen Putsch
      > von deutschen Steuergeldern finanzierten.

      so ein Unfug!

      > Es braucht wohl nicht viel, um hier auch eine Verknüpfung mit
      > osteuropäischen rechtsextremen Gruppen zu sehen, da die
      > Argumentationsgrundlagen sich gleichen.

      na wenn sich die Argumentationsgrundlagen gleichen ist das ja wohl jetzt hiermit bewiesene Sache ^^

    2. „Lasse“ schreibt natürlich Unfug. Ich lasse es aber stehen, unsere Leser sind so clever, Unsinn als Unsinn zu erkennen.

      1. Vor allem den Unfug, Deutschland würde in Afghanistan wirtschaftliche Interessen verfolgen. Lasse, welche könnten das denn sein, wenn man mal vom Mohnanbau absieht? Oder ist mir die ungeheure Bedeutung von Afghanistan als Rohstofflieferant und Absatzmarkt etwa entgangen?
        Dass der Einsatz zur Piratenbekäpfung am Horn von Afrika gerade den Interessen des freien Handels dient, ist ja klar. Oder soll die Bekämpfung von Kriminellen etwas Schlechtes sein, nur weil es um das schnöde Geld geht?

        1. @Bastian:
          damit läßt sich alles Mögliche begründen. Irgendwer ist immer kriminell, begeht Straftaten gegen Deutsche oder NATO/EU-Staatsangehörige.

          Wirtschaftliches Interesse- das bemerkst Du ja immerhin bzgl. der Mission vor den ostafrikanischen Küsten- besteht nicht nur aus „Produktion“ – aber nur den kleinen gedanklichen Schritt, dass Obiges bedenkenswert ist, traust Du Dich nicht- lieber kommt krasse Abwehr- „alles Unsinn“- ja, Galileo ging es vorm vatikanischen Konzil ebenso.

          Ginge es bei dieser Geisteshaltung um die DDR, wäre Dein Urteil klar- einfach verblendet und „ewig gestrig“- typisch Betonkopf.

          Warum ist- bei Deiner Ansicht- der Bundes-Horst eigentlich zurückgetreten- weil er die Wahrheit gesagt hat?

          1. Ich möchte nochmal zu meinem „Unfug“ etwas beitragen. Und zwar zitiere ich erstmal nur den Titel des 23. Berichtes der FNF „Tschechien: Deutliche Mehrheit für Mitte-Rechts-Parteien – Eine Chance für die Liberalen?“. Eine dieser Parteien, die von der Stiftung beraten und mitfinanziertm wird ist die KDU-ČSL, die mehrfach wegen antiziganistischen Aktionen und verbalen Ausfällen bekannt geworden ist. Diese rechtspopulistischen Parteien ebnen den Weg für die rechtsextreme Szene, wer mal zur richtigen Zeit in Dresden war, weiß was ich meine.

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