Tschüß, Bundeshorst!

Bundespräsident Horst Köhler ist zurück­ge­tre­ten, mancher sagt er habe den „Lafontaine” gemacht. Innerhalb von 30 Tagen muss ein neues Staatsoberhaupt gewählt werden. Das Rauschen im Blätterwald ist jetzt schon gewal­tig. Wie geht es jetzt weiter und wie konnte es so weit kommen?

Plötzlich ging alles ganz schnell und man musste schon mehr­fach hinse­hen, um zu verste­hen was da gesche­hen war. Von jetzt auf gleich und völlig unver­mit­telt war Horst Köhler gestern zurück­ge­tre­ten. In seiner Erklärung machte er einen verär­ger­ten Eindruck. Gerade so, als sei jedes Wort, das er sagt, schon zu viel. Ganz offen­sicht­lich hat da jemand den Rücktritt ange­tre­ten, der keinen Bock mehr hatte.

Über die Gründe für diese Verweigerungshaltung wurde bereits gestern breit disku­tiert. Eine Runde von promi­nen­ten Journalisten über­schlug sich gestern Abend in der Sendung „Beckmann” in Erklärungsversuchen. Mal war er zu feige, mal das Verhältnis zur Regierung zerrüt­tet. Dann war die Hauptstadt Journalie Schuld an seinem Rücktritt. Fakt ist: Wir wissen es nicht. Köhler führte zwar die Misverständlichkeit seiner Äußerungen bei Deutschlandradio Kultur an, aber das kann aller­höchs­tens ein Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn dieser Satz Köhlers war weder sonder­lich orig­nell, noch beson­ders weit von den Tatsachen entfernt. Oder glaubt jemand, dass wir in Afghanistan aus Altruismus sind oder Priaten aus Spaß verscheu­chen? Nein, Köhler hat den Nagel schon ziem­lich auf den Kopf getrof­fen, auch wenn die Worte wohl die Falschen waren. Nur scheint die Offensichtlichmachung unseres verfas­sungs­wid­ri­gen Handelns in Afghanistan doch zu viel gewesen sein für die Berliner Politik und Medien. Schade, dabei hätte Köhlers Äußerung ein weite­rer Aufhänger für eine Diskussion über unser frag­wür­di­ges Tun in Afghanistan sein können.

Das Presseecho und auch das, was im Vorhinein lief, mag für ihn schwer zu ertra­gen gewesen sein. Unfair und unge­recht­fer­tigt war es allemal. Köhler hat in seiner Amtszeit weder beson­ders viel falsch gemacht, noch ist er hinter seinen Möglichkeiten geblie­ben. Im Gegenteil über­raschte er als ehema­li­ger IWF Präsident durch­aus mit seinen harschen Worten zur Finanzkrise. Sein Engagement für Afrika war vorbild­lich und er hat die Republik gut vertre­ten. Offensichtlich scheint manchen Journalisten aber die rela­tive Unwichtigkeit des Bundespräsidenten im Gefüge unserer Verfassung entgan­gen zu sein. Viele luden wohl die Untätigkeit der Regierung bei ihm ab. Man erwar­tete wohl ein Machtwort von ihm, wenn schon die Bundeskanzlerin sich nicht dazu durch­rin­gen konnte. Aber kurz und knapp: Das ist nicht seine Aufgabe. Er hat nicht die Regierung zum Jagen zu tragen.

Mir fehlt im Übrigen jeder­lei Verständnis für dieje­ni­gen Journalisten, die nun fragen, ob Köhler geschei­tert sei. Und mich nerven dieje­ni­gen, die mit ihrem Geschrei erst seinen Rücktritt herbei­ge­sehnt haben und nun Krokodilstränen über den Vertrauensverlust in die Politik vergie­ßen, dem dieser Schritt Köhlers angeb­lich Vorschub leistet. Man scheint ihm aber in Journalistenkreisen nicht verzie­hen zu haben, dass er oft mehr Mensch mit Fehlern und kein Politprofi war. Wohl aber gerade deshalb stellt sich heraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung Horst Köhler sehr geschätzt und als inte­ge­ren Menschen wahr­ge­nom­men hat und darüber hinaus seine Entscheidung sogar nach­voll­zie­hen kann. Diese Tatsache ist wohl eher als Denkzettel an die Medien und die Politik zu verste­hen.

Darüber hinaus zeigt sich in diesem Moment auch wieder das Merkelsche Führungsschema: Führen durch Nichtstun. Freundlicherere Geister würden es Zurückhaltung und Moderation nennen. Für solche Euphemismen ist jetzt aber langsam kein Platz mehr. Der Abgang Roland Kochs, Horst Köhlers und das desas­tröse Wahlergebnis in NRW sind auch Symptome für Merkels Untätigkeit. Darüber hinaus hat diese Regierung immer noch nicht den rich­ti­gen Umgang mit der Krise gefun­den und muss von der Opposition getrie­ben werden. Sparanstrenungen sind jetzt ange­kün­digt, aber hier wird wohl, wenn Merkels formi­da­bler Führungsstil durch­schlägt, auch der Weg des gerings­ten Widerstands gegan­gen. Am Ende werden Kürzungen im Sozialbereich und die Erhöhung der Mehrwertsteuer stehen.

Zu Horst Köhler bleibt in meinen Augen nur zu sagen: Er war schein­bar ein inte­ge­rer Mann, der sich selbst treu geblie­ben ist und sich viel­leicht am Ende einfach zu schade war den Berliner Politik- und Medienbetrieb mit seiner abgrund­tie­fen Doppelmoral noch mitzu­ma­chen. Ich sehe hier kein Scheitern, viel­leicht ein Weglaufen; aller­dings mit einer richtig schönen Punk-Attitüde nach dem Motto: „Macht euren Scheiß doch alleine!” Irgendwie gefällt mir das.

6 Gedanken zu „Tschüß, Bundeshorst!“

  1. Nicht ganz die Art von Kommentar die ich in einem „Roten Blog” ;-) erwar­te­tet hätte.
    Auf alle lässt der Umgang mit dem „Bundeshorst” böses für den Stil erwar­ten den der nächste Bundespräsident erwar­tet.
    NaJa, in den nächs­ten 30 Tagen hat man ja viel Zeit, sich für die aussichts­reichs­ten Kandidaten ähnlich nette Spitznamen einfal­len zu lassen.

  2. Die SPD sollte Heiner Geißler als Gegenkandidaten zu dem Kandidaten von Schwarz-Gelb aufstel­len. Das wäre saucool. Ich glaube, der hätte nicht nur eine reelle Chance, gewählt zu werden, sondern wäre selbst dann eine Niederlage für die Union, wenn er die Wahl verlöre. Aber wahr­schein­lich ist er der SPD zu links.

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