Tschüß, Bundeshorst!

1. Juni 2010
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Bundespräsident Horst Köhler ist zurückgetreten, mancher sagt er habe den „Lafontaine” gemacht. Innerhalb von 30 Tagen muss ein neues Staatsoberhaupt gewählt werden. Das Rauschen im Blätterwald ist jetzt schon gewaltig. Wie geht es jetzt weiter und wie konnte es so weit kommen?

Plötzlich ging alles ganz schnell und man musste schon mehrfach hinsehen, um zu verstehen was da geschehen war. Von jetzt auf gleich und völlig unvermittelt war Horst Köhler gestern zurückgetreten. In seiner Erklärung machte er einen verärgerten Eindruck. Gerade so, als sei jedes Wort, das er sagt, schon zu viel. Ganz offensichtlich hat da jemand den Rücktritt angetreten, der keinen Bock mehr hatte.

Über die Gründe für diese Verweigerungshaltung wurde bereits gestern breit diskutiert. Eine Runde von prominenten Journalisten überschlug sich gestern Abend in der Sendung „Beckmann” in Erklärungsversuchen. Mal war er zu feige, mal das Verhältnis zur Regierung zerrüttet. Dann war die Hauptstadt Journalie Schuld an seinem Rücktritt. Fakt ist: Wir wissen es nicht. Köhler führte zwar die Misverständlichkeit seiner Äußerungen bei Deutschlandradio Kultur an, aber das kann allerhöchstens ein Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn dieser Satz Köhlers war weder sonderlich orignell, noch besonders weit von den Tatsachen entfernt. Oder glaubt jemand, dass wir in Afghanistan aus Altruismus sind oder Priaten aus Spaß verscheuchen? Nein, Köhler hat den Nagel schon ziemlich auf den Kopf getroffen, auch wenn die Worte wohl die Falschen waren. Nur scheint die Offensichtlichmachung unseres verfassungswidrigen Handelns in Afghanistan doch zu viel gewesen sein für die Berliner Politik und Medien. Schade, dabei hätte Köhlers Äußerung ein weiterer Aufhänger für eine Diskussion über unser fragwürdiges Tun in Afghanistan sein können.

Das Presseecho und auch das, was im Vorhinein lief, mag für ihn schwer zu ertragen gewesen sein. Unfair und ungerechtfertigt war es allemal. Köhler hat in seiner Amtszeit weder besonders viel falsch gemacht, noch ist er hinter seinen Möglichkeiten geblieben. Im Gegenteil überraschte er als ehemaliger IWF Präsident durchaus mit seinen harschen Worten zur Finanzkrise. Sein Engagement für Afrika war vorbildlich und er hat die Republik gut vertreten. Offensichtlich scheint manchen Journalisten aber die relative Unwichtigkeit des Bundespräsidenten im Gefüge unserer Verfassung entgangen zu sein. Viele luden wohl die Untätigkeit der Regierung bei ihm ab. Man erwartete wohl ein Machtwort von ihm, wenn schon die Bundeskanzlerin sich nicht dazu durchringen konnte. Aber kurz und knapp: Das ist nicht seine Aufgabe. Er hat nicht die Regierung zum Jagen zu tragen.

Mir fehlt im Übrigen jederlei Verständnis für diejenigen Journalisten, die nun fragen, ob Köhler gescheitert sei. Und mich nerven diejenigen, die mit ihrem Geschrei erst seinen Rücktritt herbeigesehnt haben und nun Krokodilstränen über den Vertrauensverlust in die Politik vergießen, dem dieser Schritt Köhlers angeblich Vorschub leistet. Man scheint ihm aber in Journalistenkreisen nicht verziehen zu haben, dass er oft mehr Mensch mit Fehlern und kein Politprofi war. Wohl aber gerade deshalb stellt sich heraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung Horst Köhler sehr geschätzt und als integeren Menschen wahrgenommen hat und darüber hinaus seine Entscheidung sogar nachvollziehen kann. Diese Tatsache ist wohl eher als Denkzettel an die Medien und die Politik zu verstehen.

Darüber hinaus zeigt sich in diesem Moment auch wieder das Merkelsche Führungsschema: Führen durch Nichtstun. Freundlicherere Geister würden es Zurückhaltung und Moderation nennen. Für solche Euphemismen ist jetzt aber langsam kein Platz mehr. Der Abgang Roland Kochs, Horst Köhlers und das desaströse Wahlergebnis in NRW sind auch Symptome für Merkels Untätigkeit. Darüber hinaus hat diese Regierung immer noch nicht den richtigen Umgang mit der Krise gefunden und muss von der Opposition getrieben werden. Sparanstrenungen sind jetzt angekündigt, aber hier wird wohl, wenn Merkels formidabler Führungsstil durchschlägt, auch der Weg des geringsten Widerstands gegangen. Am Ende werden Kürzungen im Sozialbereich und die Erhöhung der Mehrwertsteuer stehen.

Zu Horst Köhler bleibt in meinen Augen nur zu sagen: Er war scheinbar ein integerer Mann, der sich selbst treu geblieben ist und sich vielleicht am Ende einfach zu schade war den Berliner Politik– und Medienbetrieb mit seiner abgrundtiefen Doppelmoral noch mitzumachen. Ich sehe hier kein Scheitern, vielleicht ein Weglaufen; allerdings mit einer richtig schönen Punk-Attitüde nach dem Motto: „Macht euren Scheiß doch alleine!” Irgendwie gefällt mir das.

6 Responses to Tschüß, Bundeshorst!

  1. Alrik on 1. Juni 2010 at 22:42

    Nicht ganz die Art von Kommentar die ich in einem „Roten Blog” ;-) erwartetet hätte.
    Auf alle lässt der Umgang mit dem „Bundeshorst” böses für den Stil erwarten den der nächste Bundespräsident erwartet.
    NaJa, in den nächsten 30 Tagen hat man ja viel Zeit, sich für die aussichtsreichsten Kandidaten ähnlich nette Spitznamen einfallen zu lassen.

    • Rayson on 1. Juni 2010 at 23:40

      Du Horst” gab es halt schon, als Köhler ins Amt kam. Detlefs würden es wohl ähnlich schwer haben.

  2. Leopold Bechtler on 2. Juni 2010 at 10:41

    Die SPD sollte Heiner Geißler als Gegenkandidaten zu dem Kandidaten von Schwarz-Gelb aufstellen. Das wäre saucool. Ich glaube, der hätte nicht nur eine reelle Chance, gewählt zu werden, sondern wäre selbst dann eine Niederlage für die Union, wenn er die Wahl verlöre. Aber wahrscheinlich ist er der SPD zu links.

    • Klaus-Henning Kluge on 2. Juni 2010 at 10:46

      Ich muss sagen, dass das die erste interessante Lösung ist, die ich höre :-)

  3. […] nicht Ursula von der Leyen, sondern Christian Wulff, Träger des BigBrotherAward 2005, soll neuer Bundeshorst bzw. Bundeswulff werden. Zumindest dann, wenn es nach Merkel und Westerwelle geht. Die CDU, eine […]

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